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Leseprobe 2 DOI: 10.14623/con.2018.5.509-518
Leonardo Boff / Mark Hathaway
Ökologie und die Theologie der Natur
I. Sich der Weisheit öffnen, die Erde erneuern: eine Theologie der Natur

Die Menschheit steht an einem Scheideweg. Entweder gehen wir weiter auf dem Weg der zunehmenden Ausbeutung, Ungleichheit und Zerstörung – wodurch wir sowohl die menschliche Zivilisation als auch das gesamte Netz des Lebens, von dem wir abhängen, gefährden – oder wir entscheiden uns, wie die Erd-Charta1 uns nahelegt, für »eine globale Partnerschaft, um für die Erde und füreinander zu sorgen«

Die Krise, von der wir sprechen, hat zwar ökonomische, politische und technologische Dimensionen, aber die Gefahr des Ökozids, die ihr zugrunde liegt, ist eine ethische Krise. Genauer gesagt ist es eine ökologische, also keine bloß umweltbezogene Krise. Tatsächlich macht es einen Teil des Problems aus, dass wir die Umwelt – oder auch die Natur – als etwas von uns Getrenntes wahrnehmen, wo doch in Wahrheit »die Welt, die uns umgibt, die sich um uns herum befindet, ebenso in uns ist. Wir sind aus ihr gemacht; wir essen, trinken und atmen sie; sie ist Bein von unserem Bein und Fleisch von unserem Fleisch«2. Papst Franziskus erinnert uns daran, dass wir nicht der Erde »Eigentümer und Herrscher seien, berechtigt, sie auszuplündern«3; wir sind vielmehr geschaffen aus den Bestandteilen der Erde. Wir müssen lernen, diese Realität zu wahrzunehmen und eine echte Ökologie zu leben: den logos (oder die Weisheit) unseres oikos – unseres gemeinsamen Hauses, der Erde.

Zu einem Haus gehört die Vorstellung der Zugehörigkeit, des Ein-Teil-davon-Seins statt des Getrennt-Seins, der Gemeinschaft von Lebewesen. Ein integrales Verständnis von Ökologie scheidet keine »Umwelt« als etwas Eigenständiges aus, sondern strebt eine ganzheitliche Sicht der Beziehungen zwischen biotischen, sozialen, geistigen und kulturellen Phänomenen an. Aus dieser Perspektive ist die Art, wie Menschen – vor allem die wohlhabendsten und mächtigsten – die lebendige Erdgemeinschaft dominieren, ausbeuten und zerstören, eng verknüpft mit der Ausbeutung und Verelendung der Ärmsten und am stärksten Marginalisierten. Klimawandel, Umweltverschmutzung und Wasserknappheit treffen die am meisten unterdrückten und verwundbarsten Menschen unverhältnismäßig stark. Die Tatsache, dass dieses pathologische (vom logos des Leidens geprägte) System zwei Drittel der Menschheit weitgehend ausschließt, während es zugleich die Grundlagen des Lebens unterminiert, verrät seinen unnatürlichen Charakter. Es kann keine Zukunft haben, denn es steht in direktem Gegensatz zum logos unseres Hauses, das durch Verbundenheit, kosmische Solidarität, kreative Hervorbringungen, Vielfalt und die fortdauernde Evolution des Lebens bestimmt ist.

Unsere Krise ist ökologisch, weil es eine Krise der Beziehungen ist: der Beziehungen der Menschen untereinander, der Beziehung zwischen den Menschen und den anderen Lebewesen und letzten Endes der Beziehung zu unserem Schöpfer, der alle liebt und erhält. In theologischer Hinsicht wirft die ökologische Krise eine Reihe von Fragen auf: Wie ist Gott in der Schöpfung handelnd gegenwärtig? Von woher kam das Ethos der Herrschaft und inwiefern steht es im Widerspruch zu den neuen Erkenntnissen, die sich jetzt aus der postmodernen Wissenschaft ergeben? Wie können die Weisheit des Kosmos, die Erde und ihre Myriaden von Lebewesen uns leiten im Kampf für eine gerechtere, nachhaltigere und sinnhaftere Lebensweise? Und wie könnten wir schließlich mit dieser ökologischen Weisheit in Übereinstimmung kommen, sodass integrale Befreiung und die Heilung der Erde vorangebracht werden?

