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Leseprobe 1 DOI: 10.14623/con.2020.1.4-14
Raúl Zibechi
Akkumulation durch Raub und systemische Gewalt
Die meisten Analysen, die am Horizont des kritischen Denkens auftauchen, weisen eine Tendenz auf, die Wirtschaft von der Politik und die Konjunktur von der Struktur abzuspalten, so als handelte es sich um völlig voneinander getrennte Variablen. Auf diese Weise verlieren sie den systemischen roten Faden für das Verständnis der Welt. Unter den kritischen Denkern herrscht eine gewisse Übereinstimmung darin, die These von David Harvey zu akzeptieren, der davon ausgeht, dass die Akkumulation durch Ausplünderung den innersten Kern der Kapitalakkumulation in dieser Zeit des Niedergangs des weltweiten Systems ausmacht. Dennoch erwarten wir keine Analyse, die imstande wäre, die Ausplünderung der Mutter Erde und derer, die auf ihr wohnen (die Dynamik dessen, was wir »Ökonomie« nennen), mit dem politischen System in Verbindung zu bringen, das repräsentative Demokratie genannt wird. Es wird so getan, als handelte es sich um zwei eigenständige Bereiche.

Etwas Ähnliches ist im Hinblick auf die Interpretationen rund um Formen der Gewalt festzustellen – angefangen von den Morden an Frauen bis hin zu den Gewaltorgien krimineller Gruppen mitsamt der vom Staat ausgehenden und parastaatlichen Gewalt. In den meisten Fällen bekommt man den Eindruck vermittelt, dass diese Formen der Gewalt bloße Episoden oder konjunktureller Natur sind. Damit weist man die Möglichkeit von sich, sie als integralen Bestandteil des kapitalistischen Weltsystems in seiner aktuellen Phase zu betrachten. Ebenso nähert man sich dem Thema Demokratie im Glauben, dass es sich um dieselbe Demokratie handelt, die in früherer Zeit im Sinne der Entfaltung der Akkumulation durch Raub funktionierte.

Im Gegensatz dazu meine ich, dass diese analytischen Unzulänglichkeiten untrennbar mit der Krise des kritischen Denkens zusammenhängen und diese ausmachen, ist es doch an seinen kolonial-patriarchalischen Ursprung im Norden des weltweiten Systems gebunden. Oder wie es Frantz Fanon herausstellt: Es ist ein in der Zone des Seins entstandenes Denken, das ohne Weiteres auf die Zone des Nicht-Seins angewandt werden will. Ich will also damit beginnen, einige Verbindungen oder Brücken zwischen den verschiedenen Variablen des aktuellen Kapitalismus aufzuzeigen. Damit verbinde ich die Absicht, die analytischen Perspektiven fortzuschreiben, die in der Lage sind, unsere Formen von Unterdrückung stärker im Zusammenhang bewusst zu machen.

I. Extraktivismus oder extraktivistische Gesellschaft?

Das Erste, das ich ansprechen will, ist die Gewohnheit, das System als »extraktive Gesellschaft« zu bezeichnen, wo doch der Begriff »Extraktivismus« augenscheinlich an die Wirtschaft gekoppelt ist. Weder der Extraktivismus noch der Kapitalismus sind Wirtschaftsmodelle. Der Kapitalismus ist keine Ökonomie, wenn es auch eine kapitalistische Ökonomie gibt. Der Extraktivismus ist keine Ökonomie, es sind vielmehr Gesellschaften oder Konstrukte von gesellschaftlichen Beziehungen, die weit über die Ökonomie hinausreichen, da sie alle Aspekte einer Gesellschaft umfassen.

Der Extraktivismus ist ein Modell der Rekolonialisierung unserer Gesellschaften oder eine Aktualisierung des Kolonialismus in abgewandelter Form. In diesem Sinne werde ich einige Kennzeichen des extraktivistischen Modells beschreiben, das unterschiedlichen Analysen unterzogen wird.

An erster Stelle beinhaltet der Extraktivismus eine vertikale Inbesitznahme des Landes mittels Monokulturen, mithilfe des Bergbaus oder der Ausbeutung von Kohlenwasserstoffen (Erdöl oder Erdgas). Zweitens etabliert er asymmetrische Beziehungen zwischen großen transnationalen Konzernen und den Staaten bzw. der entsprechenden Bevölkerung. Strukturell gesehen bestand der Haupteffekt des Extraktivismus darin, »mittels Schaffung von auf die Bereitstellung von natürlichen Ressourcen spezialisierten Gebieten ein neues Muster von wirtschaftlichen und geopolitischen Asymmetrien wieder einzuführen, die mithilfe der Intervention und unter Kontrolle großer transnationaler Unternehmen betrieben werden«.

