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Leseprobe 1 DOI: 10.14623/con.2018.3.270-278
Luiz Carlos Susin
Das Volk als Lamm Gottes
»Ich selbst war wie ein zutrauliches Lamm,
das zum Schlachten geführt wird,
und ahnte nicht,
dass sie Böses gegen mich planten.«
(Jer 11,19 a)

Im El Salvador Bischof Oscar Romeros von Amerika hat Ignacio Ellacuría das zwischen Guerilla und staatlicher Gewalt eingepferchte Volk theologisch als ein »gekreuzigtes Volk« qualifiziert: als ein Volk ohne Macht, arm und der Gewalt von beiden Seiten ausgeliefert, dem Leiden unterworfen und dem Tod geweiht. Angesichts dieses Volkes ruft Jon Sobrino zur grundlegenden Barmherzigkeit auf: »vom Kreuz herabholen«, seiner Kreuzigung einen Namen und Sinn verleihen. Und er bringt dies mit der Erlösung Christi in Verbindung: »Außerhalb der Armen gibt es kein Heil.« Dieser Beitrag führt die christologische und soteriologische Reflexion mittels der Denkfigur des Volkes als Lamm Gottes weiter: Unschuldig geopfert in so vielen Regionen des Planeten, wohin man auch nur sein Augenmerk richtet, und als unschuldig befunden inmitten von Bosheit und Gewalt, die vor allem vom derzeitigen ökonomischen und politischen System ausgehen, hat die Menschlichkeit der Armen zuinnerst teil an der Geschichte des Lammes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt.

I. Jesus, das »Lamm Gottes«

Die Metapher »Lamm«, die für Christus steht, ist jedem wohlvertraut, der an der Eucharistiefeier teilnimmt und dies dreimal mit allen gemeinsam unmittelbar vor der Kommunion ausspricht: »Lamm Gottes, das du hinwegnimmst die Sünde der Welt«. Christus, das »wiederauferstandene Lamm«, das heilt und erlöst, Gerechtigkeit und Unschuld bringt. Das Christentum ist die Religion der Anerkennung der Unschuld des Opfers, des geopferten und wieder zum Leben erweckten Lammes.

Die Metapher, die bei der eucharistischen Kommunion in Erinnerung gerufen wird, bezieht sich auf ein Tier, das wie der Widder, der Ziegenbock und andere verfügbare Tiere zu rituellen Opfertieren in Israel geworden war. Solche Tieropfer hatten eine Geschichte, deren Anfänge noch vor der Existenz des Volkes Israel liegen, wie dies Erzählungen des Buches Genesis und die Religionsgeschichte im Mittelmeerraum bezeugen. Auf den Spuren seiner Ursprünge kann man die Verschiebung vom Menschenopfer zum Tieropfer ausmachen. Letzteres ersetzte das Menschenopfer. Die klassische Erzählung von diesem Übergang vom Menschen zum Tier findet sich in der Bibel im 22. Kapitel des Buches Genesis, das vom »Opfer Abrahams« handelt. In seiner Dilemmasituation verweigert Abraham dem heiligen Befehl den Gehorsam, der von ihm verlangt hätte, den Erstgeborenen als Ganzopfer darzubringen, und gehorchte dem zweiten Befehl, nämlich »dem Kind kein Leid anzutun«. So nimmt er das Schlachtmesser vom Sohn und opfert stattdessen ein Lamm. Die Erzählung entzieht dem Menschenopfer die Legitimation, aber sie legitimiert die rituelle Opferung von Tieren.

