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Leseprobe 3 DOI: 10.14623/con.2020.2.196-205
Julie Hanlon Rubio
Männlichkeit und sexueller Missbrauch in der Kirche
Als katholische Laiin, die zusammen mit anderen Laien und Laiinnen Priester für den kirchlichen Dienst ausbildet, habe ich die jüngste Welle der Enthüllungen des sexuellen Missbrauchs durch Geistliche aus einem besonderen Blickwinkel erlebt. In der Woche, in der ich an der Jesuit School of Theology in Berkeley, Kalifornien, eintraf, um dort meinen neuen Job anzutreten, wurde der Bericht des Großen Geschworenengerichts von Pennsylvania veröffentlicht. Sechs Monate vorher, als ich zum Bewerbungsgespräch für den Job eingeladen wurde, hatte ich gerade einen Aufsatz über die Schnittstellen zwischen der #MeToo-Bewegung und der aufkommenden #ChurchToo-Bewegung vorgelegt. Das Jahr war geprägt von Ereignissen im Zusammenhang mit dem Skandal: dem ersten herzzerreißenden Gespräch bei unserem Fakultätsklausurtag im August, dem Tag der Klage und des Gebets an unserer Schule im September, einer sehr emotionalen Pfarrversammlung in einer örtlichen Kirchengemeinde, Vorträgen und Podiumsgesprächen an Universitäten im ganzen Land, der Veröffentlichung von Listen glaubhaft beschuldigter Jesuiten (einschließlich eines Priesters, der ein Kollege an der St. Louis University und seit meiner Kindheit ein enger Freund meiner Familie war). Es war ein schwieriges Jahr, um katholisch zu sein, selbst für diejenigen, die auf eine lange Geschichte ihrer komplizierten Beziehung mit der Kirche zurückblicken. Aber dieses Jahr hat mich auch der Priesterschaft näher gebracht als jemals zuvor in meinem Leben, und ich kann nicht leugnen, dass die jungen Scholastiker, die bald ordiniert werden, mich mit Hoffnung erfüllen.

In diesem Kontext von Verzweiflung und Hoffnung habe ich mich eingehender mit den Forschungen zum sexuellen Missbrauch von Geistlichen befasst, und mir wurde klar, dass allen populären Erklärungen die Gender-Analyse fehlte, die für das Verständnis des Missbrauchs und seiner Vertuschung unabdingbar ist. Die konservative Erzählung betont, dass Priester sich wieder der sexuellen Reinheit verpflichten müssen, um ihre Rolle als Väter oder Hirten besser wahrnehmen zu können. Die liberale Erzählung betont die problematische Natur des Zölibats und oft des Priestertums selbst. Die moderate Erzählung setzt auf Rechenschaftspflicht und Transparenz als Mittel gegen den Klerikalismus. Ich behaupte dagegen, dass für eine wirkliche Veränderung der Situation die Tatsache beachtet werden muss, dass der sexuelle Missbrauch durch Geistliche geschlechtsspezifisch ist. Deshalb muss verstanden werden, inwieweit problematische Männlichkeitsvorstellungen die Beziehungen von Zölibatären genauso deformieren wie die von Nicht-Zölibatären. Ich werde das Argument in drei Teilen durchgehen: das Geschlecht als Brille für das Verständnis sexueller Gewalt (I.), der sexuelle Missbrauch durch Geistliche in seiner untrennbaren Verbindung mit der Männlichkeit (II.) und die »Aufhebung der Männlichkeit« als Praxis des Widerstands gegen eine kirchliche Kultur, die Missbrauch ermöglicht (III.).

I. Das Geschlecht als Brille für das Verständnis sexueller Gewalt


Genderfragen, die Theoretiker und Theoretikerinnen seit den 1990er-Jahren beschäftigt haben, wurden erst in jüngster Zeit auch von einigen katholischen Theologen und Theologinnen aufgegriffen. Um den sexuellen Missbrauch von Geistlichen mit der Brille des Geschlechts zu betrachten, müssen die existierenden Analyselinien allerdings überschritten werden. Wie Judith Butler bemerkt, haben feministische Denkerinnen ursprünglich das biologische Geschlecht (männlich und weiblich: sex) von seinen sozialen Ausdrucksformen (maskulin und feminin: gender) unterschieden und sich vor allem auf die Gender-Diskriminierung konzentriert. Inzwischen aber steht »Gender« für eine körpergebundene Geschlechtsidentität mit einer komplexen Mischung aus biologischen, gesellschaftlichen und psychologischen Ursprüngen und unterschiedlichen Inszenierungen (performances). Geschlechtsspezifische Gewalt zielt indessen auf das breite Spektrum derer, die die Grenzen der Binarität überschreiten.1 Die katholische Tradition bemüht sich mittlerweile darum, hier aufzuholen.

