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Leseprobe 3 DOI: 10.14623/con.2018.4.414-422
Mike van Treek Nilsson
Einbildungskraft und Fantasie
Der Beitrag der Bibel zur Kirche der Zukunft
Die Kirche der Zukunft – um sie zu denken, bedarf es der Einbildungskraft und der Fantasie. Gianni Rodari plädierte für die befreiende Kraft des Wortes, ermutigte dazu, der kindlichen Kreativität zu vertrauen, die dank des Spiels in der Lage ist, sich eine andere Welt vorzustellen, indem sie Elemente miteinander verknüpft, die ein der Logik verpflichteter Verstand eines Erwachsenen üblicherweise voneinander getrennt halten möchte. Das Wort auf dem Gebiet der Theologie zu ergreifen und auf die Wirkung von Einbildungskraft und Fantasie zu vertrauen bedeutet demnach, die Möglichkeiten der Gegenwart herauszufordern, damit in der Kirche »niemand Sklave sei«, sondern frei. Ohne Zweifel sind Einbildungskraft und Fantasie nicht genug, um die Kirche zu reformieren. Was dann noch fehlt, ist: die Veränderungen in den kirchlichen Bereichen, denen es am Geist des Evangeliums mangelt, zu beraten, abzuwägen, zu beschließen und kreativ umzusetzen.

Will man heute das Theologietreiben auf all dies hin ausrichten, dann scheint mir das ein Unterfangen zu sein, das, ohne die wissenschaftliche Disziplin ihrer Inhalte zu berauben, weit über diese hinausgeht, denn es stellt eine Herausforderung hinsichtlich ihrer traditionellen Grundannahmen und der eingeschliffensten theologischen Methoden dar. Wenn man die Einbildungskraft als den Motor des Denkens betrachtet, dann stellt dies in der Tat die institutionellen Bedingungen des Theologietreibens in dem Maße infrage, in dem heute viele der Orte, an denen traditionellerweise ein systematisches theologisches Denken stattfand, heute nicht mehr für ein neues oder kühnes Abenteuer zur Verfügung zu stehen scheinen, sondern eher Schützengräben zur Verteidigung der Institution gleichen.

Ob die Theologie die Herausforderungen der Gegenwart annehmen möge, ist eine ernste politische Frage. Die Situationen, denen die Gesellschaften heute aufgrund der Globalisierung, des demografischen Wandels, des Klimawandels, der Migration usw. gegenüberstehen, betreffen auch die Strukturen der Kirche und verlangen von ihr neue und schöpferische Antworten. Es geht darum, wie man zu Lösungen für unser Leben zum Beispiel angesichts der ökologischen Krise beitragen kann, die von einem ökonomischen und politischen System verursacht wird, das die Erde ausplündert und uns der Würde beraubt, welches die christliche Tradition selbst ideologisch genährt hat. Abgesehen von der gesellschaftlichen und der Umweltkrise sehen sich viele Kirchen dem Widerspruch ausgesetzt, aufgrund ihrer unzulänglichen Antworten auf die Kultur des Machtmissbrauchs, die sich sowohl in ihrem Verhältnis gegenüber der Gesellschaft als auch in ihrer eigenen Binnenstruktur entwickelt hat. Der Mangel an Glaubwürdigkeit und Vertrauen, den der Machtmissbrauch erzeugt hat, wird mehr und mehr notorisch und tritt immer offener zutage: Die Gläubigen sind sich darin mit allzu guten Gründen mit anderen Gruppen der Gesellschaft, die ihren Glauben nicht teilen, einig und zeigen, dass sie ihren eigenen Hirten und ihrem eigenen Führungspersonal nicht trauen.

Diese drei Elemente, die hier in aller Kürze in Erinnerung gerufen wurden (gesellschaftliche und ökologische Krise, Machtmissbrauch und Mangel an Glaubwürdigkeit und Vertrauen auf die Leitung) sind ein Beleg für die komplexe Situation, in der sich die Kirchen befinden. Die Diagnose der Krise und die Beschreibung des Kontextes könnten noch andere Situationen in Betracht ziehen. Hier wollte ich lediglich drei deutlich machen. Jede einzelne von ihnen erfordert, sobald man sich ihnen aussetzt, einen großen Wandel der Einbildungskraft. Andernfalls ist man zur Bedeutungslosigkeit und zur Wiederholung der hinfälligen Schemata verurteilt. Welche Zukunft zeichnet sich für die Kirchen und für die Gesellschaft ab, wenn Situationen wie diese nicht mit der Radikalität der Einbildungskraft und Fantasie angegangen werden?

