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Zu diesem Heft DOI: 10.14623/con.2019.4.369-373
Michel Andraos / Bernadeth C. Bustillos / Geraldo Luiz De Mori
Warum ein Heft über indigene Völker und das Christentum?
Das vom Kolonialismus geprägte Verhältnis zwischen dem Christentum und den indigenen Völkern und die gewaltsamen »Evangelisierungen« machen den Dialog und die Solidarität mit diesen Völkern für die Kirchen heute zu einer dringlichen Angelegenheit. Zwar erhielten die indigenen Völker in den 1990er-Jahren aus Anlass des Fünfhundertjahr-Gedenkens an die Eroberung des indigenen Amerikas ein gewisses Maß an Aufmerksamkeit von Kirchen in der ganzen Welt, aber heute ist dies nicht mehr der Fall. Die politischen, sozialen, kulturellen, pastoralen und theologischen Fragen, die damals von indigenen Völkern aufgeworfen wurden, wurden größtenteils nicht angemessen aufgenommen und oftmals wieder an den Rand gedrängt. Zu den dringendsten Themen, die heutzutage pastorale Aufmerksamkeit und Engagement verlangen, gehört die neue/alte koloniale Situation des Extraktivismus auf indigenem Land – im Dienste des globalen Marktes und auf Kosten von Mutter Erde sowie dem Lebensunterhalt vieler indigener Gemeinschaften auf der ganzen Welt. Eines der krassesten Beispiele dafür ist die Lage in Amazonien. Die in diesem Herbst anstehende Synode unter dem Titel Amazonien: Neue Wege für die Kirche und für eine ganzheitliche Ökologie ist ein überfälliger Schritt in die richtige Richtung, um pastorale Maßnahmen zu ergreifen und gerechte Beziehungen zu den indigenen Völkern und zu Mutter Erde aufzubauen. Aus all diesen Gründen ist eine CONCILIUM-Ausgabe über Christentum und indigene Völker unbedingt an der Zeit.

In den letzten Jahrzehnten haben die offiziellen Lehrdokumente der katholischen Kirche und der Päpste ihre Solidarität mit den Selbstbestimmungsbewegungen der indigenen Völker zum Ausdruck gebracht, deren Rechte bekräftigt und zu einer Änderung der Haltung der Kirche ihnen gegenüber aufgerufen. Zuletzt hat Papst Franziskus die indigenen Völker Amerikas für die Beteiligung der katholischen Kirche an kolonialer Gewalt um Vergebung gebeten (Santa Cruz, Bolivien, im Jahr 2015 und San Cristobal de Las Casas, Chiapas, Mexiko, im Jahr 2016). In jüngster Zeit verfolgt das Vorbereitungsdokument für die Amazonas-Synode einen ähnlichen Ansatz, und viele Kirchen haben sich verpflichtet, neue Beziehungen zu indigenen Völkern aufzunehmen. Eine systematische theologische Reflexion darüber, was die Entkolonialisierung der Theologie und des pastoralen Dienstes wirklich bedeutet, ist jedoch nur in Ansätzen – wenn überhaupt – vorhanden. Wie müssten solche Theologien und pastoralen Dienste in Zusammenarbeit mit indigenen Völkern aussehen? Wie stellen wir uns diese neuen, gerechten Beziehungen innerhalb der Kirchen vor? Und warum haben sich diese Theologien in den letzten Jahrzehnten nicht wesentlich weiterentwickelt?

Indigene Theologen und ihre Verbündeten in den Kirchen haben sich doch – zumindest seit Anfang der Neunzigerjahre – zu Wort gemeldet, ihre Erfahrungen artikuliert, ihre Stimme und ihren Platz in den Kirchen beansprucht und einen wirklich interkulturellen, gegenseitigen Dialog zwischen ihren spirituellen Traditionen und Kulturen und den ihnen aufgezwungenen westlichen Formen des Christentums gefordert. Sie wollen als indigene Völker den Kirchen angehören. Sie sagen uns, dass die Weisheit, die Lebenserfahrungen, die Spiritualität und die Theologien der Indigenen unserer Welt und den Kirchen etwas Wertvolles geben können, insbesondere beim gegenwärtigen Zusammentreffen mehrerer globaler Krisen, seien sie nun ökologisch, ökonomisch, sicherheitsrelevant, politisch, spirituell oder kirchlich. Seit Jahrzehnten widersetzen sich indigene Bewegungen auf der ganzen Welt den neoliberalen bzw. neokolonialen wirtschaftlichen und politischen Systemen. Sie führen uns vor Augen, dass diese Systeme ihren Völkern den Tod gebracht, ihre Lebensweisen und Kulturen zerstört haben und ihr Land und den Rest der Erde verwüsten. Die indigenen Theologen und Theologinnen in den Kirchen fordern neue interkulturelle Theologien und Praktiken des christlichen Glaubens, die ihre Weisheiten, Erfahrungen und ihre Bewegungen der Erneuerung und des Widerstands ernst nehmen.