Feministische Theologinnen gehen hier voran, indem sie Geschlechterideale kritisieren, die die Möglichkeiten von Frauen und ebenso von Männern einschränken; aber nur wenige haben sich mit den komplexeren Fragen der Gender-Theorie befasst. Die meisten befürworten eine stärkere Unterscheidung zwischen sex und gender, anerkennen das Vorhandensein unterschiedlicher sexueller Orientierungen und lehnen die Vorstellung der Komplementarität der Geschlechter sowie die des »weiblichen Genius« ab. Manche haben sich stark mit französischen postmodernen feministischen Theoretikerinnen beschäftigt, um sowohl an bleibenden weiblichen und männlichen Geschlechtsmerkmalen als auch an unterschiedlichen Ausdrucksformen der Geschlechtsidentität festhalten zu können. Womanistische, lateinamerikanische, afrikanische und asiatische Theologinnen gehen von den frühfeministischen Unterscheidungen zwischen sex und gender aus und bauen darauf auf. Sie verwenden den Gender-Begriff (zusammen mit Rasse, Klasse usw.), um eine Reihe von Sachverhalten zu analysieren. Breite Akzeptanz fanden die Überlegungen feministischer Theoretikerinnen zur (partiellen) gesellschaftlichen Konstruktion der Geschlechter, zum Verhältnis von Geschlecht und Macht sowie zum Sexismus und zur sexuellen Gewalt, die als Form der Machtausübung verstanden wird.

Allerdings sind die Gender-Theoretikerinnen und -Theoretiker sehr viel weiter gegangen. Vor über drei Jahrzehnten vertrat Judith Butler die Auffassung, dass Geschlecht nicht einfach ein gesellschaftliches Konstrukt ist, sondern die »stilisierte Wiederholung von Akten innerhalb eines Zeitraums« bzw. eine kulturspezifische Inszenierung (performance).2 Eine Frau oder ein Mann betritt eine weibliche oder männliche Identität wie ein Schauspieler eine Bühne betritt: mit einem Drehbuch, Requisiten, einem Regisseur, einem Stimmtrainer und einem Kostümbildner. Jeder Schauspieler interpretiert eine vorgegebene Rolle auf seine eigene Weise, aber »der geschlechtlich definierte Körper spielt seine Rolle in einem kulturell begrenzten Körperraum und inszeniert Interpretationen innerhalb der Grenzen bereits bestehender Richtlinien«3. In Das Unbehagen der Geschlechter löst Butler im Wesentlichen die Unterscheidung zwischen sex und gender auf, als sie erwägt, »möglicherweise ist das Geschlecht (sex) immer schon Geschlechtsidentität (gender) gewesen«, und behauptet, »der ›Leib‹ ist selbst eine Konstruktion«, wobei sie mit Begeisterung neue »Möglichkeiten der ›Handlung‹« feststellt.4 Wenn das Geschlecht einst als biologisch galt, aber, wie wir heute wissen, komplizierter zu bestimmen ist, dann wird die Geschlechtsidentität zur grundlegenderen Kategorie: Sie ist nicht einfach eine Ausdrucksform des Geschlechts, sondern eine Identität, die man praktiziert, verkörpert und immer wieder neu interpretiert.5

Das Verständnis der Geschlechtsidentität als einer ständigen Inszenierung (performance) scheint besonders bedeutsam zu sein, wenn sexuelle Gewalt und vor allem der sexuelle Missbrauch durch Geistliche untersucht werden sollen. Um dem Missbrauch etwas entgegensetzen zu können, müssen wir ihn zuerst als ein geschlechtsspezifisches Phänomen begreifen. Doch die meisten Analytiker der Krise sprechen überhaupt nicht vom Geschlecht.

