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Zu diesem Heft DOI: 10.14623/con.2019.2.121-125
Thierry-Marie Courau / Mile Babić /
Populismus und Religion
Wann kommt Populismus auf? In einem existenziellen Sinn dann, wenn die Menschen glauben, sie seien verloren, sie hätten ihre Träume, ihre Erträge, ihren Status, ihre Position verloren oder seien im Begriff, sie zu verlieren: wesentliche Dimensionen ihres Lebens, individuelle oder kollektive Interessen, für die sie oft gekämpft oder sich abgemüht hatten. Oder wenn sie sich persönlich bedroht fühlen. Populismus scheint aufzukommen, wenn das Zusammenleben in einem pluralistischen Umfeld vermeintlich in eine Krise geraten ist oder wenn bestimmte Menschen sich von den globalen politischen oder wirtschaftlichen Verhältnissen übergangen fühlen. Dann kann sich eine Sehnsucht nach einer imaginären Vergangenheit ausbreiten und an die Stelle ernsthafter Bemühungen treten, eine Zukunft für alle Menschen zuwege zu bringen. So schließen manche Gruppen ihre Reihen in Abwehr, anstatt sich zu öffnen und andere willkommen zu heißen. Leiden, Frustrationen, Befürchtungen und Wut sammeln sich an, überschneiden und verstärken einander gegenseitig. Das Gefühl, kränkend ungerecht behandelt zu werden, macht sich breit. Das Lamentieren wird zum Modus der Selbstwertsteigerung.

Und unter diesen Leuten treten »Heilsbringer« auf. Begabte Redner und Strippenzieher haben leichtes Spiel, mithilfe von Symbolen und Medien die verbreiteten Gefühle der Angst und Machtlosigkeit auszubeuten. Nach dem kolonialen Prinzip des »Teile und herrsche« machen manipulative Anführer Teile der Bevölkerung zu Sündenböcken; um gesellschaftliche und politische Kontrolle zu erlangen, bedienen sie sich dabei vorzugsweise der sozialen Medien. Ihre Argumente beruhen auf vereinfachenden Zurichtungen von binären Kategorien zur sozialen und politischen Einteilung sowie auf einfachem Vokabular, das auf eine unverblümt sprechende Führung hinweisen soll. Zugleich neigen sie zu großspurigen Gesten der Rohheit und Gewalttätigkeit, die von sensationshungrigen Medien begierig aufgegriffen und so in ihrer Breitenwirkung vervielfacht werden. Infolgedessen glaubt man, derart sensationalistisches und empörendes Gehabe gehöre einfach »zum Volk«, das dem elitären, gebildeten und wohlhabenden Anteil der Bevölkerung gegenüberstehe. Die »Eliten« werden als diejenigen dargestellt, die korrupt1 sind, weit entfernt von der sozialen Realität »der Leute« leben und keine Berührung mit dem normalen Leben haben. In abscheulichen und verletzenden Kampfansagen werden die Eliten in Fernsehspektakeln symbolisch niedergemacht. Durch beleidigende Auftritte präsentieren sich die populistischen Anführer als glaubwürdige Alternative zum Status quo. Sie stellen sich als Retter einer nationalen oder globalen Ordnung dar, indem sie fachmännisch auf eine goldene Vergangenheit hinweisen, die wiedererweckt werden könne, und auf eine goldene Zukunft, in der die bestehenden Verhältnisse nicht infrage gestellt würden. Identität, Religion und Heimat werden zu emotionalen Prüfsteinen. Verschiedene Formen von Nativismus, Nationalismus und Identitätspolitik werden eingesetzt, um Stimmung zu machen gegen leicht zu identifizierende »Ausländer« und Zuwanderer.

