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Leseprobe 1 DOI: 10.14623/con.2018.2.144-152
Regina Ammicht Quinn
»Ein feste Burg ist unser Gott«
Notwendigkeiten und Grenzen von Sicherheit
»Sicherheit«, so der amerikanische Psychologe des letzten Jahrhunderts Abraham Maslow, ist ein Grundbedürfnis, das gleich nach den Bedürfnissen von Atmung, Schlaf und Nahrung kommt.1 Dieses Grundbedürfnis wird heute fraglich:

Zum einen sind die katastrophalen Ungleichheiten der Welt dort zugespitzt sichtbar, wo es um Sicherheit geht – Sicherheit für Leib und Leben und Überleben. Nur ein wenig Sicherheit wolle sie, so hören wir die Mutter aus Damaskus, deren schlafendes Baby durchs Fenster von einem Bombensplitter getötet wurde.

Zum anderen
ist Sicherheit insbesondere in den sicheren Ländern des Nordens zu einer dominanten Frage geworden, sodass hier das Leben der Bürger gerade durch Sicherheitsmaßnahmen beschädigt werden kann.

Sicherheit also ist nötig. Und Sicherheit ist nicht einfach »gut«.

»Entsicherung« ist für den Soziologen Wilhelm Heitmeyer in der letzten Folge seiner Langzeitstudie über »Deutsche Zustände« (die durchaus exemplarisch für mitteleuropäische Länder sind) eines der prägenden Symptome des Jahrzehnts 2002 bis 2012.2 »Entsicherung« heißt nicht notwendig der Verlust an objektivierter Sicherheit, wohl aber ein Verlust an Vertrauen. Signalereignisse wie der 11. September, die Finanzmarkt- und Schuldenkrise, aber auch gefühlte Zustände wie Kontrollverlust, Beschleunigung und kulturelle/politische Richtungslosigkeit führen, so Heitmeyer, zu dieser »Entsicherung«. »Entsicherung« heißt aber auch: Weltweit sind heute mehr als 60 Millionen Menschen auf der Flucht, mehr als die Hälfte davon als Vertriebene innerhalb ihres Heimatlandes. Diese massive Unsicherheit, die Menschen aus ihren Heimatländern treibt, wird in den aufnehmenden Gesellschaften des Nordens wiederum von manchen der Ein heimischen als Verunsicherung wahrgenommen. Geflüchtete sind in der erhofften Sicherheit mit neuen Unsicherheiten konfrontiert, die sich auf ihr Bleiberecht und ihre Zukunft, ihre Alltagsbewältigung, das Schicksal der Zurückgebliebenen und vieles mehr bezieht. In den Aufnahmeländern gibt es (neue) Akteure im rechten politischen Spektrum, eine grundlegende Verschiebung der politischen Landschaft und neue »Signalereignisse« wie die Terroranschläge in Europa: All dies verstärkt und verändert die Wahrnehmung von Sicherheit und Unsicherheit.

Sicherheit wird zum gesellschaftlichen Auftrag, zu einem manchmal regressiven Sehnsuchtsbegriff und zugleich zu einem unlösbaren Problem: Welche Sicherheit? Wie viel Sicherheit? Sicherheit für wen? Sicherheit vor wem?

1. Sicherheit und Religion

Sine cura – die Sorgenfreiheit und Seelenruhe – bestimmt die securitas im ersten Jahrhundert v. Chr. Der Neologismus wird Cicero zugeschrieben, der hier in stoischer Tradition ataraxia, die Unerschütterlichkeit, und apathia, die Freiheit von Leidenschaften verbindet. Nicht erst bei Seneca, sondern auch schon für Cicero ist securitas das Ziel philosophischer Lebenskunst: »Sicherheit nenne ich jetzt die Freiheit von Kummer, worin eben das glückliche Leben besteht«.3 Wenig später schon aber wandert securitas in den politischen – oder den politischökonomischen – Bereich ein, und die personifizierte Securitas findet sich auf römischen kaiserlichen Münzen. Ist also Sicherheit eine innere Haltung? Oder ist Sicherheit das, was der Herrscher, der König den Untertanen gewährt?

