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Leseprobe 3 DOI: 10.14623/con.2020.3.449-458
Asma Afsaruddin
Eine gemeinsame Kultur der Gerechtigkeit und Versöhnung
Die derzeitigen globalen Verhältnisse sehen dunkel und trostlos aus – man denke nur an den Aufstieg der rechten politischen Gruppierungen, den Zuwachs an religiöser Bigotterie und an gewalttätigem Extremismus in vielen Teilen der Welt, an das Voranschreiten des Klimawandels und der Umweltzerstörung oder an die Auflösung ziviler Umgangsformen. Das reicht fast schon aus, den Glauben an die Menschheit zu verlieren. Zu diesem Schluss muss man unausweichlich gelangen, wenn man sich ausschließlich an die Massenmedien und deren Darstellung der aktuellen Geschehnisse hält. Was aber angesichts dieser meist sensationalistischen Darstellungen der Ereignisse oft übersehen wird, sind die beharrlichen Bemühungen vieler Menschen guten Willens, die die dominanten Narrative infrage stellen und am Aufbau eines entgegengesetzten Paradigmas der Versöhnung und des Optimismus mitwirken. Viele von ihnen beziehen ihre Inspiration aus den tiefen Vorräten ihrer religiösen Traditionen.

Im Folgenden konzentriere ich mich auf aktuelle muslimische Initiativen, die sich darum bemühen, friedvolle Beziehungen in einer zerrissenen Welt zu gestalten und zu fördern. Sie machen es möglich, uns eine andere und hoffnungsvollere Zukunft für die Menschheit vorzustellen, insbesondere, was die muslimisch-christlichen Beziehungen angeht. Diese Initiativen lassen sich drei hauptsächlichen Rubriken zuordnen: Gerechtigkeit, koranische Hermeneutik und interreligiöser Aktivismus.

I. Gerechtigkeit, Gerechtigkeit, Gerechtigkeit!

Wenn es eine Kardinaltugend gibt, für die Muslime bedingungslos eintreten und an der sie festhalten, dann ist das Gerechtigkeit. Die Bedeutung der Gerechtigkeit ist fest verankert im Koran und im Hadith, den beiden Hauptquellen der islamischen Ethik, der Moral und des Rechts. Von Muslimen wird erwartet, dass sie sich auferlegen, was gut ist, und unterbinden, was falsch ist. Deshalb rufen ihre grundlegenden religiösen Texte sie dazu auf, sich immer sozial und für die Gemeinschaft zu engagieren, denn diese Anstrengung – auf Arabisch djihad –, gegen Übeltaten zu kämpfen und Gerechtigkeit in all ihren Formen in dieser Welt zu verwirklichen, ist eine fundamentale religiöse Pflicht.

Im Koran ist diese Pflicht darüber hinaus aufs engste verbunden mit der Vorstellung einer maßvollen und »ausgewogenen« Gemeinschaft. In Sure 2,143 wird der arabische Ausdruck umma wasat (wörtlich: »eine Gemeinschaft/Nation der Mitte«) auf die rechtschaffenen Muslime als ein Kollektiv angewandt. Wenn wir uns einen Querschnitt der klassischen muslimischen Auslegungen dieses entscheidenden Ausdrucks anschauen, dann finden wir, dass für die überwältigende Mehrheit der Exegeten das »Maßhalten« in der Bemühung um Gerechtigkeit und in der Vermeidung von Extremen im Tun und im Glauben besteht. So sagen bekannte Koran-Kommentatoren wie Muqatil b. Sulayman (gest. 767), al-Tabari (gest. 923) and al-Razi (gest. 1210), dass Maßhalten (wasat) vor allem das Festhalten an der Gerechtigkeit sowie Besonnenheit (‘adl) bedeutet.

