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Leseprobe 3 DOI: 10.14623/con.2018.5.528-538
Luiz Carlos Susin
Franziskus von Assisi – Sine proprium und Bruder der Geschöpfe
Dem Mediävisten Jacques Le Goff zufolge spielte Franziskus von Assisi eine besondere Rolle beim Übergang vom 12. zum 13. Jahrhundert, da er »die christliche Spiritualität um eine neue Verbundenheit mit allem Lebendigen bereicherte, weshalb er auch als Begründer eines neuen Naturgefühls im Mittelalter gilt, das sich in der Religion, in der Literatur und in der Malerei niederschlug«.

Das Christentum des ersten Jahrtausends hielt sich zur kosmischen Natur und Ökologie mit ihren oftmals undurchschaubaren Energien auf kluge Distanz, denn am Verhältnis zur Natur entfachte sich stets von Neuem eine gefährliche heidnische Vergöttlichung. Im 12. und 13. Jahrhundert jedoch beruhigte sich dieses Gespür für die Gefahr des Heidentums, was eine freundschaftlichere Beziehung zur Natur möglich machte. Doch das hielt nicht lange an: Bereits in den darauffolgenden Jahrhunderten ermöglichte es eine der Heiligkeit entledigte Natur, ein »verdinglichendes« Verhältnis des Experimentierens und der Ausbeutung einzugehen, das Francis Bacon im Jahr 1627 als Vergewaltigung bezeichnete, indem er die Natur mit einem »öffentlichen Weib« verglich, das man foltern müsse, um in sie einzudringen und ihr ihre Geheimnisse zu entreißen. Die Schlussfolgerung daraus ist nicht erfreulich: Innerhalb von zweitausend Jahren Christentum wäre demnach nur in dieser kurzen Zeit, gleichsam einem kurzen Intervall zwischen dem Exzess der Mystifizierung und dem Exzess der Objektivierung, ein freundschaftliches Verhältnis zur Natur möglich gewesen.

Mit dem Einbruch der Moderne blieb die Botschaft des Franziskus von Assisi im Dunkeln. Voltaire verachtete den heiligen Bettler, der ein unproduktives Leben pries. Im 19. Jahrhundert jedoch wurde Franziskus von der Romantik vereinnahmt und nahm die Gestalt des »Heiligen der kleinen Vögel« an. Es besteht eine große Gefahr der romantischen Reduzierung, denn die Hagiografie und Ikonografie des heiligen Franziskus können uns in der Tat einen Eindruck eines starken Romantizismus vermitteln. Sein Verhältnis zu den Elementen der Natur, insbesondere zu jedem Tier, wird als so brüderlich und vertraut, als so zärtlich und voller Mitgefühl und zuweilen als so intim beschrieben, dass wir versucht sind zu fragen, was in all diesen von Gefühlen und entzückten Ausrufen über ladenen Poesie der Realität entspricht. In einem Klima der romantischen Reduktion könnte selbst die Erhebung des heiligen Franziskus von Assisi zum Patron der Umweltschützer durch Papst Johannes Paul II. im Jahr 1979 Missverständnisse verstärken.

Wir müssen mit einer bereits anerkannten Unterscheidung hinsichtlich des Textbestandes beginnen, der uns als Quelle dient, um so zu einer angemessenen Hermeneutik zu gelangen. Es ist unter den Fachleuten für die »franziskanischen Quellen« bereits ein Gemeinplatz, zwischen den Schriften von Franziskus selbst und den Biografien zu unterscheiden, die im Laufe von mehr als einem Jahrhundert nach und nach ausgearbeitet wurden. Man wandte auf die franziskanischen Quellen dieselben Regeln der historisch-kritischen Methode an wie auf die Bibel und gelangte auf diese Weise sogar zur Unterscheidung zwischen dem »historischen Franziskus« und dem »Franziskus des Glaubens«.

Franziskus ist kein Schriftsteller, doch wir haben Texte aus seiner Feder oder solche, die von ihm diktiert wurden, wenn es sich hierbei auch um nur wenige und kurze Texte handelt: Ermahnungen, Grußbotschaften, Briefe, Zusammenstellungen liturgischer Texte, das Testament, das ein Memoriale darstellt, und vor allem zwei Versionen der Ordensregel. Diese gingen aus einem kollektiven Prozess der Ausarbeitung und des Experimentierens hervor, doch wo das Verbum im Singular steht, nimmt man an, dass es sich um die Stimme von Franziskus selbst handelt. Lediglich die zweite, nüchternere Regel trägt das päpstliche Siegel. Doch die erste Regel steht dem Prozess des Ausprobierens der franziskanischen Lebensform näher. Ihr kommt also hermeneutische Autorität zu.

