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Leseprobe 3 DOI: 10.14623/con.2019.4.449-458
Michel Andraos
Langfristige theologische und pastorale Aufgaben bei der Entkolonialisierung des Verhältnisses zu den indigenen Völkern
Reflexionen aus Kanada1
In den letzten Jahrzehnten hat sich ein neues Bewusstsein für die vom Kolonialismus geprägten Beziehungen zwischen den Staaten und Kirchen einerseits und den indigenen Völkern andererseits entwickelt. »Was habt ihr den indigenen Völkern in euren Ländern angetan?« ist eine Frage, die das Gewissen der heutigen Kirchen heimsucht. Dieses neue Bewusstsein zwingt die großen christlichen Kirchen, die Zukunft dieser Beziehungen im globalen Maßstab radikal zu überdenken. Im Fall der römisch-katholischen Kirche haben die letzten Päpste und jüngeren offiziellen Dokumente die Fehler der Vergangenheit und Gegenwart in aller Klarheit anerkannt, und zu diesem Thema ist bereits viel geschrieben worden.

Die jüngste Stellungnahme – im Vorbereitungsdokument der Amazonas-Synode im Abschnitt über das »historisch-kirchliche Gedächtnis« – macht deutlich, dass die katholische Kirche sich weiterhin darum bemüht, ihre Beteiligung an der Kolonialisierung aufzuarbeiten, und nach »neuen Wegen« für ihre Beziehungen zu den indigenen Völkern sucht.2 Die Mehrheit der indigenen Völker überall auf der Welt gehört heute der einen oder anderen christlichen Konfession an. Über mehrere Jahrhunderte waren sie das vorrangige Ziel der »evangelisierenden« und »zivilisierenden« Mission der christlichen Kirchen des Westens. Auch die indigenen Christen selbst denken deshalb neu über ihre Beziehungen zu und in diesen Kirchen nach und suchen nach Wegen, das koloniale christliche Vermächtnis zu transformieren und sich ihrer Erfahrungen als indigene Christen zu versichern. Wie die Artikel in dieser Ausgabe von CONCILIUM belegen, tauchen in vielen Teilen der Welt neue Ausdrucksformen entkolonialisierter indigen-christlicher Theologien und Kirchenerfahrungen auf. Indigen-christliche theologische Stimmen verlangen von den Kirchen den Aufbau echter Beziehungen, die ihre spirituellen Traditionen achten und diesen Traditionen Raum geben. Sie bekräftigen das indigene Gesicht ihrer Kirchen.

Im kanadischen Kontext, den ich weiter unten ansprechen werde, fanden in den letzten Jahren viele positive Entwicklungen statt. Dennoch ist die koloniale Wunde trotz vieler Bewegungen für Versöhnung und Heilung immer noch offen und tief, und die Auswirkungen der Kolonialisierung sind für viele indigene Völker heute, in Kanada und anderswo, nach wie vor verheerend. Während ich diese Zeilen schreibe, wurde gerade die folgende Erklärung veröffentlicht – als Teil eines neuen Dokuments, das unter der Schirmherrschaft des lateinamerikanischen Bischofsrats CELAM auf einem Treffen von Vertretern indigener Pastoralarbeiter aus verschiedenen Teilen Lateinamerikas verabschiedet wurde:

