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Zu diesem Heft DOI: 10.14623/con.2020.2.101-104
Susan Abraham / Geraldo Luiz De Mori / Stefanie Knauss
Maskulinitäten
Theologische und religiöse Aufgaben
In der gegenwärtigen politischen Situation ist es wichtig, über Männlichkeiten nachzudenken und dabei auf die besonderen Ressourcen der Theologie zurückzugreifen: Starke Männer dominieren die politische Bühne in einer Reihe von Ländern, im Osten ebenso wie im Westen und im Süden; die Bewegungen #MeToo und #ChurchToo haben den zum Schweigen gebrachten Opfern des sexuellen Missbrauchs, der hauptsächlich von Männern begangen wird, eine Stimme gegeben; Industrie- und Finanzunternehmen werden in überwältigendem Maße von Männern geführt, die damit auch die finanziellen, ökologischen und gesellschaftlichen Ressourcen kontrollieren. Traditionelle Geschlechterrollen prägen nach wie vor das Leben von Männern in erheblichem Maße: Etwa ein Drittel der jungen Väter nimmt, wo dies möglich ist, Vaterschaftsurlaub, aber die Quote ist in den letzten Jahren gleich geblieben oder sogar wieder gesunken, und insgesamt verbringen Männer immer noch weniger Zeit mit Pflegearbeit oder Aufgaben im Haushalt.1 Zugleich aber sehen wir auch allmählich ein breiteres Spektrum sozial akzeptierter Ausdrucksformen von Männlichkeit. Für Männer, die dabei sind, ihre geschlechtsspezifische Subjektivität auszuhandeln, ist der egozentrische aggressive Alpha-Mann ein verfügbares Modell, ebenso aber auch der emotional integrierte Mann, der heterosexuelle Bursche, der auf unkomplizierten Sex aus ist, der schwule Mann, der in einer monogamen Beziehung lebt, sowie jede andere Kombination von Merkmalen, die sich in die Gender-Performance eines Individuums einfügen lassen. Ezra Chitandos Beitrag über Formen von Sexualität und Männlichkeit im afrikanischen Kontext veranschaulicht diese Vielzahl von prägenden Diskursen – in seinem Fall von afrikanischen Traditionen, Christentum und Islam. Während westliche Vorstellungen von Männlichkeit das Imaginäre überall auf der Welt dominieren, sind sie natürlich nicht die einzigen Modelle, die regional oder lokal verfügbar sind2, wie Angélica Otazú in ihrer Analyse des Geschlechtersystems der Guarani, eines indigenen Volkes in der Region Río de la Plata, zeigt.

Daran wird bereits deutlich, dass die Diskurse über Männlichkeit vielfältig und widersprüchlich sind und dass selbst ein idealisiertes Bild von »hegemonialer Männlichkeit« (Raewyn Connell) in einem bestimmten sozialen Kontext schwer eindeutig zu definieren ist – daher der Plural »Maskulinitäten« im Titel dieses Hefts. Zudem enthält jedes hegemoniale Ideal von Männlichkeit auch interne Inkohärenzen und Widersprüche: Der Mann mit der Waffe scheint ultimativer Ausdruck von männlicher Vormachtstellung zu sein, doch wie Connell in diesem Heft darlegt, hat ein Mann, wenn er eine Waffe braucht, um seine männliche Machtposition zu verteidigen, eigentlich keine Legitimität.

Männlichkeitsstudien zeigen, dass es nicht hilfreich ist, von einer simplen Binarität von Männern und Frauen auszugehen, auch wenn ihr oft schwer zu entkommen ist: Selbst vermeintlich weniger toxische Ideale von Männlichkeit können letztendlich problematische essenzielle Stereotypen verstärken. Schließlich erweisen auch sie sich als von patriarchalischen Hierarchien geprägt, solange etwa Emotionalität umgehend mit Weiblichkeit assoziiert wird. Auch wenn Emotionalität in die männliche Identität integriert wird, macht sie einen Mann »weiblicher« (oder sogar »effeminiert«), anstatt einfach als eines der vielen Elemente angesehen zu werden, die eine Spielart von Männlichkeit ausmachen können. Der fortgesetzte Kampf gegen die allzu einfachen Annahmen eines binären Essenzialismus zeigt sich auch in jenen Beiträgen in diesem Heft, wo sich die Autoren und Autorinnen über den prägenden Einfluss gesellschaftlicher Diskurse über Männlichkeiten einig sind.