Bereits die hagiografischen Schriften weisen eine dramatische Geschichte auf. Die Autoren neigen entweder zu einem »erbaulichen«, frommen und poetischen Stil mit einer gewissen Note des Heldenhaften, um den Heiligen hochzujubeln und den Leser in Begeisterung zu versetzen, oder sie sind polemisch und in der Absicht verfasst, radikalere oder moderatere Formen der Nachfolge und der Weiterführung der Tradition durch auf Franziskus folgende Generationen von Brüdern zu rechtfertigen. Von diesen Autoren gebe ich hier zweien den Vorzug: Thomas von Celano, da er ein Zeitgenosse des Franziskus und sein erster Biograf war, und dem heiligen Bonaventura, der fast vierzig Jahre danach schrieb und dem die Aufgabe zufiel, den Streit um die Verbreitung einander widersprechender Biografien zu beenden. Er schrieb mit all seinem theologischen Feinsinn eine Biografie, die einzigartig und endgültig sein sollte. Er schrieb genauer gesagt zwei Biografien, und Kopien der früheren Biografien wurden vor der Vernichtung bewahrt, sodass wir heute eine Vielfalt von Textzeugnissen – mit ihren jeweiligen Kontexten – vor uns haben, die in den franziskanischen Quellen vereint sind.

Was sagen unsere Quellen über unser Thema, das Verhältnis zur »Natur«, aus, wenn wir auf die Schriften von Franziskus selbst bzw. auf die Hagiografien des 13. Jahrhunderts zurückgreifen?

I. Enttäuschung und ein neuer Blick: sine proprium


Die Gelübde des geweihten Lebens waren bis ins 13. Jahrhundert unterschiedlich. Von den dreien, die uns heute bekannt sind – Keuschheit, Gehorsam, Armut –, war es die freiwillige Armut, deren ausdrückliches Gelöbnis am meisten dem Wechsel unterlag. Nicht einmal heute schließt die Bindung an die franziskanische Lebensform ein Gelübde der »Armut« ein – und dies gilt ausgerechnet für die Erben des Poverello aus Assisi. Von der ersten franziskanischen Regel an heißt es stattdessen wörtlich: sine proprium, und dies wurde in der approbierten Regel beibehalten. Dies schließt die freiwillige Armut mit ein, doch die mit diesem Ausdruck mitschwingenden Bedeutungen fordern etwas Tieferes: das innere, verstandes- und gefühlsmäßige Loslassen, den Verzicht auf den »Sinn des Eigentums«, der die Entledigung von der Souveränität der Subjektivität und Identität mit umfasst. Wenn es den Mönchen des ersten Jahrtausends genügte, sich zum Gehorsam zu verpflichten, so wäre im Falle der Franziskaner das sine proprium hinreichend. Dies ist allerdings nicht so einfach, denn es ist ein freiwilliger, jedoch keineswegs willkürlicher Akt. In seiner Tiefe der Entwurzelung kann er mit der Kenose verglichen werden, die Paulus im Hymnus des Philipperbriefes (Kapitel 2) beschreibt und der ausgerechnet eine Ermahnung vorangestellt ist, die innere Haltung Christi nachzuahmen.

Historisch betrachtet beginnt dieser Prozess nicht nur bei Franziskus, sondern auch bei Benedikt, bei Ignatius von Loyola, bei Chiara Lubich, usw. negativ: mit einer Krankheit, einer Enttäuschung, einem Schockerlebnis, einem Krieg.

Franziskus beginnt seinen Weg mit einer schweren, lang andauernden und ihn dem Tode nahebringenden Enttäuschung: Sie umgreift ihn von allen Seiten: Das alte Ideal des Adels und der Ritterschaft führt ihn in die Katastrophe der Gefangenschaft und Krankheit. Das Ideal des im Aufstieg begriffenen Bürgertums, wie es in den Geschäften seines Vaters zum Ausdruck kommt, passt nicht zu seinem großzügigen Herzen. Das religiöse Ideal des Mönchslebens, das er aus der Nähe kennenlernen wollte, klingt für ihn bedrückend. Die Feste, die er mit dem Geld seines Vaters organisiert und den Gefährten seiner Jugend anbietet und die sein Erwachsenwerden hinauszögerten, wurden langweilig. Franziskus ist völlig enttäuscht, tief verletzt in seinem Narzissmus und in seinem Größenwahn. In diesem Kontext existenzieller Leere hält Thomas von Celano einen Spaziergang des Franziskus während dessen Genesung fest:

»Aber die Schönheit der Flur und der Liebreiz der Weinberge und was es sonst noch zum Sehen Schönes gibt – an nichts konnte er sich freuen. Er musste deshalb nur staunen über die plötzliche Wandlung, die in ihm vorgegangen war, und die Liebhaber der alten eitlen Freuden für große Toren halten.« (1 C II, 3)

Zusammengefasst: Es schwinden hier mit dem verheerenden Zustand seiner Gedanken und Beziehungen sogar die natürliche Begeisterung und das rechte romantische Gefühl. So beginnt, weitab von jeglicher bewussten willentlichen Entscheidung, das sine proprium. [...]


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