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Leseprobe 3 DOI: 10.14623/con.2018.1.52-59
José M. de Mesa
Linguistische Dominanz in der Theologie
Die Dominanz der englischen Sprache: Eine persönliche Erfahrung

Als ich einmal in einem Buchgeschäft war, verbot mir dort eine Verkäuferin, mich umzusehen. Ich erklärte ihr in unserer philippinischen Sprache, dass ich ein Professor an der hiesigen Universität sei und lediglich einige Bücher heraussuchen wollte, die ich der Universitätsbibliothek empfehlen konnte. Als sie darauf bestand, dass ihr Verbot der Politik des Geschäfts entsprach, entschloss ich mich dazu, ein Gespräch mit dem Geschäftsführer zu verlangen. Um intelligent und zur Oberschicht gehörig zu wirken, spricht man auf den Philippinen Englisch. Wahrscheinlich habe ich daher unbewusst zur englischen Sprache gewechselt, als er auftauchte. Ich erklärte ihm in Englisch, was ich tat. Und er antwortete prompt: »Oh ja, mein Herr, das können Sie sehr gerne tun.« Das zeigt, dass Englisch immer noch eine große Macht über unsere eigene philippinische Sprache hat, die auf der Kolonialisierung beruht, die zu einem früheren Zeitpunkt unserer Geschichte geschehen war.1 In der breiten Gesellschaft bedeutet »der enorme Einfluss des Englischen als Statussprache, dass kaum ein Austausch zwischen der gesellschaftlichen Kluft« der Sprecher der philippinischen Sprache und der englischsprechenden Menschen stattfindet.2 In genau diesem Moment wurde ich sowohl zum Opfer als auch zum Täter, ein kolonialisierter Geist, der die Sprache unserer Kolonialisierer nutzte.3

Die Auswirkungen der spanischen und amerikanischen Kolonialisierung

Vor dem Hintergrund der einflussreichen Eroberungsmächte, die uns ungefähr dreihundertfünfzig Jahre lang durch die spanische Herrschaft und fünfzig Jahre lang durch die amerikanische Herrschaft unterdrückten und eine Schwächung unserer Kultur sowie eine psychologisch vernichtende Erfahrung nach sich zogen, bin ich immer noch durch die anhaltenden Auswirkungen dieser historischen Ereignisse beeinflusst, insbesondere in meinem Bewusstsein als ein philippinischer Theologe mit westlicher Ausbildung. Ich war mir nur nicht der Weite und Tiefe des kolonialen Einflusses bewusst und wie dessen Langzeitwirkungen einzuschätzen sind.

Sowohl Spanien als auch die Vereinigten Staaten von Amerika haben unverfroren ihre Sprache als ein Instrument der Unterdrückung eingesetzt. Beide haben die philippinische Sprache und die philippinische Weltanschauung in den Hintergrund gedrängt und es der Bevölkerung schwergemacht, in ihrer eigenen Sprache zu denken und über sie nachzudenken. Spanien drängte unsere einheimische Sprache erfolgreich zurück und wertete sie ab, indem es sie als unverständlich und unbrauchbar klassifizierte. Spanisch wurde zu dieser Zeit als die zivilisierte Sprache angesehen, die vom Lateinischen abstammte und als effektives Hilfsmittel bei der Eroberung genutzt wurde. Im 19. Jahrhundert setzten die »gütigen, uns anpassenden« Amerikaner Englisch ein, indem sie im Zuge der militärischen Eroberung die Leitung über die Schulen übernahmen und uns ihre Kultur durch den Einsatz der englischen Sprache aufzwangen.

Sprache als Widerspruch

Wenn Sprache die Menschen dazu befähigt, zu denken, dann ist es sehr schwierig, dies in einer Sprache auszuführen, die stigmatisiert und ausgegrenzt wurde. Ich habe diese Erfahrung selbst gemacht, als ich mich darum bemühte, die philippinische Sprache in meiner theologischen Arbeit einzusetzen. Was tun Menschen, wenn sie an den Punkt gelangen, an dem sie realisieren, dass ihnen ein kolonialisierter Geist innewohnt? Ist es wahr, dass sie dazu neigen, sich leichter, aber nicht unbedingt aussagekräftiger, in einer fremden Sprache auszudrücken als in ihrer eigenen Sprache? Entspringen ihre Überlegungen zum Glauben ihrem verfremdeten Geist oder doch eher ihrem angeborenen Bewusstsein?