II. Der sexuelle Missbrauch durch Geistliche in seiner untrennbaren Verbindung mit Männlichkeit

Oft verknüpfen diejenigen, die sich mit dem Problem des sexuellen Missbrauchs durch Geistliche befassen, das Thema mit ihren sonstigen Anliegen, indem sie die Homosexualität, die liberalisierenden Tendenzen der 1960er-Jahre, den Zölibat oder das Priestertum für den Missbrauch verantwortlich machen.6 Doch obwohl wir frustrierend wenige Daten zum sexuellen Missbrauch durch Kleriker besitzen, ist deutlich, dass es für die genannten Schuldzuweisungen keine Anhaltspunkte gibt. Denn sexueller Missbrauch, einschließlich des Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen, ist leider überall zu finden, nicht nur in den USA oder in Europa, sondern überall auf der Welt, insbesondere in Schulen, Familien und anderen Einrichtungen, wo Erwachsene Zugang zu Kindern haben. Unter Schwulen, Zölibatären oder Priestern ist die Wahrscheinlichkeit des Missbrauchs Minderjähriger keineswegs höher; die überwiegende Mehrheit der Missbrauchstäter besteht aus Heterosexuellen, Nichtzölibatären und Nichtpriestern.7 Über das Ausmaß und die Ursachen des sexuellen Missbrauchs in anderen Religionen als dem Katholizismus ist sehr wenig bekannt, aber die verfügbaren Daten deuten nicht darauf hin, dass Missbrauch in anderen religiösen Institutionen weniger verbreitet ist.8 Während in den 1960er-Jahren sowohl freizügigere Sitten als auch kriminelles Verhalten aller Art zunahmen, ist es schwierig, einen kausalen Zusammenhang herzustellen zwischen diesen umfassenden sozialen Veränderungen und dem relativ geringen Prozentsatz von Männern, die Minderjährige missbraucht haben – oder zu erklären, warum Frauen, die dasselbe Jahrzehnt durchlebten, dies nicht getan haben. Historisch gesehen ist es viel wahrscheinlicher, dass in früheren Zeiten Missbrauch unerkannt blieb und nicht gemeldet wurde, nicht aber, dass er seltener geschah.9 Weder die erwähnten konservativen noch die liberalen Theorien werden von der sozialwissenschaftlichen Literatur zu sexueller Gewalt gestützt.

Allerdings erlaubt diese Literatur selbst auch keine einfachen Schlüsse. Mit Blick auf den sexuellen Missbrauch lässt sich eher sagen, was nicht wahr ist, als was wahr ist. Die Expertin für Strafjustiz Karen Terry untersuchte mehrere unterschiedliche Erklärungsparadigmen für sexuelle Straftaten und kam zu dem Schluss, dass jedes Paradigma zwar einige Indizien für sich anführen kann, dass es jedoch schwierig ist, dem einen anstelle des anderen den Vorzug zu geben.10 Zudem beschränkt sich die Forschung hauptsächlich auf kleine Gruppen in psychiatrischen Einrichtungen oder Gefängnissen. Kein einzelner Faktor (auch nicht der, selbst missbraucht worden zu sein, oder von einer bestimmten Psychopathologie oder geistigen Erkrankung betroffen zu sein) kann das Verhalten vollständig erklären. Nur fünf Prozent der Täter können als Pädophile eingestuft werden. Alle Versuche, Faktoren zu benennen, die die Gruppe der Missbrauchstäter eindeutig umreißen könnten, waren erfolglos, so dass es nahezu unmöglich ist, diejenigen herauszufiltern, die wahrscheinlich irgendwann Missbrauch begehen werden.

Indessen ist ein Faktor überhaupt nicht kompliziert: Das Geschlecht ist der stärkste Indikator dafür, wer an Erwachsenen und Kindern sexuelle Gewalt ausüben wird. Daher ist es wichtig zu verstehen, warum Männer Missbrauch begehen und inwiefern Missbrauch geschlechtsspezifisch ist.11 Feministische Wissenschaftlerinnen, unter ihnen auch Theologinnen, haben sexuelle Gewalt seit Langem als Teil eines Netzes aus Sexismus verstanden, das Männer stärkt und Frauen entmachtet – auch diejenigen, die weder Täter noch Opfer sind. Diese Wissenschaftlerinnen verstehen Vergewaltigung in erster Linie als einen Machtakt und nicht als Sex. Und mit Sicherheit spielt Macht bei der sexuellen Gewalt eine wesentliche Rolle, da beispielsweise die Handlungen, die im Bericht des Großen Geschworenengerichts von Pennsylvania enthüllt wurden, kaum etwas mit der sexuellen Sprache der Gegenseitigkeit und Intimität zu tun haben, sondern mit Verletzung und Kontrolle. Die Täter sagen nicht »Ich gebe mich dir so hin, wie ich bin« oder »Ich empfange dich und habe dich gern«, sondern »Ich verlange, dass du mir das machst« oder »Ich mache das mit dir, weil ich es kann, ob du willst oder nicht«. Dies ist Macht, die in sexuellen Handlungen zum Ausdruck kommt und durch sie aufgezwungen wird.

