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Leseprobe 2 DOI: 10.14623/con.2018.3.309-319
Wati Longchar
Macht und Machtlosigkeit
Die am Rande Stehenden an der Mission der Kirche beteiligen
Traditionell entscheiden die Menschen im »Zentrum«, was christliche Mission ist. Die Menschen an den »Rändern« wurden dagegen als Objekte der Mission behandelt. Bis heute lesen wir die Geschichte des Christentums aus der Perspek tive der »Absender« statt aus der Perspektive der »Empfänger«. Die Menschen, die an den Rändern unserer Welt leben, fordern uns jedoch heraus, die christliche Mission neu zu verorten, und zwar im Kontext der An-den-Rand-Gedrängten, der Marginalisierten. Das Missionsdokument Together Towards Life (TTL), das von der Kommission für Weltmission und Evangelisation beim Ökumenischen Rat der Kirchen verfasst wurde, ist eine bahnbrechende theologische Arbeit. Sie denkt »von« den Rändern her, und das macht diese theologische Stellungnahme anders und bedeutungsvoll. Mission wird nicht länger als Bewegung vom Zentrum der Macht zu den Machtlosen hin verstanden, sondern als eine von den Machtlosen hin zur Macht. Das zwingt uns, Mission anders zu denken und zu betreiben. Wir müssen neue Schläuche finden, um den neuen Wein aufzubewahren: eine neue Kirchenstruktur und eine neue zukünftige Ausrichtung unserer Ämter, wenn wir inklusiv sein wollen.

I. Gott erwählte die Menschen außerhalb der Machtstrukturen


Die Fleischwerdung Gottes in Jesus Christus fand unter Menschen statt, die an den Rändern lebten. Die Menschen, die sich zur Zeit von Jesu Geburt um ihn versammelten, befanden sich außerhalb der Machtstrukturen. Sie waren Menschen ohne jede politische Macht oder religiöse Autorität, Frauen, Kinder und Arme wie die landlosen Hirten; sie genossen keinerlei rechtlichen Schutz, und die Reichen lehnten es ab, auch nur Milch und Gemüse von ihnen zu kaufen.

Die Weisen, die in Jerusalem fremd waren und Jesus kostbare Geschenke brachten, weigerten sich, sich den Verpflichtungen des Reichs zu unterwerfen. Sie wurden von der Krone aufgefordert, über die Geburt von Jesus zu berichten. Aber sie verließen die Gegend auf einem anderen Weg in Richtung Galiläa, um das Leben Jesu zu schützen. Wer Jesus willkommen hieß, befand sich außerhalb der Machthierarchie. Solche Menschen hatten keinen Zugang zum Tempel und keinerlei politischen Einfluss. Jesus war nicht in einem Palast geboren worden, sondern in einer Futterkrippe in einem halbverfallenen Kuhstall, einem zugigen und ungeschützten Loch.

Gefehlt haben bei der Geburt Jesu hingegen die reichen Männer und Frauen: der König, die Königin, Prinz und Prinzessin, die Hohenpriester, Edelleute und andere hohe Beamte. Die Geburt Jesu war für diese Entscheidungsträger eine überraschende, bedrohliche Nachricht. Deshalb befahl König Herodes, alle Jungen bis zum Alter von zwei Jahren in der Region von Bethlehem zu töten (Mt 2,16). Sie hatten nie erwartet, dass Gott unter den niedrigen Leuten offenbart würde. Der Engel verkündete seine Botschaft »Friede sei mit euch« den An-den-Rand-Gedrängten. Die Inkarnation Gottes geschah außerhalb der ungerechten Machtstrukturen. Gott wählte die »Ränder«, die Menschen auf der Unterseite der Geschichte, um sein Reich der Gerechtigkeit und des Friedens auf den Weg zu bringen. Gott fand und findet man unter den Machtlosen und an unerwarteten Orten wie Futterkrippen, aber nicht unter den Privilegierten und Mächtigen.

Wenn der Gott der Bibel sich auf die Seite der Menschen an den Rändern stellte, dann ist klar, dass Gott auch heute die Seite der Marginalisierten wählt, sich mit den Unterdrückten identifiziert und ihre Unterdrücker herausfordert. Das besagt das Zeugnis der Bibel.

Wahre Mission kann erst verstanden und erlebt werden, wenn wir uns auf den Weg machen mit den Menschen, die an den Rändern leben, denn dort ist Gott gegenwärtig. Gott ist bei ihnen. Gott hat sie erwählt und sagte ihnen: »Friede sei mit euch.« Die Tagesordnung an der Peripherie – das Verlangen nach Gerechtigkeit, Frieden, Identität und das Recht auf Ressourcengebrauch – ist damit auch die Tagesordnung Gottes. Von hier kommt die wahre Zukunft der Menschheit – und nicht von den Entscheidungen und Erwägungen der Leute, die die Welt beherrschen. Hier muss die neue Welt Gestalt annehmen: am Ort der Erscheinung Gottes. Und es ist dieser Kontext, von dem Mission ausgehen muss.

