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Leseprobe 3 DOI: 10.14623/con.2018.3.320-331
Margot Bremer
Die Ordnung unserer Welt neu erfinden oder entdecken?
Lektüre eines biblischen Textes von einer indigenen Weltanschauung her
In ihr lebt Jahwe, der Gerechte, der kein Unrecht begeht.
Jeden Morgen fällt er das Urteil,
es fehlt nie beim Aufgang des Morgenrots.
Doch der Böse kennt keine Scham
.
(Zeph 3,5)

Diese Worte des Propheten Zephanja ermutigen mich im Widerstand gegen die neue Weltordnung – eine planetarische Verschwörung, die von einer Unternehmerelite zusammen mit einer Gruppe führender Politiker organisiert wird. Sie planen die Schaffung einer einzigen Regierung unter der Kontrolle der besagten plutokratischen Minderheit, die Armut, Krieg, Vertreibung, Hunger, Krankheiten und Tod für eine große Anzahl unserer Weltbevölkerung erzeugt.

Andere schätzen diese neue Weltordnung optimistischer ein und deuten sie als einen neuen Geschichtsabschnitt mit drastischen Veränderungen in Bezug auf Ideologien und Mächte. Zum ersten Mal benutzte man diesen Ausdruck nach dem Ersten Weltkrieg, als Präsident Woodrow Wilson aus den Vereinigten Staaten den Völkerbund gründete, aus dem dann später die Vereinten Nationen (UN) hervorgehen sollten. Doch mit den Konflikten der USA im Irak und in Kuwait im Jahr 1991 wurde dieser Versuch zunichte gemacht.

Jeden Tag müssen wir umso mehr feststellen, dass die uns aufgezwungene gegenwärtige Weltordnung ein Irrweg ist und keine Zukunft hat, trotz der scheinbaren Stabilität, was ihre Macht betrifft. Ein Symptom ihres Niedergangs ist die wachsende Ungleichheit auf wirtschaftlicher und ethnischer Ebene, die Hand in Hand geht mit einer Zunahme der Gewalt, der Ungerechtigkeit, der Ausplünderung, des Raubbaus an der Erde und der Kriminalisierung der Armen, die ihre Grundrechte einfordern. Diese Situation der drohenden Explosion entspricht sehr gut den Worten des Propheten Jesaja: »Wehe denen, die böse Gesetze erlassen, und den Schreibern, die schikanöse Vorschriften machen und damit den Schwachen die Gerechtigkeit vorenthalten, die Elenden meines Volkes ihres Rechts berauben, aus den Witwen ihre Beute machen und die Waisen ausplündern.« (Jes 10,1–2)

Tatsächlich erlebt man in Lateinamerika diese Realität in Gestalt einer Rekolonisierung, denn die westlichen Herren des neoliberalen Kapitalismus zwingen unseren Kulturen ein globalisiertes, merkantiles Verhältnis auf, indem Modelle von Kapitalakkumulation und Konsum kopiert werden, die die Tausende Jahre alten indigenen Kulturen zerstören. Sie erleiden den Raub ihrer Geschichte, ihres Landes, ihrer Souveränität, ihrer Religion, ihres Rechtes, anders zu sein. Lateinamerika erleidet heute diese neue Ordnung als »ein Projekt der neuen weltweiten Geopolitik«.

Wenn wir diese Situation innerhalb des Rahmens eines Epochenwandels betrachten, dann können wir diese höchst kritische Phase als Übergang von einer verschwindenden zu einer neu entstehenden Epoche deuten, was zwangsläufig Verwirrung und Unsicherheit mit sich bringt. Die Geschichte lehrt uns, dass es in diesen Augenblicken angebracht ist, zu den Wurzeln unseres Daseins zurückzukehren. Ich beziehe mich dabei auf die tiefen und letzten Wurzeln, die eine osmotische Beziehung zur Erde haben. In der Tat finden die Christen diese Wurzeln in der Bibel, als etwa das Volk Israel die schlimmsten Situationen seiner Geschichte aufgrund der Eroberung und Herrschaft der Babylonier und der Deportation des einflussreichen Teils der Bevölkerung durchmachte. Dies war der Augenblick, an dem Israel zu den letzten Wurzeln seiner Existenz vordrang und in der Schöpfung der Welt eine Quelle fand, um den Durst nach dem Wiederaufbau des Lebens der Gemeinschaft zu löschen.

Zur Schöpfung als Ursprung und Quelle allen Lebens zu gelangen heißt, die elementaren Prinzipien des Lebens aufzusuchen, die diese Welt durchdringen, um das eigene Vorhaben neu zu formulieren. Diese Verbannten suchten in der Schöpfung eine Orientierung, um eine neue Zukunft zu entwickeln. Sie hegten die Hoffnung, in der Ordnung der Welt, wie sie der Schöpfer ersonnen hatte, eine Inspiration zur Neuschaffung ihres den neuen Umständen angepassten und aktualisierten Projekts des Lebens zu finden.