Dennoch dürfte Macht allein ebenfalls eine zu einfache Erklärung sein, insbesondere wenn man Männlichkeit als Inszenierung des Geschlechts versteht, die durch wiederholte Handlungen hergestellt wird. Anne Cossins zeigt, wie dieser Rahmen helfen kann, die Selbstaussagen von Sexualstraftätern auf eine Weise zu verstehen, an die die meisten Studien, die sich auf individuelle Merkmale konzentrieren, einfach nicht herankommen.12 Sie arbeitet mit einer Theorie von Macht und Machtlosigkeit, um zu zeigen, dass Täter von sexuellem Kindesmissbrauch häufig Macht über gefährdete Jugendliche oder Kinder suchen, um ihre Männlichkeit zu inszenieren, da ihnen andere Wege verschlossen sind.13 Diese Theorie steht einerseits im Einklang mit der Erkenntnis, dass Männer, die ihre Männlichkeit bedroht sehen, eher zu sexueller Gewalt neigen, und andererseits mit Studien, die zeigen, wie Männer in Machtpositionen ihre Ansprüche auf dem Wege der sexuellen Dominanz durchsetzen.14

Stellt man die Männlichkeit ins Zentrum der Aufmerksamkeit, wird es möglich, feministische Theorien über die strukturellen Ursachen von Gewalt mit pastoralen Studien zu kombinieren, die Missbrauch mit mangelhafter psychosexueller Integration, Stress, unterentwickelter Fähigkeit zum Setzen zwischenmenschlicher Grenzen und mit einem Mangel an menschlicher Nähe in Verbindung bringen.15 Damit wird es möglich zu fragen: Warum sind männliche Straftäter gestresst, ohne Näheerfahrungen und ohne Unterstützung? Warum fällt es ihnen schwer, Grenzen zu setzen? Warum begehen Frauen, die möglicherweise auch isoliert oder gestresst sind, nur selten sexuellen Missbrauch? Inwiefern könnten Geistliche besonders gefährdet sein – nicht nur als Seelsorger, sondern auch als Männer?16 Ihre Männlichkeit ist verbunden mit einem männlichen Erlöser und mit einem Gott, der zumeist ebenfalls männlich gedacht wird, worin zugleich die Rechtfertigung dafür besteht, dass sie die Macht innehaben, zu predigen, zu präsidieren und zu entscheiden. Dennoch können viele ihrer täglichen Aufgaben als weiblich wahrgenommen werden, und zugleich sollen sie sich sexueller Aktivitäten enthalten, deren Ausübung für die Männlichkeit der meisten Männer von zentraler Bedeutung ist. Könnte sexueller Missbrauch durch Geistliche eine extreme Art und Weise sein, ihre Männlichkeit aus Räumen wahrgenommener Ohnmacht und übermäßiger Ansprüche herauszuführen?

Die Brille der Männlichkeit kann hilfreich sein, auch wenn der sexuelle Missbrauch durch Kleriker in der Mehrzahl der Fälle gleichgeschlechtlicher Missbrauch ist. Bei sexueller Gewalt zwischen Männern und Frauen sind männliche Macht und Privilegien (wie auch die Kehrseite: der von Frauen verinnerlichte Druck, nachzugeben und zu schweigen) von zentraler Bedeutung. Diese Art von Dynamik kann aber auch in Begegnungen zwischen gleichgeschlechtlichen Erwachsenen auftreten. Und auch der Missbrauch eines Kindes durch einen Erwachsenen – egal, ob gleich- oder verschiedengeschlechtlich – unterliegt einem ähnlichen Geschlechtergefälle, weil die kulturellen Skripte der Männlichkeit über die Vorstellungskraft auf eine Weise Macht ausüben, die das biologische Geschlecht transzendiert. Weil Kinder und Jugendliche als weiblicher wahrgenommen werden, da sie weniger mächtig sind und es weniger wahrscheinlich ist, dass sie ihre sexuellen Wünsche artikulieren, wird der Sex mit ihnen paradoxerweise zu einem Mittel, Männlichkeit zu verwirklichen – unabhängig von deren Geschlecht.17

