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Zu diesem Heft DOI: 10.14623/con.2020.3.229-233
Michelle Becka / Bernadeth C. Bustillos / João J. Vila-Chã
Politik, Theologie und die Frage der Macht
»Die politische Dimension des Glaubens bedeutet nichts anderes als die Antwort der Kirche auf die wirkliche politische Herausforderung der Welt, in der sie existiert« (Oscar Romero, Predigt vom 02.02.80).

Aber wie nimmt man die Herausforderung(en) wahr, und was sind die Antworten? Infolge des Zweiten Vatikanischen Konzils versuchten Theologinnen und Theologen an verschiedenen Orten, so auch in dieser Zeitschrift, die Idee einer Theologie im sozialen Kontext der jeweiligen Zeit zu verfolgen.1 Sowohl die Privatisierung der Religion als auch ihre reaktionäre Politisierung innerhalb bestehender politischer Ordnungen widerspricht nach Metz der christlichen Botschaft. Vielmehr soll mit kritischer Vernunft immer wieder ausgelotet werden, wie »die eschatologische Botschaft des Christentums unter den Bedingungen einer strukturell veränderten Öffentlichkeit formuliert werden muss«.2 Theologie ist in der Gesellschaft verortet und enthält ein gesellschaftskritisches Potenzial. Dieser Anspruch muss auch heute noch in sich verändernden Öffentlichkeiten aufrechterhalten, aktualisiert und problematisiert werden. Dazu leistet dieses Heft einen Beitrag.

Darf Theologie politisch sein – oder verliert sie damit jeden Objektivitätsanspruch und letztlich ihren wissenschaftlichen Charakter? Kann Theologie unpolitisch sein – oder ist nicht jede Option und Positionierung, die notwendigerweise vorgenommen wird, bereits politisch? Diese und andere Fragen, die ohnehin kaum eindeutig zu beantworten sind, stellen sich in verschiedenen regionalen Kontexten auf sehr unterschiedliche Weise: Politische Systeme, aber auch das jeweilige Selbstverständnis von Theologie – verankert in staatlichen oder kirchlichen Institutionen – bestimmen das Verhältnis von Theologie und Politik und produzieren unterschiedliche Machtvorstellungen. Die politischen Aspekte der Theologie und die Rolle der Theologie in der Politik sind vielfältig und oft ambivalent. Das Heft trägt daher sehr unterschiedliche Perspektiven und Kontexte – politisch, regional, konfessionell und aus verschiedenen theologischen Fächern – zusammen. Sie stehen nebeneinander. Dass dadurch auch Spannungen entstehen, ist durchaus beabsichtigt.

Im Zentrum steht das Verhältnis von Theologie und Politik – und die Frage nach der Rolle der Macht. Die Frage ist nicht neu, und doch: Angesichts aktueller politischer Entwicklungen weltweit ist das Nachdenken über dieses Thema dringend notwendig. So erweisen sich etwa das Wiederaufleben autoritärer Regime, die Infragestellung des Systems in bestehenden Demokratien und die Instrumentalisierung von Religion als große Herausforderungen.

Die Kirche war immer schon mit der Frage konfrontiert, wie sie sich zur Staatsmacht verhält – oft genug suchte sie ihre Nähe, um selbst an der Macht teilzuhaben. Welche Rolle spielte und spielt dabei die Theologie? Sie kann versuchen, das Machtstreben bestimmter Parteien oder Regime zu legitimieren oder eine kritische Position zur säkularen Macht einzunehmen und gegen diese zu protestieren. Nach welchen Kriterien geschieht dies, und lassen sich unzulässige Entgegensetzungen und damit die Konstruktion neuer Feindbilder vermeiden? In vielen der hier versammelten Beiträge stellt sich die Macht der Theologie – aber auch des Glaubens und der Kirche – als »anders« dar als die herrschende Macht. Es wird auf unterschiedliche Weisen reflektiert, worin diese Andersheit besteht und wie verhindert werden kann, dass sie selbst unkontrolliert und gewaltvoll wird.

Einige Beiträge reflektieren den Bereich des Politischen, der über die institutionalisierte Politik hinausgeht: Bei der Gestaltung der Gesellschaft sind Christinnen und Christen – ob sie sich explizit als solche identifizieren oder nicht – zentrale Akteure. Als Teil der Zivilgesellschaft beteiligen sie sich zum Beispiel an politischen Bewegungen. Sie gestalten politische Macht; und es ist Aufgabe der Theologie, diese Praxis (als Glaubenspraxis und als politische Praxis) zu erfassen und zu reflektieren. Die sehr unterschiedlichen Beiträge dieses Heftes stimmen in der Annahme überein, dass diese politische Praxis, die aus dem Glauben resultiert, eine befreiende Praxis sein muss, die das Leiden der am meisten Benachteiligten nicht nur sieht und berücksichtigt, sondern die Verminderung von Leid und den Einsatz für mehr Gerechtigkeit zum Gegenstand hat.