Bis in die Neuzeit hinein ist »Sicherheit« ein mit Religion verbundenes Thema. Sicherheit gilt als Geschenk von Gott, den Göttern, der Natur, dem Schicksal. »Ein feste Burg ist unser Gott, ein gute Wehr und Waffen«, heißt es dann. Luther schrieb diesen Choral gegen Ende der 1520er-Jahre und schuf damit eine deutsche Nachdichtung zu Psalm 46: »Gott ist unsere Zuversicht und unsere Stärke«. Für den Protestantismus hat das Lied große Symbolkraft; Heinrich Heine nannte es die »Marseiller Hymne der Reformation«4. Für Luther selbst ist das Lied Ausdruck einer apokalyptischen Weltsicht – Gott und Teufel liegen im kosmischen Kampf. Christus bringt den Teufel zu Fall, »[d]er Gläubige bleibt passiver, staunender Beobachter«5. Religion zeigt sich hier in einem architektonischen Bild: Gott ist nicht nur ein Haus, das Heimat bedeutet, sondern eine Burg, die Sicherheit bietet – allem voran Sicherheit vor dem Feind, Angriffssicherheit. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wird das Kirchenlied zunehmend nationalistisch gelesen und gesungen. 1871 verarbeitete Richard Wagner den Choral in seinem »Kaisermarsch«, einer Komposition zur Feier des auf Blut und Krieg neu gegründeten Deutschen Reichs.6 Im von Goebbels in Auftrag gegebenen nationalsozialistischen Monumentalfilm »Der große König« (1942) wird die Melodie für eine Anspielung auf Hitler gebraucht (»den Gott hat fest erkoren«).7

Ein solcher Kontextwechsel von religiösen in nicht-religiös definierte Bereiche ist ein besonderes Kennzeichen der Sicherheit. Was wir heute als Sicherheitstechnologien kennen – in Form von Schutz- und Überwachungstechnologien, aber auch als Ronald Reagans fantasievolles Raketenabwehrprogramm – gibt es schon in den christlichen Symbolsystemen. Hier hat beispielsweise die christliche Ikonografie des Hochmittelalters sogenannte Schutzmantelmadonnen hervorgebracht8: In den Bildern breitet Maria ihren Mantel über den Schutzsuchenden aus, während vom Himmel Pfeile herabregnen, die manchmal auch von Gottvater selbst abgeschossen werden. Der Mantel ist eine hoch funktionale Sicherheitstechnik, denn die Pfeile können den Menschen unter dem Mantel nichts anhaben. In den religiösen Schutzmantelbildern zeigt sich aber zugleich ein exkludierendes und regressiv-sexualisiertes Moment: Nicht nur haben die Menschen unter dem Mantel sich ihre Sicherheit verdient – sie sind häufig Kirchenstifter und Heilige; sie sind auch klein genug, um in größerer Zahl unter den Mantel der Großen Mutter zu passen und dabei tendenziell nicht nur am Rockzipfel, sondern unter dem Rock verortet werden.

Sicherheit also ist ein zentrales Thema des Glaubens – bei umstrittener Rolle der Gläubigen. Diese Gläubigen zeigen sich zunächst als völlig passiv; dennoch wird eine Leistung von ihnen benötigt, in diesem Fall eine Glaubensleistung.

Und diese Leistung führt dann in die Neuzeit. Heute verstehen wir Sicherheit vor allem als ein Produkt menschlichen Handelns. Sicherheitshandeln, doing security, geschieht auf dem Hintergrund von Wahrscheinlichkeits- und Risikoberechnungen, die auf Prävention, Kontrolle und Abwehr zielen.9

Zugleich ist heute »Sicherheit« keineswegs ausschließlich ein säkularisierter Diskurs: »Vorsäkulare« Verständnisse von Sicherheit werden nicht einfach durch wissenschaftlich durchdachte, politisch reflektierte, ökonomisch analysierte und subjektiv angeeignete »säkulare« Verständnisse von Sicherheit ersetzt. Unterschiedliche Phasen, Schwerpunkte und Begriffe lösen sich nicht ab, sondern bilden ein diskursives und lebensweltliches Feld, in dem alle Bedeutungsebenen auch zu unterschiedlichen Zeiten wieder in den Vordergrund treten können. Gesellschaftliche Sicherheitsdiskurse sind damit Teil der »mutiple modernities«10 und tragen, häufig verdeckt, eine Geschichte mit sich, in der Sicherheit in Schicksals-Diskurse oder in religiöse Diskurse über Glaubens- und Erlösungssicherheit eingebunden war.