»Wenn wir die Realität der ursprünglichen Völker sehen und spüren, dann empfinden wir Schmerz, und wir klagen die Situation der Ausgrenzung, der Ausbeutung, der Diskriminierung, des Machismo, der gespaltenen Gemeinschaften an. Wir sorgen uns um die Situation unserer Länder in wirtschaftlicher, politischer, sozialer, kultureller und kirchlicher Hinsicht. Uns bedrückt die zunehmende Migration unserer Völker, die zum überwiegenden Teil erzwungen ist aufgrund von fehlender Grundversorgung, Gewalt, schlechter Behandlung der Menschen, Kriminalisierung, Drogenhandel, Umweltverschmutzung, massiver Abholzung der Wälder, Verwüstung der Territorien und anderen todbringenden Situationen. Es sind insbesondere die ursprünglichen Völker, die an den Folgen am meisten leiden, da sie in vielen Fällen zugleich die Ärmsten sind.«
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Das Dokument endet damit, dass der aktive Widerstand und die Rolle der indigenen Völker bei der Transformation von Kirche und Gesellschaft herausgestellt werden. Es ruft die Kirche dazu auf, eine Sondersynode für die indigenen Völker abzuhalten und sich stärker für deren Bemühungen um sozialen Wandel einzusetzen. Die immer noch andauernden Auswirkungen der Kolonialisierung auf die indigenen Völker von heute rückgängig zu machen ist eine vordringliche Aufgabe für alle. In Anbetracht ihrer historischen Rolle tragen die Kirchen in dieser Hinsicht besondere Verantwortung. Meiner Meinung nach hat diese Aufgabe noch nicht die pastorale Aufmerksamkeit und die Mittel erhalten, die sie verdient.

Im Folgenden diskutiere ich die langfristigen theologischen und pastoralen Herausforderungen, vor die uns Entkolonialisierung und Versöhnung im kanadischen Kontext stellen. Ich spreche zunächst kurz über die Vergebungsbitten von Staat und Kirchen an die indigenen Völker, die den langen Weg zu Entkolonialisierung und Versöhnung eröffneten. Im zweiten Teil diskutiere ich die Aufgabe der Theologie und ihren möglicherweise bedeutsamen Beitrag zu diesem Prozess. Und im dritten Teil betrachte ich die theologischen und pastoralen Herausforderungen der Entkolonialisierung, vor die uns die indigenen Theologen und Wissenschaftlerinnen stellen. Abschließend werfe ich einen Blick auf die Reaktion der Kirchen und die wichtige Rolle des Dialogs bei der Entkolonialisierung des Verhältnisses zwischen den Kirchen und den indigenen Völkern.

Entschuldigungen sind nicht genug


Manche Staaten und Kirchen in verschiedenen Teilen der Welt haben sich in den letzten Jahren bei einzelnen indigenen Völkern entschuldigt. In Kanada haben die meisten großen Kirchen dies seit den späten 1980er Jahren mehrmals getan. 4 Auch die kanadische Bundesregierung entschuldigte sich im Jahr 2008 in aller Form bei den Überlebenden des Systems der Erziehungsanstalten (Residential Schools) für die dort erlittenen Misshandlungen und für die gewaltsame Unterdrückung aller Aspekte des sozialen, wirtschaftlichen, kulturellen und spirituellen Lebens der indigenen Völker. Nach dieser Entschuldigung von 2008 trug die Arbeit der Wahrheits- und Versöhnungskommission Kanadas (Truth and Reconciliation Commission – TRC) zwischen 2009 und 2015 erheblich dazu bei, das Bewusstsein der Öffentlichkeit zu schärfen und der Etablierung gesellschaftlicher Veränderungsprozesse in verschiedenen Bereichen der kanadischen Gesellschaft Schwung zu verleihen.5

In den letzten Jahren wurde häufig das Wort »verstörend« gebraucht, um das Ausmaß dieser Veränderungen für die Siedlergesellschaft und die angestammten Völker sowie für die Kirchen zu beschreiben.6 Zum gegenwärtigen Zeitpunkt sind die kanadische Gesellschaft und die Kirchen wirklich verstört, und die langfristigen Auswirkungen und Ergebnisse dieser Verstörung sind noch nicht absehbar. Auf jeden Fall aber wurde der Schleier der Unschuld, der die gewalttätige Geschichte des Landes und die Rolle der Kirchen verbarg, entfernt. Die TRC-Berichte eröffneten den Kanadiern eine neue Perspektive auf die gewalttätige Geschichte des Landes, eine Perspektive, in der die indigenen Völker und ihre Lebenserfahrungen und Sorgen im Mittelpunkt der nationalen Aufmerksamkeit standen. Mehr als jemals zuvor ist jetzt allen Kanadiern klar geworden, dass es für Kanada keine Zukunft gibt ohne gegenseitige Partnerschaft mit den indigenen Völkern im Geiste der Verträge, die mit ihnen zu verschiedenen Zeiten in der Gründungsphase der kanadischen Geschichte geschlossen wurden.