Sprache ist zu etwas Widersprüchlichem geworden. Bis heute sucht die philippinische Sprache ihre Geltung als Mittel zur theologischen Kommunikation. Im Großen und Ganzen ist es nicht leicht und praktikabel, theologische Themen zu vermitteln. Vorlesungen, gedruckte Dokumentationen, Gespräche, Konferenzen, Studien, Forschungen und amtliche Mitteilungen werden im theologischen Betrieb gemeinhin in englischer Sprache durchgeführt. Man kann in Filipino Theologie treiben und damit ein kleines, aber kulturell gut vorbereitetes Publikum erreichen, oder man kann dies in Englisch tun und eine größere oder gar internationale Leserschaft ansprechen. Es ist davon auszugehen, dass der fortgesetzte Gebrauch der englischen Sprache in theologischen Angelegenheiten dazu führt, dass das Potenzial der lokalen Sprache, tiefe Empfindungen auszudrücken, verringert wird. Wenn man jedoch Sprache als grundlegendes Sinnbild betrachtet, »vielleicht das grundlegendste und wichtigste Sinnbild, das unser Bewusstsein prägt«, könnten weitere Sinnbilder hinzukommen, »um dazu beizutragen, darüber hinauszugehen und sogar das Verständnis herauszufordern, das mit unserer einheimischen Sprache verbunden ist. Denn Sprache bleibt das beherrschendste und mächtigste Medium, um menschliche Erfahrungen zu vermitteln und miteinander zu teilen.«4

Westliche theologische Ausbildung

Meine theologische Ausbildung war größtenteils westlich geprägt, sowohl in ihrer Ausrichtung als auch in den Inhalten. Wie ein Europäer oder Amerikaner zu denken, wurde als Denken auf hohem Niveau betrachtet. Mir wurde beigebracht, die Gedanken der westlichen Theologen als meine eigenen anzusehen. Die Kurse, die ich belegte, wurden meist von Auswanderern oder Filipinos, die im Westen ausgebildet worden waren, geleitet. Von den Grundkursen bis zu den fortgeschrittenen Kursen meiner Fachrichtung wurden mir gezielt die Methoden der westlichen Theologen vermittelt, ebenso wie die theologischen Fragestellungen und Antworten, die damit einhergingen. Die Literatur, die ich zu meinen Studienzwecken verwendete, war von westlichen Theologen verfasst worden, und ich übernahm diese teilweise für mein philippinisches Umfeld und passte sie diesem an. In meinem Geist waren westliche Theologiekonzepte und Fragestellungen fest verankert.

Manchmal glaube ich aber, dass dieser Denkprozess viel subtiler verlief, eine Erkenntnis, die eher aus meiner heutigen Nachbetrachtung als aus damaliger Voraussicht resultiert. Erst nach Jahren der gezielten Bemühungen, ganz gezielt wie ein Filipino zu denken, wurde mir klar, dass ich schrittweise und sehr erfolgreich gelehrt worden war, wie ein westlicher Theologe zu denken. Ich war mir der steuernden Macht der englischen Sprache auf meine Gedanken nicht bewusst, und meine so beeinflussten Gedanken spiegelten sich auch in meinen Gefühlen zu meiner Kultur. Im Laufe der Jahre habe ich viel unterrichtet und geforscht, und dadurch ist mir klargeworden, wie diese Beeinflussung ganz unauffällig zur Stigmatisierung der philippinischen Kultur, die als »minderwertig« und »nicht gut« angesehen wird, beigetragen hat. Die alltägliche Auseinandersetzung mit der westlichen Theologie hat zu einem inhärenten Verlust unseres Selbstvertrauens und Stolzes über unsere Kultur geführt. Diese kolonialisierte Mentalität hat sich im Laufe von vier Jahrhunderten nach und nach entwickelt, und langsam, aber sicher haben wir unseren Widersacher tief in uns verinnerlicht. Er wurde fest in unserem Bewusstsein verankert. Und daraus resultierten negative Gefühle gegenüber unserer eigenen Kultur.

