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Zu diesem Heft DOI: 10.14623/con.2019.5.493-496
Stefanie Knauss / Carlos Mendoza-Álvarez
Queer-Theorien und -Theologien
Eine Einführung
Was ist Queer Theology? Was tut sie? Und wie können wir uns den Leib Christi »queer« vorstellen? Dies sind einige der Fragen, denen wir in dieser Ausgabe von CONCILIUM nachgehen.

Queer-Theologien sind vom kritischen Impetus der Queer-Theorie inspiriert, die im späten 20. Jahrhundert aus den Erfahrungen von Subjekten und Subjektivitäten hervorgegangen ist, die aufgrund ihrer nicht normativen Sexualität (schwul, lesbisch, bisexuell) oder ihrer Geschlechtsidentität (transsexuell, intersexuell, nicht-binär) an den Rand gedrängt wurden. Wie André Musskopfs einführender Artikel zeigt, stellte die Queer-Theorie zunächst die Annahme infrage, dass Identitätskategorien wie Geschlecht und Sexualität naturgegeben und unveränderlich sind. Ausgehend von Michel Foucault und dekonstruktivistischen Theorien1 vertreten die queeren Theoretiker*innen die Auffassung, dass die Naturalisierungsprozesse gesellschaftlich konstruierter binärer Kategorien nicht interesselos erfolgen, sondern dazu dienen, politische Machtverhältnisse, kapitalistische Strukturen, das Patriarchat und die entsprechenden epistemologischen Systeme aufrechtzuerhalten. Während die Fantasievorstellung natürlicher, stabiler Identitäten den Grund legt für die Konstruktion von Hierarchien und Systemen der Unterdrückung, werden sich verändernde und instabile Identitäten als Bedrohung wahrgenommen: Sie stören den Status quo und diejenigen, die von ihm profitieren. Als Brücke zwischen dem akademischen Bereich einerseits und sozialen Bewegungen sowie konkreten gesellschaftlichen und politischen Problemfeldern andererseits ist die Queer-Theorie schon immer ein sowohl theoretisches als auch politisches Projekt, das sich um marginalisierte Körper bemüht, die unter physischer, epistemologischer, politischer und psychologischer Gewalt leiden. Dies ist auch heute bemerkbar, wenn die Queer-Theorie das kritische »Aufheben« von Unterscheidungskategorien, Prozessen des »Othering« und Unterdrückungsverhältnissen erweitert: vom ursprünglichen Fokus auf Geschlecht und Sexualität im Westen zum epistemischen Süden hin. Damit werden nun – im breiteren Kontext des Projekts der Entkolonialisierung – auch Ethnizität, Hautfarbe, Klasse, Behinderung und andere Kategorien thematisiert, die bei der Klassifizierung und Marginalisierung von Menschen in ihren intersektionellen Interaktionen verwendet werden.2

Die Queer-Theorie hat damit wertvolle Beiträge geleistet zum Verständnis des Ineinanders von Identitäten, Wünschen, Wissensformen, Politik, Wirtschaft und nicht zuletzt von Religionen. Und das ist der Ort, wo die Queer-Theologien mit ihrer kritischen und konstruktiven Arbeit ansetzen. Susannah Cornwalls Beitrag gibt einen Überblick über das Gebiet, einige Ergebnisse und Fragen, die sich für die zukünftige Arbeit stellen.3 Auf die Queer-Theologien übt die Erfahrung der Unterdrückung von LSBTIQ+-Personen in Kirche und Gesellschaft performativen Einfluss aus, und deshalb haben wir in dieses Heft von CONCILIUM die Aussagen dreier Personen aufgenommen, die sich den westlichen normativen Kategorien von Geschlecht, Sexualität und Spiritualität widersetzen: Murph Murphy, Paul Uchechukwu und Lukas Avendaño.

Mit viel Mut sprechen sie von ihren Kämpfen, von der Unterdrückung, der sie in ihren Gemeinschaften ausgesetzt waren, und von den spirituellen Tiefen, die sie in sich selbst entdeckt haben. Ausgehend von solchen Erfahrungen untersuchen Queer-Theologien die Rolle von Religion und Theologie bei der Unterstützung von Unterdrückungsstrukturen, die auf binären Kategorien wie biologischem Geschlecht, sozialem Geschlecht oder Rasse basieren.4 Wie haben die Theologien mit ihren Konzepten und Lehren die Marginalisierung und Unterdrückung von Menschen unterstützt oder sogar ermöglicht? Wie wirken sich Gottesvorstellungen auf soziale Strukturen aus? Wie legitimiert die Christologie eine Kultur der Gewalt, des Rassismus und des Patriarchats? Wie behindern eschatologische Visionen das gute Leben aller in der Gegenwart? Wie haben Liturgien Hierarchien und Ausgrenzung zementiert? In diesem Heft bieten Gwynn Kessler, Sharon Bong, Ángel Méndez-Montoya und Marilú Rojas eine queere Kritik dieser und anderer Problemfelder und entwickeln kreative Visionen anderer Wege.