Gleiches gilt für die Kirchen und die Zukunft des Christentums. Vor dem Hintergrund der Einsicht in die Mittäterschaft der Kirchen während der Kolonialgeschichte und der Kolonialisierung des Landes und seiner Ureinwohner überdenken die Kirchen und Kirchenleitungen nun ernsthaft ihre Beziehung zu den indigenen Völkern. Dieses neue Bewusstsein hat viele Christen aus verschiedenen Kirchen sowie Kirchenleitungen, christliche Aktivisten und Theologen zutiefst verändert und zur Umkehr bewegt. Sie sind die treibende Kraft hinter dem Umdenken, das meiner Meinung nach verspricht, an die Wurzeln zu gehen und unumkehrbar zu sein.

Eine Aufgabe für die Theologie


Die Verstrickung der christlichen Kirchen in die Gewalt der Kolonialgeschichte und den Genozid an den indigenen Völkern ist inzwischen gut dokumentiert und wurde von den meisten Christen und Christinnen sowie von den Leitungen der meisten Kirchen als Tatsache anerkannt. Noch keineswegs ausreichend sind jedoch die theologischen Auseinandersetzungen mit dieser Geschichte, die Analysen dieser kolonialen Verhältnisse. Zwar wurde vieles unternommen, um die Geschichte zu verstehen und neue Beziehungen aufzubauen, doch gab es in den großen Kirchen meines Wissens noch keine wissenschaftlichen, systematischtheologischen Anstrengungen, um die kolonialen Theologien, die weiter bestehende Kolonialität und die theologische Gewalt in Vergangenheit und Gegenwart zu analysieren und wirklich zu verstehen. Aber wenn wir die theologische Gewalt der Vergangenheit nicht verstehen, bleiben wir anfällig dafür, dieselben Fehler heute wieder zu machen, auch wenn wir mit den allerbesten Absichten für Versöhnung arbeiten.

Ein systematisches wissenschaftliches Verständnis der aus theologischen und pastoralen Sichtweisen herrührenden Gewalt ist entscheidend, wenn die Kirchen neue Wege beschreiten wollen. Abgesehen davon, dass die Kirchen selbst in die koloniale Gewalt verwickelt waren, gilt dasselbe auch für ihre Strukturen, Aufgabenstellungen, Sakramente, Interpretationen der Bibel, Bildungseinrichtungen und andere Dienste. Es gibt keinen Aspekt des kirchlichen Dienstes, der nicht involviert wäre.

Die dringendste Maßnahme besteht also nicht nur darin, die koloniale Vergangenheit und die daraus resultierende Zerstörung anzuerkennen, sondern – noch wichtiger – konkret zu verstehen, inwiefern Theologie, kirchliche Strukturen und pastorale Dienste in bestimmten Zusammenhängen kolonialistisch waren und wie demnach entkolonialisierte Theologie, Kirchenstrukturen und Pastoraldienste aussehen müssten, damit neue Beziehungen sich entwickeln können. Ich will damit nicht sagen, dass die Theologie selbst einen Fahrplan für eine entkolonialisierte Zukunft entwerfen müsste. Die zweifache Aufgabe der Theologie sehe ich vielmehr darin, 1. aus der Vergangenheit zu lernen, indem sie diese studiert und analysiert, und 2. über die positiven Erfahrungen und die Versöhnungsschritte, die in manchen Diözesen und nationalen Versöhnungsinitiativen unternommen werden, zu reflektieren.