Die kritische Erforschung von Männlichkeitsformen muss daher berücksichtigen, dass Geschlechter-Vorstellungen in komplexen Machtanordnungen und umfassenderen sozialen Herrschaftssystemen (Patriarchat, weiße Vorherrschaft, Kolonialismus, Heteronormativität u. a.) zirkulieren und miteinander zusammenhängen. Dies betrifft Personen, die ihre männliche Identität hinsichtlich Macht oder Ohnmacht inmitten dieser »ineinandergreifenden Herrschaftssysteme « erfahren, wie Vincent Lloyd in seiner Analyse der Autobiografie des Anführers einer schwarzen Bande, Stanley Tookie Williams, schreibt, worin dieser seine Kämpfe um Männlichkeit und Vaterschaft in einem rassistischen System nachzeichnet. Aber es prägt auch die soziale und politische Dynamik: Shyam Pakhare schreibt aus der Perspektive der Postkolonialität und erörtert einerseits, wie Vorstellungen von »muskulöser Männlichkeit«, die beim westlichchristlichen Kolonialherrn zum Tragen kommen, die Kolonialmacht in Indien aufrechterhalten, und andererseits, welche Rolle die alternativen Männlichkeitsmodelle, die auf dem Hinduismus basieren und auf die Gandhi zurückgriff, beim Kampf um die indische Unabhängigkeit spielten. Mit Blick auf die Gegenwart untersucht Nicholas Denysenko, wie religiöse Diskurse von männlicher Überlegenheit und weiblicher (oder feminisierter männlicher) Unterordnung mit der Politik der Putin-Regierung und ihrer Legitimierung und Stabilisierung des russischen Imperialismus verwoben sind.

Welchen Beitrag kann die religiöse und theologische Analyse in dieser Situation leisten? Wie kann ein theologischer Blick auf historische und gegenwärtige Männlichkeitskonstruktionen helfen, Beziehungen auf der Mikro- und Makroebene zu schaffen, die es den Einzelnen ermöglichen, in einem Kontext von Gleichheit und Gerechtigkeit zu gedeihen? Kann Galater 3,28 mit seiner Vision einer endgültigen Einheit im Leib Christi, wonach gesellschaftliche Unterscheidungen zwischen Geschlecht, ethnischer Zugehörigkeit und Status keine Rolle mehr spielen, ein Leitfaden sein, wenn wir theologisch über Männlichkeitsdiskurse in unseren Gesellschaften verhandeln? Oder macht es die bestehenden sozialen Ungleichheiten einfach unsichtbar – und verstärkt sie damit? In seinem grundlegenden Beitrag schlägt Herbert Anderson einen breiten theologischen Rahmen vor, um die toxische Männlichkeit im patriarchalischen System herauszufordern. Dieser Rahmen umfasst sowohl Veränderungen in der Struktur der Kirche als auch in unserem Sprechen von Gott; er zeigt, dass es notwendig ist, Vielfalt und Interdependenzen wertzuschätzen sowie Verletzlichkeit und Demut anzunehmen.

