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Leseprobe 1 DOI: 10.14623/con.2019.4.397-406
Sofía Chipana Quispe
Die Bibel in andinen Entkolonialisierungs- und Interkulturalitätsprozessen
Notwendige Vorbemerkungen …

Der folgende Artikel greift Erfahrungen aus der volkstümlichen Bibellektüre in den andinen Kontexten wieder auf, die 2006 als eine Art Experiment unter dem Titel »… weil du das vor den Weisen und Klugen verborgen und es den Unmündigen offenbart hast (Mt 11,25): Auf dem Weg zu einer andinen Bibelhermeneutik« vorgestellt worden sind. Dieser Text erschien als Teil einer vom Instituto Superior Ecuménico Andino de Teología (ISEAT) in zwei Bänden herausgegebenen Sammlung von Beiträgen der andinen Theologie, die verschiedene Grenzen überschritten haben, um zu Worten zu werden, die – wie jeder Text, der aus den Händen seiner Verfasser*innen in die Hände seiner Rezipient*innen übergeben wird – mit anderen geteilt und durch deren eigene Erfahrungen und Blickwinkel bereichert werden können.

Ich greife die Ahnungen, die mich damals im Miteinander mit den Glaubensgemeinschaften begleitet haben, verantwortungsbewusst auf und schließe sie auf für den Beitrag anderer, eher pluraler und interkultureller Formen des Unterwegsseins. Besagte Formen des Unterwegsseins lassen die Vorstellung von der Bibel als dem einzigen und exklusiven Wort »Gottes« hinter sich, um sich für andere Worte, Gewebe, Gesänge, Erinnerungen, Schilderungen und Tänze zu öffnen, die von den Beziehungen zum Geheimnis des Lebens erzählen, das auf unterschiedliche Weisen empfunden und benannt wird.

Es geht um die Herausforderung, den Formen des Unterwegsseins einer andinen Theologie nachzuspüren, die die ausschließlich christlichen und christianisierenden Perspektiven und Interessen hinter sich zu lassen vermag, um sich den Beiträgen zu öffnen, die aus dem Erleben und den Selbstäußerungen der Andenvölker in jenen entfremdeten Identitäten und unterdrückten Spiritualitäten erwachsen, die sich heute als ein jahrtausendealtes Erbe erweisen. Ein Erbe, das fortlebt und aus seiner Verborgenheit hervortritt, um Orientierungen zu bieten, die mit den Wegen unserer Ahnen verbunden sind: nicht weil wir uns nach der Vergangenheit oder der Gewalt, den Schrecken und Leiden der Kolonialzeit zurücksehnen, sondern weil wir aus den Quellen trinken und aus der Kosmopraxis der Bevölkerungen schöpfen sollen, um mit Wissensbeständen und Weisheiten in Kontakt zu kommen, die andere Weisen der Verständigung, des Seins und des Daseins in unseren Ländern, Territorien und Territorialitäten ermöglichen.

Die Überordnung der Bibel in den andinen Lesarten

In den Kontexten der kolonialisierten Völker von Abya Yala ist die Bibel zu kolonialistischen Zwecken instrumentalisiert worden, um unsere Identitäten zu entfremden, unsere Gebiete zu unterwerfen und uns zu einem Leben als Fremde im eigenen Land zu zwingen. Auch die Lesarten biblischer Texte, die das intolerante Bild eines einzigen und wahren Gottes zeichnen, wurden verwendet, um die uralten Spiritualitäten sowohl der autochthonen als auch der aus Afrika stammenden Bevölkerungen zu delegitimieren. Mit Frisotti gesprochen: »Die Bibel hat das Gesicht eines Richters der Inquisition, weil sie benutzt wurde, um die Religion des Schwarzen zu verteufeln. Jedweder biblische Bezug auf Götzenbilder, Opfer, Geister, Tote, auf Auflehnung und Nacktheit verwandelte man in ein Argument, das den Glauben und die Ausdrucksformen der nichtkatholischen Religionen stigmatisierte und exorzierte«.

Die Geschichte dieser Stigmatisierung ist lang und schmerzlich. Dennoch fanden die Widerstandskräfte, vereint mit den Spiritualitäten der Vorfahren, verbotene Wege, die zentrale Bedeutung der Bibel zu hinterfragen, um durch Schweigen, Gesänge, Gewebe, Tänze, Symbole, Botschaften anderer Wesen, Berge, Flüsse, Sterne, Medizin, Ackerbau und Worte Verbindungen zu den Quellen des Lebens herzustellen, die die Verbindung zu den Wurzeln des jeweiligen Volkes stärken helfen.

