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Zu diesem Heft DOI: 10.14623/con.2019.3.245-249
Linda Hogan / Michelle Becka / João J. Vila-Chã
Neue Technologien – Fluch oder Segen?

Die Allgegenwart und die Konvergenz der modernen Technologien sowie das Tempo ihrer Entwicklung bringen es mit sich, dass viele von uns sich der Tiefe ihrer Auswirkungen nicht bewusst sind – und ebenso wenig der philosophischen und gesellschaftlichen Probleme, die sich daraus ergeben können. Manche Kommentatoren warnen vor einer dystopischen Zukunft, in der die Menschen von Superhirnen ersetzt werden und Polarisierung und Ungleichheit sich vertiefen. Andere erwarten wachsenden Wohlstand, mehr Chancen und bedeutende wissenschaftliche Fortschritte. Je mehr die technologische Entwicklung neue Schwellen überschreitet, desto wichtiger wird es, dass wir über ihren Sinn, ihre Bedeutung und ihre Auswirkungen nachdenken. Dazu braucht es multidisziplinäre Formen der Reflexion, denn die Probleme und Möglichkeiten, vor die uns die Technologie stellt, berühren alle Dimensionen des menschlichen Lebens.

Natürlich setzen sich die Menschen seit Langem mit der Natur und der Bedeutung der Technologie auseinander, mit den Auswirkungen der Technologie auf unser Selbstverständnis, mit unserer Rolle in dieser Welt. Deshalb sind diese Fragen jetzt nicht völlig neu.1 Tatsächlich ist das Nachdenken über unser Verhältnis zu Natur und Technologie ein beständiges Merkmal des christlichen Denkens.2 Durch alle Zeiten hindurch haben Christen und Christinnen sich um technologische Fortschritte bemüht, weil sie glaubten, dass die Vermehrung des menschlichen Wissens eine noble Aufgabe sei. Viele der einflussreichsten Wissenschaftlerinnen und Technologen bezogen ihre Inspiration und Rechtfertigung aus ihrer christlichen Weltanschauung.3 In den letzten Jahrzehnten kam es jedoch, wie Jacques Ellul gezeigt hat, zu einer grundlegenden Veränderung: Die Faszination für die Technologie, die in der christlichen Weltsicht verwurzelt war, erlebte eine Neubewertung: Es ist nicht mehr klar, ob die Technologie wirklich der Menschheit dient. Darüber hinaus kann man die Ansicht vertreten, dass die jüngsten technologischen Entwicklungen uns an die Grenzen unseres menschlichen Selbstverständnisses gebracht haben, sodass Fragen nach dem Wesen des Menschen, Fragen zur theologischen und philosophischen Anthropologie, aber auch Fragen zur Zukunft der Menschheit und zur Eschatologie heute auf eine Weise gestellt werden, die man früher so nicht kannte.

Darüber hinaus sind die ethischen und politischen Dimensionen der technologischen Revolution zu Angelegenheiten von öffentlichem Interesse geworden. Zu allen Zeiten hatte die Ethik mit den Obergrenzen der Technologie zu ringen. Heute liegt der Schwerpunkt auf Fragen der künstlichen Intelligenz, der Genmanipulation und des großen Datenaufkommens. Allerdings fragen sich die Bürger, wie sie in der Lage sein sollen, über diese Dinge zu beraten und Entscheidungen zu treffen, wenn unser Wissen ständig von den technologischen Fortschritten überholt wird. Sie sorgen sich außerdem um die Werte und Prioritäten, die die Weichen für die technologische Entwicklung stellen – das heißt, welche Probleme für dringend erachtet werden und wer darüber entscheidet. Kann man überhaupt noch von menschlichen Wesenseigenschaften sprechen, wenn die technologischen Entwicklungen das Potenzial haben, sich zutiefst auf die menschliche Identität und das Personsein auszuwirken? Wird die Arbeit in der Zukunft eine grundlegende Revolution erleben – ähnlich wie im 18. und 19. Jahrhundert? Wie können die Bürger auf die zukünftige Gestalt der Gesellschaft Einfluss nehmen, wenn das Vermögen zur technologischen Innnovation sich überwiegend in privaten Händen befindet? Die ethischen und politischen Fragen, die die Technologien aufwerfen, betreffen nicht nur die Zukunft der Wissenschaft, sondern ganz grundlegend die Art der Gesellschaft, die wir wollen, und die Werte, nach denen wir leben möchten.