2. Sicherheit: Drei Bedeutungsebenen

»Sicherheit« ist ein schillernder Begriff. Er erstreckt sich auf alle Lebensbereiche und reicht von der Sicherheit der Geldanlagen über die Glaubens- oder Lebensmittelsicherheit bis hin zu »safer sex«. Wir sprechen über das Sicherheitsbedürfnis von Kleinkindern und von Staaten, über die Sicherheit der Renten, des Trinkwassers, der Stromversorgung und die Sicherheit nachts im Park. Allen gemeinsam ist, dass »Sicherheit« ein Gegenbegriff ist – lebten wir in einer Welt ohne Bedrohung, ohne Risiko, ohne Gefahr, dann bräuchten wir das Wort nicht. Was für ein Leben das wäre, darüber müssten wir nachdenken.

Sicherheit ist dabei ein Bedeutungskomplex, der nicht einfach und universell definiert werden kann. Die Perspektiven der Länder des Nordens und des globalen Südens auf Sicherheit, die Perspektiven unterschiedlicher sozialer Verortungen, Lebensbereiche und Geschlechter sind höchst unterschiedlich. Drei zentrale Bedeutungsfelder sind Sicherheit als Paradox, Sicherheit als Zukunftsdenken und das Maß der Sicherheit:

a) Sicherheit ist ein Paradox In den Ländern des Nordens leben wir in den sichersten Gesellschaften, die je existierten. Und dennoch scheint »Sicherheit« zum Leitbegriff geworden zu sein, der in den letzten Jahren nicht nur die ökonomischen, politischen und sozialen Diskurse, sondern auch die persönliche Lebensgestaltung und damit das private, gesellschaftliche und politische Handeln motiviert und bestimmt. Der Grund dafür ist ein »Sicherheitsparadox«: Unsicherheit ist eine der Voraussetzungen der Entwicklung von Gesellschaft; die Gesellschaft, die entwickelt wird, kann aber Unsicherheit immer weniger ertragen und steigert die Nachfrage nach Bewältigungsstrategien im Verunsicherungsprozess.11 Je eingemauerter oder eingezäunter eine Gesellschaft oder ein Mensch ist, desto bedrohlicher ist die Welt jenseits der Mauern und Zäune. Das »Sicherheitsparadox« – je mehr Sicherheit ich habe, desto mehr brauche ich – aber verstärkt sich zunehmend: Die Unüberschaubarkeit von Taten und deren Handlungsfolgen etwa, die unklare Zuschreibung von Verantwortung, ökologische und ökonomische Unsicherheit, aber auch die darunterliegende Abwesenheit elementaren Vertrauens und Trostes wandeln sich in die Nachfrage nach Sicherheit.

b) Sicherheit ist ein Zugriff auf Zukunft Sicherheit, so der Philosoph und Politikwissenschaftler Peter Burgess, ist nicht mehr und nicht weniger als ein Zugang zur Zukunft, »die nicht zufällig, sondern notwendigerweise ungewiss und voller Gefahren ist«12. Wissen um Sicherheit ist dabei virtuelles Wissen: ein Wissen darüber, wie wir handeln würden, wenn wir tatsächliches adäquates Wissen hätten. Und dieses Nichtwissen kann ein »known unknown« sein, also ein Wissen, von dem man weiß, dass man es in letzter Konsequenz und Genauigkeit nicht weiß13 oder das Rumsfeld’sche »unknown unkown«, also ein Wissen, von dem wir noch nicht einmal wissen, dass wir es nicht wissen. Das Denken über Sicherheit also umfasst empirische Fakten, Statistiken (und damit möglichen Fakten), Ideen, Befürchtungen, Wünsche, Erfahrungen und Werte, die sich zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft bewegen.

