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Leseprobe 3 DOI: 10.14623/con.2019.5.594-603
Shanon Shah
Queer Theologies im Islam
I. Einleitung

Überwältigend viele Muslime und Nicht-Muslime nehmen an, dass der Islam niemals die Gleichstellung oder Eingliederung von Schwulen, Lesben, Bi- oder Transsexuellen (LGBT) akzeptieren kann. Dies war beispielsweise die unterschwellige Botschaft muslimischer Eltern, die 2019 an einer kontroversen, langanhaltenden Protestveranstaltung gegen Sexualunterricht und LGBT-Gleichheit an der Anderton Park Grundschule in Birmingham, England, teilnahmen. Laut Shakeel Afsar, dem Anführer des Protests, »ist alles, worüber wir uns Sorgen machen, dass unsere Kinder mit Materialien nach Hause kommen, die unseren moralischen Werten widersprechen.« Dennoch hat diese Konfrontation zwischen vermeintlichen Islamwächtern und -wächterinnen und Pro-LGBT-Lehrern und -lehrerinnen unzählige Menschen in die Unsichtbarkeit verbannt, insbesondere diejenigen muslimischen Eltern, die den Lehrplan unterstützen, deren Ansichten marginal sind und als sündig angesehen werden oder häretisch bei all jenen Muslimen, die glauben, dass der Islam explizit gleichgeschlechtliche Beziehungen verbietet und Transsexuelle ausschließt. Ein wiederkehrendes Thema ist die Geschichte, dass Muslime der LGBT-Gleichstellung entgegentreten müssen, weil diese ihnen als Teil der »westlichen« imperialistischen Weltanschauung aufgedrückt wurde.

Was passiert mit Menschen, die sich als muslimisch und LGBT identifizieren? Wie oder warum sollten sie je versuchen, ihren Glauben und ihre geschlechtliche oder sexuelle Veranlagung in Einklang zu bringen, vor allem in der vergifteten, polarisierten Atmosphäre dieser Debatte?

Dieser Artikel bietet eine Typologie der Bandbreite an, die muslimische queere Theologien aus postkolonialer Sicht bieten. Die erste Hälfte erklärt die konzeptuelle Basis dieser Typologie, während die zweite Hälfte Beispiele für jeden »Idealtyp« in diesem Repertoire der Interpretationen vorstellt. Ich berufe mich vor allem auf meine Forschung für die Dissertation, in der ich die Erfahrungen von schwulen, lesbischen und bisexuellen Muslimen und Muslimas in Malaysia und Großbritannien vergleiche, unter Verwendung von Teilnehmer- und Teilnehmerinnenbeobachtung, Tiefeninterviews und Medienanalyse zwischen 2012 und 2013. Ergänzt wird diese Grundlage durch die weiterhin bestehende Mitarbeit einiger meiner Teilnehmer und Teilnehmerinnen in beiden Ländern. Meine Forschung schließt auch meine persönlichen Erfahrungen und Reflexionen als schwuler Moslem ein, der in Malaysia geboren wurde und aufwuchs, nun aber seine Heimat in Großbritannien hat.

Zugegeben; »queer« ist nicht gerade ein Ausdruck, den LGBT-Muslime für sich selbst verwenden würden. Daher übernehme ich in diesem Artikel den Ansatz der Queer-Theologin Linn Marie Tonstad, die zwischen »einer Apologie für die Inklusion von geschlechtlichen und sexuellen Minoritäten« (auf die ich mich mit dem Ausdruck »LGBT-inklusive Interpretationen« beziehe) und »queer theology« als einer Art der Vorstellung einer »soziopolitischen Transformation«, die »Praktiken zur Unterscheidung, die geschlechtliche und sexuelle Minoritäten wie auch viele andere Minoritätengruppen« verändert, unterscheidet. Meine eigene Verwendung des Ausdrucks »queer Muslim theologies« untersucht die Parameter dieses letzteren Verständnisses von »queer theology«.

Nun kann man behaupten, dass »queer theology« ihre Wurzeln im westlichen, christlichen Kontext hat. Wenn jedoch viele Muslime zustimmen, dass der Islam eine Religion der »sozialen Gerechtigkeit« ist, dann ist es sinnvoll, »queer theology«, als Theologie zu diskutieren, die besonders darauf achtet, wie sich ein religiöses Verständnis zu »Strukturen der Unterdrückung« verhält. Bevor ich die queer Muslim theologies näher untersuchen werde, ist es notwendig, das Erscheinen der LGBT-inklusiven Interpretationen im Islam zu kontextualisieren.