Heute stellen wir uns die Frage, ob die Deutung der Bibel aus unserem europäischen Blickwinkel die einzig wahre sein sollte. Haben wir denn vergessen, dass wir Kinder einer konkreten Kultur und Epoche sind? Müssen wir uns nicht der Herausforderung stellen, in unserem historischen Moment die alten Texte neu, und dazu noch innerhalb der Weltanschauung zu deuten, in der wir hic et nunc leben? Auch die biblischen Texte wurden zu unterschiedlichen Zeiten und an unterschiedlichen Orten und immer innerhalb des »Paradigmas einer Zeit« geschrieben.

Meine Absicht ist es hier, dem Schöpfungsmythos, wie er in Gen 1,1–2,4 erzählt wird, von der Weltanschauung einer der randständigsten Kulturen Lateinamerikas her zu deuten, nämlich der Kultur der Guaraní aus Paraguay. Ich knüpfe daran die Hoffnung, einen neuen Sinn zu finden, der uns hilft, die gegenwärtige Situation besser zu verstehen.

I. Die indigene Weltanschauung ist anders als die europäische

Während wir, die wir der Kultur des Abendlandes angehören, unsere Träume und Utopien für die Gesellschaft für gewöhnlich an vorbildlichen Persönlichkeiten wie Helden, beispielhaften Lebensgeschichten, Gründergestalten usw. festmachen, versuchen die indigenen Völker ihr Gemeinschaftsleben zu erneuern, indem sie an die Schöpfung erinnern, wie sie symbolisch in ihren Mythen Gestalt gewinnt, und sich dadurch die Ordnung im Kosmos ins Gedächtnis rufen, mit dem sie wieder in Einklang kommen wollen. Sie betrachten sich nicht als Zentrum der Welt, sondern als Teil derselben. Ihre ganzheitliche Weltanschauung umfasst alle Arten von Leben in ihrer unüberschaubaren Komplexität, wechselseitigen Verbundenheit, nicht fragmentiert und auf eine kosmische Einheit zustrebend. Folglich haben sie auch ein anderes, vertrauteres Verhältnis zur Natur. Sie betrachten die Pflanzen und Tiere als ihre Verwandten.

Die Guaraní sagen, dass der erste Schöpfungsakt die Bildung »einer kleinen Menge Liebe, Weisheit und des heiligen Gesangs« durch den Schöpfer selbst war, was sie als sein Wort definieren. Innerhalb dieser Sichtweise sind alle kleinen Bestandteile wechselseitig miteinander verbunden, und das Ganze bildet ihnen zufolge das Leben, ein Leben in gegenseitiger Abhängigkeit der unterschiedenen Teile, die einander in ihrer Vielfalt ergänzen. Genau dies hat tatsächlich auch Hildegard von Bingen im 12. Jahrhundert so erkannt, doch diese Erkenntnis geriet in Europa in Vergessenheit, weil sie dem Paradigma ihrer Zeit nicht entsprach.

Für die Guaraní ist ihre Kultur Gabe Gottes, Ñamandú, Ñanderu, Ñanderuvusu (unseres Großen Vaters), die sie immer in ihrer Weise (con) zu leben (tekoha) erhalten und pflegen müssen, denn sie weist im täglichen Leben auf die der Welt eingeschriebene Ordnung hin. In ihren Schöpfungsmythen wird diese Ordnung mithilfe des Symbols eines Kreuzes mit vier gleich langen Seiten dargestellt, was das harmonische Gleichgewicht zum Ausdruck bringt. Der Schöpfer hat es in dem Augenblick, in dem er die Erde schuf, auf derselben aufgestellt, und es bringt symbolisch die innere Gegenwart der Ordnung auf dem Planeten zum Ausdruck. Aus diesem Grunde wollen die Guaraní weiterhin ihre kulturellen Werte leben und praktizieren, da sie davon überzeugt sind, auf diese Weise dazu beizutragen, die Ordnung der Welt aufrechtzuerhalten. Sie leben im ständigen Streben, in ihrem gemeinschaftlichen Zusammenleben ‒ das immer die Natur mit einschließt ‒ zum Gleichgewicht und zur Harmonie zurückzukehren, insbesondere durch das tägliche Praktizieren von Reziprozität, Großzügigkeit und Solidarität. Indem sie diese und andere Werte konkret leben, wollen sie die Beziehungen erneuern und festigen, wobei sie stets die bereichernde Vielfalt respektieren und wertschätzen. So sind die Guaraní davon überzeugt, dass sie mit ihrem praktischen Tun und ihren Werten dazu beitragen, die Zerstörung der Weltordnung, die stets am Horizont droht, zu verhindern. [...]


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