In allgemeinen Krisensituationen verliert der Theorie René Girards zufolge die institutionalisierte Gewalt, die sich durch das Ritual rechtfertigt und innerhalb des religiösen Systems sakralisiert wird, ihre Kraft, Kontrolle auszuüben und für Ordnung zu sorgen, und wenn sich die durch die mimetischen Beziehungen erzeugte undifferenzierte Gewalt verstärkt und ins Chaos zu führen droht, dann greift man auf das Heilmittel der einmütig auf einen »Sündenbock« übertragenen Gewalt zurück, der in der Tat ein einzelner Mensch, eine Gruppe oder eine wehrlose Klasse, also letztlich ein solcher ist, der, ob nun aus eigener Schuld oder nicht, eine Achillesferse hat, aufgrund derer man ihn zum Schuldigen machen kann. Im Falle Jesu sind die Erzählungen von der zunehmenden Verfolgung und die verschiedenen Szenen seiner Passion Erzählungen von der Schaffung eines Sündenbocks. Wiewohl die Erzählungen eine Tatsache zur Grundlage haben, handelt es sich um eine »Historisierung« des Liedes vom leidenden Gottesknecht aus Jes 53. In Jesus verdichtet sich das, was bereits den Propheten wie Jeremia widerfahren ist, der im diesem Beitrag vorangestellten Motto zitiert wird.

Jesus wurde nun von der johanneischen Gemeinde nicht als Sündenbock anerkannt, dessen Gestalt die Charakteristika aufweist, die Abscheu hervorrufen, sondern als unschuldiges und geopfertes »Lamm Gottes«. Es handelt sich hierbei um eine sehr bezeichnende Verschiebung von Konnotationen, die für die Geschichte des Christentums einen Weg erschließt.1 In der Tat ist das Bild Anbetung des Lammes des Genter Altars, das als eines der bedeutendsten Gemälde des Christentums betrachtet wird, hierfür ein hervorragendes Zeugnis.

Man muss festhalten, dass die Erzählungen der Evangelien – die von Christen, also Mitgliedern einer Glaubensgemeinschaft geschaffen wurden, die Jesus als den Christus und Heiland bekennt – die Passionsgeschichte nicht wie ein Drama rund um einen Helden auf einer gut ausgestatteten Bühne inszenieren. Im Gegenteil, sie zeigen die »Banalität des Bösen« anhand von allzu menschlichen Personen auf. Durch Ritzen hindurch gewähren sie Einblick in das, was sich hinter den Kulissen abspielt: in die Schwäche der beteiligten Personen, denen es nicht gelingt, ihre Rolle gut zu spielen. Die Gefühle von Verachtung, Ressentiments und Hass, den die Ankläger und Richter gegeneinander hegen, sind Teil dieser Schwachheit. Alle sind vom Willen getrieben, Jesus zu beseitigen, doch für ihre jeweiligen unterschiedlichen Interessen haben sie nichts übrig. Als König Herodes Antipas (»der Fuchs«) auf offensichtlich seltsame Weise die Szene betritt, liefert er schließlich die Lösung für die Rechtfertigung der Hinrichtung Jesu, indem er ihn mit seinem eigenen Königsmantel bekleidet zurückschickt. Diese Lösung fügt alle Teile zusammen. Der Preis dafür ist die lächerliche Rolle, die Herodes selbst dabei spielt: Jesus von Nazaret, König der Juden. Es folgt der Ritus der Lynchjustiz gegen den Sündenbock: So wie sich vor der Priesterschaft die Verspottungen und Misshandlungen auf die lächerliche Figur eines Propheten beziehen, so misshandeln ihn die römischen Soldaten als Karikatur eines Königs. Bis zum Kreuz.

Doch Pilatus kann seine Hände nicht ruhigen Gewissens in Unschuld waschen, denn seine Frau weist ihn darauf hin, dass es sich um einen Gerechten handelt. So hält dies auf subtile Weise Matthäus fest (vgl. Mt 27,19). Der Erzählung des Johannes zufolge muss Pilatus seine eigene Macht absichern – eine Macht, die ihm vom Kaiser übertragen ist –, und zwar unabhängig von der Wahrheit und der Gerechtigkeit des Angeklagten, die er auch anerkennt, und er erklärt vor der Menge, die ihn bedrängt, dass er keine Schuld an ihm finden könne (vgl. Joh 18,38).

