zur StartseiteZugang für Abonnenten
Startseite » Archiv » Ausgabe 3/2020 » Leseprobe 1
Titelcover der archivierte Ausgabe 3/2020 - klicken Sie für eine größere Ansicht

Der Aufbau der Zeitschrift


finden Sie hier


Concilium stellt sich vor

Geschichte und Selbstverständnis


Präsidium, Herausgeber/innen und Wissenschaftliches Komitee


sind hier einzusehen.


Unsere Autoren


finden Sie hier.


werden hier gelistet.

<<< zur vorherigen Ausgabe zur nächsten Ausgabe >>>
Leseprobe 1 DOI: 10.14623/con.2020.3.259-266
A. Maria Arul Raja
Ermächtigung der Entmachteten
Einblicke in das Leben und die Sendung Jesu
Machtdiskurs in der Praxis Jesu

Dem gegenwärtigen Chaos, das die profitgesteuerte Kultur eines ungezügelten Konsumismus und einer rücksichtslosen Entwicklungsideologie hervorgebracht hat, muss auf globaler Ebene mit einer alternativen Sichtweise und einem engagierten Sendungsbewusstsein begegnet werden. In möglichst vielen Ländern muss an die Stelle einer grassierenden Kultur des Hasses auf die, die als Migranten und Unberührbare gelten, eine mitfühlende Offenheit gegenüber diesen marginalisierten Menschen treten. Wenn diese entmachteten Menschen weiterhin von den vielfältigen Erscheinungsformen einer systemischen Bosheit mit Füßen getreten werden, müssen wir für ihre Ermächtigung alternative Perspektiven finden. Diese Erkundung in Sachen subalternes Empowerment könnte fruchtbar sein, wenn sie mit einer gründlichen Neudeutung des Machtdiskurses einhergeht, der aus dem Leben und der Sendung Jesu spricht. Vielleicht könnte dies die marginalisierten Menschen inspirieren, effektiv nach einer neuen Weltordnung zu streben, aus der auch noch die letzte Spur einer diskriminierenden Hierarchie verschwunden ist.

Der vorliegende Beitrag versucht, den einen oder anderen Blick auf die Merkmale der politisch sensibilisierten Theologie zu erhaschen, die Jesus im öffentlichen Raum seiner Zeit – dem palästinischen Boden des von den Römern kolonialisierten Mittelmeerraums im 1. Jahrhundert n. Chr. – auf den Weg gebracht hat. So, wie sie sich in den Evangelien niedergeschlagen hat, legt die Praxis Jesu von Nazaret die Vermutung nahe, dass er sich mutig gegen entmenschlichende Machtschacherer gestellt hat, um eine neue Ordnung der Gleichheit herbeizuführen. Die folgenden Paradigmen im Machtdiskurs Jesu sollen hier erläutert werden:
- Widerstand gegen die sozio-kulturelle Hegemonie
- Versuch eines alternativen religiös-kulturellen Selbstbewusstseins
- Erfahrungen mit politisch-kultureller Gewalt

Widerstand gegen die sozio-kulturelle Hegemonie


Allem Anschein nach fühlte sich Jesus dazu berufen, die bösen Mächte, die die Welt regierten, zu überwinden, um dem lebensbejahenden Göttlichen wieder zur Macht zu verhelfen.1 Die machtvollen Taten, die Jesus in den synoptischen Evangelien vollbringt, sind Handlungen, mit denen er die leidenden Angehörigen des ochlos aus den Fängen böser Mächte befreit (Mk 1,21–28.40–45; 2,1–12; 5,1–42). Die als Wunder bezeichneten Taten Jesu sind Geschichten der Heilung von psychosomatischen Störungen, der Emanzipation von psychospiritueller Besessenheit oder der Befreiung von religiös-kulturellen Vorurteilen. Diese Taten verweisen auf den Beginn einer neuen Ära: Der Starke (der Böse) wird gebunden, und Gottes Reich bricht an. Der Starke und sein Heer aus bösen Geistern werden durch die Verwendung von »wir« (Mk 1,24), »Legion« und »viele« (Mk 5,9) kenntlich gemacht.