II. Göttliche Weisheit in der Schöpfung

Wie Papst Franziskus festhält, ist »[v]on ›Schöpfung‹ zu sprechen […] für die jüdisch-christliche Überlieferung mehr, als von Natur zu sprechen, denn es hat mit einem Plan der Liebe Gottes zu tun, wo jedes Geschöpf einen Wert und eine Bedeutung besitzt«4. Während »Schöpfung« das Bild eines göttlichen Geschenks wachruft, das zur Umsicht veranlasst, wird »Natur« (physis) – worunter einst der generative Prozess des Lebens5 verstanden wurde – zunehmend als etwas vom Menschen Getrenntes wahrgenommen, als Ressource, die man benutzt und verbraucht. Im Christentum jedoch gibt es eine alte Tradition, wonach die Schöpfung als ein lebendiges Buch verstanden wird, das das Wesen Gottes offenbart. Scotus schreibt, das »ewige Licht« zeige sich in der Welt »sowohl in der Schrift als auch in den Geschöpfen«6; Meister Eckhart erklärt, wir müssten »Gott in allen Dingen wahrnehmen, denn Gott ist in allen Dingen. Jedes einzelne Geschöpf ist voll von Gott und ein Buch über Gott.«7 Der Hl. Bernhard behauptet, »Bäume und Steine werden dich lehren, was du von keinem Meister lernen kannst«8, und der Hl. Franziskus – wie uns Laudato Si’ erinnert – spricht von den anderen Geschöpfen als unseren Brüdern und Schwestern, zusammen mit der Sonne, dem Mond, der Luft und dem Wasser. In dieser theologischen Tradition ist die ganze Schöpfung erfüllt von der göttlichen Gegenwart. Jedes Geschöpf kann uns darum als Lehrer der göttlichen Weisheit dienen.

In den Evangelien fällt Jesu Verbindung zur mehr-als-menschlichen Welt sofort ins Auge. Jesus wird als jemand gezeigt, der im Freien betet – von den vierzig Tagen in der Wüste bis zur Nacht vor seinem Tod in Getsemani –, was den Gedanken nahelegt, dass er die innige Nähe zu Gott besonders dann erlebte, wenn er in die Weite der Schöpfung eintauchte. In seinen Predigten am Ufer des Sees Gennesaret entfaltet Jesus seine Lehre anhand von Gleichnissen, die sich auf Tiere, auf wachsende Dinge und auf die Fruchtbarkeit der Erde beziehen.

Das aramäische Wort, das Jesus für das Reich Gottes verwendet, malkuta, ruft das Bild der grünenden, erneuernden Kraft der lebendigen Erde hervor. Neil Douglas-Klotz merkt dazu an, dass »die Alten in der Erde und in allem, was sie umgab, eine Form des Göttlichen sahen, das überall Verantwortung übernimmt und ›Ich kann es‹ sagt. Diejenigen, die später diese Beschaffenheit klar zum Ausdruck brachten, wurden als natürliche Führungspersonen anerkannt – die wir Königinnen und Könige nennen.«9 Die malkuta bezeichnet keinen Ort, sondern vielmehr die göttlichen, leitenden Prinzipien, die im Kosmos selbst aufscheinen – etwas Ähnliches vielleicht wie das Naturrecht, aber genauer wohl ein schöpferisches Prinzip, das es möglich macht, allen Widrigkeiten zum Trotz zu handeln. Diese dynamische malkuta deutet darauf hin, dass die lebenserhaltende Weisheit, die sich in der Schöpfung manifestiert, selbst eine Quelle heilender Energie, der Stärkung und der erneuernden Befreiung sein könnte.