c) Sicherheit hat Grenzen und Sicherheit braucht Grenzen Sicherheit ist ein begrenztes Gut. Eine Rundum-Sicherheit ist zunächst aus ökonomischen Gründen nicht herstellbar. Aber sie ist auch nicht wünschenswert, denn eine Haltung, die Sicherheit über alles stellt, verwehrt uns, zu Ende gedacht, jede Freiheit, jedes Risiko, jede offene Zukunft. Nur in einer Gummizelle wären wir (einigermaßen) sicher. Rundum-Sicherheit ist nicht nur nicht herstellbar, sondern auch nicht wünschbar. Sicherheit also ist nicht nur begrenzt, sondern zu begrenzen. Darum braucht Sicherheit ein Maß.

3. Ambivalenzen der Sicherheit

Sicherheit als ein moralisch reichhaltiges Konzept14 bedeutet:

- dass die Herstellung von Sicherheit menschliches Handeln ist und wie jedes menschliche Handeln unter moralischem Anspruch steht;

- dass das Erforschen, Wahrnehmen und Bereitstellen von Sicherheit implizit und explizit durch Werte bestimmt sind: »[A] threat to security«, so Peter Burgess15, »is implicitly linked to what has value for us. It is linked to the possibility that what we hold as valuable could disappear, be removed or destroyed«;

- dass Sicherheit und Unsicherheit nicht auf einer einheitlichen Skala angeordnet sind, auf der Sicherheit »gut« und Unsicherheit »schlecht« ist, sondern Sicherheit und Unsicherheit in komplexer Weise verwoben sind;

- und dass Sicherheit aus anthropologischen, gesellschaftlichen, politischen und ökonomischen Gründen immer begrenzt ist, und darum gerecht verteilt werden muss; dass Sicherheit zugleich gegen jede Totalisierung begrenzt werden muss und darum ein richtiges Maß braucht.

Damit wird Sicherheit ambivalent: Zum einen ist Sicherheit ein hoher Wert, sodass die Herstellung und Erhaltung von Sicherheit geboten ist. Ohne ein Grundmaß an Sicherheit ist keine Handlungsplanung möglich, keine grundlegende kulturelle Entwicklung, keine Gerechtigkeit. Zum anderen aber sind mit der Verfolgung des Zieles »Sicherheit« häufig Einschränkungen auf anderen Gebieten verbunden. So entpuppt sich die zunächst unproblematische Nachfrage nach mehr Sicherheit als ein klassischer Zielkonflikt zwischen verschiedenen Gütern wie Sicherheit, Freiheit, Gerechtigkeit und Privatheit. Denn im Versuch, jeweils mehr Sicherheit herzustellen, kann sich leicht eine Dynamik entwickeln, in der andere Güter verletzt oder eingeschränkt werden. Abwägungsüberlegungen fragen danach, welchen Preis – in Form von Geld, Freiheit, Gerechtigkeit oder Privatheit – wir bereit sind, für den Wert »Sicherheit« zu bezahlen.

4. Verabsolutierung von Sicherheit

Wird Sicherheit als »feste Burg« gedacht, und Gott selbst als diese »feste Burg«, dann ist Sicherheit ebenso unendlich und absolut wie Gott. In säkularen Kontexten zeigt sich eine solche Verabsolutierung dadurch, dass der Wert der Sicherheit alle anderen Werte übersteigt. Sicherheit wird dann in einer Logik des »Everything beats being dead« formuliert – alles ist besser als tot sein. Schon in medizinischen Konflikten, etwa am Lebensende, wird sichtbar, wie schwierig solche Aussagen auch im individuellen Fall sind. Werden sie im Kontext proaktiven Sicherheitshandelns verwendet, wo sie sich auf potenzielle Risiken und Gefahren beziehen, sind sie in hohem Maß problematisch. Denn in der Folge werden leicht andere Handlungsoptionen, die, vorsichtiger, nach anderen Grundgütern wie Menschenwürde, Freiheit, Privatheit oder Gerechtigkeit fragen, außer Kraft gesetzt. Damit wird die Illusion einer sicheren Gesellschaft in den Raum gestellt.

