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Leseprobe 2 DOI: 10.14623/con.2020.3.276-285
Hille Haker
Von der Neuen Politischen Theologie zur Kritischen Politischen Ethik
1. Politische Theologie als Kritik und Kampf um Befreiung von Ungerechtigkeit

Die theologische Ethik muss sich heute in ihrer Reflexion auf die eigenen Grundlagen mit den zwei vorherrschenden Freiheitskonzepten der Moderne auseinandersetzen – dem angloamerikanischen Autonomiekonzept und dem kantischen Konzept der moralischen Autonomie. Die Theologie hat gegenüber dem liberalen Begriff der freien Selbstbestimmung von jeher betont, dass das Selbst abkünftig, unergründlich und unverfügbar ist, was den Menschen sowohl verletzlich als auch offen für andere macht. Ethik, so sagt die Theologie, muss sich daher genauso mit der Abkünftigkeit und Unverfügbarkeit der menschlichen Subjektivität wie mit der Freiheit und Offenheit des Menschen befassen. Religionen verstehen Menschen in Beziehung zum Anderen, das paradoxerweise nicht benannt werden kann und dennoch einen Namen hat, auch wenn dieser immer wieder in Frage gestellt werden wird. Das Christentum, genau wie das Judentum und der Islam, stellt die Menschen in eine Beziehung zu einem persönlichen Gott, der sie anspricht, aber auch eine Antwort fordert. Die Offenheit für diese Erfahrung der Transzendenz prägt die Rezeption der Freiheit in weiten Teilen der Theologie.

Im Anschluss an Metz’ programmatische Neue Politische Theologie, die er der Politischen Theologie von Carl Schmitt in den 1970er- und 1980er-Jahren gegenüberstellte, haben Theolog*innen dem Begriff der so verstandenen Freiheit jedoch eine kritische Wendung gegeben, indem sie sie an die politischen Geschichte der Befreiung aus Unterdrückung zurückgebunden haben. Darin stimmte die Neue Politische Theologie mit der Befreiungstheologie, mit der »black theology« sowie mit den feministischen, postkolonialen und dekolonialen Theologien überein. All diese Theologien bestehen darauf, dass die »Autorität Gottes« paradox ist, da sie nicht auf der Souveränität politisch-theologischer Führerschaft beruht, wie die koloniale Theologie sowie die Schmittsche Tradition argumentierte, sondern sich von den verletzlichen Individuen, Gruppen oder Völkern her verstehen muss. Diese Theologien sind daher kritisch gegenüber der westlichen Moderne.

Auf philosophischer Seite plädiert die Kritische Theorie der Frankfurter Schule für die Abkehr von einer Normativität, die entweder eine metaphysische oder ontotheologische Ordnung begründet, oder aber einen Naturalismus der modernen Wissenschaften vertritt, der vortäuscht, wertfrei zu sein. Max Horkheimer hatte bereits 1937 argumentiert, dass kritische Theorie im Gegensatz zur traditionellen (empirischen und positivistischen) Theorie die Situiertheit jeglichen Wissens reflektiert. Der kritische Vernunftbegriff der praktischen Philosophie konstituiert zugleich ein Interesse bzw. eine Orientierung, nämlich den Widerstand gegen Unterdrückung, Entfremdung sowie gegen die Herrschaft der instrumentellen und technischen Vernunft über die Natur – einschließlich der menschlichen Natur. Ähnlich wie die Theologie widersetzt sich auch die Kritische Theorie all jenen Konzepten der Vernunft, die den paradoxen Status des Menschen leugnen, der als abkünftig, unergründlich, verletzlich und doch frei und handlungsfähig beschrieben werden kann. Die Gruppe, die in den 1930er-Jahren die Frankfurter Schule gründete, hat sich in ihrer Kritik an der instrumentellen Vernunft und am Autoritarismus als richtig erwiesen: So wie das westliche moderne Denken den Ersten Weltkrieg von 1914–1918 mit seiner erstmaligen industriellen Kriegsführung nicht verhinderte, so barg es auch kein Widerstandpotenzial gegen den Aufstieg mehrerer faschistischer Diktaturen in Europa oder den Aufstieg Hitlers in Deutschland. Im Gegenteil: mit Hilfe der instrumentellen und technischen Rationalität töteten Nazis Juden und alle, die in den Konzentrationslagern als »anders« deklariert wurden, auf industrielle Weise, und der Abwurf der zwei US-Atombomben auf die Städte Hiroshima und Nagasaki wurde von der »wertfreien« Arbeit deutscher und amerikanischer Physiker ermöglicht. Das Urteil der Kritischen Theorie nach dem Zweiten Weltkrieg war vernichtend: Die Geschichte des 20. Jahrhunderts zeige eher die »Verfinsterung der Vernunft« als ihren Fortschritt, und die »Dialektik der Aufklärung« weise auf ein immanentes und ungelöstes Problem des modernen Denkens hin.

