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Leseprobe 1 DOI: 10.14623/con.2018.1.7-18
Felix Wilfred
Asiatische Formen des Christentums und Theologien aus der Perspektive des Postkolonialismus
Es gibt die übliche Standardversion der Darstellung des Christentums in Asien. Dabei geht es um Themen wie Missionsgeschichte, Inkulturation, die Föderation der asiatischen Bischofskonferenzen, Ortskirche, Befreiung, interreligiöser Dialog, usw. Es gibt Fragestellungen und Themenstellungen, in denen das asiatische Christentum vorkommt, und dieses wurde zum Anlass einer Menge von Ver öffentlichungen und Doktorarbeiten. Im Gegensatz dazu soll hier der Versuch unternommen werden, das asiatische Christentum aus einer ganz anderen Per spektive in den Blick zu nehmen, und zwar tatsächlich durch die Brille postkolonialer Theorien.

I. Ein Slogan


Ich möchte gerne mit einer ersten Lektion zu Postkolonialismus beginnen. Vor mehr als fünfzig Jahren wurde ich als siebzehnjähriger Student in Italien bei einem Besuch in London während des Sommers Augenzeuge einer Demonstration indischer Immigranten gegen Rassendiskriminierung. Ich sah eine junge indische Frau mit einem Schild, auf dem geschrieben stand: »Wir sind hier, weil ihr dort wart!« Kolonialismus ist tatsächlich ein Weg, der in beide Richtungen verläuft und sowohl die Kolonisierten als auch die Kolonialherren betrifft. Dieser Funke wurde bereits damals in mir entfacht. Es bedurfte vieler weiterer Jahre, bis ich die tieferen postkolonialen Schlussfolgerungen dieses Slogans auf dem Schild verstand. Kolonialismus ist wie die indische Theorie vom Karma. Jede unserer Handlungen erzeugt Wellen und Schwingungen, die anhalten, und daraus gibt es kein Entkommen.

II. Eine Warnung: Überstürzte Beerdigung des Kolonialismus


Es gibt die Tendenz, sich mit dem gegenwärtigen Christentum zu befassen und dabei die Kolonialgeschichte sowie deren Verknüpfungen mit der Mission herunterzuspielen. Warum sollte man denn die vergangene Kolonialgeschichte durchkauen, warum nicht direkt zum Glauben und zur Theologie unserer Zeit übergehen? Hier versäumt man es, die Erosion zur Kenntnis zu nehmen, die die Kolonialisierung im Leben der Menschen angerichtet hat, und die Verzerrungen in den Blick zu nehmen, die es im Verständnis der christlichen Frohbotschaft und in dessen praktischer Umsetzung verursacht hat. Der Postkolonialismus mit seiner theoretischen Aufarbeitung hat seine Bedeutung darin, dass er uns daran erinnert, dass das Erbe der kolonialen Vergangenheit immer noch im gegenwärtigen Leben und in der Geschichte der Völker Asiens und darüber hinaus in Afrika und Lateinamerika aktiv am Werk ist. Man kann sich dieses Erbe nicht wegwünschen, man muss vielmehr die Art und Weise analysieren, in der der Kolonialismus immer noch die theologischen, epistemologischen und hermeneutischen Denkmuster beeinflusst. Koloniale Erfahrungen und die Mission in der Vergangenheit haben so unauslöschliche Spuren hinterlassen, dass die Entwicklung irgendeiner asiatischen Theologie nicht möglich ist, ohne damit klarzukommen.

Wir wenden uns dem Postkolonialismus zu, um die Theologie zu entkolonisieren und zu erkunden, wie und in welchem Maße er uns dabei helfen kann, eine asiatische Theologie und Pastoral heute zu entwickeln. Der Dialog mit dem Postkolonialismus könnte die Kreativität der verschiedenen Formen asiatischer Theologien stärken. Leider wurde sehr wenig unternommen, um missionarische Diskurse, Praktiken und Machtstrukturen zu dekonstruieren. Genau dies ist aber eine wichtige Voraussetzung für asiatische Theologien.

III. Dekonstruktion der eurozentrischen Sicht des asiatischen Christentums und Anerkennung seiner Einzigartigkeit und Wirkkraft


Die Dekonstruktion der üblichen Darstellungsweisen und Interpretationsmuster war einer der wichtigsten Beiträge postkolonialer Theorien. Sie findet bei der Erforschung asiatischer Formen des Christentums und ihrer Theologien gleichermaßen Anwendung.