Die Ausübung von Männlichkeit muss nichts Unheimliches sein. Untersuchungen zu sexuellem Missbrauch zeigen, dass Geistliche Vertrauen, Zugänglichkeit und moralische Schuldlosigkeit ausstrahlen, die es ihnen ermöglichen, Grenzverletzungen an Frauen in ihren Gemeinden zu begehen.18 Diana Garland ist der Auffassung, dass selbst in »einvernehmlichen« Beziehungen zwischen männlichen Geistlichen und erwachsenen Frauen sexuelle Aktivitäten niemals als »Affäre« bezeichnet werden sollten, da Menschen mit Autorität über andere ihre Macht immer missbrauchen, wenn sie sexuelle Grenzen überschreiten. Bei ihren umfangreichen Forschungen stellte Garland fest, dass sexuelles Fehlverhalten von Geistlichen alltäglich ist. Die Täter sind von ihrer privilegierten Stellung so geblendet, dass sie nicht fähig sind, Mitgefühl für ihre Opfer zu empfinden; sie erwarten vielmehr, dass ihnen Ehrerbietung zusteht. Die Opfer wiederum erweisen ihnen den Respekt, den sie ihnen zu schulden glauben, und sind nicht in der Lage, kritisch beurteilen, was ihnen angetan wird.

Diese Forschungen zum Missbrauch in einvernehmlichen Beziehungen gelten in katholischen Kontexten als weniger relevant, und so fragen neuere Studien nicht nach den erwachsenen Opfern, von denen viele wahrscheinlich weiblich sind. Weltweit dürfte aber der sexuelle Missbrauch durch Geistliche durchaus einen größeren Anteil von Frauen betreffen, wie die jüngsten Anschuldigungen von Ordensfrauen in Indien, Vietnam und den Philippinen zeigen. In all diesen Kontexten wird Männlichkeit eher mittels fürsorglicher Annäherung und Überzeugung als mit roher Gewalt ausgeübt.

Auch die Vertuschung von Missbrauch kann als geschlechtsspezifische Handlung verstanden werden. Wenn männliche Geistliche die Geheimhaltung der Enthüllung vorziehen, schützen sie männliche Wissens- und Machträume. Frederic Martels jüngstes Buch, das den Anspruch hat, schwule sexuelle Aktivitäten im Vatikan zu enthüllen, mag anzüglich sein und harte Beweise vermissen lassen, doch die meisten Rezensenten fanden es schwierig, seiner Darstellung der Netzwerke zu widersprechen, die die sexuellen Geheimnisse der Männer dort im Verborgenen halten, um ihre Machtstellung zu schützen.19 Mehr noch: Obwohl alle Bischöfe der USA in den 1980er-Jahren über das Problem des sexuellen Missbrauchs durch Geistliche informiert waren und sich den Grundsätzen in der Charta zum Schutz von Kindern und Jugendlichen, die die US-amerikanische Bischofskonferenz 1989 verabschiedet hatte, verpflichtet fühlten, stellte der John-Jay-Bericht fest, dass die Umsetzung der neuen Regeln widersprüchlich war, weil die Bischöfe sich entschlossen zeigten, alle Informationen streng zu kontrollieren. 20 Obwohl sich die Situation seit dem in Dallas im Jahr 2002 festgelegten Regelwerk verbessert hat, sind laut der Whistleblowerin und Kirchenrechtlerin Jennifer Haselberger Rechenschaftspflicht und Transparenz alles andere als normativ, da männliche Geistliche nicht bereit waren, anderen Macht abzugeben. 21 So wie Netzwerke in Unterhaltung, Sport und Politik es Männern ermöglichen, männliche Macht und Privilegien zu schützen und gleichzeitig Kolleginnen zu benachteiligen, schützen die kirchlichen Netzwerke Männer, die sowohl Minderjährige als auch Erwachsene missbrauchen.