Die Menge – die Volksscharen, die Masse, die von Unwissenheit umfangen ist und schließlich nicht weiß, was sie tut – wurde von den Anführern überzeugt, mit Nachdruck die Kreuzigung zu fordern, und lässt Pilatus keine Wahl. Doch der Erzählung des Lukas zufolge (Lk 23,27–32) gibt es mitten unter der Volksmenge Frauen, die Mitleid mit dem Opfer haben und bei ihm bleiben. Unter dem Kreuz verbleiben Freunde und wiederum Frauen, die Jesus bis dorthin gefolgt sind (Lk 23,49). Schließlich legt die tragischste Erzählung, die des Markus, genau im Augenblick des Todes das himmlische Bekenntnis der göttlichen Sohnschaft, das wir bei der Taufe im Fluss und bei der Verklärung am Berg finden, in den Mund des Fremden am Fuße des Kreuzes, des Hauptmanns, der die Kreuzigung befehligt: »Dieser Mensch war wahrhaftig Gottes Sohn.« (Mk 15,39)

Es lässt sich also schlussfolgernd zusammenfassen: Trotz der zunehmenden Verlassenheit, der Einsamkeit und der immer größer werdenden Verletzlichkeit des Opfers, des Sündenbocks, zeigen die christlichen Erzählungen, indem sie das offenlegen, was sich hinter den Kulissen abspielt, eine Einmütigkeit, die Risse aufweist. Zunächst betrifft dies das Fehlen von etwas Wesentlichem, um guten Gewissens auf der Vollstreckung der Strafe bestehen zu können: dass der Angeklagte selbst in gewisser Weise seinen Anteil an Schuld zugibt, was Jesus zu keinem Zeitpunkt tut. Im Gegenteil: Mit seinem letzten Schrei, jenseits des Schweigens des Lammes selbst, stirbt er, indem er seine Unschuld beteuert. Zweitens sind da die Frauen, die sich von der Volksmenge abheben. Sie werden Zeuginnen des leeren Grabes und der Auferstehung. Drittens ist vom leeren Grab und der Erfahrung der Auferstehung her zu sagen: Gott selbst rechtfertigt die Hinrichtung in seinem Namen, im Namen des Gesetzes, nicht. Im Gegenteil: Er rechtfertigt und verherrlicht das Opfer. Und so verschwinden von Jesus jegliche Anklänge an einen Sündenbock, und die Gestalt des Lammes Gottes tritt in Erscheinung.

In seinem kurzen und thesenartigen Text erinnert Girard daran, dass der Sündenbock, ob nun durch den Opferritus aufgrund der Sünden oder weil er die Unreinheiten aller weit wegträgt, zu einer abstoßenden und Abscheu erregenden Gestalt wird. Die Ikonografie des Teufels beerbte die abstoßenden Züge des Sündenbocks. Doch ein Schaf oder ein Lamm könnten ebenfalls zum Zweck der Reinigung geopfert werden, und sein weißer Glanz und seine Sanftheit, seine Reinheit … all dies beschwört das Bild der leuchtendsten Unschuld herauf. Wenn der Bock also an einen Beschuldigten erinnert, dessen Schuld aufgrund der Tatsache gepriesen wird, dass er die Schuld aller auf sich nimmt, dann vergegenwärtigt das Lamm oder das Schaf Unschuld, auf die sich die fremde Schuld herabsenkt, eine Unschuld, die Zärtlichkeit und Mitleid verdient. Darin besteht die Kraft der Metapher. Sie wurde auf Jesus angewandt, indem man trotz der Versuche der Mächtigen vom Sündenbock Abstand nahm, damit er als das unschuldige Lamm betrachtet und verstanden werde. Es war seine auf beharrlichste Weise schwache und unschuldige und gerade deshalb paradoxerweise starke Art und Weise, der Christus und Heiland zu sein – ein Skandal und eine Verrücktheit für alle, die das Heil durch die Hand eines Helden herbeisehnen.