Wie in anderen Gebieten auch, ist die pastorale Praxis hier weiter fortgeschritten als das theologische Denken. Die Theologie der Zukunft wird zum Teil aus der theologischen Reflexion über die guten Schritte der Versöhnung hervorgehen. Darin liegt in meinen Augen eine dringende Aufgabe für die Theologie in Kanada, damit sie einen Beitrag zur langfristigen Entkolonialisierung ihrer selbst, aber auch der Strukturen und der pastoralen Dienste der Kirchen leisten kann.7

Herausforderungen seitens indigener Theologen und Wissenschaftlerinnen

Die indigenen Autoren und Autorinnen dieses Hefts thematisieren einige Punkte, bei denen koloniale Spannungen mit der christlichen Theologie, der Pastoral und den Kirchen bestehen. Uneinigkeit gibt es unter anderem hinsichtlich des bleibenden Werts der gelebten spirituellen Erfahrungen und Praktiken aus der Zeit vor der christlichen »Evangelisierung« für die indigenen Völker; hinsichtlich der Bedeutung traditioneller Zeremonien und Rituale für das Leben indigener Völker in den Kirchen, aber ebenso für die Kirche selbst; hinsichtlich eines respektvollen Dialogs auf Augenhöhe mit den indigenen Traditionen, den Lehren der Ältesten und den Weisheiten der Ahnen; und hinsichtlich der Qualität der genannten Traditionen, die als heilige Quellen der göttlichen Offenbarung zu betrachten und mit der hebräischen und der christlichen Bibel sowie mit anderen Offenbarungsquellen der christlichen Traditionen ins Gespräch zu bringen wären.8 Diese Punkte repräsentieren keineswegs alle theologischen kolonialen Spannungen. Sie sind lediglich konkrete Beispiele, die nach Ansicht vieler indigener Theologen und Theologinnen anzeigen, wo theologische Entkolonialisierungsarbeit erforderlich ist.

Neben den oben erwähnten theologischen Herausforderungen ist eine der Hauptursachen der theologischen Kolonialgewalt die Haltung der eurozentrischen Überlegenheit, die den christlichen und kulturellen Ausdrucksformen des Westens im Allgemeinen, einschließlich der christlichen Theologien, innewohnt. Viele indigene und nichtindigene Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler glauben heute, dass diese Haltung der Überlegenheit den Kern des kolonialen Problems ausmacht. Die indigene Wissenschaftlerin Marie Battiste, die für ihre wegweisende Arbeit zur Entkolonialisierung der Bildung im kanadischen Kontext bekannt ist, schreibt: »Der Eurozentrismus ist ein europäisches ›Zentrum‹, das sich durch Überlegenheits-, Fortschritts-, Hegemonie- und Monopolansprüche von allen anderen Wissenssystemen abhebt, und das christliche Wissenssystem ist dabei von grundlegender Bedeutung.«9 Sie fügt hinzu: »Die Ureinwohner Kanadas und die indigenen Völker auf der ganzen Welt spüren die Spannungen, die vom eurozentrischen Bildungssystem verursacht wurden. Es hat sie dazu gebracht, ihren indigenen Wissenssystemen, der Weisheit ihrer Ältesten und ihrer eigenen inneren Lust am Lernen zu misstrauen.«10 Battiste meint, zur Versöhnung mit indigenen Völkern sei es unter anderem notwendig, sich mit dem »historischen Erbe des Eurozentrismus, des kognitiven Imperialismus, des Rassismus und der Rassifizierung, mit der erzwungenen Angleichung an das Christentum, mit Traumata und Gewalt sowie mit dem kulturellen Genozid«11 zu befassen. Sie argumentiert zu Recht, die Kirchen dürften nicht nur an symbolisch-kulturellen Akten der Versöhnung teilnehmen, sondern »müssen bereit sein, die Ideologien der Unterdrückung zu überwinden«12. Auch diese Arbeit ist eine weitere dringende Aufgabe für die Theologie.