In der biblischen Tradition sind es die sozial Ausgeschlossenen, an denen sich Gottes Mitgefühl und seine Gerechtigkeit in bevorzugter Weise zeigen. Es gibt verschiedene Berichte von Gottes Aufmerksamkeit und fürsorglicher Liebe gerade für Menschen, die Unterdrückung und in der Folge auch Entbehrungen ausgesetzt sind. Gott hört die Schreie der Unterdrückten und antwortet ihnen, indem er ihnen Kraft gibt und sie auf ihrem Weg zur Befreiung begleitet (Ex 3,7–8). Jesus kündigte seine Botschaft als eine an, die die Unterdrückten befreit, die Augen der Blinden öffnet und die Kranken heilt (Lk 4,16 ff). Indem er wieder und wieder betonte, dass er gekommen sei, die Verlorenen und die Geringsten zu suchen, verortete Jesus sein Wirken beständig inmitten der sozial Ausgeschlossenen seiner Zeit. Er lehnte den Missbrauch von Macht ebenso ab (Lk 4,1–12) wie religiöse Vorschriften, die die Menschen klein halten (Lk 11,37–54). Stattdessen sprach er sich dafür aus, diejenigen wieder aufzurichten, die am Leben gehindert werden, selbst wenn ihn seine befreienden Handlungen letztlich ans Kreuz führten. Durch diese Parteinahme stellte Jesus die Kräfte der Marginalisierung bloß und stellte sich ihnen entgegen. Er arbeitete für Gerechtigkeit, Frieden, Gleichheit, Würde und Respekt für alle.

Die frühen christlichen Gemeinden kämpften gegen die verbreiteten und alles durchdringenden Missstände der Zeit, etwa gegen die Herrschaft des Imperium Romanum, die soziale Ungerechtigkeit, falschen Stolz, Legalismus, gegen heuchlerische Religiosität und Untreue gegenüber dem Bund Gottes, die die Vielzahl der Armen an den Rändern bedrängten. Gegen diese Missstände entwickelten, vom Pfingstereignis bestärkt, die armen Christen, die Ungebildeten, die Unberührbaren in Betanien und die vernachlässigten Dörfer in der Umgebung von Jerusalem und in Galiläa eine prophetische Mission gegen die Herrschaft des Kaiserreichs. Die Erfahrung von Pfingsten gab ihnen die Kraft, ihren Widerstand gegen die Macht des Mammons und den Machtmissbrauch in der Hierarchie zum Ausdruck zu bringen, indem sie Formen des gemeinsamen Besitzes von Land, das Teilen von Vermögen und Solidarität untereinander entwickelten. Diese Solidarität unter den Armen wurde für das existierende Imperium und seine sozialen, politischen und wirtschaftlichen Strukturen zu einer Bedrohung.

Die biblischen Zeugnisse können überhaupt nicht verstanden werden, wenn man nicht dem Kontext der Ränder Rechnung trägt. Jesus von Nazaret lebte seine vorzugsweise Option für die Marginalisierten nicht deshalb, weil diese demütig, unschuldig und bemitleidenswert waren, sondern vor allem, weil diese nach dem Bilde Gottes geschaffen wurden, um die Fülle des Lebens zu genießen, weil ihnen aber dennoch Gerechtigkeit und Frieden verweigert wurden durch die Auferlegung ungerechter Strukturen, Kulturen und Traditionen.

II. Die Ränder – ein Ergebnis ungerechter Machtstrukturen


Macht und Sklaverei sind miteinander verflochten. Die heute bestehenden sozialen, kulturellen, religiösen, wirtschaftlichen und politischen Strukturen und Ideologien wurden hauptsächlich von den Mächtigen geschaffen mit dem Ziel, ihre Interessen zu schützen. Diese sozialen Strukturen bzw. Institutionen sind kollektive Schöpfungen einer reichen Elite, auch wenn die Beherrschten über die Jahrhunderte indirekt ebenso dazu beigetragen haben. Hierzu gehören die Organisationsprinzipien gesellschaftlicher Macht, die besagen, dass Frauen tiefer stehen, dass Dalit bzw. Adivasi schmutzig und unrein sind, dass Weiße überlegen sind, dass Ureinwohner unzivilisiert, primitiv und sündig sind. Diese falschen Vorannahmen und Überzeugungen wurden von der privilegierten Klasse geschaffen. Einerseits schützen sie deren Interessen, andererseits fügen sie vielen Menschen Unrecht und Unglück zu. Das nennt man strukturelle Sünde. [...]


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