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Leseprobe 3 DOI: 10.14623/con.2018.2.161-168
Rainer Kessler
»Der Ertrag der Gerechtigkeit sind Ruhe und Sicherheit für immer« (Jesaja 32,17)
Individuelle und kollektive Sicherheit im Licht der Hebräischen Bibel
In Alltagsgesprächen ebenso wie in politischen Debatten wird häufig das Gefühl artikuliert, alles werde immer unsicherer. Verwiesen wird dabei auf angeblich oder tatsächlich steigende Kriminalität, auf das Anwachsen des Verkehrs und die zunehmende Verrohung der Verkehrsteilnehmer, auf prekäre Arbeitsverhältnisse, auf verunreinigte Lebensmittel und auf globale militärische Bedrohungen. Doch so neu, wie viele meinen, ist das Gefühl wachsender Unsicherheit gar nicht. Schon die Menschen, aus deren Erfahrungen die Texte der Bibel erwachsen sind, wussten die Sicherheit ihres Lebens auf vielfältige Weise bedroht.

»Leben ist immer lebensgefährlich« (Erich Kästner)

Zu Recht formuliert der deutsche Dichter und Schriftsteller Erich Kästner (1899–1974) seine Lebensweisheit als überzeitlich. Krankheit kannten auch die Menschen des Altertums, und angesichts einer im Vergleich zu heute schwach entwickelten Heilkunst waren die Folgen häufig verheerend. Früher Tod von Kindern war vielfach häufiger als in Mitteleuropa seit dem letzten Jahrhundert; Jes 65,20 spricht als symptomatische Erfahrung von dem »Säugling, der nur wenige Tage lebt«. Die individuellen Klagelieder des Psalters sind voll von Texten, die die Unsicherheit beklagen, die der Einzelne durch Nachstellungen feindlich gesinnter Menschen erleidet:

Klagend irre ich umher und bin verstört
wegen des Geschreis des Feindes,
unter dem Druck des Frevlers.
Denn sie überhäufen mich mit Unheil
und befehden mich voller Grimm.
Mir bebt das Herz in der Brust;
mich überfielen die Schrecken des Todes.
Furcht und Zittern erfassten mich;
ich schauderte vor Entsetzen (Ps 55,3–6).


Menschen wurden auch damals schon Opfer krimineller Übergriffe. Wir lesen von Vergewaltigungen im familiären Kontext (2 Sam 13) wie durch Fremde auf dem freien Feld (Dtn 22,23–27). Wir hören von Morden (Dtn 21,1). Die Verbote des Dekalogs: »Du sollst nicht töten« und »Du sollst nicht stehlen« (Ex 20,13.15 = Dtn 5,17.19) wären nicht nötig, wenn Menschen die Erfahrung ihrer Übertretung nicht gemacht hätten.

Der heutigen Angst, bei einem Unfall im Straßenverkehr ums Leben zu kommen, entsprach damals die Ungewissheit, von einem wilden Tier angefallen zu werden. Die Furcht vor einem Löwen ist geradezu sprichwörtlich (Spr 22,13; 26,13). Am 5,19 gibt in dramatischer Verdichtung dieses Gefühl von Unsicherheit wieder:

Es ist, wie wenn jemand einem Löwen entflieht
und ihn dann ein Bär überfällt;
kommt er nach Hause
und stützt sich mit der Hand auf die Mauer,
dann beißt ihn eine Schlange.


Alle bisher angeführten Beispiele beziehen sich auf bedrohliche Situationen, die jeden individuell treffen können. Hinzu kommen kollektive Erfahrungen, die wir modern als Naturkatastrophen bezeichnen und die man damals auf das Wirken einer Gottheit zurückgeführt hat. Die Region kann von Erdbeben heimgesucht werden; eines davon muss so schwer gewesen sein, dass man eine Sammlung prophetischer Worte danach datiert hat: »zwei Jahre vor dem Erdbeben« (Am 1,1). Eine Dürre von drei Jahren mit den entsprechenden Ernteausfällen und der folgenden Hungersnot, wie sie in der Elija-Erzählung vorausgesetzt ist (1 Kön 17–18), ist zwar nicht die Regel, wird aber durch Wetteraufzeichnungen in der Neuzeit als durchaus möglich erwiesen (vgl. Jer 14–15; Am 4,7–8). Und immer wieder werden ganze Ernten durch den Einfall von Heuschrecken vernichtet (Joel 1–2; Am 4,9; 7,1–2).

Nicht nur Naturkatastrophen erzeugen ein Gefühl kollektiver Bedrohung, sondern auch strukturelle Gewalt, die von Menschen ausgeht. Unsicherheit wird sowohl aufgrund von wirtschaftlich-sozialer Bedrohung als auch aufgrund von Kriegsereignissen erfahren.

Das Gefühl der Verunsicherung, das durch drohenden sozialen Abstieg ausgelöst wird, ist keineswegs ein ausschließlich modernes Phänomen. Die Texte der sozialkritischen Prophetie sind voll der Denunziationen struktureller sozialer Gewalt. Amos sieht in Samaria, der Hauptstadt Israels, »großen Schrecken« und »Unterdrückte«; der Oberschicht wirft er vor, sie häuften »Gewalt und Unterdrückung in ihren Palästen auf« (Am 3,9–10). Micha schildert das Treiben der Mächtigen in brutaler Bildsprache:

Sie ziehen ihnen die Haut ab
und das Fleisch von den Knochen.
Sie haben das Fleisch meines Volkes gefressen
und ihnen die Haut abgezogen
und ihre Knochen zerhackt;
sie haben sie zerstückelt wie für den Kochtopf
und wie Fleisch mitten im Kessel (Mi 3,1–2).


Menschen, die unter solchen Umständen leben, kennen keine Sicherheit. Sie müssen damit rechnen, um Haus und Feld gebracht und samt ihren Familien aus ihrem Besitz vertrieben zu werden (Mi 2,1–2.9).

Zur Bedrohung durch sozialen Abstieg kommt die ständig präsente Kriegsgefahr. In den Epochen, in denen die Schriften der Hebräischen Bibel entstanden sind, war Krieg eher der Normalfall als die Ausnahme. Ein Blick in die Völkersprüche am Anfang des Amos-Buches genügt, um zu sehen, was den einfachen Leuten dann drohte: Tod durch Waffen, Verschleppung in die Sklaverei, Aufschlitzen von Schwangeren. Vergewaltigung der Frauen des Feindes war Kriegsmittel damals, wie es das heute auch ist. Reliefdarstellungen in assyrischen Palästen zeigen plastisch, was den Besiegten drohte: Häutung bei lebendigem Leib, Pfählen, Abschlagen von Gliedmaßen, Schändung der Leichen, Verschleppung.

Wer im Mitteleuropa des 21. Jahrhunderts klagt, das Leben werde immer unsicherer, kennt die Zustände vergangener Zeiten schlecht. [...]


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