Vielleicht geht es mir nicht so wie anderen glücklichen Menschen, die der Meinung sind, dass die Auswirkungen der Kolonialisierung mittlerweile vorüber sind und davon überzeugt sind, dass wir in dieser postkolonialen Zeit voranschreiten müssen, indem wir Gras über die Schmerzen und Probleme der Vergangenheit wachsen lassen sollten. Ich bin ein Mensch, der durch die westliche Theologie und Theologisierung behindert wurde, obwohl ich natürlich auch viel von ihr gelernt habe. Das, was ich ausdrücke, ist meine persönliche Einstellung, obwohl mir bewusst ist, dass diese sehr persönliche Sicht, von der ich dachte, dass sie nur auf mich anwendbar ist, eventuell auch in anderen Menschen Nachhall findet.5

Ich erkenne bereitwillig den Wert der englischen Sprache an. Sie ist eine der am weitesten verbreiteten Sprachen im internationalen theologischen Austausch. Dennoch kann und sollte sie nicht als Behinderung einheimischen Denkens dienen. »Wir Asiaten setzen Englisch professionell zum Theologisieren ein, Englisch ist die Sprache, in der die meisten von uns denken, lesen und beten«, sagt Aloysius Pieris. »Die theologische Rolle der Sprache in einem »Kontinent voller Sprachen« ist stark unterschätzt worden, und unsere hartnäckige Weigerung, unsere eigenen Redensarten hinzuzuziehen oder sich gar mit dem eigenen kulturellen Erbe vertraut zu machen, wird eines der größten Hindernisse auf dem Weg der Entdeckung einer wahrhaft asiatischen Theologie sein.«6 Dies bedeutet nicht, dass wir die westliche Theologie in Asien abschaffen sollten. Doch es entspricht der Einstellung, wie wir sie in den Worten finden, die von Mahatma Gandhi überliefert sind: »Ich will mein Haus nicht von allen Seiten zumauern, und ich will auch meine Fenster nicht zustopfen. Ich will, dass die Kulturen aller Länder ohne jedwedes Hindernis in mein Haus hereinwehen. Aber ich lasse mich von keiner Kultur so stark beeinflussen, dass ich meine eigene vergesse.«

Da ich darauf konditioniert wurde, in westlichen theologischen Kategorien zu denken, war es nicht leicht, sich von diesen zu lösen. Das war der Punkt, an dem ich den nachklingenden, doch beharrlichen Einfluss der vergangenen Kolonialisierung in meinem Geist deutlich spürte. Die Bemühungen, einer philippinischen Interpretation des Evangeliums in philippinischer Sprache Ausdruck zu verleihen, haben sich als große Herausforderung erwiesen. Meine Ansätze, die ich diesbezüglich gestartet hatte, beschränkten sich später auf mehr oder weniger wortwörtliche Übersetzungen der westlichen Auslegungen, wenn sie auch zeitgemäßer waren. Es war viel schwieriger, als ich gedacht hatte, die vererbten kulturellen Ausdrucksformen des Glaubens mit diesem Sinnzusammenhang in Beziehung setzen.

Neuinterpretation aus philippinischer Perspektive

Ein deutliches Beispiel für meine bisherigen Ausführungen war meine Neuinterpretation der Gottesfrage im Kontext des menschlichen Leids, hier im Speziellen die Frage nach dem Willen Gottes. Ich begann, dies zu überdenken, als ich mir die Situation des Landes bewusstmachte und zwar auf die Art, wie die Kultur diese erfahren und in philippinischer Sprache ausgedrückt hatte. Anders ausgedrückt geschah dies, als ich begann, in Filipino statt in Englisch zu denken. Die Philippinen werden regelmäßig von Naturkatastrophen heimgesucht und sind zusätzlich von enormer Armut und Leid betroffen, beides menschengemacht durch eine inhumane Behandlung der Einwohner und der Umwelt. Die traditionelle, weit verbreitete philippinische Sichtweise besagt, dass alles, was passiert, sei es segensreich oder zerstörerisch, dem Willen Gottes unterliegt.7 Doch sind diese Dinge wirklich der Wille Gottes? Die tridentinische Theologie des 16. Jahrhunderts, die von vielen Katholiken noch aufrechterhalten wird, untermauert und legitimiert dieses tief verwurzelte kulturelle Verständnis Gottes noch, statt es infrage zu stellen. Der »Katechismus nach dem Beschlusse des Konzils von Trient für die Pfarrer« spricht von Unterwerfung unter den göttlichen Willen in allen Dingen und ermahnt die Katholiken zu Folgendem: »Schließlich muss man noch wissen: wenn wir trotz unsrer Gebete und Seufzer nicht von den Übeln befreit werden, so müssen wir das, was uns drückt, geduldig ertragen, indem wir bedenken, es gefalle der göttlichen Majestät, dass wir geduldig leiden. Es ist daher keineswegs recht, uns zu entrüsten oder zu betrüben, dass Gott unsre Gebete nicht erhört; man muss vielmehr alles seinem Wink und Willen überlassen in der Überzeugung, das sei nützlich, das sei heilsam, was nach Gottes Wohlgefallen, nicht aber was nach unserm Gutdünken ist.«8