III. Die »Aufhebung« des Geschlechts als Praxis des Widerstands


So wichtig das Drängen auf Rechenschaft und Transparenz als Antwort auf Missbrauch und Vertuschung sein mag, so deutlich legt eine komplexe Geschlechteranalyse nahe, dass eine Änderung der Politik allein nicht ausreicht. In Undoing Gender antwortet Butler ihren Kritikerinnen, die befürchten, dass die Gender-Theorie keine ausreichende Grundlage für den gesellschaftlichen Wandel bietet, mit dem Hinweis, dass das Schreiben einer disruptiven Gender-Theorie ein politischer Akt ist, der durchaus dem Ziel des Feminismus, einer »gesellschaftlichen Transformation der Geschlechterverhältnisse«22, entspricht. Um Veränderungen herbeizuführen, müssen Überlebensfragen gestellt werden (z. B. »Wessen Leben wird als Leben gezählt? Wessen Vorrecht ist es zu leben?«). Anstatt neue Geschlechtsnormen zu definieren, die angestrebt werden sollen, bietet sie das Beispiel von Drag-Shows als politischen Handlungen an, die das Geschlecht »aufheben«, indem sie uns zeigen, »wie die gegenwärtigen Vorstellungen von Realität in Frage gestellt und neue Realitätsmodi eingeführt werden können«23.

Was könnte es bedeuten, die Männlichkeit in den katholischen Reaktionen auf den Missbrauch durch Geistliche »aufzuheben«? Jede Art der »Aufhebung« verlangt Veränderung bei den Einzelnen und in den Gemeinschaften, in ihrer Sicht auf sich selbst und ihren Wünschen. In diesem Sinne scheint Papst Franziskus richtig zu liegen, wenn er meint, der Skandal rufe zur Bekehrung auf und man müsse das Augenmerk auf den Klerikalismus richten. Aber im Klerikalismus einfach den Klerus zu sehen, der Macht und Privilegien gegenüber Laien hat, übersieht einen entscheidenden Teil des Problems. Der Klerikalismus kann zu einer »dysfunktionalen menschlichen Gestalt führen, die Narzissmus, Elitismus, Anspruchsdenken, Arroganz und einen Mangel an Gespür für Grenzen begünstigt «24. Eine Seminarausbildung, die die werdenden Priester darauf vorbereitet, sich überlegen zu fühlen, ist eindeutig problematisch. Aber können wir den Klerikalismus effektiv behandeln, ohne die zukünftigen Priester mit der Gender-Theorie zu konfrontieren, die ihnen helfen kann zu sehen, wie die kulturellen Erwartungen in Bezug auf Männlichkeit ihnen ein Anspruchsdenken einimpfen, das ihnen erlaubt, Raum für sich zu fordern, Rücksprache zu halten, Verantwortung zu übernehmen usw.? Neuere Studien zu wirksamer Programmierung legen den Schluss nahe, dass Erziehung zur Gewaltlosigkeit nicht ausreichend ist. Stattdessen brauchen Männer Hilfe dabei, ihre eigenen Anstrengungen bei der Ausübung ihrer Männlichkeit als potenziell schädlich zu erkennen. 25

Auch die Arbeit der feministischen Wissenschaftlerin Sarah Ahmed darüber, wie Gender in institutionellen Kulturen funktioniert, kann für das Geschlecht wichtig sein, denn die Geschlechtsidentität kann nicht einfach von unten her »aufgehoben« werden. Ahmeds Figur der »feministischen Spielverderberin« deutet auf die Rolle der feministischen Aktivistin als Anwältin der Wahrheit hin. Für Ahmed besteht die Arbeit des Feminismus darin, die Welt anders zu sehen, »sich in geheime Orte des Schmerzes zu wagen, […] zu verlernen, was wir zu übersehen gelernt haben«. Dies mag störend sein, aber »[w]ir müssen diese Arbeit machen, wenn wir kritische Verständnisweisen gewinnen wollen, wie Gewalt als Verbindung von Zwang und Schädigung auf manche Körper zielt, aber nicht auf andere«, und, so könnte ich hinzufügen, wie Gewalt von manchen Körpern ausgeübt wird und von anderen nicht.26 Auch in der Kirche verlangt der Widerstand gegen Gewalt sowohl persönliches als auch gemeinschaftliches Ringen mit der Komplexität der Männlichkeit sowie eine kritische Auseinandersetzung mit sozialen Strukturen, die Frauen, Kinder und Jugendliche besonders verletzlich machen. Wir müssen kreative Wege finden, um den Einfluss toxischer Männlichkeit in den katholischen Einrichtungen zu brechen.

