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Leseprobe 3 DOI: 10.14623/con.2019.1.95-99
Luiz Kohara
Peripherien im Zentrum
Die Stadt São Paulo, die reichste Stadt des Landes, ist der deutliche Ausdruck der von den wirtschaftlichen, sozialen und territorialen Ungleichheiten erzeugten Widersprüche. Im städtischen Raum führt dies zu äußerst kontrastreichen Wirklichkeiten. Auf der einen Seite gibt es Regionen oder »Zentren«, die mit einer städtischen Infrastruktur, öffentlichen Dienstleistungen und Möglichkeiten kultureller Aktivität ausgestattet sind und eine gute Qualität der Umwelt aufweisen, auf der anderen Seite haben wir die Randzonen, die weit entfernt sind von den Gebieten mit besseren Arbeitsmöglichkeiten, angemessenen öffentlichen Dienstleistungen hinsichtlich Bildung, Gesundheit und sozialer Fürsorge, Freizeit, Kultur und öffentlichem Verkehr. Sie verfügen bloß über eine anfällige Infrastruktur, was Kanalisation und Trinkwasser betrifft.

Die Bevölkerung der Stadt São Paulo verausgabt im Durchschnitt täglich 2,42 Stunden für den Arbeitsweg. Für den großen Teil derer aber, die am weiter entfernten Stadtrand wohnen, beträgt die Zeit für den Arbeitsweg mehr als vier Stunden am Tag. Das bedeutet, dass sie dafür die Schulbildung, das Familienleben, die Freizeit und andere Bedürfnisse opfern müssen, ganz abgesehen von den hohen Fahrtkosten. So leben aufgrund der Schwierigkeiten der Mobilität innerhalb der Stadt die ärmsten Menschen am Stadtrand als Verbannte in der eigenen Stadt.

Für die arme Bevölkerung stellt das Wohnen in den weit abgelegenen Randzonen ohne geeignete Infrastruktur auch ein größeres Risiko dar, Opfer von Gewalt zu werden. Zahllose Studien belegen, dass die Gebiete, auf die sich die Gewalt konzentriert, genau diejenigen sind, wo der Staat nicht präsent ist, um die Grundbedürfnisse der Bevölkerung zu befriedigen. Die abgesonderten und geschwächten Gebiete, in denen Jugendliche geringe Chancen der sozialen Eingliederung haben, sind von kriminellen Organisationen besetzt, die in vielen Fällen gute Beziehungen zu Sicherheitsorganen pflegen. Dadurch leben die Einwohner ständig unter Bedingungen der Unsicherheit. Im Jahr 2016 gab es in den brasilianischen Städten mehr als 62.000 Morde, deren Opfer mehrheitlich schwarze Jugendliche aus ausgegrenzten Regionen waren, in denen sich die Armut konzentriert.

In der Stadt São Paulo ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein Bewohner eines Stadtteils an der Peripherie mit einer hohen Armutsrate ermordet wird, 43,3 mal größer als die, dass es einen Bewohner eines Stadtteils mit hoher Kaufkraft trifft. Wenn man die Stadtteile hinsichtlich der Lebenserwartung miteinander vergleicht, dann beträgt der Unterschied 23,7 Jahre (55,7 Jahre im Vergleich zu 79,4 Jahren). Diese Ungleichheiten finden ihren Widerhall in den unterschiedlichen wirtschaftlichen Verhältnissen der Familien und in den öffentlichen Dienstleistungen, die in den jeweiligen Gebieten vorhanden sind. Von den insgesamt 31 Subpräfekturen verfügen die sieben im Zentrum der Stadt gelegenen über zwei Drittel der Krankenhausbetten und über zwei Drittel der in der Stadt vorhandenen formalen Beschäftigungsmöglichkeiten.

Die ungeordnet vor sich gehende Ausdehnung der Stadt hat im Interesse des Immobiliensektors einen großen Teil der öffentlichen Mittel in die bereits aufgewerteten oder noch aufzuwertenden Gebiete gelenkt, zum Nachteil der sozialen Bedürfnisse der ärmsten Bevölkerungsteile. Darüber hinaus wurden die Konzentration des Grundbesitzes und die Ungleichheit innerhalb der Stadt gefördert. Im Stadtgebiet São Paulo besitzen ein Prozent der Eigentümer (das sind 22.400 Menschen) 25 Prozent aller Immobilien, die in der Stadt registriert sind. Das entspricht 45 Prozent des städtischen Immobilienvermögens.