Im Folgenden werde ich nicht versuchen, Antworten auf diese Frage zu geben, sondern meine Leser und Leserinnen vielmehr dazu einladen, unterschiedliche Aspekte der Deutung der Bibel in den Blick zu nehmen. Im Zuge meiner Tätigkeit in Forschung und Lehre sowie aufgrund meiner eigenen Erfahrung als Leser der Bibel habe ich erkannt, dass einige Aspekte der Bibellektüre die Freiheit der Einbildungskraft behindern. Dies bedeutet nicht nur eine Verarmung der Lektüre eines literarischen Werkes, sondern es macht auch die Begegnung mit einem Text zur Routine, der die Gemeinde der Lesenden für die Begegnung mit Gott begeistern sollte. Ich werde nacheinander drei Aspekte behandeln, die mir im Hinblick auf die aktuellen Bedingungen der Bibellektüre und der Rolle bedeutsam erscheinen, die die Bibel für die Emanzipation ihrer Leser und Leserinnen spielen kann.

I. Die Bibel als Teil der Weltliteratur

Die Art und Weise, wie die christlichen Kirchen und deren Gläubige sich ins Verhältnis zur Heiligen Schrift setzen, hat sich im Lauf der Geschichte ständig verändert. Dies ist ein hinreichend unstrittiger Befund, wenn man die Geschichte der Exegese und der damit einhergehenden Praxis der Bibellektüre, zum Beispiel den Prozess der Reformation und Gegenreformation, Revue passieren lässt. Heute liest man die Bibel von einer Vielfalt von Interessen, Methoden und Perspektiven her. Die Gemeinschaft der Leserinnen und Leser hat sich demokratisiert: Der gewöhnliche Leser ist nicht mehr, wie dies noch vor fünfhundert Jahren der Fall war, der katholische Kleriker (der zugleich männlich, Europäer und gebildet war). Heute ist hinsichtlich der Subjekte und der gegenwärtigen Interessen eine Entwicklung zu verzeichnen. So gibt es zum Beispiel eine feministische Bibellektüre, eine Bibellektüre aus der Perspektive der Frauen, der Indigenas, eine an der Befreiungstheologie orientierte Bibellektüre, usw.

All dies stellt keine der Bibel eigene Anormalität dar. Die verschiedenen Praktiken der individuellen oder gemeinsamen Bibellektüre fügen sich in die Konstellation von Lesegewohnheiten und Lesarten anderer Texte ein. Als ein Werk, das die Weltliteratur bereichert und ein Teil von ihr ist, wird sie gelesen, um dem Leben Orientierung zu verleihen, die symbolische Einbildungskraft zu nähren, die die Welt erläutert und deutet. Sie wird einer mehr oder weniger gelehrten akademischen Kritik unterzogen oder in Gruppen von nicht professionellen Eingeweihten kommentiert, indem man sie in Beziehung zur eigenen Lebenserfahrung und zu den eigenen Einsichten und Weisheiten bezüglich der Welt und des Lebendigen setzt.

Von der Bibel wurde immer behauptet, sie könne ein Wort der Wahrheit sein oder ein Wort, dem Autorität zukommt, und etwas über den Sinn der persönlichen Erfahrung und des kollektiven Geschicks aussagen. Die ihr zugeschriebene Macht, das Leben der Gemeinschaft zu regeln und dem Denken Orientierung zu verleihen, ist der Kern des kanonischen Charakters der Schrift: Sie will eine Glaubensgemeinschaft aufbauen. Doch dieses Merkmal kommt nicht der Bibel oder den sakralen Texten allein zu. Jedes Werk übt auf irgendeine Weise Einfluss auf die Leser und Leserinnen aus und verwandelt sie in gewissem Maße, es bringt sie in Einklang mit einer idealen Gemeinschaft des Werkes. Andererseits wurden weder die Bibel noch andere literarische Werke mit dem Rücken zur Gesellschaft oder Kultur geschrieben. Jedes Werk ist Teil eines Stromes von Erfahrungen, Vorstellungen, Fragestellungen, Einsichten, Bildern, Fantasien und Vorschlägen, die in Wahrheit gar nicht dem Autor gehören, der es verfasst, sondern die er oder sie in Textgestalt bringt, sammelt, im Falle von Erzählungen in einer Zeitfolge, die deren Aufnahme und Verarbeitung vonseiten der Leser und Leserinnen ermöglicht. Deshalb meine ich, dass die Zukunft einer fruchtbaren Bibellektüre sich dieser schönen Tatsache bewusst werden sollte, dass die Literatur nützlich für das Leben ist, dass sie dank der fiktiven Gestalt dazu verhilft, Möglichkeiten des Lebens zu denken und sich vorzustellen, zum Beispiel neue Lebensweisen auszuloten oder auf sicherem Wege unerwünschte Folgen unseres eigenen Handelns zu erkunden. [...]


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