In einer solchen Überhöhung des Sicherheitsbegriffs wird nicht mehr sichtbar, dass auf Dauer kein menschliches Leben und keine menschliche Gemeinschaft die Eigenschaft »sicher« haben kann.

Zygmunt Bauman hat darauf hingewiesen, dass es für jeden Menschen der späten Moderne schwierig ist, das allgemeine Unsicherheitsgefühl auszuhalten, das menschliches Leben prägt.16 Es ist oft einfacher, dieses Unsicherheitsgefühl, diese »transzendentale Obdachlosigkeit« (Georg Lukács), in greifbare, subjektiv wahrgenommene Ursachenkontexte zu überführen: Gift in der Nahrung, aggressive Jugendliche in der U-Bahn, potenzielle Terroristen potenziell überall. Das heißt weder, dass solche wahrgenommenen Bedrohungen die Wirklichkeit widerspiegeln, noch, dass die Wahrnehmungen nicht »real« sind. Es heißt vielmehr, dass die Sehnsucht nach Vertrauen und Trost, die einer wahrgenommenen Bedrohung unterliegen kann, nicht außer Acht gelassen werden darf.

5. Gute Sicherheit

Die Länder des Nordens haben die sichersten Gesellschaften, die es je gab. Aus dieser komfortablen Sicherheit ergeben sich drei Problembereiche, denn diese sicheren Gesellschaften stehen in einem Ungleichheits- und Ungerechtigkeitsgefälle:

- Nach außen ist diese Sicherheit eine Ausnahme in der Weltgemeinschaft, und die eigene (z. B. ökonomische) Sicherheit geht auf Kosten anderer.

- Nach innen gilt diese komfortable Sicherheit keineswegs für alle, und Prostituierte, wohnungslose Frauen oder illegalisierte Migranten haben sehr wenig oder keinen Anteil daran. Auch hier wird die Sicherheit einer Mehrheitsgesellschaft auf Kosten anderer hergestellt.

- Politisches oder individuelles Sicherheitshandeln steht immer in Gefahr, andere Grundgüter und –werte einzuschränken. Diese Einschränkung kann das beschädigen, was eigentlich geschützt werden soll: Menschen in ihrer Verletzbarkeit.

Aus dieser Situation erwächst eine besondere Verantwortung, insbesondere dort, wo die eigene Sicherheit durch die Unsicherheit anderer erkauft ist:

Sicherheit ist ungerecht, wenn sie erkauft ist durch die Unsicherheit der Armen, der Opfer von politischen und ökonomischen Stellvertreterkriegen, der Menschen, die »draußen« bleiben müssen – seien es die Bettler in den Fußgängerzonen der Städte oder die Migranten an den Grenzen Europas. Sicherheit ist ungerecht, wenn sie erkauft ist durch die Einschränkung von Privatheit und Freiheit, etwa dort, wo ein Staat durch neue Technologien seine Bürger komplett transparent zu machen versucht.

Sicherheit muss also über bisherige Grenzen hinweg geteilt werden; und Sicherheit muss klug begrenzt werden.

6. Gute Sicherheit herstellen


Das bedeutet: Es müssen »no-go-areas« für jedes Sicherheitshandeln markiert werden. Hier ist Kants kategorischer Imperativ hilfreich: Dort, wo Folter als »Rettungsfolter« verstanden wird; dort, wo ohne Anlass und Verdacht personenbezogene Daten über eine Vielzahl von Menschen aus deren unterschiedlichsten Lebensbereichen gesammelt und verknüpft werden; dort, wo um der Sicherheit willen die intimsten Bereiche mancher Menschen offengelegt werden; dort, wo nicht gefährliche, aber unangenehme Menschen exkludiert werden, damit andere sich sicherer fühlen – überall dort werden Menschen als Mittel zum Zweck benutzt. Überall dort kann eine solche Handlung nicht moralisch richtig sein.