II. Das gekreuzigte Volk

Kann »Lamm Gottes« auch die offenbarende Bezeichnung für ein Volk sein? Welche Bedeutung und welche Wirkkraft sind mit der Anerkennung verbunden, dass es ein Volk gibt, das heute das Lamm Gottes verkörpert? Um auf diese Frage in angemessener Weise zu antworten, empfiehlt es sich, die Texte von Ignacio Ellacuría und Jon Sobrino zum »gekreuzigten Volk« noch einmal zu lesen.

Im Jahr 1972 hat Jürgen Moltmann seine Theologie der Hoffnung durch das für die damalige Zeit überraschende Buch Der gekreuzigte Gott auf dialektische Weise ergänzt. Er fragte darin nach dem Sinn des Kreuzes und des Leidens Christi nicht nur für die Menschheit, sondern für Gott selbst. Es war dies auch eine Art und Weise, sich mit dem Leid der Vernichtung von Millionen in Auschwitz zu beschäftigen: Was bedeutet dies für Gott? Sein Buch wurde unter anderem von Karl Rahner, Johann Baptist Metz, Hans Küng und Dorothee Sölle kritisch gewürdigt. Ellacuría weitete wiederum auf dialektische Weise das paradoxe Geschehen von Vernichtung und Erlösung durch die Kreuzigung nicht in Richtung Gott, sondern auf das Volk hin aus. Im Jahr 1978 veröffentlichte er den sehr gehaltvollen Beitrag Das gekreuzigte Volk. Versuch einer historischen Soteriologie.2 »Gekreuzigtes Volk« stellt eine widerständige analytische Kategorie dar, die auch die an sie gerichtete Kritik noch einmal aufnimmt. Eine der bedeutendsten Kritiken daran war die von Jürgen Moltmann in seinem brüderlichen Dialog mit der lateinamerikanischen Theologie geäußerte. Im Jahr 2000 bemerkt er noch:

»Es war richtig, die Würde und das Subjektsein des Volkes wiederzuentdecken. Ich meine aber dennoch, dass es nicht zutreffend ist, vom ›gekreuzigten Volk‹ zu sprechen, das ›die Sünde der Welt hinwegnimmt‹ und so die Welt ›erlöst‹. Auf diese Weise wird das Leid des Volkes lediglich verherrlicht und religiös verewigt. Das Volk will die Welt nicht durch sein Leid retten, sondern letztlich von seinem Leid erlöst werden und ein menschlich würdiges Leben führen.«3

Wenn es in der Soteriologie des Aufsatzes von Ellacuría keine historische Identifizierung von Volk und Christus gegeben hätte, dann hätte Moltmann absolut recht. Doch die Behauptung Ellacurías ist klar: Die Einheit der Geschichte der Kreuzigung Jesu und der Geschichten der Kreuzigungen der »Geringsten« geht im Laufe der Zeiten in die Erlösung der Welt über, denn Gott selbst ist es, der in diesen Geschichten anwesend ist und in ihnen ausharrt. Sie korrigieren die verheerende Christologie der stellvertretenden Sühne, der Aufeinanderfolge von »Sünde – Beleidigung – Leid – Sühne – Vergebung«, denn Gott ist in dem, der leidet und büßt, und nicht in dem, der Leid und Sühne fordert und auferlegt. Der Sünder oder der, der unterdrückt und tötet, ist derjenige, der Leid und Tod über das Volk und über Gott verhängt. Es liegt auf der Hand, dass weder Gott noch das leidende Volk an Leid und Tod Gefallen finden. Doch die grausame Wirklichkeit, die die Welt und die Geschichte beherrscht, erstreckt sich über die Geschichte hinweg und konkretisiert sich in der Wirtschaft, der Politik, der Kultur. Diese Wirklichkeit in Treue und Beharrlichkeit auf sich zu nehmen ist möglich, wenn Gott mit dem ist, der dies trägt, und ebenfalls das tägliche Kreuz auf sich nimmt. Dies ist der Sinn der Aufforderung Jesu, ihm nachzufolgen, indem man das Kreuz auf sich nimmt. Es ist auch der Sinn seiner Identifikation mit den »Geringsten«, die, indem sie das auf sich nehmen müssen, was die Welt auflädt, das Kreuz, ihre Schwachheit erfahren. Einerseits historisiert das gekreuzigte Volk das Heilsereignis Christi, das sacramentum crucis, und weitet es aus. Das Kreuz entschwebt nicht in die Metaphysik und in ein innertrinitarisches mystifizierendes Drama. Andererseits erhellt die Art und Weise, wie Christus am Kreuz stirbt, die Kreuzigungen des Volkes und verschafft Zugang zum Heil, denn anders würden Leid und Tod faktisch in Verlassenheit und Absurdität münden.4

