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Leseprobe 1 DOI: 10.14623/con.2020.3.404-410
Klaus von Stosch
Akademische Zusammenarbeit in Deutschland
Vor acht Jahren begannen deutsche Universitäten muslimische Professoren zu berufen, die islamische Theologie lehren sollten. Heute gibt es in Deutschland acht von der deutschen Regierung finanzierte Universitäten, die Lehrveranstaltungen in islamischer Theologie anbieten. In Deutschland gibt es keine strikte Trennung von Staat und Religion, sondern eine Zusammenarbeit, wobei der Staat die Religionen unterstützt, sofern sie sich in Einklang mit dem Grundgesetz befinden. Das versetzt die Regierung in die Lage, nicht nur wie bereits in der Vergangenheit christliche Theologie, sondern auch – so ist es heute der Fall – jüdische und islamische Theologie mit Finanzmitteln auszustatten.

Diese neue Entwicklung ist bereits an sich ein großes Zeichen der Hoffnung für die muslimisch-christlichen Beziehungen in Deutschland. Sie verändert das Umfeld für den Dialog radikal. Nun wird es möglich, auf beiden Seiten gut ausgebildete Theologen zu haben, die sich gemeinsamer Methoden bedienen und sich auf gemeinsame akademische Werte beziehen. Beide Glaubensgemeinschaften sind von daher dazu in der Lage, eine neue Ebene gegenseitigen Verstehens zu erreichen. Natürlich brauchen wir Geduld, und es gibt auch eine Menge von Herausforderungen, die mit der Etablierung islamischer Theologie in Deutschland zusammenhängen. Doch zugleich stellt dies eine außerordentliche Chance dar und gibt Anlass zu großer Hoffnung. Ich will mich in diesem Beitrag auf diese Dimension konzentrieren und über die neuen Horizonte sprechen, die aufgrund dieser neuen Situation akademischer theologischer Forschungsarbeit in Deutschland erschlossen werden.

I. Neue Horizonte exegetischer und historischer Forschungsarbeit


Die islamische Theologie hat sich immer schon der exegetischen und historischen Arbeit gewidmet. Es gibt eine großartige Tradition von tafsr im Islam, und es gibt auch die bedeutende Tradition von asbāb an-nuzūl, die die Gründe für das Auftauchen bestimmter Verse des Qur’an herauszufinden versucht. Die moderne Art, Exegese zu betreiben, kann also an eine lange und starke Tradition im Islam anknüpfen. Doch bislang wurden im Islam historisch-kritische Methoden noch nicht systematisch angewandt. Es gibt etliche Bewegungen, die erste Schritte in diese Richtung versuchen, wie etwa die Ankara-Schule. Doch bislang ist eine sorgfältige Lektüre des Qur’an im Lichte moderner historischer Forschung kein Bestandteil islamischer Theologie.

In Deutschland ist es das Projekt Corpus Coranicum in Berlin, das damit begonnen hat, den Qur’an als einen Text der Spätantike zu lesen und moderne philologische und historisch-kritische Methoden anzuwenden, um das Verständnis des Textes zu erschließen. Dieses Projekt wird von Angelika Neuwirth geleitet und wurde bislang in einem Geist der Wertschätzung des Islam und seines reichen intellektuellen Erbes durchgeführt. Es kann als eine der wichtigsten westlichen Bewegungen gegen die neuen revisionistischen Tendenzen innerhalb der westlichen Islam-Forschung betrachtet werden. Das Charisma Angelika Neuwirths und ihre großen Errungenschaften auf dem Gebiet der Arabistik und der Islam-Forschung sind der Hauptgrund dafür, dass die muslimische Gemeinschaft in Deutschland der historischen Arbeit über den Islam etliches Vertrauen entgegenbringt. Ihr Projekt verfügt auch über enge und gute Kontakte zu Forschungszentren in muslimischen Ländern.

Einer ihrer Studenten, Zishan Ghaffar, kann als ein gutes Beispiel dafür dienen, um die Möglichkeiten für die muslimisch-christlichen Beziehungen aufzuzeigen, die sich aus dieser neuen Entwicklung im akademischen Bereich ergeben können. Ghaffar studierte Philosophie, Islamwissenschaften und evangelische Theologie in Kiel und wurde dann von einem der neuen Zentren islamischer Theologie in Deutschland in enger Zusammenarbeit mit Angelika Neuwirth promoviert. Er kann als eine der ersten Früchte der neuen Programme zur Finanzierung islamischer Theologie in Deutschland betrachtet werden und macht deutlich, welche Art von Forschung durch eine solche Finanzierung und Zusammenarbeit möglich wird.