Die suggestive Kraft der Gleichnisse, Erzählungen und Geschichten Jesu hat offenbar die Herzen der Randgruppen höherschlagen lassen und gleichzeitig bei der sozio-kulturellen Elite erbosten Widerstand hervorgerufen (Mt 21,28–32; Mk 2,1–12; 12,1–12; Lk 18,9–14). Obwohl ihm die Autoritäten seiner eigenen Heimat schon gleich zu Beginn seiner Sendung (Mk 3,6) unter dem Vorwand der Gesetzesübertretung nach dem Leben trachteten, ließ Jesus sich nicht von seinen Akten der Solidarität mit den Ausgegrenzten abbringen (Mk 2,18–28). Dieser Trend, ihn zu kriminalisieren, setzte sich auch in seinen letzten Tagen fort, doch weil Jesus die breite Unterstützung der Bevölkerung genoss, scheuten sich die Autoritäten, am helllichten Tag gegen ihn vorzugehen (Mk 11,32; 12,12; 14,2). Nach der Vollmacht zu seinem auf alle Menschen fokussierten Ermächtigungshandeln gefragt, nimmt er spontan und unmittelbar auf Johannes den Täufer Bezug (Mk 11,30) und spielt so direkt oder indirekt auf die Vollmacht seiner Sendung als Sohn Gottes an (Mk 1,11).2

Diese charismatische Vollmacht ließ ihn weitermachen: die Kranken heilen, alle Übel vertreiben und so die gute Nachricht vom Anbruch des Reiches Gottes verkünden. Dieselbe Vollmacht, zu heilen und Dämonen auszutreiben, wurde auch seinen Jüngern verliehen (Mk 3,14–15). In den Geschichten über die Streitgespräche in Galiläa (Mk 2,1–3,6) und Jerusalem (Mk 11,27–12,37) und auch in den Geschichten über die Kritik am Tempel (Mk 11,15–17.27; 12,41–44; 13,1–3; 14,58; 15,29.38) scheint sich die politische Matrix Jesu zu folgendem Prinzip zu verdichten: »Lass dich niemals versklaven und versklave niemals andere!« I

Interessanterweise weist die Selbstbezeichnung Jesu als des Menschensohnes im Markusevangelium eine dreifache Schicht von Implikationen auf:
- die Macht, die der Menschensohn beansprucht, um furchtlos über die Traditionen hinauszugehen, um das Wohlergehen der Ausgegrenzten zu schützen und zu fördern und ihre menschliche Würde zu wahren (Mk 2,10.28);
- die Macht, die in seiner Sendung greifbar wird, die gewaltsamen Konsequenzen solcher Traditionsverletzungen mutig auf sich zu nehmen (Mk 8:31; 9:31; 10:33–34); A. Maria Arul Raja SJ 261
- die Macht, nach seinem Sieg über die menschen- und lebensfeindlichen Kräfte von der göttlichen Herrlichkeit erhöht zu werden (Mk 9,9; 14,62).

Hieraus könnte man Rückschlüsse darauf ziehen, in welcher Reihenfolge die Machtdynamiken im Leben und in der Sendung Jesu wirksam werden. Es scheint demnach, dass seine Macht als Menschensohn infolge seiner mutigen Begegnung mit dem Leid, das die herrschende Elite ihm zur Strafe für seine engagierte Solidarität mit den leidenden Volksmassen auferlegt hat, zur göttlichen Herrlichkeit gelangt ist. Und Jesus hat sich offenbar nie gescheut, die von der Machtanhäufung Besessenen anzuprangern:
- Die, die sich zu Herren über andere aufwarfen, betrachtete er als Heiden (Mk 10,42);
- die, die mit Autorität und Beredsamkeit anderen öffentlich predigten, was sie selbst privat niemals taten, wurden von ihm verworfen und verdammt (Mt 23,1–12);
- die Puritaner, die sich selbst beweihräucherten und sich selbst bequemere Maßstäbe setzten als anderen, wurden von ihm verurteilt (Mt 23,13–36);
- die einheimischen Feudalherren und Machtschacherer, die (wie Geier, die nach Aas suchen, vgl. Mt 24,27–28) unterschiedslos jeder beliebigen fremden Kolonialmacht die von der Arbeiterklasse im Schweiße ihres Angesichts hart erarbeiteten Ressourcen zu Füßen legen, nur um wie Herodes (der »Fuchs«, Lk 13,32) ihre eigene Machtposition zu behalten, wurden von ihm angeprangert.

