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Leseprobe 1 DOI: 10.14623/con.2019.2.170-181
Maskulinistischer Populismus und toxisches Christentum in den Vereinigten Staaten
Gefährdete Demokratie

In den Vereinigten Staaten stellt die populistische Rhetorik aus der Hautfarbe oder dem Geschlecht abgeleitete essentialistische Identitäten in den Mittelpunkt und bedient sich dabei einer speziellen Vorstellung von Christentum. Darin liegt eine Gefahr für die demokratischen Institutionen Amerikas. Das amerikanische Christentum, dessen größte Gruppen evangelikal ausgerichtete weiße Protestanten sind, ist ein Beispiel für das Ideal eines »muskulösen Christentums«, eines Christentums also, das seine Muskeln spielen lässt und eine bestimmte Sicht von Männlichkeit und Weiblichkeit vertritt. Dieses muskulöse Christentum hängt zugleich mit dem Aufstieg der Eugenik und ihrem Glauben an die Überlegenheit der weißen amerikanischen Männer zusammen. Im gemeinsamen Kontext des muskulösen Christentums sind der amerikanische Protestantismus und der amerikanische Katholizismus kaum zu unterscheiden, weil sie sich völlig einig sind, was die Überlegenheit des Weißseins, die Überlegenheit der Männer und die traditionellen Geschlechterrollen in Familie und Gesellschaft angeht. Dieser Kontext des muskulösen Christentums, der als militant christlich-evangelikale Männlichkeit beschrieben wurde, ist der Kontext des Aufstiegs von Donald Trump und seiner Sorte rechtsgerichteter populistischer Politik in den Vereinigten Staaten.

In den Monaten vor der Wahl dachten viele, dass Hillary Clinton mit ihrer Erfahrung und ihrer Schlagkraft ihren Gegner, den wunderlichen Donald Trump, vernichtend schlagen würde. Die Tatsache, dass er gewählt wurde (obwohl er nur die Mehrheit der Wahlmänner, aber nicht die Mehrheit der Wählerstimmen gewann) und wie ein Bulldozer seine politisch begrenzte konservative Agenda vorantreibt, ist bemerkenswert. Seine populistischen Botschaften kommen an, auch wenn er der Klasse, die man als »das Volk« bezeichnet, gar nicht angehört und bis zu seiner Kandidatur auch niemals mit einer republikanischen oder konservativen politischen Agenda in Verbindung gebracht wurde. Die wohlhabende weiße Männlichkeit als Verkörperung dessen, was es heißt, ein »Amerikaner« und ein »Christ« zu sein, hat erfolgreich farbige und weibliche Körper zurückgeschlagen und von ihrem vermeintlichen Terrain Besitz ergriffen. Man kann zwar nicht behaupten, dass Clintons Erfolg automatisch zur Inklusion und Teilhabe von Menschen mit anderer Hautfarbe geführt hätte, aber die Tatsache, dass Trump für die Republikaner so viel Boden gutgemacht hat, sollte von Religionswissenschaftlerinnen und Theologen sorgfältig untersucht werden.

In einem Essay, den er kurz nach der US-Präsidentschaftswahl 2016 schrieb, vertritt der katholische Ethiker Kenneth R. Himes die Ansicht, dass die US-Wahlen neue Aufgaben für die katholische Sozialethik mit sich bringen. In den ersten Tagen nach der Wahl sahen viele akademische Debatten in der Angst der Weißen und dem Verlust der wirtschaftlichen Mobilität den Grund für die Wahl Trumps zum Präsidenten. Himes sah einen weiteren Grund in der Wut, die die motivierende Kraft hinter dem Aufstieg des Populismus sei. Der »Populismus« aber sei »ein Wort, das geprägt wurde, um die People’s Party zu charakterisieren, die während der 1890er-Jahre aufkam, um die ländlichen und städtischen Arbeiter zu verteidigen, die im Griff der Monopole und Finanzinstitute waren«. Die ideologische Position des damaligen Populismus war flexibel und kontextabhängig, doch sein Hauptmerkmal bestand darin, Politik als moralischen »Kampf bis aufs Messer« zwischen den »guten Leuten« und den »korrupten Eliten« zu verstehen. Im US-amerikanischen Kontext brachte der letzte Wahlzyklus zwei Arten des Populismus hervor, die zeigten, dass die Gegenüberstellung von »Volk« und »Eliten« hoch umstritten ist. Jede Seite konstruiert die jeweils anderen innerhalb eines »Wir und sie«-Verhältnisses. Himes zeigt, dass Bernie Sanders für jene Art des Populismus steht, dessen Rhetorik die Ungleichheit zwischen den Klassen hervorhebt. Demgegenüber stellte Donald Trumps Strategie die Hautfarbe in den Mittelpunkt und sprach von der religiösen Opferrolle, die »dem Volk« von Immigranten und Nichtstaatsangehörigen aufgezwungen würde.