Seine Doktorarbeit wurde im Jahr 2018 veröffentlicht. Seine These hatte das ehrgeizige Ziel, die westliche Forschung über Muhammad mit der westlichen Leben-Jesu-Forschung zu vergleichen. Sie zeigt auf, dass die methodischen Neuerungen der sogenannten »dritten Frage« der Leben-Jesu-Forschung, die im Westen so erfolgreich war, nicht vollständig auf die Forschung über Muhammad angewandt wurde. Ghaffar legt überzeugend dar, dass die Defizite innerhalb der westlichen Forschung der Grund für die rein revisionistischen Tendenzen innerhalb einiger westlicher Forschungsschulen sind. Wenn also einige Revisionisten die Meinung vertreten, dass Muhammad wahrscheinlich nie gelebt hat – eine Überzeugung, die in prominenter Weise vom ersten muslimischen Professor für islamische Theologie in Münster, Muhammad Sven Kalisch, vertreten wurde –, dann lautet Ghaffars Antwort, dass diese Art von Ergebnissen nur möglich ist, weil diese Gelehrten (wie Kalisch oder die Schule von Saarbrücken) schlicht nicht auf dem neuesten Stand sind, was ihre Forschungsmethoden betrifft. Ghaffar fordert die Muslime dazu auf, ihre Arbeit schlicht sorgfältiger zu machen als ihre westlichen Kollegen und sie mit ihren eigenen Waffen zu schlagen: gründliche Untersuchung, Gelehrsamkeit und historische Kritik.

Dieses eher apologetische Motiv Ghaffars bedeutet nicht, dass er insgesamt eine apologetische Haltung gegenüber dem Judentum und dem Christentum hätte. Er lernte von Angelika Neuwirth, dass der Qur’an nur zusammen mit seinen intertextuellen Bezügen verstanden werden kann. Und diese Bezüge zwingen die Muslime nicht nur dazu, die Bibel zu lesen, sondern auch Syrisch zu lernen und die Kirchenäter sowie die diesbezüglichen rabbinischen Texte zu lesen. Deshalb ist Ghaffars Forschungsarbeit in hohem Maße abhängig von einer engen Zusammenarbeit mit christlichen und jüdischen Theologen. Als einer meiner Doktoranden Ghaffar fragte, ob er eine muslimische komparative Theologie für möglich halte, gab er schlicht zur Antwort, dass dies der einzige Weg sei, islamische Theologie zu betreiben. Wenn sie nicht komparativ sei, wäre es nicht möglich, den Qur’an zu verstehen. Zugleich ist er selbstbewusst genug, um gestützt auf seine Forschungsergebnisse nicht nur die westliche Forschung, sondern auch die christliche Theologie herauszufordern.

Noch aufsehenerregender als seine Doktorarbeit ist Ghaffars zweites Buch, das unter dem Titel Der Koran in seinem religions- und weltgeschichtlichen Kontext veröffentlicht wurde. Es macht deutlich, dass Ghaffar ein reifer Gelehrter ist, der den Qur’an zusammen mit den Texten aus Christentum und Judentum im Lichte der Geschichte der Spätantike liest. In ähnlicher Weise wie westliche Gelehrte wie etwa Sidney Shoemaker ist er sich der apokalyptischen und messianischen Motive des Qur’an bewusst. In minutiöser philologischer Arbeit identifiziert er die christlichen und jüdischen Gesprächspartner des Qur’an und zeigt – im Anschluss an Shoemaker –, wie der Qur’an jegliche Art von apokalyptischer Rede kritisiert, weil diese vom Byzantinischen Reich dieser Zeit benutzt wurde. Dies lässt den Qur’an als einen antiapokalyptischen, antimessianischen und antiimperialen Text erscheinen, der versucht, Theologie von politischen Ansprüchen zu befreien. Natürlich kann diese Analyse für die Zeit von Medina nicht einfach wiederholt werden. Doch es ist bereits eine außerordentliche Leistung, dies für die Mekka-Periode des Qur’an aufzuzeigen. Es handelt sich hier im wahrsten Sinn des Wortes um ein bahnbrechendes Ergebnis für die Qur’an-Forschung. Insbesondere für unsere Zeit, da einige Politiker im Westen die christliche apokalyptische Botschaft von Neuem zu entfalten suchen, kann es nicht nur für Muslime lehrreich sein zu sehen, wie der Qur’an auf diese Art, Politik zu betreiben, reagiert. Kurz gesagt: Der Qur’an reagiert darauf mit überzeugenden theologischen Argumenten – völlig friedlich und ohne jegliche Gewalt. Wenn diese Analyse unter unseren muslimischen Kollegen größere Verbreitung findet, dann wird das ein sehr hilfreiches Zeichen der Hoffnung angesichts der modernen Propheten, die den »Zusammenprall der Zivilisationen« und den Niedergang des christlichen Westens verkünden. [...]


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