Die Neue Politische Theologie beabsichtigte ähnlich wie die Kritische Theorie die der Theologie zugrunde liegende Erkenntnistheorie zu verändern, um Raum für eine Transformation theologischen Denkens und christlicher Praktiken zu schaffen. Sie stellte einerseits den leidenden Menschen in den Mittelpunkt, und andererseits kämpfte sie für den Bruch mit dem christlichen Antijudaismus und Antisemitismus. Mein eigener Ansatz greift sowohl die kritische Theorie der Frankfurter Schule als auch die Neue Politische Theologie auf, wobei ich mich jedoch eingehender mit den Konsequenzen für die Ethik befasse als etwa Metz dies als Fundamentaltheologe musste. Für die kritische politische Ethik bedeutet die Neuausrichtung von Theorie und Praxis, dass die Solidarität mit dem leidenden Individuum und/oder einer leidenden Gruppe nicht nur das Kriterium des moralischen Urteilens ist, sondern auch eine Priorität, die das christliche persönliche und politische Handeln leiten muss. Es mag zwar manchmal schwierig sein, zwischen Leiden, das aus Unglück resultiert, und Leiden, das durch Ungerechtigkeit entsteht, zu unterscheiden, wie Judith Shklar argumentiert hat, aber genau aus diesem Grund muss die politische Theologie durch eine politische Ethik ergänzt werden, die sich gründlicher mit Fragen des ethischen Urteilens befasst, als dies in der Politischen Theologie der Fall war.

2. Kritische Politische Ethik

Kritische politische Ethik stellt sich gegen jeden politisch-ethischen Dezisionismus, weil dieser den politischen Autoritarismus fördert. Sie greift zwar die postmoderne Kritik an der »fundamentalen« Ethik auf, wenn oder soweit diese sich gegen Kritik immunisiert, und sie verbindet die kritische Dekonstruktion von Wahrheitsansprüchen mit Genealogien ethischer Konzepte, die etwa zur kolonialistischen Erkenntnistheorie von Überlegenheit und Unterlegenheit unter Menschen, Gruppen und Völkern beigetragen haben. Dennoch: So notwendig solche Analysen auch sind, aus politisch-ethischer Sicht reichen sie nicht aus, da nicht klar ist, wie sie politisch-ethisches Handeln motivieren können. Auch eine bloße Ethik des Widerstands reicht nicht: nicht im grausamen Spiel der planetaren Zerstörung mitzuspielen, wie etwa Slavoj Žižek es vertritt, mag ein Akt des Widerstands sein, aber Handlungen basieren nun einmal auf den Zielen, die handelnde Akteure verfolgen. Auf den verschiedenen politischen Ebenen agieren die Akteure zusammen und verfolgen gemeinsame Ziele, und diese erfordern bestimmte Mittel, Strategien, Kooperation und Koordination. Wenn die Kritische Theorie – und Foucault – Recht haben, gibt es jedoch immer einen gewissen Drang zum Konformismus und zur Normalisierung, dem aktiv widerstanden werden muss: Um nicht wegzuschauen, sondern aufzustehen, sind eine genaue Beobachtung der Politik, politisch-ethische Werte, Verbündete als Gleichgesinnte und Ausdauer notwendig. Darüber hinaus erfordert es aber auch Mut, für die eigenen Rechte, für die Rechte anderer und für jeden, dem nicht einmal das Recht zugesprochen wird, Rechte zu haben (Arendt), einzutreten. [...]


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