Auf diese Weise wurde die soziokulturelle Übermacht der herrschenden Elite von der gegenkulturellen Praxis herausgefordert, durch die sich Jesus mit der großen Mehrheit des einfachen Volkes solidarisierte – die von den Machtraffern als Sünder ausgegrenzt wurde.

Versuch eines alternativen religiös-kulturellen Selbstbewusstseins

Die militarisierte römische Kolonialmacht der Zeit Jesu trat, vereint mit der domestizierten palästinischen religiös-kulturellen Elite, im Namen der Förderung der Pax Romana die indigenen ökonomischen Ressourcen und das gemeinschaftliche Ethos des einfachen Volkes mit Füßen. Sowohl die fremde als auch die einheimische Herrscherklasse interessierte sich äußerst wenig für die kulturellen Sensibilitäten und volksreligiösen Formen, die bei den Randgruppen (den ptōchoi und dem ochlos) vorherrschten. Auf der anderen Seite riefen die Radikalen zu gewaltsamen Protesten gegen die Kolonialherren auf und riskierten immer wieder bewaffnete Auseinandersetzungen mit den römischen Streitkräften, die in einem Blutbad endeten, wenn die Aufstände durch das militärische Eingreifen der Herrschenden niedergeschlagen wurden.

Als Gegenentwurf zu diesem verwundeten historischen Szenario verkündete Jesus, der engagierte Rebell, jene Realität, die er das »Reich Gottes« nannte: den Ausbruch der mitfühlenden Gerechtigkeit der göttlichen Ordnung.3 Diese Realität, so seine Botschaft, wohnte als Erfüllung der in der Vergangenheit geschenkten Gnade (»Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe …« Mk 1,15) in den Herzen der gewöhnlichen Menschen und war eingebettet in den Kontext der Gegenwart (»ist mitten unter euch«, Lk 17,21), um nach und nach zur Zukunft zu erblühen (»dein Reich komme«, Mt 6,10). Dieses Gefühl der Hoffnung und des Glücks, das die bösen Mächte den Geringsten entrissen hatten, galt es wiederzuerlangen. Das war das eigentliche Ziel des Reichs des lebendigen Gottes, wie es Jesus auf der historischen Ebene des Hier und Jetzt und mit einer zweifachen Bewegungsrichtung in den Blick nahm:

Von-her-Bewegung Hin-zu-Bewegung
Hin-zu-Bewegung
von der Gebrochenheit des zu Tode zermarterten Leibes, Verstandes, Geistes, Lebens und Kosmoszur Aktivierung durch den Leben schenkenden Geist des lebendigen Gottes

Immer wenn diese konkrete, lebensbejahende Bewegung stattfand, wurde sie von Jesus überschwänglich gefeiert. Gott, so seine unumstößliche Überzeugung, lebt und herrscht mit diesem Leben erzeugenden Geist und dieser Leben fördernden Entschlossenheit.