Ich möchte mit dem Fallbeispiel der Interpretation der Bedeutung des Zweiten Vatikanischen Konzils beginnen. Karl Rahner erkannte in seinem breit rezipierten Aufsatz Theologische Grundinterpretation des II. Vatikanischen Konzils die bleibende Bedeutung dieses Ereignisses darin, dass die Kirche zum ersten Mal wirklich katholisch und universal geworden ist. Wenn man heute behauptet, dass die Kirche durch das Zweite Vatikanische Konzil universal geworden ist, dann heißt das, dass man die Tatsache ignoriert, dass sich das Christentum lange vor der Bekehrung vieler Länder und Völker im Westen in Persien, Indien, China und Zentralasien entlang der Seidenstraße verbreitet hat, wo es blühende Gemeinden von Christen gab. So bezeugt zum Beispiel die während der Tang-Dynastie 781 in Sian, der Hauptstadt des damaligen chinesischen Imperiums, errichtete Stele die Präsenz aktiver christlicher Gemeinden während eines langen Zeitraums. Die Stele enthält Texte in chinesischer wie in aramäischer Sprache. Die christlichen Gemeinden in Indien, die als Thomas-Christen bekannt sind, haben ihren Ursprung sogar noch in früheren Zeiten und gehen mindestens ins dritte Jahrhundert und in apostolische Zeit zurück. Wir können nicht das außer Acht lassen, was als die Kirche des Ostens mit antiken Wurzeln bekannt ist, wenn wir von der Universalität der Kirche sprechen. Eurozentrismus setzt – oftmals unabsichtlich – die Universalität der Kirche mit der Ausbreitung des abendländischen lateinischen Patriarchats Roms gleich, und selbst Karl Rahner scheint von dieser Mentalität nicht frei zu sein.

Abgesehen vom Fehlen dieser historischen Perspektive scheint Rahners Position die Bedeutung des Zweiten Vatikanischen Konzils auf die Ekklesiologie zu reduzieren. Für Asiaten ist es eine allzu eingeschränkte Perspektive, das Zweite Vatikanische Konzil von der nun wirklich universal werdenden Ecclesia her zu betrachten. Das bedeutendste Ergebnis des Konzils ist für Asiaten vielmehr dessen Auffassung, dass die Offenbarung und Selbstmitteilung Gottes wahrhaftig von katholischer oder universaler Reichweite innerhalb des umfassenderen Bezugsrahmens einer einzigen Heilsgeschichte ist. Asiatische Christen haben dem Ansatz und der Orientierung des Zweiten Vatikanischen Konzils hinsichtlich Gottes Schöpfung, Offenbarung und seiner Beziehung zur ganzen Menschheit große Aufmerksamkeit geschenkt. Und das ist ein zentraler Punkt für die Rezeption des Zweiten Vatikanischen Konzils in Asien. Darin verdichten sich viele Erfahrungen, und insbesondere hilft es den Asiaten, Millionen ihrer Nachbarn anderen Glaubens als Teil von Gottes einzigem und inklusivem Heilsplan zu sehen.

Die hitzige Debatte über die Deutung des Zweiten Vatikanischen Konzils seit der Synode des Jahres 1985, die darüber geführt wurde, ob es sich um eine Kontinuität oder einen Bruch mit der Tradition handelte, hat in den asiatischen Kirchen gar keine Aufregung verursacht. Asiatische Christen haben gelernt, das Zweite Vatikanische Konzil von ihrer Lebenserfahrung her in einem Asien mit vielen Kulturen und einem religiösen Pluralismus zu deuten. Sie haben in der Tat eine »Hermeneutik der Distanzierung« in die Praxis umgesetzt. Für Asiaten ist das Zweite Vatikanische Konzil ein nicht abgeschlossener Text, der im Licht der Themen und Fragen zu deuten ist, mit denen sie auf dem Kontinent konfrontiert sind. Es stellt keinen Text dar, dessen Bedeutung auf das beschränkt ist, was die Konzilsväter selbst gedacht haben, und die dann einfach durch die minutiöse Arbeit der historischen Exegese zu erheben wäre. Asiatische christliche Denker sind sich dessen bewusst, dass das Konzil nicht all die Antworten auf ihre Fragen und Probleme heute liefern konnte, und das beunruhigt sie nicht weiter. Denn das Zweite Vatikanische Konzil bleibt für die Asiaten ein Ausgangspunkt eines Weges, und zwar eines Weges, den sie selbst gehen sollten. Mehr als die einzelnen Texte sind es der Geist und die Grundausrichtung des Konzils insgesamt, die für die asiatischen Kirchen zählen, wenn es darum geht, im Gespräch mit ihren jeweiligen Kontexten ihre Zukunft zu gestalten. [...]


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