Diese Ausgabe von CONCILIUM möchte den vielfältigen Aspekten des technologischen Fortschritts aus philosophischer und theologischer Sicht nachgehen und bezieht dafür eine Reihe von verwandten Fragestellungen mit ein. Das Heft eröffnet ein Aufsatz von Paul Dumouchel mit dem Titel Die Auswirkungen der Technologie: anthropologische Grundlagen. Dumouchel fragt, wie das Verhältnis der Technologie zu den Menschen und ihren Tätigkeiten beschrieben werden kann. Diese Grundfrage wurde in verschiedenen historischen Epochen gestellt und beantwortet, und in seinen Überlegungen beleuchtet Dumouchel, wie und in welchem Rahmen Hegel die Frage beantwortet hat – vor allem mit Blick auf die westliche theologische und politische Vorstellungswelt. Dumouchel hält nichts von Analysen, die die Technologie externalisieren und sie wie eine Erfindung behandeln, die nichts mit dem menschlichen Handeln zu tun hat. Stattdessen müsse man Technologie als eine Form des menschlichen Handels verstehen, nicht als ein vom Menschen geschaffenes Objekt oder ein Erzeugnis. Er bezieht sich auf James J. Gibsons Idee der Affordanz, um zu verdeutlichen, dass man unter Technologien »unterschiedliche Aktivitäten« verstehen kann, » mit denen Menschen Affordanzen, Gebrauchseigenschaften von Dingen, für sich zurechtmachen und umsetzen« und auf diese Weise die menschliche Beziehung zur Technologie gestalten. Darüber hinaus vertritt er die Ansicht, dass diese andere Perspektive nicht nur für unser Selbstverständnis als Spezies Bedeutung hat, sondern auch für die Bewertung der ethischen und politischen Dimensionen der Technologie. Sehr kritisch sieht Dumouchel darum jene ethischen Analysen, die die Probleme allein aus der Perspektive des individuellen Anwenders betrachten; er tritt für eine umfassendere Analyse ein, die die ethische zusammen mit der politischen Dimension des menschlichen Handelns in den Blick nimmt.

Wo Dumouchel im weitesten Sinn die menschliche Beziehung zur Technologie betrachtet und danach fragt, wie sie auf den Begriff gebracht werden kann, konzentriert sich Benedikt Paul Göcke speziell auf die allerjüngsten Entwicklungen der künstlichen Intelligenz und der synthetischen Biologie. Er diskutiert das innovative Wesen der jüngeren technologischen Entwicklungen und hebt die Chancen und Probleme hervor, die sich der menschlichen Gesellschaft durch maschinelles und tiefes Lernen bieten. Insbesondere zeigt er, inwiefern die rekursive Lernfähigkeit der Maschinen einen bedeutsamen Meilenstein der technologischen Entwicklung darstellt, der bereits begonnen hat, das menschliche Leben grundlegend zu verändern. Deshalb, meint Göcke, verlangen die Formen der künstlichen Intelligenz und der synthetischen Biologie von uns nicht nur, über deren Möglichkeiten und Risiken nachzudenken, sondern auch, unser Konzept der menschlichen Existenz und des menschlichen Lebens selbst neu zu bedenken.

Hieran knüpft Paolo Benanti aus explizit theologischer Perspektive an. In seinem Aufsatz Künstliche Intelligenzen, Roboter, biomedizinische Technik und Cyborgs: neue theologische Herausforderungen? legt er dar, dass die jüngsten technologischen Fortschritte nicht nur Fragen zu den neu geschaffenen künstlichen Objekten und ihrem Gebrauch aufwerfen, sondern auch tiefe Fragen über die Menschen und ihren Platz in der Welt stellen. Zudem verlangen in Benantis Augen diese Fragen eine theologische Positionierung und Antwort, denn letztlich geht es um die Berufung der Menschen in dieser Welt. Allerdings besteht Benanti auch darauf, dass die theologischen Beiträge zu diesen Grundfragen, so wesentlich sie sein mögen, von Reflexionen aus anderen Wissensgebieten ergänzt werden müssen, denn wie nie zuvor weisen diese neuen Grenzbereiche des Wissens auf die Wichtigkeit und Notwendigkeit interdisziplinärer Studien hin.

Dominik Burkard fragt aus einer historischen Perspektive, ob es in der Geschichte der katholischen Kirche eine besondere Feindseligkeit gegenüber der Technologie gegeben hat. Seine Antwort zeigt, dass es unterschiedliche Reaktionen zu unterschiedlichen Zeiten gab und dass selbst in Epochen, die oft für technologiefeindlich gehalten werden, wie etwa der Zeit der Inquisition, neuere Forschungen ein differenzierteres und manchmal überraschendes Bild ergeben. Tatsächlich legen die Aufsätze in dieser Ausgabe nahe, dass sowohl apokalyptische Motive als auch die Motive des wohlwollenden Umgangs mit Technologien schon in der Tradition zu finden sind.

Die westliche Sicht auf die Technologie wird sodann von Peter Kanyandago und Kuruvilla Pandikattu problematisiert.

