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Leseprobe 2 DOI: 10.14623/con.2020.5.500-508
Markus Schiefer Ferrari
Gestörte Lektüre: Dis/abilitykritische Interpretationszugänge zu biblischen Heilungsnarrativen am Beispiel von Mk 7,31–37
Die Lektüre neutestamentlicher Heilungswunder fordert heraus und irritiert zugleich, weil damit nicht nur Fragen nach dem eigenen Möglichkeits- und Realitätssinn verbunden sind, sondern vor allem auch solche nach Normalitätsvorstellungen und Hoffnungsbildern für sich und andere. Wie das folgende Beispiel der Heilung eines Tauben, der nur mit Mühe sprechen kann, in Mk 7,31–37 zeigt, verschieben sich bei der Deutung neutestamentlicher Heilungserzählungen je nach hermeneutischer Perspektive die Akzente teilweise erheblich, insbesondere dann, wenn man im Sinne einer dis/abilitykritischen Hermeneutik bei der Verletzlichkeit und Zerbrechlichkeit des Menschen ansetzt und sie mit den Perfektibilitätsvisionen der Heilungsnarrative konfrontiert. Eröffnet die Erzählung in Mk 7 einerseits Zuversicht auf Heilung und – in Anlehnung an Jes 35,5 f. – Visionen einer heilen Zukunft, in der »die Tauben hören und die Stummen sprechen« (Mk 7,37) werden, erscheinen solche Hoffnungsbilder aus einem heutigen inklusiven Anspruch heraus andererseits geradezu exklusiv. So betont beispielsweise die Rabbinerin und Professorin für Religionswissenschaft und Jüdische Studien an der Georgetown Universität in Washington, Julia Watts Belser, selbst Rollstuhlfahrerin, sehr nachdrücklich, dass sie an »Jesajas Vision einer erneuerten Welt« etwa das Ende der Armut sehr schätze, aber »die Art und Weise, wie er sich über Behinderungen äußer[e]«, kritisiere. Jes 35 stelle »uns vor die Frage, wie wir den Platz unseres Körpers in der kommenden, der zukünftigen Welt verstehen« würden und ob »es einen Platz für Behinderung in unserer Hoffnung für die Zukunft« gebe. Wenn es einen Himmel gäbe, würde es sie »sehr enttäuschen, wenn der Himmel nicht barrierefrei wäre.« Behinderung sei für sie »keine Krankheit, kein Leiden, kein Übel«, sondern sei ein Teil ihrer eigenen Identität, ein alltäglicher Aspekt ihres eigenen Lebens: »So wurde ich geschaffen, so kenne ich mein Leben. Es ist mal kompliziert, es ist mal frustrierend, aber es ist auch freudig, einfallsreich und kreativ. Ich kann mir mich selber ohne Behinderung kaum vorstellen. Alles, was ich weiß, weiß ich durch diesen Körper: meine Spiritualität, meine Erkenntnis von Gott, meine politische Sensibilität, meine Freundschaften und Gemeinschaften, meine intellektuelle Arbeit, mein ganzes Selbstverständnis ist mit Behinderung verbunden. Ich lehne es ab, das alles abzuschaffen, als ob es Nichts wäre.«

Eine solchermaßen gestörte, dis/abilitykritische Lektüre biblischer Heilungsnarrative versucht daher, Hoffnungs- und Heilskonzepte in ihrer Rückbindung an unterschiedliche anthropologische Erfahrungskontexte wahrzunehmen und vertraute Interpretationsroutinen zu hinterfragen, ist sich aber gleichzeitig der Fragilität und Begrenztheit des eigenen exegetisch-hermeneutischen Zugangs bewusst.

1. Behinderung neu denken – Hermeneutische Konsequenzen der Disability Studies

Vor der Erläuterung unterschiedlicher, teilweise kontroverser Interpretationsansätze zu Mk 7,31–39 seien wenigstens kurz einige zentrale Überlegungen der sogenannten Dis/ability Studies genannt, die zu einer anderen Perspektive nicht nur auf Behinderung, sondern auch auf ihre literarische Darstellung, etwa im Neuen Testament, führen.

