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Leseprobe 2 DOI: 10.14623/con.2018.2.153-160
Knut Wenzel
Zwischen Angst und Fülle
Zu einer Theologie des Bedürfnisses nach Sicherheit
Das Fridericianum, Hauptausstellungsort der Documenta seit der ersten von 1955, trägt am Giebel des Portikus, wo sonst lapidar Museum Fridericianum steht, 2017 zur Documenta 14 eine andere Aufschrift. Es handelt sich um eine Arbeit von Banu Cennetoğlu. Aus den Buchstaben der ursprünglichen Aufschrift, ergänzt mit weiteren von gleicher Gestaltung, hat sie einen Satz gebildet, die Buchstaben gesperrt gesetzt, doch ohne eigens zwischen den Wörtern Raum zu lassen, mit der Wirkung von Monumentalität und erschwerter Lesbarkeit. BEINGSAFEISSCARY. »Sicher zu sein ist beängstigend«. Der Satz steht da, wo Fürsten und Päpste durch Repräsentationsbauten den Glanz ihrer Herrschaft feiern oder ihr durch das Anbringen von Epigrammen ein eigentümliches Gepräge verleihen, Friedrich II. über dem Eingang zu Schloss Sanssouci, Papst Paul V. an der Fassade von Sankt Peter (Friedrichs Motto lässt sich im Zusammenhang des hier erörterten Themas sogar etwas abgewinnen: Sans souci – ohne Sorge). Diese Geste der Inszenierung und Emblematisierung von Macht leiht Banu Cennetoğlu sich aus, um eine dunkle Dialektik des Begriffs der Sicherheit aufscheinen zu lassen: Sicherheit hat eine innere Beziehung zur Gewalt – als der kraftvoll ausgeübten, Widerstände überwindenden und Grenzen setzenden Macht –, und es ist diese intrinsische Gewaltförmigkeit, die Sicherheit angstproduktiv sein lässt.

1. Bedürfnis und Diskurs

Nicht Sicherheit an sich, aber das Bedürfnis nach Sicherheit ist ein Antrieb allgemeiner menschlicher Kulturproduktivität. Indem solchermaßen zwischen einem Bedürfnis einerseits und dessen Thematisierung andererseits unterschieden wird, werden die Artikulationen und Beantwortungen des Sicherheitsbedürfnisses – Mauern, Bewehrungen, Überwachungen … – von diesem unterschieden und nicht mit ihm identisch gesetzt. Damit aber ist bereits der Ansatzpunkt einer Kritik der Sicherheit gesetzt, Kritik zunächst einmal verstanden als Unterscheidung: Das Bedürfnis ist ursprünglich, schlechterdings unkritisierbar; es weiß in dieser Ursprünglichkeit aber nicht um sich, hat kein Wissen, keine episteme von sich; wo dieses sich bildet, entsteht etwas Neues: die inter pretierende Unterwerfung eines Bedürfnisses unter den Diskurs über es. Denn die Unterwerfung des Bedürfnisses unter seine Deutung bringt deren Diskursivität zur Geltung, sie wird thematisierbar, kritisierbar, zurückweisbar. Doch nicht nur eine bestimmte Interpretation, der Vorgang der Unterwerfung eines ursprünglichen Bedürfnisses unter den Diskurs seiner Deutung selbst wird so kritisierbar. Nur aufgrund der angesprochenen Unterscheidung kann ein ursprüngliches Bedürfnis von seiner Versprachlichung im Begriffsfeld »Sicherheit« unterschieden werden. Es ist also möglich, den »Diskurs der Sicherheit« zu kritisieren, ohne damit das ursprüngliche Bedürfnis, das im Diskurs der Sicherheit artikuliert oder vereinnahmt wird, zu desavouieren. Versteht sich für ein Bedürfnis dessen Legitimität von selbst, gilt dasselbe nicht vom Diskurs über es. Gut möglich, dass bereits die Bedürfnisse selbst etwas Absolutes haben – ein Bedürfnis ist an sich selbst schlechterdings nicht relativierbar; die Sublimation seiner Befriedigung hat stets den Charakter eines Vertrags, der jederzeit aufkündbar ist.

2. Imaginationen von Sicherheit zwischen Totalisierung und Dekonstruktion

In dem, was hier vereinfachend »Diskurs« genannt wird, also in der kulturellen, gesellschaftlichen, geschichtlichen, etc. Bearbeitung der menschlichen Bedürfnisse, erweist »Sicherheit« sich als letztlich uneingrenzbar. Haben die Menschen erst einmal die Welt als Ganze in Blick genommen – hat eine Universalisierung ihres Weltbildhorizonts stattgefunden –, ist es auch nicht weniger als die Totalität der Wirklichkeit, an der erst »Sicherheit« ihr Maß findet. Hier lohnt der Blick auf die Antike als auf die formative Epoche der Méditerranée und aller in ihr Strahlungsfeld geratenen Regionen und Kulturen.

