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Leseprobe 2 DOI: 10.14623/con.2020.1.53-62
Cleusa Caldeira
Theo-Quilombismus: Afro-brasilianische Formen spirituellen Widerstandes
Einführung

Die Bevölkerung schwarzer Hautfarbe macht mehr als die Hälfte der Einwohner Brasiliens aus, nämlich 55 Prozent. Wir sind mehr als 110 Millionen Menschen schwarzer Hautfarbe. Wir schwarzen Frauen machen 59,4 Millionen der brasilianischen Bevölkerung aus, was annähernd 51,8 Prozent der weiblichen Bevölkerung insgesamt entspricht. Von 2003 bis 2013 war eine Zunahme der Zahl ermordeter schwarzer Frauen um 54,2 Prozent zu verzeichnen, und im selben Zeitraum gab es 9,3 Prozent weniger Morde an weißen Frauen. Von hundert Mordopfern im Land sind 75 schwarze Frauen. Diese Zahlen lassen eine Wirklichkeit erkennen, die eigentlich zu einer gesellschaftlichen Welle der Empörung führen müsste. Stattdessen aber wird diese Wirklichkeit von vielen als etwas Selbstverständliches gesehen. Ganz gleich, wie schwarze Menschen sterben, es wurde immer als eine Art Naturvorgang betrachtet.

Sich mit den afro-brasilianischen Bewegungen des spirituellen Widerstands zu befassen bedeutet immer, dass man dann auch bereit ist zu einer ethischen, epistemologischen und politischen Hinwendung zu unseren afrikanischen Wurzeln. Damit dies möglich wird, muss man die historische Einteilung in »Rassen« in ihrer grundlegenden Funktion für die Durchsetzung und Verstetigung des globalen Kapitalismus begreifen. Letzterer hat zur ontologischen Ausgrenzung des Schwarzen geführt, der damit zum untermenschlichen Wesen gemacht wurde.

Über die afro-brasilianischen Formen spirituellen Widerstands zu sprechen bedeutet, zunächst einmal nachzudenken über die Prozesse der Subjektivierung des bewussten Schwarz-Seins. Denn abgesehen davon, dass der Rassismus das Menschsein des Schwarzen leugnet, um so seine Herrschaft über ihn zu legitimieren, bewirkt er auch, dass dieser in die Gefangenschaft einer falschen imago, eines falschen Bildes, gerät. Ganz bewusst zum schwarzen Menschen zu werden erscheint im brasilianischen Kontext als die einzige Möglichkeit zur Erlösung aus der historisch bedingten Gefangenschaft und auch als der einzige theologische Ort, von dem her sich ein Zugang zum Theo-Quilombismus eröffnet.

I. Rassismus als Prozess der (Selbst-)Vernichtung


Schwarz zu sein bedeutet, dazu verurteilt zu sein, »in der Zone des Nichtseins« leben zu müssen, in der, wie Frantz Fanon im Nachdenken über die vom Kolonialismus verursachten Wunden gesagt hat, den davon Betroffenen eine menschliche Existenz verweigert wird. Auf dem von Fanon gewiesenen Weg zeigt das entkolonialisierte Denken, dass sich die theoretische und historische Konstruktion des rassisch definierten Subjektes innerhalb des Weltsystems der Moderne bzw. des Kolonialismus als einer strukturierenden Achse des Grundmusters weltweiter Macht vollzog, die sich als das effektivste und dauerhafteste Werkzeug universaler Herrschaft erwies. Rassismus ist daher nicht nur die phänotypische und rassische Diskriminierung einzelner Menschen, sondern vor allem eine Form der Hierarchisierung einzelner Menschen im Blick auf deren Beherrschung.

Diese Herrschaft nennt Achille Mbembe »Todesmacht«. Es ist die Empfehlung, der Bevölkerung gegenüber zu handeln, indem man eine Politik des Todes, eine »Nekropolitik« der Produktion von »Städten« oder willkürlich als Territorien ausgewiesenen Zonen etabliert, in denen das freie Recht der Tötung als legitim gilt. Für Mbembe hat die Nekropolitik zu tun mit dem Überleben des kolonialen Grundmusters inmitten der Gegenwart, das heißt mit der Unterordnung des Lebens unter die Macht des Todes.