Die theologische Reflexion von Macht und die Bestimmung des Verhältnisses von Theologie und Politik sind nicht von der kirchlichen Machtausübung zu trennen. Die Kirche steht nicht außerhalb der Gesellschaft, sie ist vielmehr Teil der Zivilgesellschaft und damit des Politischen. Gerade angesichts des Machtmissbrauchs innerhalb der Kirche muss immer wieder die Frage gestellt werden, wie Kirche Macht ausübt und ob und welche Formen der Reflexion und Kontrolle es gibt. Auch diese Frage ist daher Gegenstand der Erörterung in den Beiträgen.

Zum Auftakt fragt John Caputo nach der Art der Herrschaft des Reiches Gottes. Er identifiziert mit Paulus gegen Paulus die Macht Gottes als eine, die nicht nur größer ist als jede menschliche Macht, sondern zugleich eine gewaltfreie Kraft ist. Daraus resultiert der Ruf nach einer Herrschaft ohne Gewalt – als Imperativ für Christinnen und Christen.

João J. Vila-Chã erläutert die Artikulation von Autorität und Macht als konstitutive Elemente der menschlichen Existenz. Er hebt den relationalen Charakter von Autorität und Macht hervor und zeigt, dass beide begrenzt werden müssen, damit sie nicht missbraucht werden, sondern erlösend sein können. Während dies in der politischen Gesellschaft durch die konsequente Achtung der Verfassung und der Rechtsstaatlichkeit geschieht, bleibt es in der Kirche untrennbar mit dem persönlichen und treuen Gehorsam gegenüber dem fleischgewordenen Wort Gottes verbunden.

Im ersten der beiden folgenden neutestamentlichen Beiträge widmen sich Ivoni Richter Reimer und Haroldo Reimer dem Begriff der Macht in neutestamentlichen Texten. In diesen kommen verschiedene Vorstellungen von Macht und Herrschaft zum Ausdruck, häufig handelt es sich jedoch um Konzepte der Gegenmacht. Das gilt auch für die Reich-Gottes-Vorstellung, die einen relationalen Machtbegriff impliziert. Diese Macht ist mit dem Dienen verknüpft und stellt dadurch herkömmliche Vorstellungen auf den Kopf. Der Beitrag erläutert, wie dieses Dienen in den neutestamentlichen Texten aussieht und zieht Schlussfolgerungen für eine befreiende Vorstellung von Herrschaft und Macht in der frühen Kirche.

A. Maria Arul Raja zeichnet Jesu Verständnis von Macht und Autorität nach, wie es in seiner Haltung und seinem Handeln zum Ausdruck kommt. Kennzeichnende Kriterien für diesen Machtbegriff sind Schutz und Förderung des Lebens, um systemischer Gewalt entgegenzutreten. Daraus resultieren eine Ethik des Egalitarismus, eine Ästhetik der Solidarität und eine Ermächtigung zur Vermenschlichung als zentrale Aspekte des Machtdiskurses.

Judith Hahn fragt anschließend nach der Macht im Kirchenrecht. Sie erläutert die Macht des Rechts, weil das Recht eine zentrale sozialkonstitutive Bedeutung hat. Und sie erläutert das Recht der Macht, weil es um die Erzeugung von Autorität geht. Die zentrale Frage lautet, wie nun diese Macht begrenzt wird. Es ist wiederum das Recht, das in der Moderne die Macht begrenzt. Genau hier stellen sich aktuell mit Blick auf das Kirchenrecht jedoch einige Fragen. Diese erläutert der Beitrag und zeigt blinde Flecken auf.

Hille Hakers Beitrag verknüpft einen Zugang politischer Theologie mit einer kritischen politischen Ethik. Solidarität mit den Leidenden ist darin sowohl moralisches Urteilskriterium als auch handlungsleitend für Christen im persönlichen und politischen Bereich. Vier unterschiedliche Dimensionen von Freiheit, so fährt sie fort, sind zu beachten und zu gewähren, damit Befreiung aus Leid und Unterdrückung nicht selbst Unrecht hervorbringt. Auf dieser Grundlage entwirft sie eine theologische Ethik als kritische politische Ethik, die auf Erfahrungen hört und konstruktiv und kreativ ist.

