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Leseprobe 1 DOI: 10.14623/con.2018.5.500-508
Dianne Bergant
Imago Dei: Bild oder Gott?
Die »Bibel [gibt] keinen Anlass … für einen despotischen Anthropozentrismus, der sich nicht um die anderen Geschöpfe kümmert«. An diesem Punkt lässt die jüngst veröffentlichte päpstliche Enzyklika, in der es um die Verwobenheit mit, die gegenseitige Abhängigkeit von oder die Verantwortung für die Schätze der Natur geht, weder hier noch an anderer Stelle irgendeinen Zweifel. Es geht dem Papst nicht eigentlich um den Anthropozentrismus, denn es ist unausweichlich, dass Menschen aus menschlicher Sicht wahrnehmen oder urteilen. Er kritisiert eine Perspektive, die »despotisch«, »fehlgeleitet« oder »maßlos« ist.

1. Der biblische Anthropozentrismus


Dem radikalen Anthropozentrismus (der Bezogenheit auf den Menschen) zufolge sind die Menschen das Maß, an dem sich der Wert und die Bedeutung von allem anderen zu orientieren hat. Auch wenn manche Feministinnen der Ansicht sind, dass die vorherrschende Perspektive eher androzentrisch (den Mann in den Mittelpunkt stellend) als anthropozentrisch ist, so ist es doch in jedem Fall ein Mensch, der an erster Stelle steht. Es lässt sich nicht leugnen, dass sich der sogenannte heutige Fortschritt weitgehend aufgrund dieser Perspektive entwickelt hat. Nach wie vor wird eine solche Sichtweise – manchmal auch in überzeichneter Gestalt – kritisiert und für viele Probleme in modernen Gesellschaften wie auch für die derzeitige akute globale Umweltkrise verantwortlich gemacht. An vorderster Stelle ist hier Lynn White zu nennen. Seine Einschätzung lautet: »Insbesondere in seiner westlichen Ausprägung ist das Christentum die anthropozentrischste Religion, die es je auf der Welt gegeben hat.« White ist der Ansicht, dass sich der radikale Anthropozentrismus kaum von seiner prominenten Position verdrängen lässt, weil er religiös abgesichert ist. Er verweist dabei auf die biblische Erzählung, nach der das eben erst erschaffene Menschenpaar von Gott angewiesen wird: »Unterwerft euch [die Erde] … und herrscht« über alle Geschöpfe der Erde« (Gen 1,28). White zufolge gilt: »Indem das Christentum den paganen Animismus zerstörte, hat es die Ausbeutung der Natur durch eine Haltung der Gleichgültigkeit gegenüber den Empfindungen der Naturgegenstände ermöglicht.«

Erkenntnisse aktueller Interpretationsansätze werfen neben heutigen Lesarten verschiedener Bibeltexte eine Reihe von Fragen auf, die die Stichhaltigkeit eines solchen Verständnisses der biblischen Tradition infrage stellen. Zunächst einmal müssen wir erkennen, dass wir uns dem biblischen Text nicht in einer Haltung wertfreier Objektivität nähern, sondern vielmehr mit einer bestimmten Weltsicht. Folglich müssen wir uns fragen: Ist es möglich, dass eine scheinbar anthropozentrische Weltsicht eher durch die biblischen Leser in die Erzählung hineingelesen wurde, als dass sie durch den biblischen Autor vorausgesetzt ist? Es ist gut möglich, dass die literarische Struktur von Gen 1 sich für eine hierarchische platonische Interpretation eignet – für eine Interpretation, die uns übermittelt wurde. Sollte man daraus unmittelbar schließen, dass eine solche Weltsicht tatsächlich den Deutungsrahmen der ursprünglichen Glaubensgemeinschaft darstellte oder dass ihr heutige Leser beipflichten müssten?

Zweitens gewähren jüngere kritische Analysen Einsichten in neue Leseweisen des biblischen Textes, und sie lassen auch Rückschlüsse darauf zu, dass bestimmte Traditionen in einer antiken Gemeinschaft ganz andere Funktionen gehabt haben können, als sie in einer heutigen haben. Solche Untersuchungen können unter Umständen dazu dienen, zwischen dem inhaltlichen Schwerpunkt einer bestimmten Textpassage (der z. B. theozentrisch, ethnozentrisch oder kosmozentrisch sein kann) und der unterschwelligen oder zugrunde liegenden Weltsicht der Gesellschaften zu differenzieren, die den Text hervorbrachten und ihn durch verschiedene Zeiten weitergaben.