Deshalb ist die Religion, wie sie von Populisten gehandhabt wird, von besonderem Interesse für Theologinnen und Theologen. Der Gebrauch von Religion zur Strukturierung eines nativistischen oder nationalistischen Kollektivs war in verschiedenen Teilen der Welt besonders wirkungsvoll. Die politische Macht, die sich der Religion bedient, greift auf das Gefühl zurück, dass die historisch gewachsenen Religionen für Tradition, Stabilität und Identität stehen. Die populistischen Anführer sind somit durchaus erfolgreich, wenn es darum geht, Religion und theologische Argumente zu kanalisieren und zu konstruieren, indem sie sich selektiv an bestimmte einzelne Doktrinen halten, die rechtmäßigen und friedlichen Vertreter der Religionen ausschalten und die innere Freiheit sterilisieren.2 Religion wird zum Werkzeug des politischen Führers, und die religiösen Führer nehmen persönliche Vorteile entgegen.

Warum ist diese Ausgabe von CONCILIUM heute wichtig – insbesondere für Theologen und Theologinnen? Wenn wir analysieren, was in solchen Situationen geschieht, beginnen wir zu verstehen, wie Religionen und religiöse Ordnungen manipuliert werden können. Theologen sollten erkennen, wie leicht die Religion entstellt werden kann und wie der Populismus sie vereinnahmt. Auseinandersetzungen mit dem christlichen Populismus3 zeigen, dass dieser dem Glauben und der kirchlichen Lehre widerspricht und das Leben der Gemeinde und der Gemeinschaft schädigt. Sie machen auch deutlich, inwiefern die Amtskirche ungewollt der Demokratie im Wege stehen kann. Diese komplexen theologischen Fragestellungen, die sich auch darauf auswirken, wie wir die Vision des II. Vaticanums umsetzen, verlangt handfeste theologische Analysen und Argumente, um den billigen Verzerrungen der populistischen Religion etwas entgegensetzen zu können.

Dieses CONCILIUM-Heft nähert sich dem Thema aus drei umfassenden Perspektiven. Die erste geht historisch und deskriptiv vor; Essays aus verschiedenen Regionen der Welt und aus unterschiedlichen religiösen Kontexten zeigen auf, wie populistische Anführer die Religion für ihre Zwecke einspannen. Die zweite Perspektive ist die der Religionswissenschaft. Sie vertieft das Verständnis des Populismus mittels einer Analyse politischer, ökonomischer und geschlechterbezogener Aspekte. Die dritte Perspektive ist explizit theologisch und setzt sich mit dem Populismus auf den Feldern der Schrift, der Politischen Theologien, der Ethik, der Dogmatik und der Ekklesiologie auseinander.

Den ersten Teil dieser Ausgabe, der die weltweite Situation beschreibt, eröffnet aus europäischer Warte Mile Babić OFM, Professor für Theologie und Philosophie am Theologischen Seminar der Franziskaner in Sarajevo, Bosnien-Herzegowina. Sein Thema ist der Widerstand der europäischen Populisten gegen den Pluralismus, die Gedankenfreiheit und die Logik, die der menschlichen Vernunft innewohnt. Er fragt sich, warum Populisten stattdessen ad-hominem- oder ad-populum-Argumente bevorzugen. Gegen deren Abgestumpftheit tritt er dafür ein, die Leiden aller Menschen auf der Welt in den Mittelpunkt zu stellen. Darin müsste die Grundlage aller Kultur und der religiösen Zugehörigkeit bestehen. Nach der Ansicht von Babić ist die Artikulation dieses Aspekts eine Vorbedingung für die Wahrheit, die uns frei machen wird.

Der indische Jesuit Francis Gonsalves SJ, Dekan der Theologischen Fakultät des Instituts Jnana-Deepa Vidyapeeth in Pune, Indien, und Geschäftsführer der Theologie- und Lehr-Kommission der katholischen Bischofskonferenz von Indien, analysiert die vielen Formen des Populismus, die in Indien aufgrund der komplexen Vielfalt und Größe des Landes aus dem Boden geschossen sind. Er erklärt, inwiefern der gegenwärtige Hindu-Nationalismus mit seiner Taktik der Manipulation von Geschichte, Symbolen und existenziellen Ängsten eine populistische Bewegung ist, die das Leben der Hindu-Bevölkerung ebenso torpediert wie das der minorisierten Bürger. In der Tat sind die hinduistischen Traditionen, die armen Massen und die religiösen oder unterprivilegierten Minderheiten gleichermaßen von diesen populistischen Strömungen bedroht.