Der in der Regel als selbstverständlich verwendete Behinderungsbegriff ist keineswegs eindeutig, vielmehr handelt es sich um einen dynamischen Begriff, der stark von seinem jeweiligen kulturellen und zeitlichen Kontext abhängt. Die Kategorie Behinderung als Sammelbegriff für verschiedenste körperliche, seelische, geistige oder Sinnesbeeinträchtigungen zu verwenden, ist vermutlich ein Produkt der bürgerlichen Gesellschaft seit der Aufklärung und daher auch nicht ohne Weiteres auf die Antike zu übertragen, die keinen entsprechenden Oberbegriff kennt. Behinderung ist aus Sicht der Dis/ability Studies nicht als eine zu überwindende Erkrankung bzw. Schädigung des Körpers (medizinisches Modell) oder eine nur durch soziale Übereinkünfte und Barrieren verursachte Einschränkung (soziales Modell) zu verstehen, sondern neu zu denken und als ein kontingentes, soziokulturelles bzw. historisches Konstrukt (kulturelles Modell) zu deuten. Deshalb ist beispielsweise auch zu fragen, inwieweit literarische Repräsentationsformen an der Hervorbringung und Verfestigung wissenschaftlicher, kultureller und sozialer Differenzvorstellungen einer Gesellschaft und damit an einer narrativen Konstruktion von Behinderung als negativer Unterscheidungskategorie beteiligt sind, etwa mittels binärer Gegensätze wie normal/ abweichend, behindert/nicht behindert oder betroffen/nicht betroffen. Werden Personen mit Behinderung in ihrer Individualität und mit ihren unterschiedlichen Begabungen als Teil menschlicher Vielfalt dargestellt oder (un)bewusst reduziert auf einige wenige stigmatisierende Differenzmerkmale und funktionalisiert als Kontrastbilder zur vermeintlich wünschenswerten Normalität? Tragen literarische Texte dazu bei, Menschen mit Behinderung Teilhabe an allen Aspekten des Lebens, etwa auch in gemeinsamen Sprachsystemen und Bild(ungs)räumen, zu ermöglichen, oder wirken sie eher kontraproduktiv, indem sie klischeehafte Vorstellungen aus dem kulturellen Gedächtnis aufrufen und weitertradieren? Aus dis/abilitykritischer Perspektive sind – insbesondere angesichts der jahrhundertelangen kulturprägenden Wirkung der Bibel – konsequenterweise auch neutestamentliche Heilungserzählungen daraufhin zu lesen, ob sie narrativ das Konstrukt Behinderung bedienen bzw. ungewollt bedient haben oder umgekehrt durch ihre partizipativen Bilder die Hoffnung auf Teilhabe aller Menschen an allen Lebensbereichen sowohl in der Gegenwart als auch in der Zukunft fördern können.

2. Normalisierungsvorstellungen – medizinisch-anthropologische Perspektive


Der Text lässt zwar keine medizinische Diagnose im eigentlichen Sinne zu, dennoch wird die Erwartung deutlich, dass der Taube, der kaum sprechen kann, geheilt wird und dadurch die in der Mehrheitsgesellschaft als normal vorausgesetzte Kommunikationsfähigkeit erlangt. Auffallend ist der Kontrast zwischen der Passivität des Gehörlosen – die LeserInnen erfahren nichts von einer zustimmenden oder ablehnenden Geste – und der Aktivität derer, die ihn zu Jesus bringen, was zumindest aus heutiger Sicht einen wenig kommunikativen Akt gut gemeinter, aber letztlich paternalistischer Solidarität erahnen lässt. Selbst wenn in V.35 betont wird, dass sich die Ohren des Gehörlosen sogleich öffnen, sich die Fesseln seiner Zunge lösen und er richtig redet, dient dies der Bestätigung seiner Heilung und der Heilungskraft Jesu, nicht aber dazu, den Geheilten nun tatsächlich zu Wort kommen zu lassen und ihn aus seiner Rolle als bloßes, namenloses Demonstrationsobjekt herauszuholen. Umgekehrt wird Jesus, wie bereits erwähnt, aber keineswegs nur als hellenistischer Wundertäter dargestellt, dessen erfolgreiche Heilkunst mit dieser Erzählung unterstrichen werden soll, sondern als sehr menschlich, indem er durch seine Gesten und körperlichen Berührungen eine persönliche Beziehung zu dem Gehörlosen aufbaut. Ob Jesus ihn in seine Gemeinschaft zurückbringt, nachdem er ihn vorher beiseite genommen hat, bleibt allerdings offen. Was heute als wenig inklusiv anmutet, mag sich auch aus dem am Ende der Heilung des Gehörlosen nachdrücklich betonten Geheimhaltungsgebot (V.36) erklären, das dazu dient, Jesus eben nicht als außergewöhnlichen Wundermann – gleichsam in Konkurrenz zu hellenistischen Wunderheilern – misszuverstehen, sondern seine Wunder vom Kreuz und von der Auferstehung her als Ausdruck des anbrechenden Reiches Gottes zu deuten. In VV.36–37 wird allerdings deutlich, dass mit dem Schweigegebot gerade das Gegenteil erreicht wird: Je mehr Jesus es ihnen verbietet, desto mehr verkünden die Menschen das Ereignis und »staunen über alle Maßen«. Vom Geheilten selbst hingegen ist keine Rede, auch nicht davon, dass er, was eigentlich zu erwarten wäre, Gott preist. Dis/abilitykritisch gesehen bleibt er wie zu Beginn der Erzählung auch nach seiner Heilung ein schweigender Statist, der in erster Linie zur narrativen Bestätigung der Dynamis Jesu dient. [...]


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