zur StartseiteZugang für Abonnenten
Startseite » Archiv » Ausgabe 1/2020 » Zu diesem Heft
Titelcover der archivierte Ausgabe 1/2020 - klicken Sie für eine größere Ansicht

Der Aufbau der Zeitschrift


finden Sie hier


Concilium stellt sich vor

Geschichte und Selbstverständnis


Präsidium, Herausgeber/innen und Wissenschaftliches Komitee


sind hier einzusehen.


Unsere Autoren


finden Sie hier.


werden hier gelistet.

<<< zur vorherigen Ausgabe zur nächsten Ausgabe >>>
Zu diesem Heft DOI: 10.14623/con.2020.1.1-3
Carlos Mendoza-Álvarez / Thierry-Marie Courau
Gewalt, Widerstand und Spiritualität
Diese Ausgabe von CONCILIUM stellt die wichtigsten Elemente der dekolonialen Theologie vor, die heute im Dialog mit anderen Wissenschaften und Wissensformen entwickelt wird. Dekoloniale Theologie hört auf die sozialen Bewegungen und andere Akteure des sozialen Wandels in diesen unsicheren Zeiten der Globalisierung, die manche Denkerinnen und Denker im »epistemischen Süden« als den »vierten Weltkrieg« bezeichnen. Die Artikel dieses Hefts machen die Vielfalt der verschiedenen dekolonialen Ansätze sichtbar, die bei der internationalen Konferenz »¡Resiste! Formen der Gewalt, des Widerstands und der Spiritualität« vom 28. bis 30. Mai 2019 an der Universidad Iberoamericana und am Cultural Centro Universitario Cultural von Mexiko-Stadt diskutiert wurden.

Wir möchten hier drei Aspekte der Analyse ansprechen, die eine dekoloniale Theologie ausmachen: die Erfahrungen der Gewalt, des Widerstands und der Spiritualität. Jeder dieser Punkte ist geprägt von transversalen Stimmen, und diese stammen aus verschiedenen Widerstandsbewegungen, aus der Zivilgesellschaft, die diese Bewegungen unterstützt, sowie aus der Wissenschaft, die gewissermaßen als »Nachhut« über die Risse in den Mauern der hegemonialen Diskurse reflektiert, wie sie in den Narrativen und Darbietungen von Künstlern und Künstlerinnen über die Möglichkeit einer anderen Welt zum Ausdruck kommen. Dabei sollte man nicht vergessen, dass die Stimme der Theologie, die sich auf diesen dekolonialen Weg begibt, von der Erlösung und den heiligen Namen Gottes nur stammelnd, sotto voce, sprechen kann, ohne Triumphalismus und erneute Sakralisierungen des Göttlichen, wenn es darum geht, über das Geheimnis der Liebe in der Wirklichkeit zu sprechen, das in den Formen des Widerstands inmitten der Trümmer der hegemonialen Moderne zutage tritt.

Der erste Aspekt zeigt ganz allgemein die systemische Gewalt der heutigen Welt, die auf vier Säulen ruht: der extraktivistischen Wirtschaft, dem heteronormativen Patriarchat, der erzwungenen Migration und der Rückkehr von ultrarechten Regierungen. Raúl Zibechi thematisiert das zugrundeliegende Problem der extraktivistischen Gesellschaft, die für ihn ein Netzwerk der räuberischen Bereicherung ist, das vor aller Augen die Hälfte der Weltbevölkerung unter seine Kontrolle gebracht hat. Gina Arias und Luis Adolfo Martínez analysieren die schwierige Arbeit für den Frieden in einem Kontext des Kriegs und vielfältiger Gewalt. Ausgehend von der Situation in Kolumbien beschreiben sie den Widerstand der Frauen als Meilenstein bei der Auflösung der Herrschaftslogik über Territorien und Körper, die zur Beute in den neuen Kriegen dieser Welt werden.

Der zweite Aspekt der Analyse betrifft die Rolle der verschiedenen Widerstandsbewegungen. Dabei untersuchen Wissenschaften und Theologie im Dialog mit anderen Disziplinen die Praktiken und Narrative der Veränderung überall auf der Welt. Der Artikel von Gustavo Esteva stellt die beiden Modelle der Sorge für das gemeinsame Haus dar, um die es in dieser ungewissen Stunde des Lebens auf dem Planeten geht: das von den hegemonialen Mächten diktierte Modell und jenes, das Gruppen und Völker von Tag zu Tag im lokalen und regionalen Widerstand praktizieren. Demgegenüber analysiert Susan Abraham die verschiedenen Koalitionen und Solidaritätsgruppen von Frauen nach den Ansätzen postkolonialer und dekolonialer Feminismen, die sich gegen die patriarchalische Gewalt in Verbindung mit Rassismus, Sexismus und Klassendenken wehren. Aus der Perspektive des epistemischen Südens stellen diese Formen des Feminismus eine neue Herausforderung dar, unsere Gesellschaften auf der Grundlage von Geschlechtergleichheit und Gerechtigkeit gemäß der Weisheit der verschiedenen Traditionen neu aufzubauen.