Im brasilianischen Kontext ist diese Nekropolitik geprägt von besonderen Eigenschaften, deren Kennzeichen der an der schwarzen Bevölkerung begangene Genozid ist. Nach der Abschaffung der Sklaverei hat man sich eine Politik des Weißmachens mittels eines Prozesses der »Rassenmischung« ausgedacht. Aufgrund dieser Politik blieb es bei der ontologischen Ausgrenzung der Schwarzen aus der Gesellschaft, weil sie den Schwarzen immer noch als dem Weißen unterlegen betrachtete. Die brasilianische Elite formulierte die Regeln dieser auf die Säuberung der Bevölkerung ausgerichteten Politik so lange, bis die schwarze »Rasse« für sie ausgelöscht erschien. Weit entfernt davon, ein natürlicher Prozess des Zusammenkommens von Rassen zu sein, wie viele meinen, kam sie vielmehr als ein politisches Projekt des Weißmachens durch die Vergewaltigung der schwarzen Frauen zustande, deren Produkt die Mulattin oder der Mulatte als Symbol für den Mythos der »Rassendemokratie« ist. Dieser Mythos ist folglich nichts anderes als eine perfekte Metapher des Rassismus auf brasilianische Art. Er ist nämlich eine Tarnung der Politik der Vernichtung des schwarzen Menschen; ein institutionalisierter Rassismus, der den Schwarzen nur ein einziges »Privileg« zuerkennt, nämlich: zu Weißen zu werden, innerlich und nach außen hin. Schon Fanon hat hier Alarm geschlagen und gewarnt, dem Schwarzen bleibe nur eine einzige Möglichkeit: Weißer zu werden.

»Schwarzer zu sein bedeutet, unaufhörlich grausam verletzt zu werden, ohne dass ihm eine Pause vergönnt wird, in der er in Ruhe gelassen wird. Es bedeutet, einer doppelten Forderung ausgesetzt zu sein: den Leib und die Ideen des Ich eines Weißen anzunehmen und die bleibende Gegenwart seines eigenen schwarzen Leibes zu verleugnen und zu vernichten.«

Auch die afro-brasilianische Psychoanalytikerin Neusa Santos Souza hat sich die Aufgabe gestellt, nachzudenken über die Auswirkungen des bei uns herrschenden Rassismus auf den schwarzen Menschen und über seine Fixierung auf den Zwang, »weiß zu werden«. Es handelt sich hier nicht mehr um den Weißen als Person, denn der Zwang, »weiß zu werden«, betrifft ja nicht den von Natur aus weißen Menschen. Dieser Zwang hat den Charakter eines Fetischs. Dieser Fetisch erzeugt nach der Meinung von Santos Souza nicht weniger als den Wunsch, sich selbst zu vernichten. »Der Schwarze wünscht sich nicht weniger als die Vernichtung seiner selbst. Sein Plan ist es, in der Zukunft aufzuhören zu existieren oder sogar, nie existiert zu haben.« Und diese Vernichtung seiner selbst bewirkt, dass der Schwarze eine Verfolgung seines eigenen Körpers beginnt, um alle negroiden Spuren seines Körpers zu beseitigen, entweder durch die Glättung seiner Haare oder durch chirurgische Eingriffe zur Verfeinerung seiner Nase oder durch die Leugnung seiner Verbindungen zu Afrika. Oder schließlich auch dadurch, dass er die emotionalen, ethischen, politischen und religiösen Verbindungen zu seinen schwarzen Brüdern und Schwestern abbricht.

Fanon kritisiert diese Gefangensetzung des Schwarzen durch die historische Konstruktion seiner selbst durch den Weißen, welche »Gegenwart und Zukunft im Namen einer mystischen Vergangenheit verwirft«. Und darum gilt: Wenn wir auch nicht leugnen können, dass die Unterwerfung der Völker afrikanischen Ursprungs unter die Lebensbedingungen der Sklaverei verheerende Auswirkungen auf unsere schwarze Subjektivität gehabt hat, sprechen wir von der gebieterischen Notwendigkeit der Entkolonisierung dieser unserer Subjektivität. Ein erster Schritt in Richtung der Entkolonialisierung der Subjektivität wäre es, wenn der Schwarze die Erfindung des Schwarzen hinter sich ließe, das heißt, wenn er den Kolonialismus und die Versklavung als die einzigen ontologischen Bezugspunkte für das Entstehen der schwarzen Subjektivität überwinden könnte. Und natürlich muss er seine Historizität und die harte Mühe auf sich nehmen, sich selbst in Beziehung zu den anderen zu entwerfen. [...]


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