IV. Fazit: Aus dem Herzen des Seminars

Ich habe diesen Essay begonnen mit einigen Worten über den Kontext, der meine neue Heimat ist: über die Jesuit School of Theology, eine Ausbildungsstätte für Theologie und pastoralen Dienst. Jeden Tag bin ich im Klassenzimmer und in der Kapelle, bei Tisch und an der Bar zusammen mit gegenwärtigen und zukünftigen Priestern, Schwestern, Laien und Laiinnen. Hier steht außerordentlich viel auf dem Spiel – weil die Pfarrer die Missbrauchstäter und die Hüter des Schweigens waren und sind, und weil meinen Studenten und Studentinnen die Kirche sehr am Herzen liegt und diese Krise sie tief getroffen hat. Wie andere klagten wir, hörten Experten zu und boten pastorales Fachwissen an. Aber die wichtigste Arbeit hat gerade erst begonnen und wird die Grenzen unserer Schule auf die Probe stellen. Wie in einem ignatianischen »Examen« fragen wir uns: Wo sind wir mitschuldig am Klerikalismus? Wo haben wir ihn infrage gestellt?27 In offenen Diskussionen, in Einzelinterviews, als Fakultät, Belegschaft, Studentinnen und Studenten stellen wir diese Fragen. Und wenn wir ehrlich sind, führt uns unsere Analyse zur Geschlechterproblematik. Wir ringen mit der Realität, dass Männer die Haupttäter und Ermöglicher sexueller Gewalt sind, und so müssen wir uns fragen, wie Männlichkeit an unserer Schule inszeniert wird, wie die geschlechtsspezifischen Praktiken, die für unsere Organisation, für die akademischen Programme, das soziale Leben und die Rituale von zentraler Bedeutung sind, ausgerichtet sind, wie Macht und Ohnmacht erlebt und gezeigt werden, wie Männlichkeit »aufgehoben« und neu gedacht werden kann. Es wird nicht einfach. Es ist hart, die dunkle Unterseite von Dingen ans Licht zu holen, die eine lange Geschichte haben und nicht leicht zu erkennen sind, aber vielen in unserer Gemeinde wahrscheinlich viel bedeuten. Doch wenn der Skandal aufgelöst werden soll, ist es unvermeidlich, die spielverderberischen Fragen zu Männlichkeit und sexueller Gewalt in der Kirche zu stellen.


