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Leseprobe 2 DOI: 10.14623/con.2020.2.126-136
Manuel Villalobos Mendoza
Abgelegte Maskulinität: Markus 14,51–52 in einer Lesart »del otro lado«
I. Einleitung

Für einen Bibelwissenschaftler ist es heute geradezu eine Verpflichtung, sich im Sinne einer sozialen Verortung im biblischen Bereich zu ›outen‹. Was mich betrifft, habe ich der Versuchung widerstanden, mich als Latino oder Hispanic zu beschreiben, weil beide Begriffe nicht eindeutig sind. Deswegen habe ich eine Hermeneutik entworfen, die vielleicht geeignet ist, sowohl meine »Andersheit« als auch meine mir aufgrund meiner Race, meiner ökonomischen Situation und meiner sexuellen Orientierung verweigerte Existenz zu berücksichtigen. In Mexiko werden Menschen, die von heteronormativen Praktiken abweichen und nicht zur korrekten Performance im Rahmen einer »toxischen Maskulinität« imstande sind, gnadenlos in die Nichtexistenz von el otro lado (»der anderen Seite«) verbannt. Folgerichtig bezeichne ich meine Hermeneutik als Hermeneutik del otro lado.

Ich habe bereits an anderer Stelle erläutert, inwiefern diese Hermeneutik del otro lado bevorzugt Fragen und Stimmen der Andersheit, Maskulinität, Marginalität, des Gender, der Sexualität, sexuellen Orientierung, Ethnizität, Ökonomie und der Grenzgebiete im biblischen Text und in meiner Bibelinterpretation behandelt. Einige dieser Aspekte werden auch in meiner Auseinandersetzung mit Markus 14,51–52 zum Tragen kommen, wo der Verfasser eine sehr ungewöhnliche Szene beschreibt, die sich während der Verhaftung Jesu zuträgt:

Ein junger Mann aber, der nur mit einem leinenen Tuch bekleidet war, wollte ihm nachfolgen. Da packten sie ihn; er aber ließ das Tuch fallen und lief nackt davon.

Im vorliegenden Beitrag befasse ich mich in erster Linie damit, wie Markus diesen jungen Mann unseren Blicken aussetzt und ihn in einem gefährlichen Bereich mit rivalisierenden Maskulinitätsbegriffen platziert. Es geht mir hier nicht darum, die Historizität des Textes zu überprüfen. Für meine Interpretation del otro lado ist es nicht von Belang, ob dieser junge Mann eine historische Person oder eine Erfindung des Verfassers war. Ich frage im vorliegenden Beitrag danach, inwiefern die textliche Konstruktion der Maskulinität dieses jungen Mannes womöglich andere textliche Konstruktionen von Maskulinität in der griechisch-römischen Kultur des ersten Jahrhunderts – der Entstehungszeit des Markusevangeliums – herausfordert. Daher verwende ich die Kategorien ›viril‹ und ›effeminiert‹ so, wie man sie in der griechisch-römischen Kultur des ersten Jahrhunderts verstanden hat. Diese Kategorien spiegeln nicht unbedingt unser eigenes, heutiges Maskulinitätsverständnis wider.

Was es bedeutete, ein »echter Mann« (verus vir) zu sein, wurde in der Antike (wie heute?) vor allem über das Machtverhältnis zwischen Penetrator und Penetriertem definiert. Ein »echter Mann« war derjenige, der einen anderen Körper – den Körper einer Frau, eines Knaben, eines »effeminierten« Mannes oder eines Sklaven – penetrierte. Damit war die Rolle der Maskulinität einfach und klar abgegrenzt: Sie bestand darin, den anderen zu penetrieren und selbst niemals penetriert zu werden. In diesem Kampf um Macht und Herrschaft sahen die Römer sich selbst als die »unpenetrierbaren Penetratoren«; und die anderen waren schlicht das Gegenteil: die Beschämten, Verworfenen und der effeminierte Körper.