III. Das Ethos der Herrschaft

Im Mittelalter verstanden Christen die Erde im Allgemeinen als ein Sein, das in gewisser Weise belebt und von der göttlichen Gegenwart erfüllt war. Tatsächlich war die Vorstellung, dass die Welt eine Seele hat, eine anima mundi, weitverbreitet. Thomas von Aquin gebrauchte mit Bezug auf Aristoteles das Konzept des Naturrechts, um den Gedanken eines gemeinsamen ethischen Grunds zu entfalten, der letztlich in der Regelhaftigkeit der Natur selbst wurzelte. Obwohl dieser Ansatz einige Vorteile hatte, tendierte diese Sicht der Natur zu einem festen metaphysischen Konzept von Moral, die die menschliche Natur als unbeweglich, unveränderlich ansah – als Widerspiegelung der unverletzlichen Ordnung der Schöpfung. Auch die Natur wurde überwiegend als statisch und passiv, nicht als dynamisch und schöpferisch angesehen.

Mit dem Heraufziehen der Aufklärung und der naturwissenschaftlichen Revolution ging die Vorstellung von der Natur als einem lebenden, organischen Kosmos nach und nach verloren. Um die Planetenbewegungen zu beschreiben, behauptete Johannes Kepler ursprünglich noch, dass die Planeten sich gemäß der Tätigkeit ihrer »Seelen« (animae) bewegten, aber das ersetzte er später durch das Wort »Kraft« (vis). In ähnlicher Weise ging Isaac Newton, der anfangs von der Alchemie inspiriert war, dazu über, das Universum als ein Uhrwerk zu beschreiben, das von strengen Gesetzen regiert und von unpersönlichen Kräften bewegt werde. René Descartes sah die Natur als reine res extensa (ein »ausgedehntes Ding«) und bemerkte: »Ich verstehe die Natur nicht als eine Art Göttin oder eine andere Form von imaginärer Macht; ich gebrauche das Wort vielmehr als Bezeichnung für die Materie selbst.«10

Materie – einst verstanden als mater, als Körper der Großen Mutter – wurde zu etwas Leblosem, zu »Zeug«, das gebraucht und verbraucht werden konnte, wie es den Menschen passte. Selbst Tiere wurden als reine automata betrachtet, die weder leiden noch logisch denken konnten. Um die Methodik der Wissenschaft zu charakterisieren, gebrauchte Francis Bacon das Bild der Folter und verkündete, dass die Natur ihre Geheimnisse bereitwilliger preisgeben würde, wenn man sie fesselte und quälte, wenn man sie »aus ihrem Naturzustand herauszwang, ausquetschte und formte«11 und zu einem Sklaven machte. In einer derartigen Vision sind alle ethischen Beschränkungen beim Gebrauch, Konsum oder bei der Zerstörung der Natur erfolgreich entfernt, was einer Art Lizenz zum Ausbeuten und Zerstören gleichkommt. Doch diese neue Sicht der Natur entstand nicht in einem Vakuum, sondern vielmehr in einem gewalttätigen Kontext, in dem Frauen als Hexen gejagt wurden und Europa zu seinen kolonialen Großtaten aufbrach. Nach der Beobachtung von Enrique Dussel dürften die Moderne sowie Descartes’ sich anschließende ontologische Formulierungen seiner Philosophie in der brutalen Eroberung des amerikanischen Doppelkontinents und der Praxis des »Ich besiege« wurzeln.12 Diejenigen, die stärker vom Land abhängen – Bauern, Ureinwohner, Frauen – wurden ebenfalls als »näher an der Natur« und deshalb als minderwertig wahrgenommen, was wiederum ihre Ausbeutung rechtfertigte.

Welche Rolle spielten das Christentum und die Theologie in diesem Prozess? Lynn White13 macht mit einigem Recht geltend, dass das westliche Christentum die anthropozentrischste aller Religionen sei. Natürlich interpretierte er – unserer Meinung nach unzutreffend – das erste Kapitel des Buchs Genesis dahingehend, dass dort den Menschen das Recht eingeräumt wurde, die Natur zu unterwerfen und beherrschen. Zudem kann die Beteiligung der Kirche an Kolonialisierung, Gewalt, Patriarchat und an Akten des Imperialismus nicht geleugnet werden. Diese Interpretationen und Beteiligungen sollten als Verrat an der Botschaft Jesu und seiner Verkündigung der malkuta betrachtet werden. Zugleich ergibt sich daraus die Notwendigkeit, Theologien zu formulieren, die klar auf den Schrei der Armen und den Schrei der Erde antworten, die sich darum bemühen, echten Respekt vor der Schöpfung zu kultivieren und die diejenigen unterstützen, die für eine umfassende Befreiung kämpfen.