In der europäischen Kunstgeschichte erscheint die Klugheit immer wieder als Figur an der Schnittstelle von »oben« und »unten«; sie ist auch die Gestalt mit zwei Gesichtern, deren eines nach unten, deren anderes nach oben schaut. Damit wird sie als diejenige Tugend gezeigt, die die moralischen Ideale aus dem »Himmel« auf die »Erde« bringt. Die Klugheit ist die Tugend der Konkretheit und der Perspektivität. Sie erfasst die konkreten Umstände in ihrer Besonderheit, das menschliche Leben mit seinen Grauzonen und Ambivalenzen, in seiner Endlichkeit.

Solche pragmatischen Imperative sind keine strengen Handlungsanweisungen wie stark normative Aussagen, sondern Empfehlungen und Hinweise zur Entscheidungsfindung. Ihnen haftet etwas Provisorisches an, denn sie gehen davon aus, dass es im Konkreten nicht ein »ein für allemal« und auch nicht ein »für alle ein für allemal«17 gibt. Ihr Ausgangspunkt ist der Versuch, Subjekt und Welt, Affekt und Vernunft nicht grundsätzlich getrennt, sondern in der Selbstorientierung des Subjekts verbunden zu sehen, dort, wo ein Mensch einen Richtungssinn für das Leben entwickelt, der das Leben als Ganzes, auch in seiner Endlichkeit in den Blick nimmt: »Es ist die Endlichkeit, die eine Person dazu macht, was sie ›eigentlich‹ ist«18.

Diese Sicherheit, die durch Klugheit erworben wird, ist keine Sekurität – denn das Streben nach Sekurität führt dazu, sich ständig neu und besser versichern zu müssen. Der Klugheit geht es um eine Sicherheit, »die sich der Angst und Sorge um die personale Existenz stellt und ihr nicht ausweicht«19. Sicherheit ist dann nicht Sekurität, die uns so unverletzbar wie möglich macht, sondern Certitudo, die uns als Verletzbare so sicher wie möglich hält.

7. Religion als Anleitung zur Verunsicherungskompetenz

Wir alle brauchen ein Grundmaß an Sicherheit, um in unserem Leben Handlungen planen, Kultur entwickeln, Gerechtigkeit verstärken und uns an Kindern freuen zu können. Zugleich aber brauchen wir genauso Unsicherheit in unserem Leben.

Zygmunt Bauman beschrieb kurz vor seinem Tod die »Kardinalsünde«, die Migranten in den Augen »Einheimischer« begehen: »Ihre Kardinalsünde, ihr unverzeihliches Vergehen besteht darin, ein Quell mentaler und praktischer Ratlosigkeit zu sein, die ihrerseits aus der Verunsicherung durch ihre mangelnde Verständlichkeit und Kategorisierbarkeit folgt (Verstehen bedeutet laut Wittgenstein bekanntlich, ›jetzt weiß ich weiter‹ sagen zu können).«20

Es ist also »unsere« Unsicherheit, die »wir« den »Anderen« nicht verzeihen. Es ist schwer, vielleicht sogar unmöglich, die antike securitas, die Seelenruhe und Unerschütterlichkeit, in moderne, verflüssigte Leben zu übertragen – zu komplex, zu schnell, zu unübersichtlich sind diese Leben geworden. Die Komplexität, Schnelligkeit und Unübersichtlichkeit selbst erzeugt schon Unsicherheit. Wird sie gesteigert durch all diejenigen, die »anders« sind, kann diese grundlegende Unsicherheit mit dem Herabwürdigen oder dem Ausschluss dieser jeweils »Anderen« bearbeitet werden.

