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Zu diesem Heft DOI: 10.14623/con.2020.5.477-479
Margareta Gruber / Po-Ho Huang / Gianluca Montaldi
Viele Begabungen – eine Kirche für alle
Sobald wir fragen, was eine Behinderung ist, und noch mehr, wenn wir einen behinderten Menschen definieren wollen, tauchen viele Schwierigkeiten auf: Wann wird – unabhängig von der Unterscheidung zwischen körperlichen und geistigen Behinderungen – aus einer Beeinträchtigung oder Funktionsstörung eine Behinderung, die die Existenz einer Person charakterisiert? Ist eine (fehlende oder mangelhafte) Funktion des Körpers hier ausschlaggebend? Wenn »mein« Körper im Wesentlichen »fertig« ist, was schränkt dann meine Existenz und meinen Körper wirklich ein? Behinderung – wenn wir dieses Wort weiter verwenden wollen – hängt ab von Alter, Situation, Familie und betrifft alle Ebenen der menschlichen Existenz: Körper, Geist, Lernen, Verhalten und – die Religion.

Die Grundlage dieser Überlegungen ist daher die Anthropologie. In der Tat können religiöse Anthropologien die Identität von Menschen aufbauen oder infrage stellen. Aus kritischer theologischer Sicht ist es wichtig, zunächst zu analysieren, wie in der Geschichte des Denkens die Feststellung des Andersseins der »Anderen« zustande kam oder, konkreter, aufgrund welcher Bedingungen Menschen, die nicht assimiliert oder »normalisiert« werden wollen oder können, von der Teilhabe am Gemeinwohl ausgeschlossen wurden und werden. Hierzu finden sich in verschiedenen Religionen unterschiedliche Annahmen. Im Christentum gab und gibt es insbesondere die Vorstellung, dass Krankheiten und Einschränkungen Konsequenzen begangener Sünden seien. Diese und ähnliche Positionen rechtfertigen und formen die vorreligiöse Angst vor der menschlichen Vielfalt: Sie tragen dazu bei, die Gestalten der »Monster«, »Hexen« oder »Unglücklichen« (wörtlich: ohne Glück, ohne Gnade) zu erschaffen, die am besten versteckt oder zum Verschwinden gebracht werden sollten. Vor allem aber laufen manche Spiritualitäten und Theologien in den modernen liberalen und konsumorientierten Gesellschaften Gefahr, das Ideal eines menschlichen Körpers und einer menschlichen Existenz nach dem Leitbild einer (an)ästhetisierenden Perfektion zu bestärken, die nur weiteres Leid schafft.

Hier Abhilfe zu schaffen würde vor allem bedeuten, eine Kirche der Gastfreundschaft aufzubauen. Dazu gehörte, jenen Gehör zu verschaffen, die sich der Normalisierung alles Abweichenden entgegengestellt und damit positive Erfahrungen gemacht haben. Ebenso wichtig ist es aber auch, den Familien und den Menschen, die mit einer dauerhaften Beeinträchtigung leben, eine Stimme zu geben. Allzu oft bestimmen nichtbehinderte Menschen diesen Diskurs. Anderen eine Stimme zu geben könnte deshalb lehrreich sein und ist sicherlich weniger paternalistisch; es könnte der Theologie helfen, ihre Anthropologie und ihre Vision von der Kirche gründlich zu überdenken. Denn Sünde bedeutet schließlich, sich gegen die Tatsache aufzulehnen, dass die Mitte des Gartens von seinen Grenzen aus bestimmt wird (Dietrich Bonhoeffer), dass Vielfalt und Identität zusammen zur menschlichen Reife beitragen, dass der Wert einer Person in ihrer Fähigkeit liegt, die Schwäche unseres Geschaffenseins zu teilen, d. h. in der empfangenen Gnade. De facto denken wir, wenn wir über verschiedene Fähigkeiten nachdenken, an Fragen der Macht und müssen deshalb nach der Fähigkeit fragen, Menschen zu ermächtigen.