Die großen christlichen Kirchen des Westens entfalteten sich völlig innerhalb dieses eurozentrischen Paradigmas der Überlegenheit gegenüber allen anderen Völkern und Religionen der Welt. Ihre »evangelisierenden« und »zivilisierenden« Missionstheologien gründeten ganz auf dieser eurozentrischen Weltsicht. Sie stellten sich selbst und ihre Theologien in den Mittelpunkt und stuften jede andere religiöse Erfahrung und jedes andere Glaubenssystem als dem westlichen Christentum unterlegen ein. Diese Haltung hat die christlichen Theologien und ihr Verständnis anderer Religionen zutiefst geprägt. Es ist noch nicht lange her, dass die katholische Kirche und einige andere Kirchen ihre offiziellen Lehren gegenüber den anderen Religionen geändert haben, doch die Haltung der eurozentrischen Überlegenheit prägt weiterhin die meisten ihrer Theologien und Praktiken. Im Fall der katholischen Kirche geschah diese Änderung auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil und kommt am besten in der Erklärung Nostra Aetate (1965) zum Ausdruck.

Trotz dieses bedeutenden Wandels in den offiziellen Lehren und Grundhaltungen der Kirche spiegeln solche Dokumente noch nicht die Theologie des gegenseitigen Respekts gegenüber anderen Religionen wider, die für den heutigen Dialog mit den indigenen Völkern erforderlich ist. Die religiösen Erfahrungen der indigenen Völker zählen nicht zu den »Weltreligionen«, von denen in solchen Dokumenten die Rede ist. Bestenfalls sind solche offiziellen Lehren eine paternalistische Anerkennung des Guten, das in anderen Religionen zu finden ist, und ein Ausdruck der Offenheit für den Dialog. Sie stellen keinen Bruch mit dem nach wie vor vorherrschenden religiösen Paradigma der Kolonialzeit dar.13

Gewiss wurden seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil erhebliche Fortschritte im Dialog mit anderen Religionen erzielt, dennoch sind in der katholischen Kirche Wesen und Theologie dieses Dialogs weiterhin umstritten. Wie die Artikel in diesem Heft veranschaulichen, haben die katholischen Gemeinden auf der ganzen Welt, insbesondere viele indigene Gemeinden, die Grenzen der offiziellen katholischen Lehre in ihrer Praxis längst gesprengt. Eine neue Aufgabe für eine entkolonialisierte Theologie gegenüber anderen Religionen ist es daher, diese Dialogerfahrungen ernst zu nehmen und systematische theologische Reflexionen über die neue, interreligiös gelebte Praxis anzustellen.

Versöhnung, Dialog und Entkolonialisierung

Gegen Ende ihres Mandats veröffentlichte die TRC ihre Calls to Action (Aufrufe zum Handeln), die sich an alle Bereiche der kanadischen Gesellschaft richteten, und skizzierte darin vierundneunzig Forderungen, »das Erbe der Residential Schools zu bereinigen und den Prozess der kanadischen Aussöhnung voranzutreiben«.14 Vier der Calls to Action (Nr. 58–61) betreffen die Kirchen und die Versöhnung. Sie fordern Papst Franziskus auf, für die »Rolle der römisch-katholischen Kirche beim geistlichen, kulturellen, emotionalen, körperlichen und sexuellen Missbrauch von Kindern der Ureinwohner, der Inuit und der Métis in katholisch geführten Residential Schools um Vergebung zu bitten«. Der zweite Call to Action an die Kirchen ruft dazu auf, »Weiterbildungsstrategien zu entwickeln, die dafür sorgen, dass die Kirchengemeinden mehr über die Rolle ihrer Kirche bei der Kolonialisierung, über die Geschichte und die Hinterlassenschaft der Residential Schools erfahren und warum es notwendig war, dass die Kirche die ehemaligen Schüler der Residential Schools, ihre Familien und Gemeinschaften um Vergebung bittet.« Die dritte Forderung betrifft die Aus- und Weiterbildung, die den Respekt für die indigene Spiritualität fördern sollten. Die Kirchen werden aufgerufen, »mit indigenen spirituellen Führern, Überlebenden, theologischen Ausbildungsstätten, Seminaren und anderen religiösen Ausbildungszentren zusammenzuarbeiten, um für alle Studierenden geistlicher Berufe sowie für alle Geistlichen und Mitarbeiter, die in Aborigines-Gemeinschaften arbeiten, Lehrpläne des Respekts für die indigene Spiritualität zu entwickeln und diese in der Lehre umzusetzen …« Die vierte Aufforderung an die Kirchen besteht darin, Mittel bereitzustellen für Heilungs- und Versöhnungsprojekte, für Projekte zur Wiederbelebung der indigenen Kultur und Sprache, für den Aufbau von Beziehungen und für »regionale Dialoge, in denen indigene spirituelle Führer mit Jugendlichen über indigene Spiritualität, Selbstbestimmung und Versöhnung diskutieren können.«