Als Konsequenz daraus entwickelte Jon Sobrino das Theologoumenon, das auf den ersten Blick ebenfalls Befremden auslösen könnte: Extra pauperes nulla salus – »Außerhalb der Armen gibt es kein Heil«.5 Dies ist eine Abwandlung des Axioms »Außerhalb der Kirche gibt es kein Heil«, das ursprünglich keinen juridischen Sinn hatte, sondern die Zugehörigkeit zur Gemeinschaft der Kirche betraf. In der späteren Geschichte des Christentums wurde daraus ein juridischer Satz und verursachte Leid und Unrecht. Edward Schillebeeckx prägte die Variante Extra mundum nulla salus – »Außerhalb der Welt gibt es kein Heil«, da er die historische Realität dieser Welt als den notwendigen Ort des Heiles – und auch als den Ort der Entscheidung und des Urteils – betrachtete: Extra mundum nulla damnatio. Beim Theologoumenon Sobrinos handelt es sich nicht nur um eine Verschiebung des Ortes des Heils, sondern vielmehr um eine tiefere Ergründung des Ortes, der Art und Weise, der Kriterien, der Zeichen des Heils, wobei er sich einerseits der Quellen des Neuen Testaments und andererseits der nackten, unverschleierten Realität, bewusst ist, in welcher eine übergroße Mehrheit der Menschheit in Situationen der Armut und Unterdrückung und der immer absurderen Anhäufung von Reichtümern auf der einen Seite und im Verhältnis dazu der abnehmenden Möglichkeiten für ein anständiges Leben auf der anderen Seite befindet. Es geht hier nicht darum, hier weitschweifig die Phänomene der Bosheit aufzuzählen, die sich zurzeit hartnäckig durchhalten. Es liegt auf der Hand, dass die Armen und Leidenden nicht aufgrund ihrer Zahl oder aufgrund irgendeines privilegierten Standes der Heiligkeit Sakrament des Heils sind, sondern darum, weil Gottes Sohn sich da inkarniert und sich bis zum Tod, ja zum Tod am Kreuz identifiziert, wo es in dieser Welt Kenose, Entäußerung, gibt. Sowohl Ellacuría als auch Sobrino beharren darauf, dass man, auch wenn die theoretische Unterscheidung nützlich sei, die transzendente und die historische Bedingung des Heils nicht voneinander trennen kann. Das Christusereignis selbst beseitigte diese Trennung und überwand die Versuchung der schizophrenen Aufspaltung von Geschichte und Transzendenz.