Wie die Beiträge in diesem Band zeigen, ist die Theologie aufgerufen, sich mit Männlichkeitsidealen in (mindestens) zweifacher Hinsicht auseinanderzusetzen: Einerseits geht es um die selbstkritische Reflexion darüber, wie das Christentum die Schaffung und Stärkung von Männlichkeitsvorstellungen gefördert hat, die hierarchische Strukturen stützen, von denen (manche) Männer auf Kosten untergeordneter »anderer« Männer und Frauen profitieren. Andererseits können Theologien kreative Ressourcen bereitstellen, um Männlichkeiten zu entwerfen, die Gleichheit, Visionen von Hoffnung und Heilung für Einzelpersonen und Gruppen fördern. Die Machtfrage tritt dann wieder in den Vordergrund, sowohl im Hinblick auf die Nutzbarmachung der Religion in politischen Machtverhältnissen (wie Denysenko zeigt) als auch hinsichtlich der spezifischen Situation der katholischen Kirche, in der sich eine bestimmte Form von Männlichkeit herausgebildet hat, um die Machtverhältnisse innerhalb der Kirche zu stabilisieren. Theresia Heimerl ordnet diese klerikale Männlichkeit, die sich im Laufe der Zeit immer mehr über den Verzicht auf heterosexuelle Akte definiert hat, in ihren historischen und theologischen Kontext ein, während Julie Hanlon Rubio und Leonardo Boff sich auf die Schnittstelle zwischen Männlichkeit, Sexualität und Macht in der aktuellen Krise aufgrund des sexuellen Missbrauchs in der Kirche konzentrieren. Während Boff als Konsequenz aus seiner psychosexuellen Analyse die Abschaffung des Zölibats vorschlägt, um die Deformationen der klerikalen Männlichkeit zu heilen, sind Heimerl und Rubio der Ansicht, dass tiefergehende Transformationen auf struktureller wie auch auf theoretischer Ebene erforderlich sind.

Das subversive Potenzial des Christentums arbeitet Manuel Villalobos Mendoza in seinem Beitrag heraus: Seine Analyse der Männlichkeit des jungen Mannes im Markusevangelium, der Zeuge von Jesu Verhaftung wird, macht deutlich, dass dieser offensichtlich nicht den griechisch-römischen Männlichkeitsidealen entspricht, aber dennoch fraglos der Jesusbewegung angehört. Damit stellt er die hegemonialen Ideale in Frage und verkehrt sie in ihr Gegenteil – für den markinischen Kontext und vielleicht auch für unsere Zeit. Otazús Diskussion von Männlichkeit und Religion bei den Guarani zeigt zudem auf, wie Männlichkeit alternativ im Sinne von Verbundenheit mit anderen und mit dem Kosmos gedacht werden kann. Lloyd, Anderson und Connell weisen auf die Ressourcen hin, die die religiösen Traditionen für die Entwicklung pluraler Männlichkeiten zu bieten haben und die auf ihre eigene Weise zum Gedeihen individueller und gemeinschaftlicher Beziehungen beitragen, anstatt weiterhin Herrschaftssysteme aufrechtzuerhalten.

Um dies allerdings zu erreichen, so zeigen die Beiträge in diesem Heft, müssen sich die gesellschaftlichen Systeme und ihre Erwartungen an die Gender-Performance der Einzelnen ebenso verändern wie die einzelnen Menschen. Theologische Reflexionen, wie sie hier geboten werden, können dafür kritische und kreative Mittel anbieten.

Das Theologische Forum in dieser Ausgabe von CONCILIUM enthält einen kurzen Bericht von Felipe Maia über die Amazonas-Synode, die im Oktober 2019 in Rom abgehalten wurde, und spricht einige der Hauptfragen an, vor denen die Synode angesichts ihrer Ablehnung durch den »starken Mann« Brasiliens, Präsident Bolsonaro, stand. Der Beitrag von Benoît Vermander schildert die Situation der katholischen Kirche in China sowie einige der Befürchtungen und Möglichkeiten, die im Gefolge der jüngst unterzeichneten Übereinkunft zwischen der chinesischen Regierung und dem Vatikan vor der Tür stehen.


Anmerkungen

1 Javier Cerrato – Eva Cifre, Gender Inequality in Household Chores and Work-Family Conflict, in: Frontiers in Psychology 9 (2018), Nr. 1330. Zur Frage der Regelungen und der Inanspruchnahme des Elternurlaubs in den USA vgl. United States Department of Labor, Paternity Leave: Why Parental Leave for Fathers Is So Important for Working Families, unter: www.dol.gov/sites/dolgov/files/OASP/legacy/files/PaternityBrief.pdf.
2 Vgl. Raewyn Connell – James W. Messerschmidt, Hegemonic Masculinity: Rethinking the Concept, in: Gender and Society 19 (2005/6), 829–859.

Aus dem Englischen übersetzt von Norbert Reck

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