Himes führt aus, dass sowohl Sanders als auch Trump an die Wut und Angst ihrer Wähler hinsichtlich wirtschaftlicher Fragen appellierten. Wirtschaftliche Ängste und der kulturelle Machtverlust überschneiden sich mit dem Wandel der Arbeitswelt. Die Arbeit, die einst ein Garant für wirtschaftliche Stabilität und Arbeitsplatzsicherheit war, steht heute für prekäre Verhältnisse. Eine ganz neue Klasse von Arbeitern, die »Prekariat« genannt wird, hat nur noch Zugang zu befristeten oder längerfristigen Arbeitsverträgen, aber nicht mehr zu unbefristeten Anstellungen. Sie haben keinen Zugang zum »amerikanischen Traum«, der sich in der Nachkriegszeit der 1950er-Jahre herausgebildet hat. Die Arbeiter stehen vor einer extrem reduzierten Arbeitsplatzsicherheit und entsprechendem Einkommen, während soziale Dienstleistungen u. a. im Bildungs- und Gesundheitswesen immer weniger staatliche Mittel erhalten. Die populistische Rhetorik in den USA setzt deshalb auf die gefühlte Unsicherheit und verweist auf Sündenböcke und Schurken auf der jeweils anderen Seite der Kluft.

Ein weiteres ernstes Problem sieht Himes darin, dass der Populismus in den USA mit offenem Rassismus und der Angst vor kulturellem und politischen Ansehensverlust arbeitet. Mit Bezug auf Arlie Hochschilds Buch Strangers in Their Own Land, das unmittelbar vor der Wahl herauskam, stellt Himes fest:

»Ganz sicher gibt es viel Wut, aber es gibt auch Trauer, ein Gefühl der Traurigkeit und des Grams über den Verlust des Lebens, das man sich aufgebaut hatte. Die Menschen, die in diesem Buch porträtiert werden, spüren den Verlust der religiösen Kultur in einer säkularen Zeit, den Verlust der weißen Mehrheit an die Multikulturalität, den Verlust ihres Lebensstils an globale Wirtschaftsmächte und den Verlust der Hoffnung auf die Verwirklichung des amerikanischen Traums. Es gibt auch ein Gefühl der Verärgerung über die Eliten, denen die Schwierigkeiten der weißen Mittelklasse gleichgültig scheinen und die sie als Rassisten, Homophobe und Nativisten verachten.«

Natürlich war der Mangel an Zugangsmöglichkeiten zum »amerikanischen Traum« für schwarze und braune Menschen in den Vereinigten Staaten schon immer eine Realität. Als neue Realität für Weiße hat er nun ein besonderes Gefühl des Abgehängtwerdens und der Entfremdung erzeugt, denn die Weißen erwarteten dieselben wirtschaftlichen Aufstiegsmöglichkeiten, die ihre Eltern in den 1950er- und 1960er-Jahren hatten. Während aber schwarze und braune Menschen in den Vereinigten Staaten von einer relativen Verbesserung ihrer Lebensumstände in den vergangenen vierzig Jahren berichten, erleben weiße Menschen die Erosion ihrer Macht, ihres Einflusses und ihrer wirtschaftlichen Sicherheit. Trumps äußerst erfolgreiche Strategie war und bleibt es, das Gefühl des Abgehängtwerdens mit der wirtschaftlichen Verzweiflung zu verbinden, die Weiße als besondere Form der rassistischen oder geschlechtsspezifischen Diskriminierung erleben. Diese Strategie verlangt das Spiel mit Stereotypen über »rassische«, immigrantische, religiöse, geschlechtliche und sexuelle Minderheiten sowie über ihre Präsenz im kulturellen und politischen Leben der Nation.

Im Gegensatz zur Analyse von Himes vertritt der republikanische konservative Kommentator Carson Holloway die Auffassung, dass das »Christentum einem nicht untersagt, die Trump’sche Politik des machiavellistischen Populismus zu unterstützen«. Im klaren Bewusstsein, dass Trump nicht der »Retter« der Christen ist, begrüßt Holloway trotzdem dessen strategisches Prinzip des »Teile und herrsche«. Deshalb weist Holloway im Kontrast zu Himes’ Gesellschaftsanalyse auf einen einzigen Grund hin, warum Trump so effektiv dabei ist, seine Partei und ihre Basis zu mobilisieren: Trump schmeichelt dem amerikanisch-christlichen Eigeninteresse. Der Wille »des Volks« steht über allem, und »das Volk« sind jene Staatsbürger, die gekleidet sind in nationale Identität und nationale Sicherheit, die gleich sind in ihrer persönlichen und psychologischen Identität. Eigeninteresse, Selbstverwaltung und amerikanische Vorherrschaft sind die Kernpunkte des nordamerikanischen rechten Populismus, aber sie sind auch aufs Engste verbunden mit der christlich-religiösen Identität. Wichtiger noch: Holloway sieht eine äußerst bedeutsame Verbindung zwischen Trumps Machiavellismus und seiner Männlichkeit:

»Im Lichte der heftigen Kritik der Eliten ist es mehr als nur ein bisschen ironisch, dass Trump anscheinend mehr Integrität besitzt als viele Politiker. Die stammt zum Teil aus seiner Unverblümtheit. Er bezieht sich nur wenig auf edle Prinzipien, und darum gibt es auch nicht viel, was er verraten könnte. Darüber hinaus scheint er seinem machiavellistischen Populismus treu zu bleiben […] Trumps Einstellung zu Männlichkeit und Stärke ist legendär. Wahrscheinlich denkt er, es wäre schwach und unehrenhaft, wenn er Positionen aufgäbe, die er während seines Wahlkampfs entschieden vertreten hat.«
[...]


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