Diese Ausgabe von CONCILIUM gibt in erster Linie indigenen Stimmen Raum, ihre theologischen und pastoralen Alternativen angesichts einer christlichen Praxis zu artikulieren, die größtenteils noch vom kolonialen Habitus der Herrschaft und Assimilation bestimmt ist. Die indigenen Stimmen in dieser Ausgabe rufen auf zum Überdenken der traditionellen biblischen und fundamentalen Theologien, der Ethik, der Ekklesiologie, der Spiritualität, der Kirchenführung usw. Und sie bringen eine Reihe von Perspektiven und Erfahrungen ins Gespräch, die den Glauben und die Hoffnung in den Kirchen erneuern könnten. Wir hoffen, dass diese Ausgabe von CONCILIUM dazu beiträgt, diese theologischen und pastoralen Bewegungen in den Kirchen stärker zu machen.

Bereichert wird diese Ausgabe mit dem Foto eines Maya-Altars, aufgenommen in einer Kirche während der Eucharistiefeier. Bis vor kurzem waren solche Altäre in den Kirchen nicht willkommen. Das Foto symbolisiert den beginnenden neuen Dialog, der in vielen Artikeln in diesem Heft von zentraler Bedeutung ist.

Das Zeugnis und die Reflexionen von Sherry Balcombe von der Initiative Aboriginal Catholic Australia geben sodann den Ton für den ersten Teil dieser Ausgabe vor, in dem es um indigene theologische und pastorale Einsichten gehen wird. Die Autorin denkt über die spirituellen Praktiken der Aborigines und ihre Verbindung zu den Menschen, dem Land und allem, was Gott geschaffen hat, sowie über die Bedeutung dieser Praktiken für die Kirche nach. Balcombe macht deutlich, dass diese Spiritualität den Aborigines in Australien immer Kraft zum Widerstand und für das Überleben gegeben hat und auch heute noch gibt.

Im selben Geist konzentrieren sich die Artikel von Atilano Ceballos Loeza und Ernestina López Bac auf die mittelamerikanischen christlichen Maya-Rituale und ihre gemeinschaftliche spirituelle Funktion, die Menschen mit Gott, der Gemeinschaft und mit Mutter Erde zu verbinden. Für die Autoren sind diese interreligiösen Gemeinschaftsrituale auch eine spirituelle Quelle des Widerstands, der Entkolonialisierung und der Verpflichtung zur Gerechtigkeit und zum guten Leben.

Aus einer interkulturellen, in den Anden verwurzelten Perspektive regt Sofía Chipana Quispe zum Nachdenken über die Entkolonialisierung des Bibelgebrauchs und die theologischen Konzepte der »Evangelisierung« an und fragt, wie diese zusammen mit den heiligen Traditionen und Erfahrungen indigener Völker zu lebensfördernden Projekten beitragen können.

Daran schließt sich der Beitrag von Harry Lafond aus dem Norden des indigenen Amerikas an. Er erinnert sich an die Vision einer Kirche, die offen für den Beitrag und die Spiritualität des Volkes der Cree ist, wie er sie vor mehr als zwanzig Jahren vor dem Papst und den Bischöfen der Amerika-Synode im Vatikan vorgetragen hat. Lafond spricht von der Notwendigkeit eines tiefen Zuhörens und eines Dialogs zwischen den indigenen Völkern und den Vertretern der Kirche, wenn die koloniale Erfahrung wirklich überwunden werden soll. Er wiederholt heute, was er auf der Synode gesagt hat: Indigene Völker haben bedeutende Gaben, mit denen sie der Kirche dienen könnten. Die Kirche muss dies erkennen, hat es aber noch nicht getan.

Der zweite Teil dieser Ausgabe widmet sich unterschiedlichen regionalen Perspektiven zu den historischen, ethischen und theologischen Herausforderungen des fortbestehenden Kolonialismus und Neokolonialismus. Die Autoren diskutieren entkolonialisierende Ansätze, um Wege in die Zukunft zu beschreiten.

Laurenti Magesa aus Kenia spricht über die Wunden der Evangelisierung auf dem afrikanischen Kontinent und in der afrikanischen Kirche. Ähnlich wie die amerikanischen Ureinwohner erinnert er daran, dass die missionierenden Christen in Afrika die kulturellen Werte Afrikas zurückgewiesen haben, und bringt neue Perspektiven für eine authentische Inkulturation ins Gespräch, um das Christentum »wirklich christlich und wirklich afrikanisch« zu machen.

Alejandro Castillo Morga aus Oaxaca, Mexiko, untersucht die vielfältigen Krisen der kolonialen Moderne (modernidad-colonialidad) und stellt uns einen entkolonialisierten ethischen Horizont vor Augen, dessen Praxis der interkulturellen Pädagogik in der Solidarität mit dem Kampf der indigenen Völker wurzelt

Paulo Suess und José A. Gomes diskutieren die Lage der Indigenen anhand des Konzepts des »guten Lebens« (buen vivir/bem viver) und entwickeln auf diese Weise eine grundlegende Kritik an der Diktatur der globalen kolonialen politischen Ökonomie. Vor dem Hintergrund ihrer langen Geschichte der Arbeit mit indigenen Völkern im Amazonasgebiet zeigen Suess und Gomes, der aus São Paulo, Brasilien, schreibt, dass eine neue Logik erforderlich ist, um mit der Geschichte der Kolonialherrschaft zu brechen und einen Wandel auf den Weg zu bringen, der diese Geschichte transzendiert. Diese neue Logik entwickelt sich in den sozialen Bewegungen, die mit den indigenen Völkern solidarisch sind und ihre grundlegenden Forderungen unterstützen. In der Amazonas-Synode sehen Suess und Gomes eine Möglichkeit für eine solche Wende in der Kolonialgeschichte.