Gerade in Kontexten des Glaubens kann Sicherheit anders gedeutet werden: Die Zusicherung eines grundlegenden Angenommenseins jedes Menschen macht frei. Sie macht frei dazu, sich verunsichern zu lassen, und aus dieser Verunsicherung Menschlichkeit zu lernen. Es ist nicht nötig, dem Fremden, Neuen oder Anderen mit Angst oder Ausgrenzung zu begegnen. Und damit ist es Zeit, Religion als Anleitung zur Verunsicherungskompetenz zu verstehen. Diese Verunsicherungskompetenz beruht nicht auf einer antiken securitas, aber auf einer certitudo, einer Gewissheit und einem grundlegenden Vertrauen. Das ist die Ausrüstung, um gegen Sicherheit, die durch die Unsicherheit anderer erkauft ist, vorzugehen und um zu erkennen, dass wir uns nicht immer mehr versichern müssen, sondern leben können.

Anmerkungen

1 Abraham Maslow, Motivation and Personality. New York 1954 (dt. Ausgabe: Motivation und Persönlichkeit. Reinbek b. Hamburg,121981.)
2 Wilhelm Heitmeyer, Deutsche Zustände. Folge 10, Berlin 2012.
3 Marcus Tullius Cicero, Tusculanae disputationes/Gespräche in Tusculum, Lateinisch/Deutsch. Übers. v. Ernst A. Kirfel. Stuttgart 2008, 5,42.
4 Heinrich Heine, Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland. In: Der Salon. Zweiter Band. Hamburg 1835, 80, online unter http://gutenberg.spiegel.de/buch/zur-geschichte-der-religion-und-philosophie-in-deutschland-378/1 .
5 Burkhard Weitz, Ein feste Burg ist unser Gott, in: Chrismon, 2.11.2016. online unter https://chrismon.evangelisch.de/artikel/2016/32838/ein-feste-burg-ist-unser-gott-kampfl ied-der-deutschen-oder-protest-gegen-irdische-gewalt .
6 Vgl. ebd.
7 Vgl. ebd.
8 Vgl. dazu Regina Ammicht Quinn: Sicherheitspraktiken und Säkularisierungsdiskurse: Versuch über Schutzmantelmadonnen, Körperscanner und die Notwendigkeit einer Sicherheitsethik, die auch verunsichert, in: Susanne Fischer – Carlo Masala (Hg.): Innere Sicherheit nach 9/11. Sicherheitsbedrohungen und (immer) neue Sicherheitsmaßnahmen. Wiesbaden 2016, 61–81.
9 Vgl. dazu Wolfgang Bonß: Vom Risiko. Unsicherheit und Ungewissheit in der Moderne, Hamburg 1995.
10 Shmuel Eisenstadt: Multiple Modernities, in: Daedalus (129), Cambridge 2000, 1–30.
11 Adalbert Evers – Helga Nowotny: Über den Umgang mit Unsicherheit. Die Entdeckung der Gestaltbarkeit von Gesellschaft, Frankfurt a. M. 1987.
12 Peter J. Burgess: Sicherheit als Ethik, in: Peter Zoche – Stefan Kaufmann – Harald Arnold (Hg.): Sichere Zeiten? Gesellschaftliche Dimensionen der Sicherheitsforschung. Berlin u. a. 2015, 33.
13 Ulrich Beck: From Industrial Society to the Risk Society: Questions of Survival, Social Structure and Ecological Enlightment in: Theory, Culture & Society 9 (1992) S. 97–123.
14 Vgl. dazu Regina Ammicht Quinn: Die Ethik Ziviler Sicherheit, in: Christoph Gusy – Dieter Kugelmann – Thomas Würtenberger (Hg.): Rechtshandbuch Zivile Sicherheit, Berlin/Heidelberg 2017, 23–54.
15 Peter J. Burgess: The Ethical Subject of Security. Geopolitical Reason and the Threat against Europe, New York 2011, 13.
16 Vgl. Zygmunt Bauman: Wir Lebenskünstler, Frankfurt a. M. 2009.
17 Andreas Luckner: Klugheit, Berlin/New York 2005, 168.
18 Ebd., 170.
19 Ebd., 172.
20 Zygmunt Bauman: Symptome auf ihrer Suche nach ihrem Namen und ihrem Ursprung, in: Heinrich Geiselberger (Hg.), Die große Regression. Eine internationale Debatte über die geistige Situation der Zeit, Berlin 2017 37–56, 37.

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