Das wichtigste und am häufigsten gebrauchte philippinische Wort für »Wille« ist loób. Dieses Wort hat ein breites Bedeutungsspektrum, das viel mehr beinhaltet als die neuscholastische Bedeutung des Willens. Der Wille ist nur eine der Eigenschaften des menschlichen Wesens. Zu ihm kommen Erkenntnis und Leidenschaft. Diese drei werden voneinander getrennt behandelt.9 Die christliche Antwort an Gott lautet »fiat voluntas tua« (Dein Wille geschehe), und hier beschwört die lateinische Sprache hauptsächlich den Begriff des Willens. Im Gegensatz dazu vereint loób die gesamte Person mit ihrem Willen, ihrer Erkenntnis und ihrer Leidenschaft; diese sind gleichzeitig und untrennbar im Menschen als ein ganzheitliches Echo eingeschlossen.

Die Frage wandelt sich also zu »ist dies wirklich Gottes loób, also Gottes relationales Selbst?« Es ist die gleiche Frage wie »an welche Art von Gott glauben die Christen?« Bei meiner Suche nach der Antwort auf diese Fragen wurde ich von der jüdisch-christlichen Tradition geleitet, dass Gott Agape ist. So erkannte ich, dass in der Kultur des kagandahang-loób Gottes Wille und Gottes Charakter (Gottes Natur) in diesen beiden Fragen eng miteinander verwoben waren.

Das philippinische loób ist das authentischste relationale Selbst der gesamten Person. Gottes Wille ist also das relationale Gottes loób. Gut und liebevoll zu sein bedeutet, kagandahang-loób zu manifestieren. Im Gegensatz dazu hat ein Mensch, wenn er von »bösem Willen« oder grausam ist, masamang loób. Der Ausdruck kagandahang-loób setzt sich aus zwei Begriffen zusammen: loób und ganda. Dieser Ausdruck ist eines der am nächsten verwandten Worte zu loób. Loób bedeutet wörtlich »das Inneliegende« und bezieht sich auf den Wesenskern eines Menschen und das authentischste innere Selbst der Filipinos. Es wird darüber hinaus als die Organisationszentrale der menschlichen Wirklichkeit angesehen und als die Quelle unserer Gefühle, Gedanken und unseres Verhaltens.

Ganda bedeutet einfach Schönheit mit einem Hauch von Charme. Es verbindet das, was ethisch gut ist, miteinander, mehr noch, auch das, was liebenswert gut ist. In Filipino sagen wir »Magandang umaga« (Mögest du einen guten und zauberhaften Morgen haben) im Gegensatz zum Englischen »Good morning« oder dem Deutschen »Guten Morgen«, die wörtlich unserem »mabuting umaga« entsprechen.10 Die Begrüßung in unserer Landessprache beinhaltet ein Element, das mehr als »gut« ist, das über dem Guten steht. Es ist etwas, das sich bei jemandem beliebt macht, begeistert, anzieht, entzückt, verzaubert, fasziniert und für sich gewinnt. Die philippinische Kultur ist mit einer Schönheit, die oberflächlich und sogar trügerisch ist, gut bekannt. Doch mit dem Begriff kagandahang- loób bezeichnet sie eine Schönheit, die tief aus dem innersten Selbst entspringt und die nicht nur ethisch gut, sondern auch liebenswert gut ist.