Jesus hat die Wirklichkeit des »Reiches Gottes« nie zu einer komplizierten Ideologie, über die debattiert, zu einer ausgeklügelten Verfassung, über die diskutiert, oder zu einer Meta-Erzählung gemacht, die wiedererzählt werden sollte. Er ist nicht für eine Ideologie, eine Verfassung oder eine Meta-Erzählung gestorben. Vielmehr hat er alle seine Kräfte darauf verwandt, marginalisierte Menschen dazu zu befähigen, dass sie in einer zugleich verwundeten und verwundenden Welt ihren rechtmäßigen Platz beanspruchen. In all seinen als machtvolle Taten oder große Zeichen deklarierten Handlungen hat er de facto minutiös das Sprossen und Knospen des Reiches Gottes festgehalten. Er erwartete, dass diese schrittweisen und kontinuierlichen Bewegungen der Förderung der Lebenskultur auf individueller wie kollektiver Ebene als Gottes bedingungslose Liebe erfahren wurden. Die positiven Impulse wie »Streck deine Hand aus!« (Mk 3,5), »Dein Glaube hat dich gerettet« (Lk 17,19) oder »Steh auf […] und geh« (Joh 5,8) waren das Signal, um diejenigen wieder ins Leben zu rufen, die man zu Selbsthass erzogen hatte. Menschen wie die Samariter, Frauen, anders Begabte, chronisch Kranke oder sterbende Arme, die als rettungslos unrein und unberührbar galten, wurden mit mütterlicher Fürsorge und väterlichem Mitgefühl als vollwertiges Mitglied der Jesusgemeinschaft anerkannt.

Jesus verkaufte das Sprossen und Fruchten des »Reiches Gottes« nicht als die Performance eines Superstars. Jede seiner sozio-politischen und religiös-kulturellen Handlungen in der gebrochenen Welt seiner Zeit – die Heilungen ebenso wie die Austreibungen, die Fußwaschung, das egalitäre Teilen des Brotbrechens oder die Verkündigung der guten Nachricht an alle Völker – war in letzter Konsequenz dazu bestimmt, Aufgabe der Gemeinschaft zu sein. Und die politischen Bündnispartner, die er für seine Praxis brauchte, scheint Jesus sorgfältig und klug und mit dem nötigen Urteilsvermögen ausgewählt zu haben. Keine der folgenden Gruppen kam für ihn als Partner seiner kollektiven sozio-politischen und religiös-kulturellen Handlungen in Betracht:

1. Herrschende Mächte     => die imperialen römischen Kolonialherren, Herodes der Fuchs
2. Opportunistische Mächte     => selbstgerechte und profitorientierte Menschen
3. Bewaffnete Mächte     => die Untergrundgruppen, die bewaffnete Angriffe befürworteten
4. Weltverneinende Mächte     => die Sekten, die von der Vorstellung der individuellen Heiligkeit besessen waren

Das Bündnis mit keiner der obengenannten Gruppen würde dem nicht-organisierten einfachen Volk (ptōchoi/ochlos) zu Gerechtigkeit verhelfen,4 das vonseiten verschiedener herrschender Gruppen nicht wiedergutzumachenden Schaden erlitt. Physische Folter, Schuldgefühle, Gewalt und Blutvergießen und die unvermeidliche Unreinheit waren die schmerzlichen Konsequenzen, die diese Mächte dem einfachen Volk jeweils auferlegten. Das einfache Volk, mit dem sich Jesus im öffentlichen Raum verbündete, besaß keine zentralisierte Macht, keine Selbstgerechtigkeit, keine tödlichen Waffen und auch keine sich selbst beweihräuchernde Heiligkeit. Sein aktives Bündnis mit den gebrochenen Menschen ermächtigte und erweckte sie im Zuge eines dynamischen Prozesses der allmählichen Politisierung zu einem Geist des Selbstvertrauens und der Selbstermächtigung.

Im Gegensatz zu jedweder eingeschränkten, von Exklusivität und einer kolonialistischen Geringschätzung des Egalitarismus geprägten Gemeinschaft war die von Jesus auf den Weg gebrachte eucharistische Kultur darauf ausgerichtet, dass man willentlich sein Leben hingab, um den Geist der Koinonia aufrechtzuerhalten und die Einheit der Gesinnung und der Herzen zu gewährleisten. Dementsprechend verlangt die Nächstenliebe als der kompromisslose Ausdruck der Liebe Gottes, dass alle Menschen guten Willens füreinander zu barmherzigen Samaritern werden. Und jeder Mensch ist aufgerufen, Menschensohn zu sein: sich nicht dienen zu lassen, sondern zu dienen, um zum Lösegeld für viele zu werden. Auf diese Weise könnten die Menschen zur Menschheitsfamilie der Miterben eines Gottes werden, der der/die einzige Vater/Mutter aller Brüder und Schwestern ist.