Es handelt sich um tiefreichende Erfahrungen, die den Hegemonieanspruch eines Christentums infrage stellen, das die Bibel – ausgehend von der Hegemonie des Logos der herrschenden Kultur, welche die biblischen Texte isoliert von einer Geschichte präsentiert, in der der Vorrang eines »einzigen« Gottes immer wieder für Konflikte gesorgt hat – als das einzige Wort Gottes postuliert. Womit die notwendige Aufgabe bestehen bleibt, »jene Texte kritisch zu lesen, die zur Feststellung der Unterschiede wie auch zur Rechtfertigung der Gleichmacherei und dazu benutzt worden sind, ein westliches, christliches, hegemonisches Menschenbild durchzusetzen, das auf eine Weise angewendet wird, bei der die Feststellung der Gleichheit die Beseitigung dessen beinhaltet, was anders ist«.

Es ist nicht zu leugnen, dass die Bibel in den andinen Kontexten aufgrund der sprachlichen Hürden und der begrenzten Alphabetisierung nicht so sehr auf dem Wege der Lektüre als geheiligtes Sinnbild Aufnahme gefunden hat, sondern wegen ihres symbolischen Charakters, der sich wiederum aus dem Prinzip der Komplementarität ergibt, das im Weltbild der Andenvölker Gleichgewicht und Harmonie herstellt. Deshalb hat man sich viele christliche Elemente und eben auch die Bibel auf kreative Weise zu eigen gemacht, bis sie ihren Platz gefunden hatten.

Wenngleich die Bibel wie jeder andere als »heilig« betrachtete Text Weisheiten und tief empfundene Verbindungen zum Netz des Lebens bietet, geht sie doch auch von der menschlichen Erfahrung aus und stellt ebendeshalb nicht die einzige Art dar, Gott wahrzunehmen. Allerdings wurzelt das Problem in den Auslegungen der biblischen Texte, weshalb Carlos Mesters’ Einschätzung zutrifft, der die biblischen Schriften als »wehrlose Blume« bezeichnet, weil sie die beständige Verzerrung ihrer Bedeutungen durch fundamentalistische Lesarten erleiden.

Um unseren Weg fortzusetzen, stellen wir uns in den Beiträgen der andinen Theologie – genauso, wie wir die verschiedenen Annäherungen an die Bibel hinterfragen, die einen patriarchalischen und gewaltsamen Monotheismus der Gottheit betonen, die die kolonialen Systeme stützt – auch die Aufgabe, die utopischen Horizonte eines würdigen Lebens-in-Beziehung erahnen zu lassen, das wir als das Suma jacaña anerkennen.

Eine nötige Entkolonialisierung der andinen Theologie

Folgt man dem bisher Gesagten, ergibt sich aus den Prozessen der andinen Theologie die notwendige Herausforderung der Entkolonialisierung, die in dem Maße sinnvoll ist, in dem wir uns unserer »kolonialen Verfasstheit« und der Tatsache bewusst sind, dass viele unserer Haltungen und Verhaltensweisen das widerspiegeln, was wir im Hinblick auf unsere als »indianisch« kategorisierten Identitäten gelernt haben – mit der ganzen rassistischen Last, die diese Bezeichnung in den Gebieten, die wir heute Abya Yala nennen, mit sich bringt. Wie Calixto Quispe sagen würde: »Wir haben eine sehr harte historische Vergangenheit. Sie haben uns jahrelang zermalmt. Wir sind viele Jahre lang mit Füßen getreten worden. Das hat eine Narbe hinterlassen. Das hat uns entstellt. Wir sind das Ergebnis dieser Vergangenheit. Deshalb wird sich die Entwicklung unseres Bewusstseins verzögern. Wir dürfen uns nicht der Illusion einer leichten Befreiung hingeben«.

Verinnerlichte Geringschätzung und Ausgrenzung haben eine kulturelle Entfremdung oder »Verblassung« erzeugt, was wiederum zur Übernahme einer neutralen, vorzugsweise an das Nordeuropäische angelehnten Identität führt – eine Tatsache, die Dina Ludeña sehr nachdrücklich betont, wenn sie schreibt, ihr Volk, die Quechua, glaube, »dass ihre Welt keinen Wert besitzt, weshalb es nach anderen Welten strebt und die seine verleugnet«. [...]


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