Diese Entdeckung führt uns näher an das Allerheiligste unserer Kultur. Das essenzielle relationale Konzept, kagandahang-loób, bezieht sich offenbar auf Herzensgüte, Wohlwollen, Mildtätigkeit und Güte (als eine konkrete Handlung).11 Wenn wir verstehen, dass der Begriff loób eine Bedeutung hervorbringt, die mit »Natur« gleichzusetzen ist, wird deutlich, dass es hierbei nicht einfach nur um die Qualität der Relation, sondern um die dauerhafte Qualität des relationalen Menschseins geht. Kagandahang-loób ist dann nicht mehr nur eine positive Handlung in Bezug auf andere, es ist die Manifestation dessen, was ein Mensch wirklich ist, was man aus seinen konkreten relationalen Handlungen ersehen kann. Kagandahang-loób wird als die höchste Tugend angesehen und ist das größte, wenn auch sehr selten ausgesprochene, Kompliment, das man einem Filipino machen kann.

Bezogen auf den Gott in Jesus Christus ist das grundlegende kagandahang-loób Gott. Dazu passend wird Jesus als »der gute Hirte« bezeichnet. Tatsächlich ist die Übersetzung aus dem Griechischen als ein »Hirte mit einem magandang kaloóban« – ho poimen ho kalós – (Joh. 10,11 »Ich bin der gute Hirte; der gute Hirte gibt sein Leben hin für die Schafe.«) passender. Was kagandahang-loób tut, ist Tinatao (mit anderen Menschen umgehen und diese mit Menschwürde behandeln). Dies bezieht sich auf eine Güte, die mitreißend und warm ist, eine Freundlichkeit, die nicht versklavt, sondern befreit.

Welche Art loób ist also Gottes loób? Das unergründliche loób Gottes wird gänzlich durch maganda charakterisiert. Dies hat mich erkennen lassen, wie vollkommen schön und überwältigend gut Gottes Selbst gegenüber uns Menschen ist. In den Worten Edward Schillebeeckxs ist Gott »reine Positivität«.12 Der Wille dieses Gottes kann in keinster Weise das menschliche Leiden sein! An diesem Punkt meines Bewusstseins hatte ich das kagandahang-loób Gottes aus der philippinischen Kultur verinnerlicht. Gleichzeitig wurde ich der Weisheit und des Genies dieser Kultur durch ihre Metaphern loób und kagandahang-loób gewahr.

Erst als ich ganz konkret das Vorhaben anging, Gottes Wille und die Frage, an welche Art von Gott die Christen glauben, einer Neuinterpretation zu unterziehen, stellte ich fest, dass unsere Kultur ein Führer war, dem ich auf diesem Weg folgen konnte, wenn ich es nur zuließ. Der Grund dafür war folgender: Als ich die philippinische Sprache benutzte, um mich mit philippinischen Problemen zu beschäftigen, und mir kulturelle Traditionen zunutze machte sowie den lokalen kulturellen Gedankenstrukturen folgte, außerdem die vorhandene einheimische Sprache einsetzte und mich der lokalen Kulturkonzepte in Bezug auf spezielle Belange der Philippinen bediente, »fühlte« ich (was bedeutet, dass ich es tief empfand) die Güte Gottes und wurde von Gottes Schönheit, ang maganda, angezogen. Ich war nicht mehr länger ausschließlich auf geistiger Ebene daran interessiert. Ich war persönlich berührt von einer solch inkulturierten Interpretation dessen, wer Gott ist – wer Gott in seiner Beziehung zu uns ist –, berührt durch Christus, wie ich ihn in unserer Kultur und durch unsere Kultur erfahren hatte.