Ansgar Kreutzer fokussiert die ab den 1960er-Jahren in Deutschland verbreitete Praxis des Politischen Nachtgebets. Er richtet sein Augenmerk auf die darin hergestellte Verbindung von thematischer Auseinandersetzung mit politischen Fragen einerseits und christlichen Symbolpraktiken in einem liturgischen Rahmen andererseits. Er weist im Rückgriff auf sozialwissenschaftliche Öffentlichkeitskonzepte auf die Bedeutung nicht nur diskursiver, sondern auch performativer Elemente für die politische Öffentlichkeit hin, an die auch ein sich als politisch-öffentliche Religion verstehendes Christentum anschließen kann.

Francisco de Aquino Júnior widmet sich der befreienden Kraft der Theologie aus einer brasilianischen Perspektive. Die Verbindung mit einem befreienden Glauben macht die Theologie selbst zu einer Kraft der Befreiung. Auf diese Weise wird gleichzeitig die intellektuelle Spezifik der Theologie und ihr Charakter als Glaubensmoment bekräftigt.

Tanya van Wyk reflektiert das Verhältnis von Herrschaft, Macht und Theologie aus Genderperspektive, weil politische Theologien notwendig kontextuelle Theologien sind – und damit auch bestimmt durch die Geschlechtsidentität. Machtausübung zeigt sich auch in Gewalt gegen Frauen. Gleichzeitig gibt es Protestbewegungen gegen diese Gewalt. Wyk reflektiert diese und fragt, inwiefern sie Machtstrukturen verändern, an denen Frauen oft kaum beteiligt sind. Politische Theologie soll in diesem Zusammenhang zur Bewusstseinsbildung beitragen, Praktiken der Entmenschlichung anklagen und einen alternativen Machtbegriff prägen.

Die besondere politische Situation auf den Philippinen bestimmt die Perspektive von José Mário Francisco auf Macht und Widerstand. Katholiken waren hier in beiden politischen Lagern zu finden, entweder in Verbindung mit oder im Widerstand gegen das herrschende Establishment. Die kritische Analyse dieses Aufsatzes geht über die binären Beziehungen hinaus und liefert eine dichte Beschreibung der Dynamiken, die die symbolischen, institutionellen und verbündeten Mächte des philippinischen Katholizismus betreffen. Volksreligiosität und politisches Engagement kommen zusammen und führen zu vielfältigen theologischen Erkenntnissen, die der Autor erläutert.

Aus der Perspektive der Black Theology rückt LaReine-Marie Mosely die Unterdrückten ins Zentrum. Sie fragt danach, wie Kirche sich zu den Unterdrückten verhält und konkretisiert dies in der Auseinandersetzung mit zwei bischöflichen Versammlungen – einer vor ca. 150 Jahren und einer im Jahr 2019. Dabei stellt sich die Frage, wer als in besonderer Weise unterdrückt und verletzbar benannt und damit anerkannt wird. Und sie attestiert den Bischöfen verpasste Gelegenheiten, weil eben nicht vielfach unterdrückte Personengruppen beim Namen genannt werden. Demgegenüber fordert die Autorin eine synodale Kirche, die Unrecht und Exklusion beim Namen nennt – auf kreative und verantwortliche Weise.

Im Theologischen Forum greift Norbert Mette die aktuelle Frage nach der Synodalität der Kirche auf. Im historischen Rückblick rekurriert er auf Synoden bzw. Versammlungen mit synodalem Charakter der katholischen Kirche in Mitteleuropa in den 1960er- und 70er-Jahren. Deren gemeinsames Anliegen war, ausgehend von den Beschlüssen des Zweiten Vatikanischen Konzils die Verantwortung des ganzen Gottesvolkes für die Sendung der Kirche ernstzunehmen und Orientierungen und Wegmarken für eine zukunftsfähige Erneuerung des kirchlichen Lebens vor Ort zu finden. Der Beitrag erläutert, welche Wege dabei gewählt und welche Ergebnisse erzielt wurden.

Aus der Perspektive unterschiedlicher Disziplinen und Regionen wird in diesem Heft das Verhältnis von Macht, Herrschaft und Theologie reflektiert. Fragen werden aufgeworfen, Probleme aufgezeigt, Herausforderungen identifiziert. Für die Weiterbearbeitung sind Konkretisierungen und Vertiefungen nötig, die an unterschiedlichen Orten verschieden auszusehen haben. Zu diesen theologischen Reflexionen möchte das Heft ermuntern und einladen.

Anmerkungen

1 Vgl. Metz, Johann Baptist, Das Problem einer »politischen Theologie« und die Bestimmung der Kirche als Institution gesellschaftskritischer Freiheit, in: Concilium 4/1968, 403–411.
2 Ebd.

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