Dilek Sarmis, die an der Hochschule für Sozialwissenschaften sowie am Zentrum für türkische, osmanische, balkanische und zentralasiatische Studien des Centre national de la recherche scientifique (CNRS) in Paris forscht, steuert eine Reflexion über den Gebrauch der Religion in den populistischen Parteien der Türkei bei. Nach einer historischen Analyse der frühen republikanischen Jahrzehnte, die sich keinerlei religiöser Argumente oder Stimmungen bedienten, zeigt sie, wie im gegenwärtigen politischen Kontext die religiöse Identität von der gegenwärtigen Regierungspartei und dem Präsidenten des Landes in Dienst genommen wird für die massive Mobilisierung des Islams zu kulturellen und identitären Zwecken. Sie macht deutlich, wie unter dieser populistischen Perspektive die politischen Werte der Türkei zutiefst verändert werden.

Der zweite Teil dieses Hefts, der soziale und religiöse Analysen vorstellt, beginnt mit einem Essay von François Mabille, Professor für Sozialwissenschaft und Mitglied der französischen Forschungsgruppe Religions, Sociétés, Laïcités (CNRS und École pratique des hautes études, Paris) sowie Generalsekretär der Internationalen Föderation Katholischer Universitäten (IFCU). In der heutigen Welt, die geprägt ist von tiefer sozialer Ungleichheit, von einer Krise der politischen Repräsentation und Fragen nach der Souveränität, kämpfen zahlreiche politische Parteien für starke kulturelle und religiöse Bezüge und schaffen auf diese Weise neue, festumrissene nationale Identitäten mit rigiden Grenzen. Professor Mabille untersucht deshalb die unerwartete Rückkehr überholter religiöser Strategien im öffentlichen und politischen Raum, in Gesellschaften, die sich zuvor entschieden säkular definierten.

Susan Abraham, Professorin für Theologie und postkoloniale Kulturen an der Pacific School of Religion in Berkeley (Kalifornien), USA, gibt einen Überblick über die wissenschaftliche Literatur zu Donald Trumps populistischer Rhetorik, die bei weißen evangelikalen und katholischen Christen in Amerika extrem erfolgreich ist. Sie denkt, dass Trumps Rhetorik auf subtile Weise die Ängste weißer Christen und ihr Gefühl des Privilegien- und Machtverlusts benutzt, um den traditionellen und idealisierten Ansichten über Männlichkeit und die amerikanische Staatsbürgerschaft wieder Geltung zu verschaffen. Weiße Christen ignorieren Trumps abscheuliches Verhalten, als sei es bloß satirisch gemeint, denn seine empörenden Auftritte sichern die politische Macht in den Vereinigten Staaten für sie. Trump versorgt die weißen amerikanischen Christen mit einer glaubhaften Darstellung muskulöser Männlichkeit und ermöglicht es ihnen damit, ihre spezifische Form eines patriotischen und muskulösen Christentums ebenfalls zum Ausdruck zu bringen.

Der dritte und letzte thematische Teil dieser Ausgabe fordert den Populismus in aller Bescheidenheit mit theologischen Argumenten heraus. Der Beitrag von Marida Nicolaci, die an der Theologischen Fakultät von Sizilien, Italien, Exegese des neuen Testaments unterrichtet, zeigt mit Blick auf biblische Erzählungen, dass das moderne Phänomen des Populismus Parallelen in der Dynamik der Identitätsbildung des Volkes Gottes in der Schrift finden kann. Aus diesen Prozessen und einer konstruktiven Relektüre der christlichen Bibeltexte ergeben sich Fragen nach dem Ort des Pluralismus, der Alterität und der Unterschiede. Eine solche Art der Schriftlektüre kann den Weg weisen zu einer inklusiven menschlichen Gesellschaft, die für Individuen und Gemeinschaften gleichermaßen fruchtbar sein kann – im Gegensatz zu den spalterischen Versprechungen der populistischen Führer.