IV. Von der Maschine zu einer lebendigen Geschichte


Seit dem frühen 20. Jahrhundert hat sich die wissenschaftliche Sicht des Kosmos zügig verändert aufgrund neuer Erkenntnisse in der Physik, der Komplexitätstheorie, Ökologie und Kosmologie. Anstelle eines Universums, das sich aus unterscheidbaren Teilen zusammensetzt – in dem Komplexität bedeutet, die Dinge in kleinere, einfachere Bestandteile zu zerlegen –, offenbart sich der Kosmos zunehmend als vernetzt, dynamisch und sogar als »aufmerksam« – also als ein Ganzes, das weit größer ist als die bloße Summe seiner Teile. Tatsächlich wird die Materie selbst nicht mehr als etwas Statisches, als totes »Zeug« gesehen, sondern als dynamischer Tanz von Energie und Beziehungshaftigkeit. Ein subatomares Gebilde auch nur zu beobachten verändert es – und in der Tat behauptet der Quanten-Animismus, dass in manchen Fällen das Bewusstsein die Realität gestaltet.

Die nichtlineare Dynamik komplexer Systeme erhellt, wie tief Kreativität zum Kosmos gehört – was darauf hinweist, dass die Zukunft immer offen ist für neuartige Möglichkeiten. Das Universum selbst erscheint in dieser Sicht als kontinuierlicher Prozess des Werdens, der vor 13,8 Milliarden Jahren mit der Urausdehnung begann und Raum, Materie und Energie hervorbrachte. Wäre die anfängliche Ausdehnungsrate um ein Geringfügiges (einen Faktor von 10–59) schneller oder langsamer verlaufen, hätten sich die Sterne niemals bilden können. Wären die physikalischen Konstanten infinitesimal anders gewesen, dann wäre niemals Leben entstanden.14

Nach der Gaia-Hypothese15 funktioniert unser Planet als ein sich selbst regulierendes System, das einem riesigen Super-Organismus ähnelt. Der Sauerstoffgehalt der Atmosphäre, die Oberflächentemperatur des Planeten und der Salzgehalt der Ozeane werden alle miteinander von Organismen reguliert, um die notwendigen Bedingungen für das Leben aufrechtzuerhalten. Auch die Evolution, zu der eine Dynamik des Wettbewerbs gehört, hängt von kooperativen Prozessen der Symbiogenese ab. Die Biologen entdecken Empfindungsvermögen an den überraschendsten Orten – nicht nur unter Säugetieren, sondern überall, vom Tintenfisch bis zu den Pflanzen. Die Evolution bestätigt auch, dass die Menschen eng mit allen anderen Lebewesen in unserer Erdgemeinschaft verbunden sind. Wir mögen einzigartige und besondere Fähigkeiten haben, trotzdem sind wir auch von anderen Geschöpfen abhängig – selbst von den Bakterien, die in uns leben –, um am Leben zu bleiben. In der Tat wissen wir, dass es unsere Lebensgrundlagen nur aufgrund der Großzügigkeit zahlloser Lebewesen gibt. Die ganze Schöpfung – und insbesondere die lebende Erdgemeinschaft – ist eine Sinfonie, deren Teil wir sind. Angesichts dessen können die Zerstörung eines alten Regenwaldes, die Abtragung ganzer Berge zur Kohlegewinnung, die Verschmutzung der Meere oder das Töten von Bauern, um sich ihres Landes zu bemächtigen, als Formen der Entweihung betrachtet werden.

