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Leseprobe 2 DOI: 10.14623/con.2018.4.391-401
Virginia R. Azcuy
Die »angespannte« Situation der gegenwärtigen Kirche
Vier zentrale Herausforderungen
Die Kirche, die durch die Geschichte dem Reich Gottes entgegengeht, unterliegt der »Spannung« zwischen ihrem Status als pilgernder Kirche und ihrem eschatologischen Ziel, ihren Skandalen und Sehnsüchten nach Reform. Dieser Beitrag bezieht sich nicht auf die ideale oder vollkommene Kirche, die in ihrer Fülle zu sein wir berufen sind, sondern auf die wirkliche, heilige und sündige Kirche zugleich, die wir gegenwärtig tatsächlich sind. Der Blickwinkel der »praktischen Ekklesiologie« kann dabei helfen, die konkrete Kirche neu zu denken und einen Traum für die Zukunft für sie zu entwerfen, denn sie zielt auf eine Theologie der Kirche im Dialog mit kirchlichen Erfahrungen ab. Dieser Versuch der Annäherung an das Thema richtet den Blick auf die unvollkommene Heiligkeit des Leibes Christi, um vor allem die Versuchungen und Schwächen aufzudecken, die seine Sendung behindern, ohne dabei natürlich die Zeichen ihrer wachsenden Heiligkeit zu vergessen. Innerhalb dieses Bezugsrahmens will ich die empirische Wirklichkeit der Kirche ausgehend von vier zentralen Herausforderungen durchdenken: Diese Herausforderungen stellen die Kirche vor unterschiedliche Alternativen der Erneuerung und des aggiornamento, die ich kurz durchbuchstabieren will, wobei ich einige Perspektiven der theologischen Reflexion aufzeigen will.

I. Die Kirche in der Glaubwürdigkeitskrise oder die Herausforderung der Prüfung durch die Öffentlichkeit

In einer Informationsgesellschaft, die von verschiedenen Korruptionsfällen erschüttert ist und in der neue Standards von Transparenz in öffentlichen Angelegenheiten gelten, macht die katholische Kirche Chiles gerade eine Vertrauenskrise durch, die in der Geschichte beispiellos ist. Der Fall Chile, der typisch ist für die ganze Region, kann als Bezugspunkt dienen, um die neuen Herausforderungen der accountability, das heißt der Verantwortlichkeit oder Offenlegung, zu analysieren, der sich die Kirche stellen muss. Latinobarómetro zufolge vertraut infolge der Missbrauchsskandale nur einer von drei Chilenen der Institution Kirche. In Chile sank das Vertrauen im Zeitraum von 1995 bis 2017 von 80 auf 36 Prozent. Man hoffte, dass der Besuch von Papst Franziskus in diesem Land vom 15. bis 18. Januar 2018 zum Katalysator für die Krise werden könnte, um einen Neuanfang zu ermöglichen. Mindestens drei heikle Fragen mussten angesprochen werden: die Hypothek aufgrund der Fälle von sexuellem Missbrauch durch Bischöfe, Priester und Ordensmänner der katholischen Kirche Chiles; die historische Frage der autochthonen Völker, das heißt der Konflikt mit den Mapuche um das Land, und der chilenisch-bolivianische Konflikt um die bolivianische Forderung nach einem Zugang zum Pazifik. Das Besuchsprogramm begann offiziell am Dienstag, den 16. Januar, mit einer Botschaft im Palast La Moneda. Die herausragenden Sätze dieser Botschaft beinhalteten eine Bitte um Vergebung für die Fälle sexuellen Missbrauchs: »Ich kann nicht anders als den Schmerz und die Scham zum Ausdruck zu bringen, die ich aufgrund des nicht wiedergutzumachenden Schadens empfinde, der Kindern vonseiten von Dienern der Kirche zugefügt wurde: Es ist angebracht, um Verzeihung zu bitten und den Opfern mit allen Kräften zu helfen, und zugleich haben wir uns dafür einzusetzen, dass sich dies nicht wiederholt.« Dieses von Papst Franziskus angebotene mea culpa, das für »null Toleranz« in dieser Frage eintrat, erzeugte Sympathie aufseiten der öffentlichen Meinung und setzte einen Standard für die übrigen kirchlichen Würdenträger, wie die katholische Theologin Claudia Leal bemerkte.

Die mutige Erklärung des Bischofs von Rom in der La Moneda erwies sich kurze Zeit danach als unzureichend aufgrund des von der Anwesenheit des Bischofs Juan Barros innerhalb des öffentlichen Besuchsprogramms ausgelösten Streits. Barros wird beschuldigt, die Sexualdelikte des Priesters Fernando Karadima vertuscht zu haben, der im Jahr 2010 verurteilt wurde. Die Ernennung von Barros zum Bischof von Osorno im Jahr 2015 war von Verdächtigungen und Protesten begleitet, und diese wurden von Neuem angefacht, als er bei den von Papst Franziskus geleiteten Feiern öffentlich in Erscheinung trat. Die häufigsten Reaktionen bestanden aus Kritik in den sozialen Netzwerken, der Empörung vonseiten der Opfer und der Missbilligung vonseiten vieler Katholiken. Der Höhepunkt der Spannungen wurde am Donnerstag, den 18. Januar in Iquique erreicht, als der Papst in einem kurzen Pressekommentar zu Protokoll gab, er habe keine Beweise gegen Barros, und damit den Eindruck erweckte, den Würdenträger entschlossen zu verteidigen und die Opfer in Misskredit zu bringen. Warum konnte man diese neue öffentliche »Anprangerung« der katholischen Kirche, die ihre Unglaubwürdigkeit noch verstärkte, nicht vermeiden? Der bekannte Religionssoziologe Cristián Parker dachte über die heute von den Technologiegesellschaften geforderte »Transparenz« nach. Er vertrat die Auffassung, dass im Falle Karadima die »passiven Komplizen«, die Zeugen oder nah dran waren und ihn nicht angeklagt haben, immer noch nicht in Betracht gezogen wurden.