2.1 Die Idee des Kosmos

Die wesentliche Funktion der Idee des Kosmos besteht darin, Sicherheit zu gewährleisten, genauer: die Imaginierung eines tragfähigen Welt-Bilds der Sicherheit zu ermöglichen, eine bewohnbare Holografie. Wenn schon der Nahbereich der Lebenswelt als in allen Dimensionen – gesellschaftlich, politisch, militärisch, ökonomisch, aber auch und tatsächlich nicht zuletzt als Natur – sowohl als bedrohlich als auch als bedroht erfahren wird, als übermächtig wie als prekär, als unberechenbar und die Position des Menschen im Verhältnis zu dieser ihn umgebenden Bedrohung der Überwältigung wie des Wegbrechens als absolut ungesichert erscheint, dann soll wenigstens die Makrostruktur von einer Ordnung der Gesetzmäßigkeit beherrscht sein. Dass diese Stabilität und dadurch Sicherheit gewährleistende Ordnung kosmologisch makrostrukturell veranschlagt wird und damit jenseits der Reichweite sinnlicher Erfahrung, erschwert nicht, sondern begünstigt ihre Plausibilität: Das Sicherheit insinuierende kosmische Ordnungssystem ist nicht erfahrungsweise erreichbar, also über einen höchst irritationsanfälligen Erkenntnisweg – ist doch die Irritation, die Störung geradezu das Erkenntnisprinzip von Erfahrung. Sondern es ist erfahrbar auf dem Weg der Abstraktion, also der Ablösung von allem konkret Gegenständlichen, der Methodologisierung, also der Rückführung von Kohärenzen; nicht auf Erfahrungskontinuitäten, sondern auf eine regelgeleitete Grammatik, sowie schließlich der Spekulation, also der Ausbildung intellektueller Anschauung, die nicht mehr auf sinnlicher Wahrnehmung basiert. – Mit einem Wort: Die Idee des Kosmos als Modell von Sicherheit bringt mit der Astronomie das Paradigma der Naturwissenschaften hervor.

Unübersehbar pflegen die Hochkulturen quer durch die Kontinente und unabhängig voneinander ein zentrales Interesse an der Astronomie. Zentral ist deren Stellung, weil eng mit dem Kult und der Regierung verbunden. Das Interesse an der Astronomie kann sich prognostisch ausprägen: Günstige Tage für staatliche Akte oder auch für das Ausbringen der Saat sollen vorherbestimmt werden. »Günstig«: das ist Attribut der Relation zwischen Konstellation und Zeit, zwischen der Stellung der Sterne und dem Geschick der Menschen. Über ein Wissen dieser Relation verfügen heißt über die Zeit der Zukunft verfügen. Ein solches Wissen über das an sich Unbekannte – die Zukunft –, ein Verfügen über das Unverfügbare, wird gehandhabt als Durchsetzung von Sicherheit in einer nach aller menschlichen Erfahrung unabsicherbaren Dimension – in der Zeit, die als Zukunft absolut ausständig ist. Die Astronomie als Technologie der Prognose bewegt sich bis in die Neuzeit ungeschieden im selben Flussbett mit der Astrologie und Praktiken der Mantik.

Zeigt hier Astronomie sich als Applied Science, berührt sie als Grundlagenforschung ganz unmittelbar den Diskurs der Sicherheit. Denn das eigentliche Interesse der Hochkulturen, die sich die Astronomie zur Leitwissenschaft gewählt haben, zielt nur vordergründig auf die Errechnung der Verlaufsbahnen der Planeten; mit dieser Errechnung soll vielmehr erwiesen und mathematisch unzweifelhaft gemacht werden, dass die Planeten in ihren Bewegungen – und die Sterne in ihrer stabilitas – gesetzmäßig sind, einem Gesetz folgen, das nicht an sich selbst erreichbar sein mag, das aber an den Bewegungen der Planeten und den Stellungen der Sterne abgelesen werden kann. Ist die Welt auch in ihrer Makrostruktur dynamisch, steht das für ihre Vitalität. Verläuft diese Dynamik aber regelgerecht, lässt sich die Chaotik – die Ungeordnetheit und Destruktivität – konkret erfahrener Lebensdynamiken rückprojizieren in die gesetzmäßige Ordnung der planetaren Bewegungen, von wo sie als zu einer lebendigen, Leben ermöglichenden Ordnung herabgedimmt zurückscheinen. Wenn nur das unmittelbar mich bedrängende Chaos in der Distanzierung einer kosmischen Projektion als Ordnung sich dechiffrieren lässt, ist alles gut. [...]


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