Statt in einer mechanistischen Welt toter Gegenstände oder »Naturschätze« leben wir also in einem werdenden Kosmos voller Kreativität, Geist und Leben. Brian Swimme fasst diese überraschende Geschichte des Universums in einem Satz zusammen: »Man nimmt Wasserstoffgas, lässt es in Ruhe, und es verwandelt sich in Rosenbüsche, Giraffen und Menschen.«16 Mit den Augen des Glaubens können wir diese Geschichte als Wunder erleben. Der Kosmos erweckt Ehrfurcht, Andacht und einen Sinn für ein bedeutendes Potenzial, das uns befähigt, die Entfaltung der malkuta unter uns und ihre Verheißung umfassender Befreiung wahrzunehmen.

Die Geschichte des Universums ist weder deterministisch noch zufallsgesteuert, sondern gekennzeichnet durch ein schöpferisches Werden, das sich auf eine Art Anziehungskraft ausrichtet, die weder ein festgelegtes Design noch ein Entwurf ist, aber eine tiefere Ahnung eines Sinns oder Zwecks offenbaren könnte. Brian Swimme und Thomas Berry sprechen in dieser Begrifflichkeit vom kosmogenen Prinzip – der Tendenz des Kosmos, sich in Richtung größerer Verbundenheit, Ausdifferenzierung und Kreativität zu bewegen – als einem »leitenden Thema und einer grundlegenden Intentionalität jeder Existenz«17. Diese Tendenzen, die in allen komplexen Systemen offenkundig sind, sind vielleicht am deutlichsten in einem reifen Ökosystem wie einem Regenwald zu erkennen: Hier wachsen mit der Zunahme der Biodiversität auch die Wechselbeziehungen und die Verbundenheit, und zugleich vergrößert sich die Fähigkeit des Systems, Neues zu schaffen und auf Veränderungen zu reagieren. In ähnlicher Weise könnten wir auch den Prozess der Befreiung verstehen als eine Bewegung hin zu immer größerer Verbundenheit (Leben in Harmonie und Gerechtigkeit mit anderen, mit Menschen ebenso wie mit anderen Geschöpfen), Vielfalt (Respektieren und Feiern der verschiedenen Weisen der Wahrnehmung und des In-der-Welt-Seins) und Selbstorganisation (Suchen nach Sinn, Zweck, Kreativität und Tiefe).

V. Sich für die Weisheit der Erde öffnen


Wie können wir – neben den Erkenntnissen der Naturwissenschaften – Zugänge zur göttlichen Weisheit finden, die im Kosmos, auf der Erde und in Myriaden von Lebensformen gegenwärtig ist? Wie können wir lernen, uns ihren Stimmen zu öffnen, uns von ihnen leiten zu lassen und mit ihnen zu arbeiten, um eine gerechtere, nachhaltigere und sinnvollere Art des Lebens als Gemeinschaft auf dieser Erde hervorzubringen?

Es gibt zwar keine einfache Definition von Weisheit, aber man könnte sie als ein tiefes Erfahrungs- (oder Herzens-) Wissen verstehen, das uns in die Lage versetzt, Handlungsweisen zu erkennen, die in einem bestimmten Kontext sinnvoll sind, um das allgemeine Wohl allen Lebens fördern. Weise Menschen sind zu erkennen an ihrer Bescheidenheit, ihrer Offenheit, ihrem Mitgefühl, ihrer Großzügigkeit und ihrem Gleichmut, der sie befähigt, mit Komplexität umzugehen, größere Muster zu sehen und schöpferisches Potenzial zu erkennen. Weisheit ist besonders in Krisenzeiten von Bedeutung, wenn ein eindeutiger Weg zu ökologischer Regeneration und gemeinschaftlichem Wohlbefinden nur schwer zu entdecken ist. Vor allem müssen wir als Menschen daran denken, dass göttliche Weisheit in der ganzen Schöpfung sich offenbart, nicht allein in den Menschen. Und wir sollten an die Weisheit allen Seins (und aller menschlichen Kulturen) anknüpfen, um Wege aus der Zerstörung und zum Leben zu finden.