Viele kanadische Kirchen haben diese Aufrufe zum Handeln sehr ernst genommen und positiv darauf reagiert. Die katholische Kirche verpflichtete sich öffentlich, die obengenannten zentralen Forderungen umzusetzen.15 Zusätzlich haben manche Kirchen auf lokaler Ebene Initiativen gestartet, die auf verschiedene Aspekte der Calls to Action eingehen. Manche Seminare haben Programme zur intensiven Auseinandersetzung eingerichtet und in ihre theologischen und pastoralen Ausbildungsgänge integriert, in denen Seminaristen unter der Leitung indigener Ältester in die indigene Spiritualität eingeführt werden. Die ersten Reaktionen sind sehr ermutigend, und Programme wie diese eröffnen neue Möglichkeiten für einen künftigen Dialog in gegenseitigem Respekt. Doch nur die Zeit wird zeigen, was die kirchlichen Initiativen und ihr Engagement für den Dialog zur langfristigen Transformation der westlich-christlichen Kolonialtheologie, der kirchlichen Strukturen, der Machtverhältnisse und der vorherrschenden christlichen Umgangsweisen mit den indigenen Völkern und ihren Spiritualitäten beitragen werden. Für die nichtindigenen Christen in Kanada ist es immer noch ein ferner Traum, einen wahrhaft interkulturellen, verändernden Dialog zu führen, der ergründet, was es bedeutet, angesichts eines neuen, gerechteren Verhältnisses zu den indigenen Völkern in Kanada Christ zu sein. Was in den Kirchen als Folgewirkung der TRC geschieht, dürften wichtige erste Schritte in dieser Richtung sein.

Laut Robert Schreiter, dem für seine Versöhnungsarbeit international bekannten Theologen, bringt ein echter Dialog neues kritisches Wissen sowie ein neues Selbstverständnis hervor und trägt im Rahmen des Versöhnungsprozesses zur Veränderung der Machtverhältnisse in den Kirchen bei. Versöhnung und Entkolonialisierung sind, wie ich meine, eng miteinander verbunden, und ohne eine Veränderung der Machtverhältnisse bleibt Entkolonialisierung eine Illusion. Diesbezüglich führt Schreiter aus:

»Der Dialog sollte auch dazu führen, dass die einstigen Kolonialherren sich selbst genauer sehen lernen. Sie sollten erkennen, wie ihr Weltverständnis zur Zerstörung der Lebensweisen der indigenen Völker führte und weiterhin ihre Einstellungen und Beziehungen zu den Ureinwohnern prägt. Es muss zu einer Veränderung der asymmetrischen Machtverhältnisse kommen, weg von der immer noch bestehenden Herrschaft der Kolonialherren und ihrer Kirche, hin zur Stärkung der indigenen Gemeinschaften. Ohne diese Umverteilung der Macht werden die Kolonialisten nicht anerkennen, wie die Kolonialität weiterhin die Beziehungen deformiert.«16

Zusammenfassend lässt sich sagen: Der Dialog mit den indigenen Völkern hat begonnen, und viele Kirchen setzen sich für Veränderungen ein, wollen neue, stimmige Beziehungen aufbauen und nach neuen Wegen suchen. Der vor uns liegende Weg ist jedoch noch lang und birgt viele Schwierigkeiten, die überwunden werden müssen.