Die Beiträge dieses Hefts lassen sich in vier Teile gruppieren. Der einleitende Teil enthält nur den Text von Hans S. Reinders. Wir hatten ihn gebeten, die Theologie der Behinderung als solche vorzustellen. Sein Beitrag setzt bei den Spannungen an, die die Disability Studies in der Theologie hervorgerufen haben. Der zweite Teil des Heftes bietet eine kritische Lektüre unserer Traditionen: aus der Sicht der Katechese und Erziehung (Veronica A. Donatello), der biblischen Hermeneutik (Markus Schiefer Ferrari), der systematischen Theologie (Luca Badetti) und des Kirchenverständnisses (Po-Ho Huang). Aus der Warte behinderter Menschen auf diese Themenbereiche zu blicken eröffnet neue Möglichkeiten zur Reflexion. Die Idee der Menschheit neu zu denken ist die Aufgabe des dritten Teils. Es geht darum, unsere Vorstellungen zu überprüfen, was es bedeutet, ein Mensch zu sein, und was das Ziel seines Lebens ist (Bernhard Nitsche). So kann beispielsweise das Überdenken des karitativen Modells dazu beitragen, den Weg zur Verteidigung der Rechte von Menschen mit Behinderungen zu verbessern, ausgehend von unserer gemeinsamen Würde (Anne Masters) und von unserem Leben in einem gemeinsamen Haus in Solidarität und Mitgefühl (Stephen Arulampalam). Aus diesem Blickwinkel kann die christliche Theologie ein Modell auch von außerhalb ihrer eigenen Tradition anbieten (Naeimeh Pourmohammadi). Der vierte Teil wartet mit einigen Provokationen zur Fortsetzung der theologischen Reflexion auf. Ein kurzer Kommentar zur Arbeit, die in der Zwischenzeit im Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK) geleistet wurde (Samuel George), richtet den Blick auf das, was weltweit bereits geschieht. Zwei Beiträge gehen von der Stellung behinderter Menschen in der Liturgie (Talitha Cooreman-Guittin) und im geistlichen Dienst (Miriam Spies) aus, zwei sensiblen Bereichen, in denen die diversen Reden oft durch die Wirklichkeit widerlegt werden. Unser Thementeil endet mit einem Blick auf die Heterotopie der Orte, an denen sich das gute Gesicht der Solidarität zeigen kann und die uns der Hoffnung auf Heilung unserer Wunden versichert (Martin Lintner).

Während wir über dieses Heft von CONCILIUM nachdachten und es zusammenstellten, haben uns zwei Umstände besonders betroffen gemacht. Der erste betrifft die Nachrichten im Zusammenhang mit dem Missbrauch, den Jean Vanier, der Begründer der weltweiten Arche-Projekte, begangen hat. Obwohl diese Verbrechen von ihm an erwachsenen und nichtbehinderten Frauen begangen wurden, bleibt sein Ansehen dauerhaft beschädigt, und seine Schriften und Gedanken erscheinen in einem sehr hässlichen Licht: Wie diese Ausgabe bezeugt, können wir nicht in wasserdicht voneinander abgetrennten Abteilungen agieren; die Intersektionalität der Probleme zwingt uns vielmehr zu einem kritischen Blick, der sich den veränderten Strukturen stellt. Wir müssen anerkennen, dass die Arche den Mut zu einer unabhängigen und transparenten Untersuchung der Geschehnisse hatte.1

Der zweite Stolperstein war die Pandemie, die die ganze Welt mit großer Härte getroffen und sie als Ganzes erfasst hat. Wir haben uns in unserem Potenzial beeinträchtigt gefühlt, und ein Großteil der Menschheit befindet sich noch immer in dieser Situation. Wir lebten isoliert, von Entscheidungen abgeschnitten, in unseren Bewegungen behindert und in unserer Sicht eingeschränkt. Das normale Leben ist schwierig geworden, oder vielleicht haben wir nur noch deutlicher die Barrieren und Trennungen gesehen, die die sogenannte Normalität zu setzen vermag. Die reiche Welt erlebt in ihrer Selbstbezüglichkeit, dass sich die Gewalt ihrer Gesellschaften gegen sie selbst wendet. Dies relativiert das Thema Behinderung keineswegs, sondern bekräftigt vielmehr, dass sich auch darin die Gewalt der modernen Gesellschaft ausdrückt: Der Ausnahmezustand (Giorgio Agamben) hat seine globalisierende Kraft offenbart. Die Kirche bleibt davon nicht unversehrt.

Anmerkung

1 Vgl. http://www.arche-france.org/larche-annonce-resultats-lenquete-sur-son-fondateur.

Aus dem Englischen übersetzt von Norbert Reck

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