Im Hebräischen und Aramäischen bezeichnet das Wort für Weisheit – chokmah – »ein lebendiges Wissen von göttlichen Mustern und Kräften« und bringt die Vorstellung zum Ausdruck, dass heilige Motive, Energien oder Intentionen »unter den Oberflächenerscheinungen verborgen« sind, die der/die Weise aufdecken muss.18 Das meint wohl auch Raimon Panikkar, wenn er schreibt, dass wir von der Weisheit der Erde lernen müssen, »die sich uns enthüllt, sobald wir offen sind, sie zu vertehen und unter dem Bann dessen zu stehen, was sie uns offenbart«19. Konkret heißt das, dass wir Zeit darauf verwenden sollten, die »Worte« anderer Wesen selbst in den subtilsten Gesten zu hören, zu beobachten, zu spüren, seien es nun die kleinsten Insekten oder die größten Bäume. Letztlich geht es darum, die Kunst der »teilnahmsvollen Wahrnehmung«20 zu lernen, die auf liebender Identifikation und Verbundenheit beruht. »Selbst und Nicht-Selbst« werden in dieser Haltung »identisch im Moment der Erfahrung«21, und wir erlauben es der Andersheit des Anderen, bei uns einzutreten und uns zu transformieren. Diese Art der mystischen Vereinigung, in der wir es zulassen, von einem anderen Lebewesen durchdrungen zu werden, ist keine Verschmelzung, sondern eher ein tiefer intersubjektiver Austausch im Sein, worin wir miteinander verwoben werden, ohne jedoch unsere Unverwechselbarkeit zu verlieren.

Möglicherweise hat Jesus so etwas im Sinn gehabt mit seiner dritten Seligpreisung (Mt 5,5), die man aus dem Aramäischen folgendermaßen wiedergeben könnte:

Fruchtbar sind jene, die alle ihre inneren Härten besänftigt haben; sie werden die physische Kraft und Vitalität der Erde als ihr Erbe empfangen.

Das Wort l’makikhe, das oft als »demütig« übersetzt wird, erweckt die Vorstellung, sowohl jede innere Härte zu besänftigen als auch verdrängte Wünsche loszulassen. Das könnte verstanden werden als ein Hinter-sich-Lassen von Suchtverhalten einschließlich des Wunschs nach unnötigem Konsum. Das Wort nertun (erben) bezeichnet den Empfang wechselwirkender Stärke aus einer tiefen Quelle. Das Sanftwerden öffnet uns für einen tiefen Brunnen voll verwandelnder Energie. »Gott handelt durch die ganze Natur, durch alle Irdischkeit.«22 Diejenigen, die ihre inneren Härten besänftigen, werden innerlich erneuert und erfüllt vom lebendigen Elan der Erde selbst. Dieses Bild legt uns nahe, uns wieder tief mit der Gemeinschaft der Erde zu verbinden, in Harmonie zu kommen mit der Weisheit und Energie, die in anderen Lebewesen gegenwärtig ist, und im Einklang mit ihnen an der Heilung zu arbeiten.

Diese Art des harmonischen, fruchtbaren Handelns kann konkret in Projekten der ökologischen Erneuerung entdeckt werden, wie etwa bei der Sanierung des Lössplateaus in China23, beim syntropischen Agroforst-Projekt im Nordosten von Brasilien24, bei der Wiedergewinnung fruchtbaren Bodens in der Sahelzone unter der Leitung von Yacouba Sawadogo25 und beim Chikukwa-Permakultur-Projekt in Simbabwe.26 In all diesen Fällen wirkten Menschen – in demütiger, einfühlsamer, verständnisvoller und mitschöpferischer Zusammenarbeit mit Bodenorganismen, Insekten, Pflanzen und Tieren – dabei mit, die Prozesse der ökologischen Heilung zu beschleunigen, mancherorts sogar das lokale Klima zu verändern und den ausgebliebenen Regen wiederzugewinnen. Diese Prozesse halfen auch oft, die menschlichen Gemeinschaften zu erneuern, Solidarität aufzubauen und gerechte und nachhaltige Lebensgrundlagen zu schaffen. Doch in all diesen Fällen hätten die Menschen diese Ziele niemals erreichen können ohne die Hilfe anderer Lebewesen. Durch eine antwortende und weise Arbeit mit der umfassenden Erdgemeinschaft kann vieles, was sonst unmöglich erscheinen würde, erreicht werden.