Anmerkungen


1 Dieser Artikel baut auf den folgenden früheren Arbeiten von mir auf: Christianities and Indigenous Peoples: The Urgency for ›New Paths‹, in: Critical Theology 1 (Winter 2019/2), 3–9; Christianity and Indigenous Peoples: Another Christianity Is Necessary, in: Jean-François Roussel (Hg.), Decoloniality and Justice: Theological Perspectives (World Forum on Theology and Liberation), San Leopoldo 2018, 25–34; Doing Theology after theTRC, in: Toronto Journal of Theology 33 (2017/2), 295–301; Les Églises, la théologie et les autochtones. De la réconciliation à la décolonisation, in: Théologique 23 (2015/2), 59–73. Vgl. auch Michael Andraos (Hg.) The Church and Indigenous Peoples in the Americas: In Between Reconciliation and Decolonization (Studies in World Catholicism, Bd. 7), Eugene, OR 2019.
2 Amazonien. Neue Wege für die Kirche und für eine ganzheitliche Ökologie. Sonderversammlung der Bischofssynode für das Amazonasgebiet. Vorbereitungsdokument, dt. Übersetzung von Thomas Schmidt und Norbert Arntz im Auftrag von MISEREOR, Aachen 2018. Im Internet unter: https://weltkirche.katholisch.de/Portals/0/Dokumente/vorbereitungsdokument-amazonien_fi nal.pdf.
3 CELAM – Departamento de Cultura y Educación, Encuentro de Agentes de Pastoral Nativos de Puelos Originarios. Mensaje Final, Latacunga, Ecuador, 1.–6. April 2019. Der vollständige Wortlaut des Dokuments ist im Theologischen Forum in diesem Heft nachzulesen.
4 Vgl. zwei Artikel zu diesem Thema in früheren Heften von CONCILIUM: Gregory Baum, Kanadische Kirchen bedauern Nähe zum Kolonialismus, in: CONCILIUM 50 (2014/1), 76–82, und Jean-François Roussel, Die schwierigen Wege zur Wahrheit und zur Versöhnung. Kirchen und Theologie in Kanada nach dem Ende der Erziehungsanstalten für Kinder indigener Völker, in: CONCILIUM 53 (2017/3), 346–353. Eine ausführlichere Auseinandersetzung, die auch die theologische Dimension des Themas anspricht, bietet Brian McDonough, The Truth and Reconciliation Commission of Canada, in: Andraos (Hg.), The Church and Indigenous Peoples in the Americas, 56–77. Für ein Beispiel ähnlicher Prozesse in einem anderen Land vgl. Jione Havea (Hg.), Indigenous Australia and the Unfi nished Business of Theology: Cross-Cultural Engagement, New York 2014 und in diesem Band insb. Sarah Maddison, Missionary Genocide: Moral Illegitimacy and the Churches of Australia, 31–46. Vgl. auch die jüngste Sammlung von Artikeln zum Thema in: Australian Journal of Mission Studies 12 (2018/2).
5 The Truth and Reconciliation Commission of Canada, Canada’s Residential Schools: Reconciliation. The Final Report of the Truth and Reconciliation Commission of Canada, Bd. 6, Montreal 2015. Im Internet unter: www.trc.ca.
6 Mehrere indigene und nichtindigene kanadische Autoren und Autorinnen gebrauchen das Wort »verstörend« (»unsettling«), um auf die Tiefe der wirtschaftlichen, sind, um auf dem Weg zur Versöhnung mit den indigenen Völkern voranzukommen. Vgl. beispielsweise Arthur Manuel – Ronald Derrickson, Unsettling Canada: A National Wake-Up Call, Toronto 2015, und Paulette Regan, Unsettling the Settler Within: Indian Residential Schools, Truth Telling, and Reconciliation in Canada, Vancouver 2010.