Ich erinnere mich noch gut an meine Reaktion in diesem Moment, ich sagte zu mir selbst: »Ang ganda … (wie wunderschön)!«, was auf Gott bezogen war, auf Gottes relationalen Willen (loób) und auf das Evangelium, das diesen verkündet. Ich war zu dieser Zeit überwältigt von einem Gefühl, dass etwas Größeres als ich selbst involviert war, etwas so Großes, das ich nicht greifen, nicht erklären konnte, etwas, das wie ein Geschenk war, das mir von etwas außerhalb meines Selbst gegeben worden war. Das war für mich ein »Schlüsselerlebnis«, das die Art, wie ich Kultur und meine theologische Arbeit künftig betrachten würde, maßgeblich beeinflusste.13 Ich durfte die »stets alte und immer neue Schönheit« erfahren. Indem ich »das Heilige« in und durch den »brennenden Busch« der Kultur erlebte, änderte sich mein Empfinden gegenüber dem Evangelium und meiner Kultur zu einer tiefen Wertschätzung. Es war, als ob ich, wie Elijah im Buch der Könige (1.Könige 19, 9–13), Gott weder in dem starken, heftigen Sturm noch in dem Erdbeben noch im Feuer erkannt hatte, doch ihn in dem sanften, leisen Säuseln spürte, in dem leisen (gedemütigten) Flüstern meiner eigenen unterdrückten Kultur und Sprache. Ich habe begriffen, dass ich mit der Rückkehr zu meinem authentischen kulturellen Selbst, mit meiner Rückbesinnung auf meine einheimische Muttersprache, auch zum Herzen des Evangeliums zurückkehrte, zurück zu Gott, der Agape ist.14

Anmerkungen

1 Vgl. Teodoro A. Agoncillo: History of the Filipino People (Quezon City: GAROTECH Publishing, 1990)
2 Vgl. Melba Padilla Maggay: Understanding Ambiguity in Filipino Communication Patterns (Quezon City: Institute for Studies in Asian Church and Culture, 1999), 35
3 »Erinnern und Versöhnen« der Internationalen theologischen Kommission erinnert uns daran, dass »sich die Sünden aus der Vergangenheit in ihren Konsequenzen bis zum heutigen Tag belastend auswirken und auch in der Gegenwart eine Versuchung darstellen können«, http://www.vatican.va/roman_curia/congregations/cfaith/cti_ documents/rc_con_cfaith_doc_20000307_memory-reconc-itc_ge.html
4 Vgl. Bernard Cooke: Sacraments and Sacramentality (Mystic, Connecticut: Twenty- Third Publications, 1983), 45
5 Vgl. Melba Padilla Maggay: A Clash of Cultures: Early American Protestant Missions and Filipino Religious Consciousness (Manila: Anvil, 2011)
6 Vgl. Aloysius Pieris, S.J.: Towards an Asian Theology of Liberation, The Month (May, 1979), 149
7 Vgl. Jose M. de Mesa: And God Said, »Bahala Na!«: The Theme of Providence in the Lowland Filipino Context (Quezon City: Maryhill School of Theology, 1979), S. 81–92. Der Taifun Haiyan, welcher der tödlichste jemals verzeichnete Sturm auf den Philippinen war und mindestens 10.000 Menschenleben forderte, ist ein gutes Beispiel für diesen Glauben. Ein örtlicher Priester, der bei den Toten stand und gefragt wurde, ob dies der Wille Gottes gewesen sei, antwortete: »Aber dies ist keine Strafe Gottes. Ich habe ihnen gesagt, dass Gott uns immer noch liebt. Denn Gott ist ein barmherziger Gott, der uns nicht aufgeben wird.« http://newsinfo.inquirer.net/529181/faith-stronger-thanstorm#ixzz2l0d7nPnr
8 Vgl. »Katechismus nach dem Beschlusse des Konzils von Trient für die Pfarrer«, http://www.kathpedia.com/index.php?title=Catechismus_Romanus
9 Vgl. Bernard Wuellner: A Dictionary of Scholastic Philosophy (Milwaukee: The Bruce Publishing Company, 1966)
10 Malakas at Maganda sind der erste Mann und die erste Frau im philippinischen Schöpfungsmythos.
11 Vgl. Albert Alejo, S.J.: Tao Po! Tuloy!: Isang Landas ng Pag-unawa sa Loób ng Tao (Quezon City: Office of Research and Publication, Ateneo de Manila University, 1990), 138
12 Edward Schillebeeckx: Menschen. Die Geschichte von Gott (Freiburg, Herder 1990), 132
13 Das Erleben von Gott ist sowohl der Beginn als auch das Ende allen Theologisierens. Wenn der kulturelle Ansatz inmitten der Kolonialerfahrung dazu gedient hat, dies zu ermöglichen, war diese Herangehensweise genau richtig.
14 Elizabeth Johnson: Quest for the Living God: Mapping Frontiers in the Theology of God (New York: Continuum, 2008), 222

Aus dem Englischen übersetzt von Simone Fischer

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