VI. Unterwegs zu Regeneration und Befreiung


Letztlich sind wir aufgerufen, uns Thomas Berry anzuschließen, wenn er sagt, das Universum – und insbesondere die Erdgemeinschaft – sei »eine Vereinigung von Subjekten, nicht eine Ansammlung von Objekten«27, und der Kosmos sei »die Art und Weise, wie sich das Göttliche uns gegenwärtig offenbart […] Das Universum selbst ist die grundlegende Heilsgemeinschaft«28. Natürlich heißt das nicht, dass alles Gott ist. Aber Gott ist in allem, und alles ist in Gott. Schon im Schöpfungsakt hinterlässt Gott eine Spur in jedem Wesen und macht so die göttliche Gegenwart und Weisheit in jedem Geschöpf offenbar.

Gott und die Welt sind verschieden – das Eine ist nicht das Andere. Aber zugleich existieren sie keineswegs getrennt voneinander oder verschlossen voreinander. Beide sind offen für das jeweils Andere, und zwar so, dass beide untrennbar miteinander verbunden und wechselseitig voneinander durchdrungen sind. Wenn sie unterschieden sind, dann darum, dass sie miteinander kommunizieren und vereint sein können durch Kommunion und gegenseitige Gegenwart. Zugleich kann jedes Seiende mit anderen Seienden kommunizieren und sie durchdringen, und indem es das tut, berührt es etwas vom göttlichen Wesen und seiner Weisheit.

Wenn wir als Mitglieder und Vollbürger der Erdgemeinschaft unseren Weg begonnen haben, danach aber unter Schmerzen versucht haben, uns selbst abzusondern, dann sind wir jetzt dabei, zu dieser Gemeinschaft zurückzukehren. Wir sind dabei, unser Gefühl des Abgetrenntseins loszuwerden, unsere Besonderheit jedoch beizubehalten – einschließlich unserer Fähigkeit zur Selbstreflexion. Wie andere Organismen sind auch wir nicht einfach Fäden in einem undifferenzierten Gewebe – wir sind Subjekte mit unserem eigenen Inneren und unseren Lebenswelten. Wir sind nicht bloß auf der Erde – wir sind ein Teil der Erdgemeinschaft. Wir sind ein Aspekt der Erde, die in dieser Phase ihrer Evolution begonnen hat, zu fühlen, zu denken, zu lieben, zu verehren und sich zu sorgen. Deshalb kommt das Wort human von Humus, was »fruchtbarer Boden« bedeutet. Ähnlich kommt im Hebräischen das Wort adam – mit der Bedeutung »Mensch« – von adamah – mit der Bedeutung »Erdboden«. Wir sind Früchte des fruchtbaren Bodens der Erde. Wie Arthur Waskow erklärt, besagt dies, dass die Menschen mit dem Boden der Erde so verbunden sind, wie der göttliche Odem (der Ton »ah« der letzten Silbe von adamah) sich mit uns verbindet und in uns bleibt.29 Einerseits haben wir Menschen einzigartige Gaben, Fähigkeiten und Verantwortlichkeiten, andererseits sind wir in hohem Maße ein Teil der Erde, aus der wird gemacht sind.

Die Hoffnung, die Erde zu heilen und uns in Richtung der befreienden Vision von Gottes malkuta zu bewegen, haben wir nur, wenn wir lernen, auf der Grundlage einer Ethik der Liebe, Fürsorge und des Mitgefühls zu arbeiten – einer Ethik, die all die verschiedenen Stimmen und Lebewesen der Erdgemeinschaft respektiert und ehrt. Wenn wir uns selbst für die göttliche Weisheit öffnen, die sich in den Myriaden von Lebewesen und in der Vielfalt der Kulturen offenbart, wenn wir lernen, bewusst an der Bewegung hin zu größerer Vielfalt, Innerlichkeit und Verbundenheit teilzunehmen, dann nähern wir uns Gottes Verheißung der Befreiung und der Heilung der Erde.