Maßhalten (und damit auch Gerechtsein) als essenzielles Kennzeichen aller rechtschaffenen Menschen wird des Weiteren in Sure 5,66 beschrieben. In diesem Vers finden wir den Ausdruck umma muqtasida, der sich in ähnlicher Weise auf eine »gemäßigte« oder »ausgewogene« Gemeinschaft bezieht – hier im Verhältnis zu den abrahamitischen Glaubensgemeinschaften. Dieses Stichwort griffen auch die ökumenisch oder inklusivistisch orientierten muslimischen Exegeten der Vormoderne auf und erkannten Maßhalten bei all jenen rechtschaffenen Praktizierenden der abrahamitischen Religionen, die ihre gemeinsame spirituelle Herkunft anerkannten, einander zu Hilfe kamen und einfühlsam und respektvoll in ihrem Umgang miteinander waren. Deshalb bringt der Koran das zum Ausdruck, was wir heute als religiösen Pluralismus innerhalb eines abrahamitischen Zusammenhangs bezeichnen und wonach Judentum und Christentum als mit dem Islam verwandte Religionen betrachtet werden, insbesondere auf der Grundlage geteilter Werte und Praxisformen. Solche inklusivistischen Sichtweisen scheinen in den ersten zwei Jahrhunderten des Islams verbreiteter gewesen zu sein. In den folgenden Jahrhunderten verloren sie jedoch an Stärke aufgrund konfliktreicher Zusammenstöße mit dem christlichen Europa der Vormoderne, die darin gipfelten, dass Europa einen beträchtlichen Teil der muslimischen Welt kolonialisierte. Dennoch ist diese frühe historische Strömung für Muslime eine unauslöschbare Erinnerung daran, dass ihre Glaubenstradition Bausteine enthält, mit denen sich in unserer Zeit pluralistische, friedliche und vor allem gerechte Gesellschaften hervorbringen lassen, die die unterschiedlichen religiösen Bindungen aller Menschen respektieren.

Das Wort Djihad wurde und wird, wie wir wissen, in unserer Zeit von militanten Gruppen in muslimischen Mehrheitsgesellschaften auf schreckliche Weise missbraucht. Der Grund, warum die Rhetorik dieser militanten Gruppen bei manchen Teilen der weltweiten muslimischen Bevölkerung leider auf Resonanz stößt, liegt darin, dass viele dieser Menschen in politisch und sozial trostlosen Umständen leben. Die Rhetorik von Befreiung und Selbstbestimmung – mit der militante Gruppen die Menschen ansprechen – scheint ihnen eine verlockende Alternative zu ihrer gegenwärtigen Lage zu bieten. Einige wenige sehen sich also veranlasst, sich auf bewaffnete Gewalt zu verlegen, um das Unrecht zu überwinden, das ihnen zugefügt wurde, sei es nun ein tatsächliches oder nur ein gefühltes Unrecht. Die Übernahme terroristischer Taktiken durch diese fehlgeleiteten Gruppen definierte letztlich, was Djihad für die meisten Menschen im Westen heute bedeutet. Aber ein Djihad, der losgelöst ist von gerechten Zielen und den gerechten Mitteln, mit denen diese Ziele erreicht werden sollen, ist überhaupt kein Djihad, sondern nur ein Zerrbild der höchsten islamischen Ideale. Der Koran (5,8) sagt: »Der Hass anderer gegen euch soll euch nicht verleiten, von der Gerechtigkeit abzuweichen. Handelt gerecht – das ist näher an der wahren Frömmigkeit.« Natürlich werden solche Ratschläge der Schrift von diesen militanten Gruppen nicht gehört, beherrscht von Groll und Rachegelüsten, wie sie nun einmal sind.

Auch im Christentum gilt Gerechtigkeit als ein wesentlicher Wert. Besonders im Katholizismus wird das Streben nach sozialer Gerechtigkeit seit dem II. Vaticanum besonders betont und wurde nach den 1960er-Jahren als einer der sieben Grundsätze der katholischen Soziallehre fest verankert. Diese Entwicklung brachte Christen und Muslime einander sehr viel näher, was ihre moralischen Pflichten gegenüber ihrer Gesellschaft und sogar der Welt insgesamt anbelangt. Die neue Hervorhebung des universalen Werts der Gerechtigkeit ermöglicht heute die Bildung von interreligiösen Vereinigungen, um effektiv auf grobe Verletzungen der Menschenwürde zu reagieren, beispielsweise auf die fortschreitende Verelendung breiter Massen, auf politische Unterdrückung und auf die Verweigerung des Zugangs zu sozialen und wirtschaftlichen Chancen. Solcherart sozial engagierter Aktivismus ist Djihad in seiner höchsten Ausprägung. Alle Menschen guten Willens können daran mitwirken, um ein friedliches Zusammenleben und weltweites Wohlergehen zu fördern, vor allem angesichts von Intoleranz und gewaltsamen Manifestationen des religiösen Fanatismus. [...]


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