Diese Erkenntnisse führen uns zu der Frage, ob es sein kann, dass der scheinbar anthropozentrische Akzent eines Textes einfach nur die Begrenztheit einer historischen Kultur markiert und tatsächlich eher einen theologischen oder gesellschaftlichen Zweck verfolgt als einen ontologischen. Könnte sich beispielsweise hinter der in manchen Bibeltexten geschilderten offenkundigen Feindseligkeit gegenüber den Naturgewalten eher eine monotheistische Polemik gegen Naturgottheiten verbergen, die als Konkurrenten zur Herrschaft JHWHs galten? Wenn man den vermeintlichen Anthropozentrismus Israels infrage stellt, ist das nicht gleichbedeutend mit der Bestreitung der offensichtlichen Tatsache, dass man im Altertum die Menschen gegenüber den anderen Geschöpfen als privi legiert betrachtete. Zur Debatte steht dabei nicht der herausragende Platz der Menschen in der Schöpfung, sondern die Bedeutung des Auftrags, der ihnen in den Erzählungen der Bibel gegeben wurde. Den Menschen wurde aufgetragen, die Welt und die in ihr lebenden Lebewesen »zu unterwerfen«, über sie »zu herrschen« (Gen 1,28) und sie »zu bebauen und zu hüten« (Gen 2,15). Ein solcher Auftrag versetzt den Menschen natürlich in eine privilegierte und beherrschende Position.

Diese narrative Darstellung unterscheidet sich gravierend von einer Reihe mesopotamischer Mythen, denen zufolge die Menschen erschaffen wurden, um das Joch der Götter zu tragen, ihnen zu dienen und ihnen die Last der täglichen Arbeit abzunehmen. In den Mythen Israels sind die Menschen vom Leben der Götter in der göttlichen Sphäre losgelöst; sie werden auf ihr eigenes Leben in der Welt der Frauen und Männer ausgerichtet, wozu auch das Ausüben von Autorität und Herrschaft gehört. Sollte eine solche anthropozentrische Auffassung trotzdem bedeuten, dass der Mensch als Krone der gesamten Schöpfung zu gelten hat, für die alles geschaffen wurde, an der sich alles ausrichtet und auf deren Vollendung sich alles zubewegt?

Natürlich hat Israel seine Ursprungsmythen, doch um welche Ursprünge geht es dabei? Um die der Götter? Der Welt? Des Volkes? Des Königtums? Des Heiligtums? Des Gesetzes? Sind Israels Ursprungsmythen wirklich Kosmogonien, oder könnten sie nicht auch ätiologische Sagen sein, in denen die Ursprünge der zuvor genannten Gegebenheiten erklärt werden? In diesem Beitrag wird zu zeigen versucht, dass die Schöpfungserzählung in Gen 1 mit ihrer anthropozentrischen Perspektive faktisch eine Überlieferung darstellt, in der das Königtum legitimiert wird, nicht aber eine menschliche Überlegenheit anerkannt wird, die in sich das Recht zur Zerstörung der natürlichen Reichtümer der Schöpfung tragen würde.

2. Schöpfung und Königtum im Altertum

An mehreren bedeutenden ägyptischen Kultzentren wurden verschiedene Gottheiten verehrt und eigene kosmologische Traditionen entwickelt. Diese waren durch wichtige Naturerfahrungen und durch historische Begebenheiten geprägt, die Auswirkungen auf das Leben der Anhänger hatten, welche die Gottheiten an den entsprechenden Heiligtümern verehrten. Die Angehörigen der Töpferkultur von Elephantine verehrten Chnum, den göttlichen Töpfer, der die Menschen aus Lehm geschaffen hatte. Die nahezu philosophischen Memphiten waren der Ansicht, dass ihr Gott Ptah durch die Macht des Wortes schuf, das sein Geist zuvor ersonnen hatte. In Heliopolis wurden die Götter Re und Amun zu einer Gestalt verschmolzen, und man stellte sich vor, dass die Menschen aus den Tränen dieser neuen Gottheit hervorgegangen waren. Im Amun-Re-Hymnus wird der thebanische Gott in vielen Abbildungen als Schöpfer und Erhalter von Tieren, Pflanzen und Menschen veranschaulicht. Diese Darstellung wird später auf Aton übertragen, den in Amarna verehrten Gott. [...]


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