Anmerkungen


1 Erd-Charta-Initiative, Die Erd-Charta, 2000. Text im Internet: https://erdcharta.de/fileadmin/Materialien/Erd-Charta_Text.pdf.
2 Wendell Berry, Sex, Economy, Freedom, and Community: Eight Essays, New York 1993, 34.
3 Papst Franziskus, Enzyklika Laudato Si’ über die Sorge für das gemeinsame Haus, Rom, 24. Mai 2015, Nr. 2.
4 Ebd., Nr. 76.
5 Andy Fisher, Radical Ecopsychology: Psychology in the Service of Life, Albany, NY 2002, 99.
6 Giuseppe Tanzella-Nitti, The Two Books Prior to the Scientific Revolution, in: Perspectives on Science and Christian Faith 57 (2005/3), 235–248, hier 235.
7 Zit. n. Matthew Fox, Meditations with Meister Eckhart, Santa Fe, NM 1982, 14.
8 Edward Churton, The Early English Church, London 1840, 333.
9 Neil Douglas-Klotz, Prayers of the cosmos: Meditations on the Aramaic Words of Jesus, San Francisco 1990, 20.
10 René Descartes, Le monde ou le traité de la lumière. Nouvelle édition augmentée, Paris 2015, 38.
11 Francis Bacon, Große Erneuerung der Wissenschaften (E-Book), Dresden 2015 (Original: Instauratio Magna, 1620).
12 Enrique Dussel – Gary MacEoin, 1492: The Discovery of an Invasion, in: CrossCurrents 40 (1991/1), 437–452, hier 442.
13 Lynn White Jr, The Historical Roots of Our Ecologic Crisis, in: Science 155 (1967), 1203–1207.
14 Stephen Hawking, Eine kurze Geschichte der Zeit, Reinbek 1991 (Original: A Brief History of Time, New York 1988).
15 James Lovelock, Unsere Erde wird überleben. GAIA, eine optimistische Ökologie, München 1982 (Original: Gaia: A New Look at Life on Earth, Oxford 1979).
16 Brian Swimme, Comprehensive Compassion, in: What is Enlightenment? Magazine, 2001, 40; Internet: http://thegreatstory.org/SwimmeWIE.pdf.
17 Brian Swimme – Thomas Berry, The Universe Story: From the Primordial Flaring Forth to the Ecozoic Era – a Celebration of the Unfolding of the Cosmos, San Francisco 1992, 70.
18 Michel Ferrari u. a., Phronesis, Sophia, and Hochma: Developing Wisdom in Islam and Judaism, in: Research in Human Development 8 (2011/2), 128–148, hier 129.
19 Raimon Panikkar, Ecosophy, in: The New Gaia 4 (1995/1), 2–7, hier 2.
20 Laura Sewall, Sight and Sensibility: The Ecopsychology of Perception, New York 1999.
21 Morris Berman, The Reenchantment of the World, Ithaca, NY 1981, 62.
22 Douglas-Klotz, Prayers of the Cosmos, 54.
23 John D. Liu, Restoring the Earth – Loess Plateau, 2013, im Internet unter: https://www.youtube.com/watch?v=rf2WXYvlv0Y.
24 Ernst Götsch, Project. Agenda Götsch, 2015., im Internet unter: http://agendagotsch.com/project/.
25 Devon Ericksen, The Man Who Stopped the Desert: What Yacouba Did Next, in: Worldwatch Institute, Washington, D.C.: 2013; im Internet unter: http://blogs.worldwatch.org/nourishingtheplanet/the-man-who-stopped-the-desert-what-yacouba-did-next/.
26 Terry Leahy, The Chikukwa Permaculture Project (Zimbabwe) – the Full Story, in: Permaculture News 2013, im Internet unter: http://permaculturenews.org/2013/08/15/the-chikukwa-permaculture-project-zimbabwe-the-full-story/.
27 Thomas Berry, The Great Work: Our Way Into the Future, New York 1999, 82.
28 Thomas Berry u. a., Befriending the Earth: A Theology of Reconciliation Between Humans and the Earth, Mystic, CT 1991, 16.
29 Arthur O. Waskow, Sacred Earth, Sacred Earthling, in: Gnosis (Herbst 1994), Nr. 33, 58–62.

Aus dem Englischen übersetzt von Norbert Reck

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