Die Hoffnung, die Prophetie, die Möglichkeit einer »anderen Welt« können nicht aus diesem triumphierenden, bösen und verrückten System hervorgehen, das man gemeinhin als Kapitalismus bezeichnet und das die aktuelle »Welt« des Pilatus darstellt. Heute befindet sich dieses in einer Phase solcher Turbulenz, dass es dysfunktional wird und seine eigene Logik durcheinanderbringt, wie ein Haus, das immer mehr in sich gespalten und drauf und dran ist, in sich zusammenzustürzen.6 Es gibt also Elemente innerhalb der Geschichte, die man, damit Heil entsteht, austilgen muss, denn sie sind Quellen fortgesetzter und zunehmender Übel. Die Quellen des Heils findet man andernorts, an der »Rückseite« der triumphierenden Geschichte, um die Worte Gustavo Gutiérrez’ aufzugreifen. Die historische Macht der Armen7 ist nicht von derselben Qualität und Logik wie die Kraft derer, die der Logik der Welt zufolge siegen. In christlicher Weise ausgedrückt: Die Kraft derer, die außerhalb und unterhalb dieses Systems sind, hat zu tun mit dem Bund mit dem Gekreuzigten im Heilsplan Gottes. Deshalb sind die Armen in ihrer Schwachheit und Unschuld angesichts dessen, was sie zermalmt, historische Träger des Heils des Gekreuzigten und bieten diese Möglichkeit dar, selbst jenseits des Bewusstseins, das sie davon besitzen können. Sie haben teil am Fleisch des unschuldigen Lammes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt.

III. Das Volk als Lamm Gottes

Das Kreuz ist erlittene Gewalt. Mit René Girard können wir die Gewalt in drei Ebenen einteilen: a) die Gewalt der Mimesis des Begehrens, die einen Verlust von Grenzen, Ununterschiedenheit und Chaos bewirkt; b) die zusammenführende und einigende Gewalt, die sich auf einem Sündenbock entlädt, die Einigkeit bezüglich eines Sündenbocks, der sogar ein ganzes Volk sein kann und der den sozialen Leib reinigt, so wie ein Furunkel einen Organismus reinigt; c) schließlich die Gewalt, die durch das Gesetz und die Kultur verfügt wird und die ihre Weihe von der Erinnerung und dem Ersatzritus des Opfers empfängt. Doch so schließt sich der Kreis der nicht als solche anerkannten, sondern im Gegenteil verherrlichten Gewalt, wo das Opfer kultisch als Held verehrt wird. Das heißt: Die Stabilität baut auf dem Fundament von einem Unrecht und einer Lüge auf. Und so wird also alles von Neuem losgehen, gleich einem Teufelskreis ohne echten Ausweg.

Der rote Faden der Heiligen Schrift, angefangen von Abraham und seinem Dilemma, als er auf die Probe gestellt wird, bis hin zum Höhepunkt im österlichen Drama Christi, ist die Anerkennung der Unschuld des Opfers, das der Verfolgung und der anscheinend gerechtfertigten Hervorbringung von Opfern die Legitimität entzieht. Und dies so, dass, wie schon erwähnt, das Opfer nicht mehr als Sündenbock betrachtet wird, sondern als Lamm. Es besänftigt keinen Gott, sondern wird von Gott zur Offenbarung des Heils in Anerkennung, Gerechtigkeit und Barmherzigkeit gemacht. Es ist das victima paschalis, das die Gewalt und die Lüge austreibt und den Frieden bringt, der sein Fundament in Wahrheit und Vergebung hat. Wir befinden uns hier mit der Bezeichnung Osterlamm im wahrsten Sinn des Wortes auf des Messers Schneide, denn das unschuldige und als solches anerkannte Opfer nimmt zugleich alle Gewalt auf sich und befreit von jeglichem System, das Gewalt erzeugt. Es verschleiert und verharmlost das Faktum der Gewalt nicht, sondern bricht von innen her seine Erscheinungen und Metamorphosen auf. Es bedarf eines sehr genauen Sprachgebrauchs, um semantisch nicht zurückzufallen. Deshalb empfehlen sich unterschiedliche Zugänge, die in der Heiligen Schrift verankert sind.