II Queere Muslime und der Zusammenprall der Zivilisationen


Sozial fortschrittliche muslimische Bewegungen, sowohl in muslimischen Majoritäten als auch in muslimischen Minoritäten umfassen oft auch LGBT-inklusive Apologien, die aus der »vielschichtigen Kritik« feministischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler entwickelt wurden. Herausforderungen der Tyrannei, Ungerechtigkeit, des Patriarchats und der Heteronormativität in muslimischen Gesellschaften müssen also von der prinzipiengeleiteten Opposition gegen glo bale Ungleichheit, die in der politischen, ökonomischen und militärischen Übermacht des Westens wurzelt, begleitet werden. Vom Standpunkt eines muslimischen Verständnisses von LGBT-Inklusion bedeutet das, dass Kritik an Homophobie, Biphobie und Transphobie im Islam analytisch mit der Opposition zu Rassismus und Islamophobie vereint werden müssen, insbesondere in westlichen Kontexten.

Diese »vielschichtige Kritik« ist imperativ, wenn von muslimischen queer theologies die Rede ist, weil Geschlecht und Sexualität zentral im »Zusammenprall der Zivilisationen« der westlichen und der muslimischen Welt sind. Beispielsweise betrachteten europäische Eliten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Muslime als minderwertig, weil sie als sexuell freizügig angesehen wurden, wohingegen heutzutage muslimische Gesellschaften als zu repressiv verurteilt werden. Solche Einstellungen zu Geschlecht und Sexualität werden vermehrt als Demarkationslinie zwischen »richtigen« Muslimen und dem Westen verwendet. Sogar ultrarechte Ideologien im Westen unterstützen jetzt teilweise pro-feministische und pro-LGBT-Haltungen, um dadurch islamophobe Haltungen zu schüren. Der Soziologe Rogers Brubaker spricht dabei vom Phänomen des »Zivilisationismus«.

Für die homosexuellen Muslime und Muslimas, die ich für meine Forschung in Malaysia und Großbritannien kennengelernt habe, erzeugte dieser »Zivilisationismus« häufig das, was der Soziologe W.E.B. DuBois als »doppeltes Bewusstsein« beschreibt; eine Art »unvereinbare Zweiheit«, die »stets den Blick auf das eigene Selbst durch die Augen der Anderen« einschließt. Die »gelebte« oder »alltägliche Religion« vieler meiner Teilnehmerinnen und Teilnehmer enthielt instinktiv oder reflektiert häufig eine vielschichtige Kritik der Islamophobie, Homophopie, Biphobie oder Transphobie. Die unterschiedliche Gewichtung der vielschichtigen Kritiken hing vom Kontext des jeweiligen Landes ab – signifikant davon, ob die Muslime die Mehrheit oder eine Minderheit in der Bevölkerung bildeten.

In diesem Beitrag unterscheide ich bewusst nicht zwischen muslimischen queer theologies von »Experten« – progressive akademische Gelehrte des Islam beiderlei Geschlechts inbegriffen – und von muslimischen »Nichtexperten« oder »Laien«. Muslimische Theologie zu »queeren« bedeutet, unterschiedliche Quellen und Strömungen der islamischen Interpretation von Geschlecht und Sexualität zu untersuchen. Ich benutze auch einen weitgefassten Begriff von »Theologie« ‒ häufig ist das, was herausgefordert wird, nicht die eigentliche Natur des muslimischen Glaubens an das Göttliche, sondern eine Interpretation spezifischer göttlicher Regeln in der menschlichen Welt oder der Jurisprudenz. Dennoch enthalten unterschiedliche Zugänge zur islamischen Jurisprudenz unterschiedliche, aber unbestätigte Annahmen über die göttliche Natur – die Grenze zwischen der theologischen und der juristischen Auslegung ist oft fließend. Auf dieser Basis komme ich nun zu einem Grundlagenrahmen, in dem die »Idealtypen« der zeitgenössischen muslimischen queer theologies bestimmt werden sollen.

III Eine postkoloniale Typologie muslimischer queer theologies


Nach Aussage von Rasiah Sugirtharajah diente die Bibel in der Geschichte dazu, sowohl das Unternehmen Kolonialisierung und die damit verbundene Logik zu unterstützen als auch gegen den Kolonialismus Widerstand zu leisten. Die Ausübung von Macht (oder deren Fehlen) sind ein zentrales Thema in Sugirtharajahs Arbeit, weshalb sie für die Untersuchung von muslimischen queer theologies von besonderer Bedeutung ist. [...]


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