Die Samariterinnen und Samariter, die als Unberührbare ausgestoßen sind, werden vom eucharistischen Ethos als achtbare Gesprächspartner angesehen (Joh 4,1–42). Die extreme humanitäre Sensibilität des »unberührbaren« Samariters, der sich des gesichtslosen und namenlosen Opfers am Wegrand annimmt, wird der selbstzugewiesenen »Reinheit« des Priesters und des Leviten kontrastierend gegenübergestellt (Lk 10,25–37). Die Sensibilität Jesu hat den Mut, die spirituelle Würde des Samariters, der Gott für seine Heilung dankt, öffentlich anzuerkennen (Lk 17,11–19).

Als die Jünger Jesu auf ein Samariterdorf, das die jüdischen Wanderer nicht hatte aufnehmen wollen, am liebsten »Feuer vom Himmel« fallen lassen würden, werden sie mit einem Tadel zurechtgewiesen, der der eucharistischen Inklusionskultur entspricht (Lk 9,51–55). Ebenso erkennt Jesus den großen Glauben der heidnischen Kanaaniterin an und gewährt ihr die Erfüllung ihrer Bitte (Mt 15,21–28; Mk 7,24–30). In der ersten Eucharistie opfert sich Jesus bereitwillig, um den Freunden, die als Diener ausgesandt werden sollen, die schmutzigen Füße zu waschen (Joh 13,1–11), und betont dabei, dass die Diener nicht größer sind als ihr Herr (vgl. Joh 15,20).

Nur durch die Rettung der kleinen Herde und der Kleinen konnte das universale Heil aller verwirklicht werden. Die Kultur der Machtanhäufung durch Pharaonen, Monarchen, Pilatusse und Herodesse ist verworfen worden, und jeder machtlose leere Magen soll mit überreichen Gaben der göttlichen Vorsehung gefüllt werden. Das Kreuz des Leerwerdens von sich selbst wird zum Sprungbrett für die Feier des leeren Grabes. Wahrhaftig, dies ist die Macht der Machtlosigkeit.

Erfahrungen mit politisch-kultureller Gewalt

Als die religiöse Intelligenzija sich gemeinsam mit der gesellschaftlichen Elite im Innern des Tempels in zügellosen kommerziellen Aktivitäten erging, trieb er sie mit prophetischem Mut hinaus. Mit anderen Worten: Jesus leistete Widerstand gegen die Kommerzialisierung des Göttlichen und die Kommodifizierung der Menschen. »Als rasender Egalitarist, unerschütterlicher Sozialist und ökonomischer Demokrat glaubte Jesus, dass die göttliche Umarmung für alle Nationen und Völker bestimmt ist«5 und sich in der Vermenschlichung der ausgegrenzten Massen (ochlos) verwirklicht.

In solchen Konfliktsituationen sind die Sichtweisen der herrschenden Elite und der Untertanen einander diametral entgegengesetzt. Wenn die Machtlosen sich organisieren, um ihre Rechte einzufordern, entfesseln die Herrschenden Welle um Welle der Gewalt gegen sie. An diesem Punkt ist es wichtig, zu verstehen, wie Jesus mit der Gewalt umgeht, die auf subalternem Boden wächst. Die subalternen Sensibilitäten in der lebensbejahenden Praxis Jesu weisen zuweilen in gegensätzliche Richtungen:6