a) Dem Lied vom leidenden Gottesknecht sind in Deuterojesaja drei andere Lieder vorangestellt, in denen der Knecht dazu berufen wird, durch die Wirkkraft seines Wortes zum Licht der Völker zu werden, und dazu ermutigt wird, in seiner Berufung als Zeuge der Gerechtigkeit inmitten einer Welt voller Finsternis und Verfolgung durchzuhalten. So gelangt man dann zum vierten Lied, und in diesem tritt der Knecht mit einem erhellenden Geheimnis hervor: Gott war mit ihm, und so wurden wir »durch seine Wunden geheilt« (Jes 53,5 b; 1 Petr 2,24 b), Wunden eines im Verhältnis zum erlittenen Bösen Unschuldigen, der stark ist in seiner Berufung und Treue.

b) Auf seine Weise bemerken wir auch den Widerhall im Hymnus der Kenose und der Herrlichkeit in Phil 2,6–11 als Modell für die Adressaten des Briefes, die zuvor ermahnt werden, einander zu dienen und »dieselben Empfindungen zu haben wie Christus«: die Entscheidung, sich der göttlichen Natur zu entledigen, das Ausharren in Knechtsgestalt, das vermenschlicht, die Gewalt des schändlichen und unmenschlichen Todes. Doch der rote Faden setzt sich fort: »Deshalb (diò kaì) wurde er erhöht mit einem Namen, in dem seine Teilhabe an der Herrlichkeit des Vaters anerkannt wird: kýrios. Es handelt sich hierbei nicht um eine narzisstische oder triumphalistische Verherrlichung, sondern darum, schlussendlich teilzuhaben an der Herrlichkeit.

c) Im Buch der Offenbarung des Johannes vollzieht sich diese Teilhabe in der Herrlichkeit, im Leben und im Frieden des Lammes. Die Gestalt des Lammes bringt gut das Ereignis die Befreiung von aller Gewalt und vom Tod aus dem Inneren und vom Grund jeder Gewalt her zum Ausdruck. In der Heiligen Schrift kommt das Wort »Lamm« im Singular 119 mal vor, und 38 mal davon – das ist praktisch ein Drittel – im Buch der Offenbarung. Das Lamm verwaltet das Buch des Lebens, schlägt die versiegelten Seiten der Geschichte auf, eröffnet die Zukunft. Anders gesagt: Das Lamm ist die Zukunft der Geschichte, die Zukunft liegt in seiner Gestalt.

Auf der letzten Seite der Heiligen Schrift, Offb 21 und 22, stoßen wir auf das zum Leben erweckte Lamm im Zentrum der Heiligen Stadt. Es selbst ist der Tempel und die göttliche Leuchte inmitten des blühenden Platzes. Aus ihm entspringen eine Quelle und ein Fluss, die Bäume des Lebens ernähren. Diese wiederum bringen die ganze Zeit über Früchte hervor, heilen so die Völker und erhalten das Leben auf ewig. Die Heilige Stadt ist die »Braut« des Lammes, sie ist im Zentrum eines Paradieses von neuem Himmel und neuer Erde. Es handelt sich nicht um das ursprüngliche, wiedererlangte Paradies, sondern um ein zur Erfüllung gelangtes Paradies mit einer Stadt, die am Anfang nicht existiert, als Gegenbild der ersten großen Städte Kains und seiner Nachkommenschaft, der auf der Gewalt vergossenen Blutes begründeten Städte. Das Altarbild von der Anbetung des Lammes in Gent stellt in plastischer Weise die Menge in Frieden, in Anerkennung und Danksagung dar und nicht den aufgehetzten Pöbel, der will, dass das Blut des Opfers über ihn komme.