Der dritte Aspekt ist der eigentlich theologische. Er befasst sich ausführlicher mit der Rolle der Spiritualität – als Ursprung religiöser Erfahrung –, die mit Würde und Hoffnung aus dem Widerstand gegen die zahlreichen Schrecknisse entsteht: ein Lichtstrahl dekolonialer Theologie als Performativität der Erlösung in den Rissen oder Zwischenräumen der gewaltvollen Geschichte der globalisierten Welt. Die Reflexion von Sofía Chipana, im theologischen Schlüssel der Erkenntnistheorien des Südens, erzählt vom Wissen der Ahnen als Formen des spirituellen und kognitiven Widerstands, die mit der Sorge um Schwester und Mutter Erde als alter und neuer Form des amerikanischen empathischen Denkens (sentipensar) verbunden sind. Als Gegenpol zu den verleugneten, aber widerständigen Subjektivitäten legt der Artikel von Cleusa Caldeira den Finger in die Wunde des epistemologischen und religiösen Rassismus, der die afrikanischstämmigen Völker in Brasilien und in ganz Amerika seit Jahrhunderten unsichtbar macht, dem aber heute eine schwarze Spiritualität gegenübersteht, die afrikanische Wurzeln hat und sich vom Nektar des christlichen Glaubens nährt. Der Artikel von José Legorreta skizziert anschließend die Merkmale einer dekolonialen Ekklesiologie als Ausdruck des Widerstands. Dabei problematisiert er auch die Kategorie der Gemeinschaft in gesellschaftlichen und religiösen Identitätssystemen, denen heute neue Formen der Sozialität Paroli bieten, indem sie eine neue »Ekklesiologie der Notsituationen« einfordern. Und als Ausdruck der messianischen Kraft, die sich in der Geschichte »von der Kehrseite« her zeigt, legt Juan Carlos La Puente Spuren von der alten apophatischen Mystik zur postmodernen theologischen Reflexion über die Macht der einströmenden »göttlichen An-Archie«. Diese strömt aus den verletzlichen und verletzten Subjektivitäten hervor, die paradoxerweise durch die Widerstandskraft ihrer offenen Wunden entstehen und mit anderen systemischen Opfern geteilt werden. So leben die Hoffnungsschimmer inmitten der zerbrochenen Geschichte der Menschheit.

Das Theologische Forum dieser Ausgabe widmet sich Themen von ekklesiologischer Notwendigkeit im Zusammenhang mit der dringend anstehenden Reform der katholischen Kirche: Alfredo Ferro bietet eine aktuelle Einschätzung der tiefergehenden Fragen der Amazonas-Synode vom vergangenen Herbst; und Agenor Brighenti geht den Auswirkungen dieses Weges der Synodalität, den das Zweite Vatikanische Konzil eingeleitet hat und der bis heute die Bemühungen um eine Reform der Kirche prägt, in einem informativen und weitsichtigen Beitrag nach. Zuletzt, als Ausdruck der lebendigen und dankbaren Erinnerung an einen der Gründer der Zeitschrift CONCILIUM, würdigt der Nachruf von Francis Schüssler Fiorenza das Lebenswerk von Johann Baptist Metz (1928–2019), dem großen europäischen Theologen, dessen Reflexionen über den Glauben als Praxis mit prophetischer Kraft die Tür öffneten für eine politische Theologie, die von den Opfern im europäischen Kontext der Kriege des 20. Jahrhunderts ausging.

Wir hoffen, dass die theologischen und interdisziplinären Reflexionen dieses Hefts – die als ein Flüstern aus jenen Körpern hervorgingen, welche von der globalen Hegemonie auf den »Müll« geworfen wurden, die aber weiter widerständig und mit ethischer und spiritueller Fantasie leben – auch in anderen Kontexten als Quelle der Praxis und der Narrative von Würde und Hoffnung dienen, immer in der Aufmerksamkeit und Sorge für das Leben, das ein überfließendes Geschenk für alle ist.

Aus dem Spanischen übersetzt von Norbert Reck

Zurück zur Startseite

Unsere Abos
Sie haben die Wahl ...

weitere Infos zu unseren Abonnements


Newsletter


Unser Newsletter informiert Sie über die Inhalte der neuesten Ausgabe.


Jahresverzeichnis 2019


Aktuelles Jahresverzeichnis


Jahresverzeichnis 2019
als PDF PDF.



Unsere neue Dienstleistung für Verlage, die Ihr Abogeschäft in gute Hände geben wollen.


aboservice

mehr
Informationen


Concilium
Telefon: +49 (0) 711 44 06-140 · Fax: +49 (0) 711 44 06-138
Senefelderstraße 12 · D-73760 Ostfildern
Kontakt | Sitemap | AGB | Widerruf | Datenschutz | Impressum