Drittens hat der Extraktivismus ökonomische und geopolitische Enklaven geschaffen, so wie es im Kolonialismus der Fall war. Diese Enklaven überhäufen nicht die Bevölkerung mit Reichtum, denn es sind auf den Export ausgerichtete Ökonomien, die nur äußerst wenig mit dem sozialen Umfeld zu tun haben.

Der Extraktivismus ist, viertens, ein Angriff auf die bäuerlichen Familienbetriebe und auf die Ernährungssouveränität. Ganz abgesehen von den Folgen für die Umwelt, insbesondere für das Wasser, verlieren die Gemeinden den Zugang zu bestimmten Produktionszonen, die extraktivistische Ökonomie fördert die Migration vom Land in die Stadt und die Umwidmung der Territorien als Folge der Intervention von oben, das heißt von den Unternehmen, die auf diese Weise lokale Räume schaffen, die der transnationalen Ökonomie unterworfen sind.

Der fünfte Grundzug des Extraktivismus ist die dauerhafte Militarisierung der Territorien. Der Extraktivismus geht Hand in Hand mit dem, was der Philosoph Giorgio Agamben »permanenten Ausnahmezustand« nennt. Wo das extraktivistische Modell verwirklicht wird, verschwinden die Gesetze, die gesetzlichen Schutzbestimmungen für die Bevölkerung. Dieser permanente Ausnahmezustand ist also Teil dieses Modells.

Eines der Hauptprobleme dieses Modells der Ausplünderung besteht darin, dass es anfänglich von progressiven Regierungen betrieben wurde, was die ausgebeuteten und unterdrückten Völker Lateinamerikas in tiefe Verwirrung gestürzt hat. Ja noch schlimmer: Es ging mit einem Diskurs der Entkolonialisierung einher wie etwa der Rede von Suma Qamaña (Sumak kawsay, »buen vivir«, das heißt erfülltes Leben in Harmonie mit den Menschen und der Natur), in dem es auch um die Verteidigung des Lebens und der Natur geht, doch man machte das Gegenteil. Die Völker erholen sich von einem solchen Schlag nicht innerhalb von zwei Tagen. Es ist eine neue Situation, der man sich anpassen und die man verstehen muss.

Es ist deshalb nicht möglich, lediglich ökonomische Alternativen zum Extraktivismus, das heißt zur Akkumulation durch Raub, aufzuzeigen, da ja sein innerstes Wesen eine Macht ist, die sich in den Händen der Eliten konzentriert. Will man diesem Modell entkommen, dann heißt das, dass man es zerstören muss, dass man neue Mächte, eine neue Kultur und neue gesellschaftliche Beziehungen aufbauen muss, die in einer anderen Lebensweise verankert sind. Innerhalb der hegemonialen Diskurse versteht man mittlerweile unter »Extraktivismus« das, was in den Bergwerken oder im Sojaanbau mitsamt deren Folgen für die Umwelt und Gesundheit passiert.

Wir müssen begreifen, dass das aktuelle Modell die alte Gesellschaft zerstört hat. Es hat nicht einfach »Reformen« geschaffen, sondern sehr tiefreichende Veränderungen bewirkt, indem es einen rückläufigen Prozess der Verteilung von Land und globalem Reichtum eingeleitet hat. Die Demokratie leidet an Schwindsucht und hört in den Gebieten des Extraktivismus ganz auf zu existieren; die Staaten ordnen sich den großen Unternehmen so gefügig unter, dass die Völker nicht mehr auf die Institutionen zählen können, um sich vor den transnationalen Konzernen zu schützen.

Aus diesen Gründen ist es nicht möglich, dieses aktuelle Modell zu überwinden, ohne dass es zu einer Krise kommt. Doch andererseits gilt: Wenn wir es nicht überwinden, dann haben wir ein ganzes Bündel von höchst zerstörerischen Krisen zu gewärtigen: politische, gesellschaftliche, die Gesundheit betreffende und ökologische Krisen. Wir haben es mit einem System, mit dem Kapital in der Phase seines Niedergangs, zu tun, der Institutionen mit umfasst, der sich in der Kultur der Aneignung und im Konsumismus zeigt. Es ist ein Modell, das die traditionellen Formen zerstört hat, wie man sich innerhalb der Gesellschaft zueinander ins Verhältnis setzt, und das die menschlichen Beziehungen dem Individualismus unterworfen und sie zugleich vom Finanzsystem abhängig gemacht hat. Der Extraktivismus bewirkt eine völlige Neustrukturierung der Gesellschaften und Staaten Lateinamerikas. [...]


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