Dieses große Finale mit einem Blick auf die eschatologische Zukunft ist scheinbar zu schön, um wahr zu sein. Hier stehen das Bemühen Ellacurías, den Gekreuzigten mit dem gekreuzigten Volk zu vereinen, und das Bemühen Moltmanns, den Gekreuzigten mit Gott zu vereinen, auf dem Spiel. Das Lamm ist lebendig und voller Widerstandskraft, es gibt der unübersehbaren Menge unschuldiger Lämmer Leben, die über keine Macht verfügen und in ihrer Unschuld nicht einmal um all das wissen, was ihnen im Verlauf der Weltgeschichte widerfährt und das Gewicht der Gewalt auf ihr Leben legt. Es gibt die historische Gefolgschaft des Lammes aus Fleisch und Blut, die nicht zulässt, dass sich der Traum des Autors der Offenbarung und des Altarbildes von Gent in Luft auflösen. Das Lamm wird heute von Völkern aus Ländern des Südens der Welt gebildet, die ohne Schuld betroffen sind vom verbrecherischen Bergbau, der ihre Gewässer und Leiber vergiftet, die betroffen sind von den mächtigen Maschinen, die ihre Wälder zerstören und ihnen Monokulturen für den Export aufzwingen, ohne dass sie gehört werden. Und es sind Tausende von unschuldigen Kindern, die überhaupt keine Vorstellung davon haben, warum sie unter Bombardierungen leiden und ihr Zuhause und ihre Familie in Syrien, im Irak und in so vielen anderen Katastrophen, die sich über ihre Köpfe hinweg vollziehen, verlieren. Und es sind die Mütter mitsamt ihren kleinen Kindern mit großen Augen, die sich auf der Suche nach einer Zufluchtsstätte einschiffen, ohne zu wissen, ob ihre Reise sie an irgendein Ziel bringen wird. Und Jugendliche, denen man die Träume geraubt und den Kelch der Bitterkeit und des Aufruhrs zum Trinken dargeboten hat. Es ist das Volk, das Lamm Gottes ist: In ihnen kehrt das Osterlamm zurück, nicht als ein fantastisches Gebilde, das sich aus dem Staub der Geschichte erhebt, um in Finsternis und Verwirrung zu stürzen, sondern als Zeichen und Möglichkeit der Vergebung und Erlösung, schließlich des Friedens und der neuen Unschuld, das Osterlamm der Befreiung für eine neue Welt, die übergroße Gabe, die angenommen oder zurückgewiesen werden kann. Wenn es über das gemeinsame Bekenntnis zum »Lamm Gottes, das die Sünden der Welt hinwegnimmt« in der Eucharistiefeier auch zur Anerkennung und zum einmütigen Bekenntnis der Unschuld der stillen Opfer kommt, dann wird die Erlösung Geschichte. Und die Zeit, die bleibt, kann gemäß der Lehre Sobrinos vom gekreuzigten Volk mitten unter den Machthabern El Salvadors zu einer Zeit werden, in der man »die Armen vom Kreuz herunterholt« und in ihnen den Namen des Lammes anerkennt.

Anmerkungen

1 Vgl. Dal capro espiatorio all’agnello di Dio, in: Avvenire (Zeitung der italienischen Bischofskonferenz), 4. 8. 2013.
2 Vgl. Ignacio Ellacuría, Escritos teológicos, II, San Salvador 2000, 137–170. Der Aufsatz wurde mehrfach veröffentlicht. (Auf Deutsch vgl. Ignacio Ellacuría, Das gekreuzigte Volk, in: Jon Sobrino – Ignacio Ellacuría (Hg.), Mysterium Liberationis. Grundbegriffe der Theologie der Befreiung, Bd. II, Luzern 1996, 823–850.; d. Übers.).
3 Jürgen Moltmann, Teologia latino-americana, in: Luiz Carlos Susin, O mar se abriu, São Paulo 2000, 230.
4 Vgl. Ellacuría, a. a.O., 155.
5 Vgl. Jon Sobrino, Fuera de los pobres no hay salvación. Pequeños ensayos utópico-proféticos, Madrid 2007, insb. 59–106. Er bekennt, dass er darin von seinen Mitbrüdern Javier Vitória und González Faus inspiriert wurde.
6 Vgl. Ladislau Dowbor, A era do capital improdutivo. A nova arquitetura do poder, sob dominação fi nanceira, sequestro da democracia e destruição do planeta, São Paulo 32017.
7 Vgl. das gleichnamige Buch von Gustavo Gutiérrez, München 1984.

Aus dem Portugiesischen übersetzt von Bruno Kern

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