Die Reaktionen auf die Reise von Papst Franziskus nach Chile setzen sich fort: Am 30. Januar 2018 – beim Abschluss dieses Beitrags – kündigte der Papst die Entsendung von Mons. Charles J. Scicluna, eines anerkannten Experten für Sexualdelikte aus dem Vatikan, an, der Zeugnisse entgegennehmen sollte, um eine mögliche Vertuschung durch Barros aufzudecken.

In anderen Kontexten stellt sich das Szenario in Bezug auf die Krise der Glaubwürdigkeit und der öffentlichen Bedeutung der Kirche nicht viel anders dar. Das – persönliche, gemeinschaftliche und institutionelle – Zeugnis besteht nach wie vor in einer entschlossenen Mediation für die Weitergabe des Glaubens im aktuellen Kontext. Angesichts von Situationen sexuellen Missbrauchs vonseiten ihrer Mitglieder ist die Kirche dazu aufgerufen, auf die Opfer zu hören, die Tatsachen zu erheben, die Verantwortlichen herauszufinden, Maßnahmen zu treffen, damit Gerechtigkeit hergestellt wird, öffentlich um Vergebung zu bitten und sich für die Prävention einzusetzen. Ohne Zweifel wurden in diesem Sinne wichtige Schritte unternommen, doch es bleibt immer noch viel zu tun, um die notwendige Reform der katholischen Kirche zu vertiefen. Das Zweite Vatikanische Konzil hat gelehrt, dass »die Kirche zugleich heilig und stets der Reinigung bedürftig« (Lumen Gentium, 8; Unitatis redintegratio, 4; 6) ist. Die Reform der Kirche und die Reformen in der Kirche haben bereits begonnen, doch sie müssen immer mehr vertieft werden, im Dienst einer Pastoral auf der Höhe der Zeit stehen und den legitimen Bedürfnissen der Zivilgesellschaft entsprechen. »Wer heute über die Reform der Kirche nachdenkt, kann von einer Analyse der gegenwärtigen Welt und Gesellschaft, wie sie das Konzil geleistet hat, nicht absehen.« In einer Gesellschaft, die von den neuen Informationstechnologien und der Sensibilität für neue Glaubwürdigkeitsstandards in gesellschaftlichen Fragen geprägt ist, muss die Kirche wachsen, was die öffentliche Dimension ihrer Berufung betrifft, damit das Evangelium in vollkommenerer Weise und mit besserem Verständnis angenommen werden kann (Gaudium et spes, 44). Um zu einer solchen Pastoral auf der Höhe der Zeit zu gelangen, muss man das Evangelium nicht nur verkünden, sondern es vor allem selbst hören, so wie man auch auf die gegenwärtige Geschichte und auf jeden Christen hören muss. Zu welchem Handeln ist die Kirche aufgerufen, damit sich die Dynamik des Geistes in ihr frei entfalten kann? Wie kann sie sich reformieren, um eine bessere Vermittlerin von Gerechtigkeit, Barmherzigkeit, Versöhnung und Vergebung zu werden?

II. Eine vom Klerikalismus entstellte Kirche oder das prophetische Amt, Geschwister zu sein

Das Problem des sexuellen Missbrauchs in der Kirche und die unzulänglichen Antworten der Institution darauf offenbaren eine komplexe strukturelle Wirklichkeit. Das Schlussdokument der australischen Kommission zu Antworten der Institution auf den sexuellen Missbrauch Minderjähriger zeigt auf, dass es unterschiedliche kulturelle Faktoren gibt, Faktoren, die mit der Leitungsebene zu tun haben, und theologische Faktoren, die alle den sexuellen Missbrauch von Kindern fördern. In den religiösen Einrichtungen der katholischen Kirche, die von dieser Kommission untersucht wurden, war der zentrale, mit anderen Faktoren verbundene und von diesen verstärkte Faktor der Status der Personen in kirchlichen Ämtern. Das Schlusskommuniqué weist darauf hin, dass dieser gemeinhin »Klerikalismus« genannte Faktor sowohl dazu beiträgt, dass Fälle sexuellen Missbrauchs vorkommen, als auch für die unzulänglichen Reaktionen darauf mitverantwortlich ist. Die Empfehlungen des Kommuniqués konzentrieren sich auf die Faktoren, die zum Missbrauch und den inadäquaten Reaktionen der Institution beitragen, unter anderem auf die religiösen Glaubensüberzeugungen und Praktiken, die die Wiederholung dieser Verbrechen begünstigen können. Angesichts der strukturellen Reichweite und des moralischen Gewichts der Problematik des Missbrauchs erscheint es als angebracht, den Blick auf die Theologie der Kirche und den Stellenwert der Hierarchie zu richten. [...]


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