Anmerkungen

1 Judith Butler, Undoing Gender, New York 2004, 6–7 (deutsche Ausgabe: Die Macht der Geschlechternormen und die Grenzen des Menschlichen, Frankfurt am Main 2009).
2 Judith Butler, Performative Acts and Gender Constitution: An Essay in Phenomenology and Feminist Theory, in: Theatre Journal 40 (1988/4), 519–531.
3 Ebd., 526.
4 Judith Butler, Das Unbehagen der Geschlechter, Frankfurt am Main 1991, 24, 26, 215 (Original: Gender Trouble, New York 1990). Vgl. auch Katie Grimes, Butler Interprets Aquinas: How to Speak Thomistically about Sex, in: Journal of Religious Ethics 42 (2014/2), 187–215.
5 Judith Butler ist die einflussreichste Vertreterin der Gender-Theorie, doch ihre These»alles am Geschlecht ist Inszenierung« wird von manchen in Frage gestellt, vgl. Julia Serano, Performance Piece, in: Kate Bornstein – S. Bear Bergman (Hg.), Gender Outlaws: The Next Generation, Berkeley 2010, 85–88.
6 Siehe z. B. Benedikt XVI., Die Kirche und der Skandal des sexuellen Missbrauchs, in: CNA Deutsch, 10. April 2019, unter: https://de.catholicnewsagency.com/story/die-kirche-und-der-skandal-des-sexuellen-missbrauchs-von-papst-benedikt-xvi-4498, und Robert Orsi, The Study of Religion on the Other Side of Disgust, in: Harvard Divinity Bulletin 47 (2019/1–2), unter: https://bulletin.hds.harvard.edu/articles/springsummer2019/the-study-of-religion-on-the-other-side-disgust/.
7 Karen J. Terry, Sexual Offenses and Offenders: Theory, Practice, and Policy, Belmont, CA, Neuausgabe 2013.
8 Ebd., 168–72.
9 So war z. B. im frühen 20. Jahrhundert Sex mit Mädchen von 16 Jahren und darunter für erwachsene Männer durchaus gängig. Das Recht der Kinder auf körperliche Selbstbestimmung wurde erst in jüngster Zeit durchgesetzt. Vgl. Anne Cossins, Masculinities, Sexualities, and Child Sexual Abuse, New York 2000.
10 Terry, Sexual Offenses and Offenders.
11 Cossins, Masculinities, 91. Demzufolge sind 90 bis 95 Prozent der Täter sexuellen Missbrauchs männlich.
12 Ebd., 91.
13 Ebd., 127.
14 Christine Ricardo – Gary Barker, Men, Masculinities, Sexual Exploitation, and Sexual Violence: A Literature Review and Call for Action, 2008, unter: https://promundoglobal.org/wp-content/uploads/2015/01/Men-Masculinities-Sexual-Exploitation-and-Sexual-Violence.pdf.
15 Gerdenio Sonny Manuel SJ, Living Celibacy: Healthy Pathways for Priests, Mahwah 2012.
16 Cossins, Masculinities, 204–205.
17 Ebd., 127–131. Vgl. auch Ricardo – Barker, Men, Masculinities, 23, 29–32, zur Häufigkeit des gleichgeschlechtlichen Missbrauchs durch Männer, die sich als heterosexuell identifizieren, wenn der Zugang zu Frauen eingeschränkt ist (z. B. in Familien, religiösen Einrichtungen, Schulen, Gefängnissen und beim Militär).
18 Diana Garland, »Don’t Call It an Affair«: Understanding and Preventing Clergy Sexual Misconduct with Adults, in: Claire M. Renzetti – Sandra Yocum (Hg.), Clergy Sexual Abuse: Social Science Perspectives, Boston 2013, 118–143.
19 Frederic Martel, Sodom. Macht, Homosexualität und Doppelmoral im Vatikan, Frankfurt am Main 2019.
20 John Jay College Research Team, The Causes and Contexts of Sexual Abuse of Minors by Catholic Priests in the United States. 1950–2010, Washington, D. C. 2011, 119. Die Charta ist online zugänglich unter www.usccb.org/issues-and-action/child-and-youthprotection/charter.cfm/.
21 Jennifer Haselberger bei einer Diskussion an der Santa Clara University, Santa Clara, CA, in Reaktion auf Peter Steinfels, 7. Mai 2019.
22 Butler, Undoing Gender, 204.
23 Ebd., 205–206, 216–217.
24 Gerald D. Coleman, Seminary Formation in Light of the Sexual Abuse Crisis, in: Thomas G. Plante – Kathleen L. McChesney (Hg.), Sexual Abuse in the Catholic Church: A Decade in Crisis. 2002–2012, Santa Barbara, CA 2011, 216.
25 Ricardo – Barker, Men, Masculinities, 36–38. Die Bemühungen, Priestern dabei zu helfen, kritisch über ihre eigene Gender-Performance nachzudenken, kommen nicht voran ohne Offenheit über ihre sexuelle Präferenz. Der Psychologe T. Plante geht davon aus, dass 25 bis 40 Prozent aller Priester schwul sind, auch wenn ihre Wahrscheinlichkeit, Missbrauch zu begehen, nicht höher ist als die anderer Männer. Weil aber bei den meisten Befragungen die sexuelle Präferenz kein Thema ist, kommt es nicht zu ehrlichen Gesprächen über die menschliche Gestaltung von Sexualität, und damit ist auch das Aufbrechen von gegenseitigem Schutzverhalten in In-Groups nicht möglich. ThomasG. Plante, Psychological Screening of Clergy Applicants, in: Plante –McChesney (Hg.), Sexual Abuse in the Catholic Church, 200–201.
26 Sara Ahmed, Feminism Hurt/Feminism Hurts, 21. Juli 2014, unter: https://feministkilljoys.com/2014/07/21/feminist-hurtfeminism-hurts/?fbclid=IwAR2gAa3ktIRWGM op8ap2_zwoIKacaQMDFnASQo4DkT-gzTv-gXRlLcSfO6c.
27 In der ignatianischen Spiritualität ist das »Examen« eine Methode der Reflexionüber das tägliche Leben mit Aufmerksamkeit für Gottes Gegenwart und Führung. Institutionelle»Examen« laden zu Reflexionen auf der Makro-Ebene ein. Anm. d. Ü.: Im deutschen Sprachraum hat sich für die Pastoral seit den 1980er-Jahren nach einem Buchtitel von Willi Lambert SJ der Begriff »Gebet der liebenden Aufmerksamkeit« für »Examen« durchgesetzt (mit Dank an den Schweizer Provinzial Christian M. Rutishauser SJ).

Aus dem Englischen übersetzt von Norbert Reck

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