7 Theologen und Theologinnen in manchen lateinamerikanischen Ländern haben daran schon länger gearbeitet und sind in dieser Hinsicht weiter fortgeschritten als in Kanada, insbesondere einige katholische indigene Theologen. Vgl. zum Beispiel die Arbeiten des indigenen mexikanischen Theologen und Priesters Eleazar López Hernández: Teologías Indígenas en las Iglesias Cristianas. ¿Podemos los Indígenas Ganar en Ellas el Lugar que Merecemos?, in: La Teología de la Liberación en Prospectiva. Congreso Continental de Teología, São Leopoldo, Brasilien, 7.–11. Oktober 2012, Bd. 2, Montevideo 2012, 293–306, im Internet unter: www.amerindiaenlared.org; ders., Experiencia Teologal Indígena: Aporte a la Humanidad y las Iglesias, in: Roussel (Hg.), Decoloniality and Justice, 65–72; ders., Teologías Ancestrales en Diálogo con la Fe Cristiana y con la Modernidad, Mexico City 2018.
8 Eine jüngere CELAM-Publikation zeigt eindrucksvoll die oben angesprochene koloniale Spannung zwischen den offi ziellen Kirchenvertretern und indigenen lateinamerikanischen Theologen und Theologinnen, vor allem hinsichtlich des Themas der göttlichen Offenbarung: CELAM – Departamento de Cultura y Educación (Hg.), V Simposio de Teología India: Revelación de Dios y Pueblos Originarios, Bogotá 2015.
9 Marie Battiste, Reconciling Truths and Decolonizing Practices for the Head, Heart, and Hands, in: Andraos (Hg.), The Church and Indigenous Peoples in the Americas, 186. Battistes Arbeit für die Entkolonialisierung der Bildung ist ein gutes Beispiel für die Analyse der Kolonialtheologie und für die theoretische Arbeit an der Entkolonialisierung der Theologie und der theologischen Ausbildung, insbesondere im kanadischen Kontext. Vgl. auch Marie Battiste, Decolonizing Education: Nourishing the Learning Spirit, Saskatoon 2013.
10 Battiste, Decolonizing Education, 24.
11 Battiste, Reconciling Truths and Decolonizing Practices, 188.
12 Ebd., 189.
13 Zu einer kritischen Analyse von Nostra Aetate aus dieser Perspektive vgl. Peter C. Phan, Reading Nostra Aetate in Reverse: A Different Way of Looking at the Relationships among Religions, in: Horizonte 13 (2015), Nr. 40, 1826–1840.
14 Truth and Reconciliation Commission of Canada: Calls to Action. Vgl. den einleitenden Absatz unter: http://nctr.ca/assets/reports/Calls_to_Action_English2.pdf.
15 Vgl. https://www.cccb.ca/site/images/stories/pdf/catholic%20response%20 call%20to%20action%2048.pdf. Zur Reaktion der kanadischen katholischen Kirche zur TRC und den Calls to Action vgl. die exzellente Zusammenfassung und theologische Reflexion in McDonough, The Truth and Reconciliation Commission of Canada, 56–77. Siehe auch Eva Solomon, CSJ, My Experience Working as an Indigenous Person with Indigenous People, in: Andraos (Hg.), The Church and Indigenous Peoples in the Americas, 45–55, und Sylvain Lavoie, OMI, Walking a New Path: A Harvest of Reconciliation—Forging a Renewed Relationship between the Church and the Indigenous Peoples, ebd., 78–97.
16 Robert Schreiter, Horizons of Memory and Hope: Some Concluding Refl ections, in: Andraos (Hg.), The Church and Indigenous Peoples in the Americas, 211.

Aus dem Englischen übersetzt von Norbert Reck

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