Anschließend reflektiert Michel Andraos die Forderungen nach Entkolonialisierung und die Herausforderungen, vor die die Kirchen und die Theologie im Allgemeinen von der kanadischen Wahrheits- und Versöhnungskommission und den katholischen indigenen Christen gestellt werden.

Der dritte Teil dieses Hefts enthält zum einen eine pastorale Perspektive aus den südlichen Philippinen. Karl M. Gaspar schreibt über die Solidarität der Ortskirche mit den territorialen Kämpfen der indigenen Lumad-Völker in Mindanao, die in einem multiplen System von Gewalt gefangen sind, sowie über die Probleme und Grenzen der kirchlichen Unterstützung. Zum anderen weist Diego Irarrázaval in einer umfassenden Betrachtung zum Thema darauf hin, dass die Weisheit, die Wege, Kämpfe, Widerstände und Fragen der indigenen und mestizischen Völker ungeachtet ihrer Grenzen von großem universalen Wert sind. Obwohl diese indigenen Stimmen in der Welt von heute an den Rand gedrängt werden, beteuert Irarrázaval, dass sie immer noch ein großes Potenzial für die Zukunft der Menschheit im Gemeinsamen Haus haben.

Als wir gerade die redaktionelle Arbeit für diese Ausgabe abschlossen, erhielten wir noch eine Erklärung vom Treffen der indigenen Pastoralarbeiter Lateinamerikas, das vom 1. bis 6. April 2019 in Latacunga, Ecuador, stattfand. Aufgrund ihrer Bedeutung und Relevanz für unser Thema haben wir beschlossen, diese Erklärung im vollen Wortlaut in das Theologische Forum dieser Ausgabe aufzunehmen. Darüber hinaus haben wir drei Theologen aus verschiedenen Teilen der lateinamerikanischen Kirche – Bernardeth Carmen Caero Bustillos aus Bolivien, José Bartolomé Gómez Martínez aus Chiapas, Mexiko, und Geraldo de Mori aus Brasilien eingeladen, ihre Kommentare und Überlegungen zu dieser Erklärung mit uns zu teilen.

Nach der Lektüre aller Beiträge für diese Ausgabe, insbesondere der Beiträge der indigenen Autoren, zeigte sich, dass das Thema der »entkolonialisierten indigenen Christentümer« den roten Faden der meisten Beiträge bildet. Wie in dieser Ausgabe diskutiert, ist die Entstehung entkolonialisierter indigener Formen des Christentums in den letzten Jahrzehnten ein globales Phänomen. Die indigenen Völker sind in den Kirchen nicht länger passive Objekte der »Evangelisierung« und der pastoralen Arbeit. Das Wiederauferstehen der indigenen Völker auf globaler Ebene ist ein Aufruf an Nationalstaaten, Zivilgesellschaften und natürlich an die Kirchen, für die Gewalt der hinter uns liegenden Geschichte Verantwortung zu übernehmen. Das erfordert, von einer Position der Gegenseitigkeit aus in einen neuen Dialog einzutreten und den indigenen Völkern und Nationen auf Augenhöhe zu begegnen, auf der Suche nach einem besseren Leben und einer besseren Zukunft für alle, einschließlich der Mutter Erde. Es wird oft gesagt, dass die indigenen Völker die neuen Evangelisierer der Welt sind. Dies ist keine romantische Aussage – es ist einfach eine neue Realität für die Welt und die Kirchen der Gegenwart. Im Rahmen dieser Neuevangelisierung sind die Kirchen und die Gesellschaft aufgerufen, sich zu bekehren und nach »neuen Wegen« zu suchen, wie es das Vorbereitungsdokument der Amazonas-Synode der Weltkirche vorsieht. Dieser Aufruf wird auch in allen Artikeln dieser Ausgabe sehr deutlich.

Die Herausgeber dieses Hefts bedanken sich bei allen Autoren für ihre großzügigen und aufschlussreichen Beiträge. Es war wirklich eine Freude und ein Privileg, in den letzten zwei Jahren mit ihnen zusammenzuarbeiten, um dieses Heft zu gestalten. Ein besonderer Dank geht an Diego Irarrázaval, der nicht nur einen wertvollen Beitrag für diese Ausgabe geschrieben hat, sondern auch als Berater des Redaktionsteams tätig war. Ohne seine Hilfe wäre dieses Heft nicht geworden, was es ist. Wir danken ihm und allen Mitwirkenden sehr herzlich.

Aus dem Englischen übersetzt von Norbert Reck

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