Die Ungleichheit innerhalb der Stadt kommt auch in Bezug auf die Qualität der Umweltbedingungen zum Ausdruck. Die Familien mit geringem Einkommen haben keinen Zugang zum formalen Wohnungsmarkt und bauen ihre Hütten deshalb in Gebieten, die geologischen Gefahren ausgesetzt sind, in Gebieten, die während der Regenzeit überschwemmt werden, am Rand von Wasserläufen oder auf kontaminierten Böden. Es sind Gebiete, für die es keine öffentlichen Investitionen in ein Abwassersystem, in Bepflanzung mit Bäumen oder in Plätze gibt und in denen die Qualität der Umwelt schlecht ist.

Der Kampf der Armen um das Zentrum der Stadt


In São Paulo versuchten die Familien mit niedrigem Einkommen immer, in den zentral gelegenen Wohngegenden der Stadt zu leben, weil es hier öffentlichen Verkehr gibt, weil mehr Beschäftigungsmöglichkeiten im formalen Sektor und öffentlichen Dienstleistungen wie Krankenhäuser, Schulen, Krippen sowie soziale Unterstützung vorhanden sind. Die den Arbeitern mit geringem Einkommen zur Verfügung stehenden Wohnmöglichkeiten sind nun aber die sogenannten Cortiços.

Die Geschichte des Zentrums von São Paulo ist geprägt vom Gegensatz zwischen dem Interesse an einer Verschönerung der Stadtteile und der Anwesenheit der Armen in den Cortiços. Das Zentrum, das heißt die bevorzugte Gegend für öffentliche Investitionen, in dem sich die hauptsächlichen Institutionen der wirtschaftlichen, politischen und religiösen Macht sowie auch die Wohnungen und kulturellen Einrichtungen der Wohlhabenden konzentrieren, kann nicht zugleich der Wohn- und Lebensort der unteren Volksschicht sein. In diesem Sinne brachte die öffentliche Gewalt von Zeit zu Zeit Projekte der Revitalisierung oder Aufwertung des Zentrums mit dem Ziel der hygienischen Verbesserung und der sozialen Gentrifizierung auf den Weg.

Dennoch lebt eine große Anzahl von Familien mit niedrigem Einkommen im Zentrum, nicht zuletzt, weil es ein wirtschaftliches Interesse vonseiten derer gibt, die die Wohnungen in den Cortiços vermieten, da diese eine hohe Rendite abwerfen. Der Mietwert einer Wohnfläche von etwa zehn Quadratmetern in einem im Zentrum der Stadt gelegenen Cortiço beträgt etwa 800 Reais, während sich der derzeitige Mindestlohn auf 954 Reais beläuft. Aufgrund dieser Situation sagen die Bewohner der Cortiços: »Wenn man zu essen hat, wohnt man nicht, wenn man wohnt, hat man nichts zu essen.«

Angesichts des Widerspruchs zwischen den Bedürfnissen der armen Bevölkerung und Hunderten von verlassenen Gebäuden im Zentrum, die keine soziale Funktion haben, nahm in den letzten Jahren in Übereinstimmung mit der Bundesverfassung eine große Zahl von Familien diese Immobilien im Zentrum der Stadt in Besitz. Darüber hinaus gibt es im Zentrum Tausende alleinstehende Menschen und Familien, die auf den Straßen, den Gehwegen, den Plätzen, unter den Vordächern und Viadukten und an anderen Orten leben. Sie haben keinen angemessenen physischen Schutz und keine Privatsphäre und stellen die dramatischste Ausdrucksform sozialer Verwundbarkeit, von Gewalt und menschlicher Grausamkeit dar. Die Bevölkerung, die auf der Straße lebt, begibt sich genau in diese Gegend, weil es hier Möglichkeiten der informellen Beschäftigung und des Überlebens gibt.

Das Zentrum ist auch von Straßenhändlern begehrt, die fast völlig vom illegalen Handel auf der Straße leben. Die Präfektur gestattet diese Aktivität in aufgewerteten Gegenden der Stadt nicht. Es gehört zur Routine dieser Arbeiter, dass sie Verfolgungen und Festnahmen durch die öffentlichen Sicherheitsorgane ausgesetzt sind.

Im Zentrum der Stadt São Paulo gibt es das, was man soziale Peripherie nennen könnte. [...]


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