Queer-Theologien kritisieren die theoretischen und methodischen Annahmen des theologischen Projekts und raten zu einer Haltung der Bescheidenheit im Bewusstsein der Fluidität nicht nur der Identitätskategorien, sondern auch der Theologie selbst. Auch wenn die Theologien immer nach der Wahrheit Gottes suchen, werden sie diese niemals ganz erreichen. Um sich ihr so weit wie möglich zu nähern, müssen sie sich verändern und für die immer neue Realität Gottes selbst offen sein. Anstatt sich auf Sinn oder Sein zu konzentrieren und zu versuchen, eine Wahrheit zu erfassen und daran festzuhalten, denken Queer-Theologien in Begriffen des Tuns, Werdens, Begehrens und Lebens der manchmal verwirrenden Verstrickungen von Körpern, Konzepten und Handlungen. Methodisch gesehen spiegelt sich dies in der Bevorzugung konkreter, körpergebundener Erfahrungen als Quellen der Theologie, in der Aufmerksamkeit für die theologische Bedeutung von Kreativität, Erzählung und Praxis sowie für die Theologien, die außerhalb des akademischen Bereichs entstehen, wie wir in den Beiträgen von Carmen Margarita Sanchez De León, Gerald West und Charlene van der Welt, Nontando Hadebe und anderen in dieser Ausgabe sehen können.

Eine der verschiedenen Bedeutungen des Verbs to queer (»queeren«) ist »überschreiten«, und Queer-Theologien sind in vielerlei Hinsicht grenzüberschreitend: in ihrer Kritik an Traditionen, Normen und Autoritäten, in ihrem beharrlichen, aber immer fehlbaren und unzureichenden Streben nach dem Göttlichen, in ihrem Schritt über den akademischen Elfenbeinturm hinaus, in ihrem politischen und sozialen Engagement, in ihrer Offenheit gegenüber der Weisheit von Körpern und Wünschen und nicht zuletzt in ihrer Überschreitung von Grenzen zwischen Konfessionen und Religionen, wenn sie die lebendige Kraft von Spiritualitäten wiederentdecken. Gwynn Kesslers Analyse rabbinischer Gleichnisse als Räume fließender Geschlechtervorstellungen und Shanon Shahs postkoloniale Diskussion queerer muslimischer Theologien als Infragestellungen von Macht und Politik sind nur zwei Beispiele für die fruchtbaren Begegnungen von Queer-Theologien mit religiösen und spirituellen Traditionen aller Art.

Heute stehen Queer-Theologien vor der Herausforderung, die Intersektionalität verschiedener Diskriminierungsfaktoren wie Hautfarbe, Klasse oder Begabung zu erkennen und sich im Projekt der Entkolonialisierung einem globalen Horizont zu öffnen. Die hier versammelten Artikel steuern wichtige Beiträge zu diesen beiden Problemfeldern bei, da sie in Dialog mit queeren, postkolonialen und entkolonialisierten Theorien treten, um nicht nur die Realitäten der Unterdrückung, aus denen sie hervorgehen, besser zu verstehen, sondern auch zur Transformation der Welt beizutragen, damit alle leben und sich entwickeln können.

Wie die Artikel in dieser Ausgabe zeigen, ist es ein eschatologischer Weg, zum queeren Leib Christi zu werden, den die Queer-Theologien inmitten systemischer Gewalt erkundet haben. Sich liebevoll an die von weltweiter Gewalt entstellten, zergliederten Körper und Territorien zu erinnern, sich ihnen wieder anzugliedern, ist Ausdruck der messianischen Zeit. Die Körper, die wirklich von Gewicht sind, die ausgebeuteten und unsichtbaren Körper von LSBTIQ+-Personen, Migranten, verschwundenen Menschen, Personen mit unterschiedlichen Begabungen, sind heute die lebenden Mitglieder des queeren Leibes Christi. Ihre vielfältigen Formen des Widerstands, ihre Kämpfe um Würde, Leben und Hoffnung sind eine kostbare Dimension des eschatologischen Erlösungsprozesses.

Die beiden Beiträge von Reynaldo Raluto und Conrado Zepeda Miramontes im Theologischen Forum dieses Hefts verwenden keine Queer-Theorie oder -Methodik, sind aber durch die Sorge um soziale Gerechtigkeit motiviert, die auch die Queer-Theologien kennzeichnet. Sie antworten auf die Herausforderung jener leidenden Körper, die vor Gott Gewicht haben und die sich mit ihren Rufen an uns alle richten. Zepeda bietet eine kurze Diskussion des Phänomens der Migration sowie des Gedankens der politischen Compassion, insbesondere im lateinamerikanischen Kontext; Raluto denkt über die Entwaldung als ökologische Sünde nach und darüber, wie einige asiatische Gemeinden auf das Sakrament der Versöhnung zurückgreifen, um ökologische Reparationen zuwege zu bringen.

Anmerkungen

1 Einige prägende Autor*innen auf diesem Gebiet waren Teresa de Lauretis, Eve Kosofsky Sedgwick und Judith Butler.
2 Zur Diskussion über eine entkolonialisierte Queer-Theorie sowie weitere Literatur vgl. Pedro Paulo Gomes Pereira, Reflecting on Decolonial Queer, in: GLQ: A Journal of Lesbian and Gay Studies 25 (2019/3), 403–429.
3 Zusätzlich zur reichhaltigen Bibliografie in Cornwalls Beitrag finden Sie eine aktuelle, leicht zugängliche Einführung in Linn Marie Tonstad, Queer Theology: Beyond Apologetics, Eugene 2018.
4 Den Schwerpunkt auf schwule und lesbische Sexualitäten legt die CONCILIUM-Ausgabe über Homosexualitäten (1/2008).

Aus dem Englischen übersetzt von Norbert Reck

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