Peter Kanyandago analysiert das Fortbestehen des Kolonialismus im modernen Diskurs von Technologie und Entwicklung. Aus einer afrikanischen Perspektive zeigt er, dass auf ähnliche Weise, wie die afrikanische Kultur marginalisiert wird, auch die afrikanischen Technologien marginalisiert und unterschätzt werden. Dies geschieht seit den Anfängen des kolonialen Zugriffs auf Afrika. Kanyandagos Aufsatz ist ein Aufruf zu einer anderen Form der Auseinandersetzung, in der die Geschichte von Afrikas technologischen Fähigkeiten angemessen gewürdigt wird. Das könne Teil eines Prozesses sein, in welchem das Menschsein und die Würde der Menschen Afrikas anerkannt und wiederhergestellt wird.

Kuruvilla Pandikattu bringt Perspektiven aus Indien in die Diskussion über die Technologie und ihre Grenzen und Möglichkeiten ein. Er bedient sich einer Reihe unterschiedlicher Quellen philosophischer, theologischer und literarischer Art, um einen »indischen Weg« der Annäherung an die gegenwärtige technologische und kulturelle Revolution ins Gespräch zu bringen. In seinen Augen ist der »indische Weg« eine philosophische und spirituelle Perspektive, die es ermöglicht, sich den technologischen Umwälzungen von der Frage des menschlichen Gedeihens her zu nähern.

Die Frage des menschlichen Gedeihens steht auch im Zentrum von Sharon Bongs Aufsatz über Technologie im Dienst der Menschheit: Perspektiven für Genderaspekte und Inklusion. Ihr feministischer Blick auf die Technologie und ihre Bedeutung öffnet das Feld für einige grundlegende Fragen darüber, wo wir unseren Ort in der Welt sehen. Indem sie uns den Mutterschoß als einen Ort der Erkundung vor Augen stellt, bittet Bong Leserinnen und Leser darum, die Frage der menschlichen Beziehungen zueinander und zu anderen Tieren sowie zur Umwelt auf zwei verschiedene Weisen zu betrachten: einerseits, indem sie – gemäß Laudato Si’ – das Menschliche in die Mitte der Schöpfung stellen, und andererseits, indem sie das Menschliche durch Reproduktionstechnologien aus der Mitte der Schöpfung herausnehmen.

Janina Loh greift diese ethischen Fragen auf, indem sie sich speziell damit befasst, wie die neuen Technologien, vor allem die des virtuellen Raums, die Vorstellungen von Verantwortung verändern. Mit Blick auf die Komplexität der ethischen Herausforderungen der neuen Technologien meint Loh, dass die Kategorie der individuellen Verantwortung nicht mehr ausreicht. Stattdessen braucht es kollektive Verantwortung und Netzwerke der Verantwortlichkeit im Dienste der Menschen und einer inklusiven technologischen Entwicklung.

Den Abschluss unserer Reflexionen bildet ein Aufsatz von Jacob Erickson, der die Technologien in ihrem planetarischen und theologischen Kontext verortet. Er befragt Lynn Whites gefeierte Überlegungen zu den Wurzeln der ökologischen Krise mit Blick auf deren technologische Dimension und ordnet, ausgehend von White, die menschliche Technokultur samt ihrem digitalen Material neu: als dynamische Angelegenheit, die in der politischen Ökologie lebt und im Kontext tief planetarischer geophysischer Zeit ihren Ort hat. Erickson schließt mit der Aussicht, dass die theologischen Konzepte der »Solidarität mit der Erde« und des »moralischen Vergnügens« uns helfen könnten, einen Weg durch die Zwillingsgefahren der ökologischen Resignation und der falschen Hoffnung auf die Technologie zu finden.

Das Theologische Forum bietet in diesem Heft zwei Reflexionen über die gegenwärtige Gestalt der Theologie. Beide wurden im März 2018 beim Auftakttreffen der Europäischen Akademie der Religion in Bologna, Italien, zur Diskussion gestellt. Im ersten Text denkt Enrico Galavotti über die Theologie des II. Vaticanums nach, im zweiten spricht Leonardo Paris darüber, wie heute in Italien Theologie getrieben wird. Des Weiteren finden Sie im Forum einen erhellenden Kommentar von Seamus Finn über eine Form der Geldanlage, die mit dem Glauben vereinbar ist. Finn ist verantwortlich für das Faith Consistent Investing Programme des Pastoralen Anlagefonds der Oblaten der Unbefleckten Jungfrau Maria. Beschlossen wird diese Ausgabe von Jon Sobrinos bewegendem Gedenken an Erzbischof Oscar Romero.


Anmerkungen
1 Vgl. Jacques Ellul, La technique: ou, L’enjeu du siècle, Paris 1954.
2 Vgl. Jacques Ellul, L’empire du non-sens: l’art et la société technicienne, Paris 1980; ders, Le système technicien, Paris 1977; ders., La subversion du christianisme, Paris 1984.
3 Vgl. Ugo Baldini u. a., Catholic Church and Modern Science: Documents from the Archives of the Roman Congregations of the Holy Offi ce and the Index (Fontes Archivi Sancti Officii Romani), Rom 2009.

Aus dem Englischen übersetzt von Norbert Reck


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