Andreas Lob-Hüdepohl, Professor für Theologische Ethik und Direktor des Berliner Instituts für Christliche Ethik und Politik, findet in der christlichen Hoffnung Perspektiven für den Bau von Brücken anstelle von Mauern. Wie Lob-Hüdepohl aufzeigt, muss solche Hoffnung aus der Sorge um den »Anderen« in jeder Gemeinschaft hervorgehen. Der Populismus dagegen versucht auf vielerlei Art und Weise, die Gegner seiner selektiven und spalterischen Gesellschaftsvorstellungen und seiner Leugnung der fundamentalen Gleichheit aller Menschen auszugrenzen. Bekanntlich bedient er sich der Panikmache und manipulierter Theologien der Zerstörung und der Endzeit, um Furcht und Angst zu erzeugen. Gegen diese apokalyptischen Szenarien bieten christliche Theologien der Hoffnung konstruktive Perspektiven der Gemeinschaft und Verbundenheit, die in der Lage sind, die mentalen und sozialen Barrieren zu überwinden, die der Vision eines geeinten Planeten im Wege stehen.

Franz Gmainer-Pranzl, Professor an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Salzburg, der zu Fragen der interkulturellen Theologie und Philosophie (insbesondere zwischen Afrika und Europa) forscht, denkt anhand einer Lektüre von Lumen Gentium über die Konzepte des »Rechtspopulismus« und der »Katholizität« nach. Wenn ein aktuelles populistisch-religiöses Argument das »wahre Volk« mit einer »christlichen Gesellschaft« gleichsetzt, so Gmainer-Pranzl, steht dahinter die Strategie einer Mythenproduktion zu politischen Zwecken. Nach seiner Überzeugung braucht es eine alternative Kreativität, die gegenüber den rechtspopulistischen Strategien wieder »Mut zur Katholizität« macht, etwa auf dem Wege einer optimistischen Orientierung an der befreienden Kraft des Evangeliums und seiner Verwirklichung in einer Welt der Vielfalt.

Carmelo Dotolo, Dekan der missionswissenschaftlichen Fakultät an der Päpstlichen Universität Urbaniana in Rom, denkt über die Deformation nach, die in unseren Demokratien entstanden ist und sich in einem grundlegenden soziopolitischen und kulturellen Bruch manifestiert, der vom Populismus betrieben wird. Angesichts dieses hermeneutischen Konflikts und der Absicht des Populisten, die sozialen Rahmenbedingungen auf lokaler Ebene zu reformieren, ruft er zu kirchlichem Engagement auf, das die demokratischen Kräfte stimulieren kann, um die populistischen und autoritären Führungsfiguren zu neutralisieren. Als »Volk Gottes« habe die Kirche die öffentliche Verantwortung, für eine Ethik des Zusammenlebens zu sorgen, für ein ausgewogenes Verhältnis von Rechten und Pflichten im Dienst ihrer Mitglieder an der Gemeinschaft, für den Dialog zwischen den verschiedenen Kulturen und Religionen und für wirtschaftliche Rahmenbedingungen, die den Anforderungen einer ganzheitlichen Ökologie Rechnung tragen.

Das Theologische Forum widmet sich in dieser Ausgabe zwei aktuellen Ereignissen. Cathleen Kaveny, Ethikerin und Professorin für Recht und Theologie am Boston College, USA, schreibt über die Enthüllungen des sexuellen Missbrauchs in der US-amerikanischen Kirche im letzten Sommer. Bruno Cadoré OP, Ordensmeister des Dominikanerordens in Rom, berichtet von der Bischofssynode über »Jugend, Glaube und Berufungsunterscheidung« im Oktober 2018, bei der er als Moderator der französischsprachigen Gruppe mitwirkte.

Anmerkungen

1 Cas Mudde – Cristóbal Rovira Kaltwasser, Populism: A Very Short Introduction, Oxford 2017.
2 Stefan Orth – Volker Resing (Hg.), AfD, Pegida und Co. Angriff auf die Religion? Freiburg 2017.
3 Walter Lesch (Hg.), Christentum und Populismus, Freiburg 2017.

Aus dem Englischen übersetzt von Norbert Reck

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