Wenn dies die Regeln waren, die in der antiken Welt über Maskulinität und darüber entschieden, ob man »ein echter Mann« war, dann frage ich mich, warum in Markus 14,51 ein junger Mann beschrieben wird, der mitten in der Nacht nackt davonläuft. Ist dies das Verhalten, das man von einem verus vir erwartet, wie Markus’ griechisch-römischer Kontext ihn konstruiert? In welcher Beziehung steht dieser junge Mann zu Jesus? Stellt Markus’ Gemeinde den Maskulinitätsbegriff ihrer Umgebungsgesellschaft auf den Kopf oder definiert sie ihn neu? Was könnte das für uns und insbesondere für alle diejenigen bedeuten, die unter einer »toxischen Maskulinität« zu leiden hatten? Das sind einige der Fragen, mit denen ich mich im vorliegenden Beitrag beschäftigen werde.

II. Jung und schön? Maskulinität in Gefahr!


Markus beschreibt ihn als neaniskos, als jungen Mann. Der Begriff kommt ein weiteres Mal in Markus 16,5 vor: Dort erscheint der junge Mann in einem langen weißen Gewand und erklärt den Frauen, weshalb in Jesu Grab kein Leichnam liegt. Interessanterweise war die Forschung so versessen darauf, die historische Identität dieses rätselhaften nackten jungen Mannes zu enthüllen, dass sie den Fragen der Maskulinität – die von meinem Standpunkt einer Hermeneutik del otro lado betrachtet so naheliegend und so vielversprechend sind – nur wenig Aufmerksamkeit geschenkt hat. Die Bibelwissenschaft bietet eine ganze Palette von Interpretationen zu diesem jungen Mann:

»Manche halten ihn für eine reale historische Person, einen von Jesu eigenen Jüngern (Johannes, den Sohn des Zebedäus, den Herrenbruder Jakobus oder Johannes Marcus, der mit dem Evangelisten selbst gleichgesetzt wird) oder einen neugierigen Nachbarn, der aus dem Schlaf gerissen und in das Durcheinander rund um die Verhaftung hineingezogen wurde. Andere halten den ›nackten Mann‹ für einen Engel (vgl. 16,5), ein Symbol für Jesus selbst oder sogar ein Symbol für den Christen, der sich der Taufinitiation unterzieht.«

Die Identität des neaniskos ist – und bleibt wahrscheinlich – ein ungelöstes Rätsel. Und doch lädt Markus uns ein, auf diesen jungen, nackten Körper zu blicken, und fordert uns heraus, darüber nachzudenken, ob man ihn als einen verus vir betrachten kann oder als devianten effeminatus klassifizieren muss. So kurz er ist, enthält der Text doch einige Ansatzpunkte für diese Frage – vor allem dann, wenn man ihn vor dem Hintergrund der Maskulinitätskonstruktionen anderer antiker Texte liest.

Griechische Autoren verwenden den Begriff neaniskos, um einen Mann in der Blüte seiner Vitalität und Jugendkraft zu beschreiben. Das Wort neaniskos ist eine flexible Kategorie, die sich auf einen jungen Mann im Alter von 24 bis 40 Jahren beziehen konnte. Ein neaniskos zu sein, war (ist?) für die veri viri nicht einfach, denn es war durchaus möglich, dass sie ihre Virilität verloren und aufgrund ihrer emotionalen Instabilität an unmännlicher Effemination und anderen Formen eines »weibischen« Verhaltens erkrankten. Junge Männer, die manchen Beschreibungen zufolge vital und schön sind und vor Sex-Appeal nur so strotzen, können von älteren Männern ebenso gut als willfährig, lüstern, gierig, sexbesessen und emotional instabil wahrgenommen werden. In den Augen von Moralisten, Philosophen und Rhetoren sind solche Eigenschaften und Verhaltensweisen für Männer ungehörig und machen die jungen Männer »effeminiert«: [...]


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