Wohlwollende konventionelle Ansätze
Kämpferische gegenkulturelle Ansätze
Anderen bis zu siebenundsiebzigmal vergeben (Mt 18,21–22)Alle Sünden werden vergeben werden außer der gegen den Heiligen Geist (Mk 3,28–30)
»Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!« (Lk 23,34)Die Vertreibung der Händler und Geldwechsler vom Tempelgelände (Joh 2,13–16)
Die andere Wange hinhalten (Mt 5,39)Warum hast du mich geschlagen? Joh 18,23)
Schweigen während des Verhörs durch Pilatus (Joh 19,9)Antworten während des Verhörs durch Pilatus Joh 18,36–37; 19,11)
Das Himmelreich ist wie ein Senfkorn und wie Sauerteig (Mt 13,31–33)Dem Himmelreich wird Gewalt angetan (Mt 11,12)
Das Gesetz soll bis auf das letzte Jota erfüllt werden (Mt 5,17–20)Über das Gesetz hinaus: »Ihr habt gehört […]. Ich aber sage euch« (Mt 5,21–43)
Vorrang des Gesetzes (Mt 22,34–40)Das Gesetz ist für das Leben da (Mk 2,23–28; 3,1–6)
Die Stunde ist noch nicht gekommen (Joh 2,4)Die Stunde ist gekommen (Joh 4,21)
»Ich werde euch nicht als Waisen zurücklassen« (Joh 14,18)Du denkst nicht wie Gott: »Tritt hinter mich, du Satan!« (Mk 8,33)
Stecke dein Schwert in die Scheide (Joh 18,11)… soll seinen Mantel verkaufen und sich ein Schwert kaufen … (Lk 22,36)
Man kann nicht Gott und dem Mammon dienen (Lk 16,13)Macht euch sogar mit ungerechtem Reichtum Freunde (Lk 16,9)
Intensive persönliche Gebete bei Tag und bei Nacht (Mk 1,35; 6,46; 14,32–38)Wer »Herr! Herr!« ruft, kann nicht ins Himmelreich gelangen (Mt 7,21)
Versöhne dich noch auf dem Weg zum Gericht (Mt 5,25–26)Bei Ablehnung den Staub von den Füßen schütteln (Lk 10,11)
Persönliches Gebet im Verborgenen (Mt 6,6; Lk 6,12)Das Reich Gottes weithin und wirkungsvoll verkündigen (Mk 1,38–39; Mt 28,19)
Von Menschenscharen umringt (Mk 1,45; 3,10; 6,54–56)Flucht vor der Menschenmenge (Joh 6,15)
»Der Mensch lebt nicht vom Brot allein« (Lk 4,4)Im Ruf eines Fressers und Säufers (Lk 7,34)

Angesichts der gegensätzlichen Ausrichtungen der angeführten Zitate ist es unmöglich, Jesus für alle Zeiten auf die eine oder die andere Einstellung zur Gewalt festzulegen. Er ließe sich mühelos sowohl im einen als auch im anderen Lager verorten. Für ihn zählte das unverhandelbare Kriterium, bedrohtes Leben zu stärken und zu schützen. Und natürlich stellen wir fest, dass Jesus nicht die Zeit hatte, seinem Engagement im Angesicht von Lebenskämpfen einen hieb- und stichfesten Diskurs über die Tugend der Gewaltlosigkeit oder das Laster der Gewalt zugrunde zu legen.

Das Osterereignis der Auferstehung des gekreuzigten Jesus Christus ist eine Kampfansage des Göttlichen gegen die wachsende Kultur der Misshandlung. Jesu endgültige Entscheidung für die Barmherzigkeit mit den Sündern und gegen den Kult der Selbstgerechtigkeit (Mt 9,13) wird vor und nach seinem Tod auf eine Weise gelebt, die für sich spricht. Als die herrschende Elite erpicht darauf ist, einen für viele zu opfern (Joh 11,45–53), besitzt Jesus die Kühnheit, sein Leben als Lösegeld für viele freiwillig hinzugeben (Mk 10,45). Sein lauter Protest dagegen, dass seinen Jüngern bei seiner Verhaftung in Getsemani im Eifer des Gefechts ein Leid geschieht, wirkt wie eine spontane Veranschaulichung dieser theologischen Wahrnehmung (Joh 18,8–9).

»Die Sünden der Welt hinwegzunehmen« ist ein Prozess, der offenbar für jeden, der in die Konfliktsituation hineingerät, fortwährenden Kampf bedeutet. Jede echte Parteinahme für die marginalisierten Menschen durch Aktivisten vor Ort oder organische Intellektuelle bringt diese in Konflikt mit der herrschenden Elite. Während die Pauperisierung der verarmten Frauen, Männer und Kinder aufgrund verschiedener systemischer Übel weiter voranschreitet, brauchen wir einen klaren Blick und eine inspirierende Sendung, damit wir sie zu einem würdigen Leben als Mitschöpfer Gottes, Mitarbeiter anderer Menschen und Mitgeschöpfe der Natur ermächtigen können. Diese Erkundung im Dialog mit dem Machtdiskurs im Leben und in der Sendung Jesu könnte uns auf den Weg eines Engagements für eine kontemplative Aktion und eine mitfühlende Gerechtigkeit führen.

Schluss: Ermächtigung der Entmachteten

Entmachtete Menschen werden von der herrschenden Elite oft als Objekte abgetan. Jesus jedoch scheint all seine innere Macht darauf verwandt zu haben, ihnen im tiefsten Inneren ein Gefühl des Selbstbewusstseins und der Selbstachtung einzuflößen, indem er die sozio-kulturelle Hegemonie, die ihnen von den herrschenden Klassen ihrer Zeit aufgezwungen wurde, untergrub. Er prägte das suggestive Symbol vom »Reich Gottes«, um sich im Bündnis mit den subalternen Bevölkerungsgruppen für deren Gleichstellung einzusetzen und ihr religiös-kulturelles Selbstbewusstsein zu entwickeln. In jeder Konfliktsituation, in der die Rechtlosen mit geballter Gewalt niedergeworfen wurden, wählte Jesus die politisch-kulturelle Strategie, ihr Leben – selbst auf die Gefahr hin, sein eigenes dafür hingeben zu müssen – zu schützen und zu stärken. Die Ethik des Egalitarismus, die Ästhetik der Solidarität und der Ermächtigung durch Vermenschlichung scheinen den Kern der gemeinschaftsbildenden Agenda Jesu auszumachen, die darauf abzielt, die Macht für alle zu demokratisieren.

Anmerkungen

1 D. Karr, God with Us. A Bold Understanding of Suffering, Jesus Christ and Forgiveness, Chennai 2018, 69–86.
2 A. M. A. Raja, The Authority of Jesus: A Dalit Reading of Mk 11:27–33, in: Jeevadhara 25 (1995), 123–138.
3 V. R. Krishna Iyer, Remembering a Glorious Rebel, in: The Hindu (Tageszeitung), Chennai, 24. Dezember 2008.
4 A. Byung-Mu, Jesus and the Minjung in the Gospel of Mark, in: Rasiah S. Sugirtharajah, Voices from the Margin: Interpreting the Bible in the Third World, Maryknoll 2016, 145–161.
5 V. R. Krishna Iyer, Remembering a Glorious Rebel, a.a.O.
6 A. Maria Arul Raja, Subaltern Exploration into Encountering Violence, in: Shalini Mulackal u. A. Roy Lazar (Hg.), Violence in Today’s Society: Indian Theological Reflections, Bangalore 2012, 1–21.

Aus dem Englischen übersetzt von Dr. Gabriele Stein

Zurück zur Startseite

Unsere Abos
Sie haben die Wahl ...

weitere Infos zu unseren Abonnements


Newsletter


Unser Newsletter informiert Sie über die Inhalte der neuesten Ausgabe.


Jahresverzeichnis 2019


Aktuelles Jahresverzeichnis


Jahresverzeichnis 2019
als PDF PDF.



Unsere neue Dienstleistung für Verlage, die Ihr Abogeschäft in gute Hände geben wollen.


aboservice

mehr
Informationen


Concilium
Telefon: +49 (0) 711 44 06-140 · Fax: +49 (0) 711 44 06-138
Senefelderstraße 12 · D-73760 Ostfildern
Kontakt | Sitemap | AGB | Widerruf | Datenschutz | Impressum