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Leseprobe 3 DOI: 10.14623/con.2017.5.575-581
Mayra Rivera
Poetik des Überlebens
Edwidge Danticat berichtet in ihrem Essay »Create Dangerously« über die öffentliche Hinrichtung zweier junger Männer – Marcel Numa und Louis Drouin –, die für ihre Teilnahme an dem Guerillakrieg, der die Duvalier-Diktatur stürzen sollte, zum Tode verurteilt wurden. »Alle Künstler, darunter auch Autoren, kennen verschiedene Geschichten, die man auch als Schöpfungsmythen bezeichnen könnte, die sie heimsuchen und verfolgen.« Die Hinrichtung der beiden Männer ist für Danticat eine solche Geschichte. Und dennoch wird ihre Erzählung dieser Geschichte von anderen, alltäglicheren Geschichten begleitet, die von der Kreativität der karibischen Menschen berichten. Zur Zeit der Hinrichtung verkleideten sich junge Menschen mit weißen Laken, um im Geheimen Camus’ Stück Caligula aufzuführen. Andere riskierten ihr Leben, indem sie potenziell staatsgefährdende Bücher lasen und schrieben. Ihre Handlungen mögen vor dem Hintergrund der politischen Unterdrückung und Gewalt unnötig und verantwortungslos scheinen, doch genau wegen dieses Zusammenhangs waren ihre Taten so unglaublich wichtig. Danticat erklärt dies so: »Sie brauchten die Kunst, denn diese überzeugte sie davon, dass sie nicht sterben würden … Sie mussten darin bestätigt werden, dass immer noch Worte ausgesprochen, Geschichten erzählt und weitergegeben werden konnten.« Diese Verknüpfung von Kunst und Überleben prägt die Werke vieler karibischer Schriftsteller, die mein Verständnis des Begriffs »Poetik« maßgeblich beeinflusst haben.

In meinem Buch »Poetics of the Flesh« erläutere ich meinen Ansatz, wie »Poetik« zu lesen und zu schreiben ist, um auf analytische Empfindungen anzuspielen, die mit dem Begriff der »Philosophie«, wie er in aktuellen wissenschaftlichen Arbeiten verwendet wird, vielleicht untergehen würden. Die Poetik beschreibt die Idee, sich auf Texte einzulassen, indem man sich aufmerksam ihrer besonderen Metaphern und ihrer phantasievollen Dimensionen widmet und sie in einer Art analysiert, die die affektive Dimension allen Wissens würdigt. Mich interessierten hierbei besonders die Kreativtechniken, die danach streben, den gefährlichen sozialen Vorstellungen des Körpers entgegenzuwirken, indem unser Körper mit anderen Empfindungen und anderen Möglichkeiten vorgestellt und in Worte gefasst wird – in dem Glauben, dass positive Worte auch Fleisch werden können. Mein Schwerpunkt lag auf den Praktiken der Poetik, die all den zugefügten Verletzungen, schwierigen Gewissheiten und heraufbeschworenen neuen Möglichkeiten eine Stimme gaben. Dies ist im weitesten Sinne auch »Poetik«, denn sie bezieht sich nicht nur auf bestimmte Schreibstile, sondern auch auf Formen des Wissens, Seins und Handelns in der Welt.

In diesem kurzen Aufsatz werde ich die Schlüsselbeiträge zweier karibischer Denker – Derek Walcott und Édouard Glissant – aufzeigen, um die Poetik als ein zentrales Element religiöser und politischer Arbeit zu konzipieren. Walcott und Glissant schreiben über die verheerenden Effekte des Kolonialismus und der Sklaverei in der Karibik und über die schädlichen Auswirkungen der Vorstellungswelten, die das Christentum in die Karibik gebracht hat. Sie streben aber auch danach, Möglichkeiten anzusprechen, wie man sich von diesen Vorstellungswelten lösen kann. Die kreativen Dimensionen der »Poetik« – als »Poiesis«, schöpferisches Handeln – beziehen sich nicht nur auf künstlerische Werke, sondern auch auf neue Arten des Seins.

Der Geschichte zum Trotz

»Es ist das Schicksal der Poesie, der Geschichte zum Trotz, sich in die Welt zu verlieben.«
Derek Walcott, »Die Antillen«


Die katastrophalen Sklaventransporte und die Zerstö rungen des Kolonialismus sind in den Werken karibischer Schriftsteller allgegenwärtig; das Meer ist das wiederkehrende Bild in ihren Werken. Immer und immer wieder kehren sie zum Meer zurück, wie man auch zu einer Begräbnisstätte oder zu einer heiligen Stätte zurückkehrt.
Derek Walcotts Gedicht »The Sea Is History« (»Das Meer ist Geschichte«) ist eine poetische Nacherzählung der Verschiffung von Afrika in die Karibik und zudem eine Infragestellung der geschichtlichen Erzählungen. Die räumliche Bewegungüber das Meer verkörpert eine zeitliche Bewegung durch Momente der christlichen Geschichte: Schöpfung und Exodus, babylonische Gefangenschaft usw. Das Gedicht als Ganzes kann aber auch als Klagelitanei gelesen werden, da die Ereignisse schwerlich nur der Vergangenheit zuzuschreiben sind. Die Anspielungen auf christliche Geschichten sakralisieren die Sklaventransporte nicht. Dieser Vergleich verdeutlicht ganz im Gegenteil die Kluft zwischen der Heilsgeschichte und der Geschichte der Karibik.

Das Gedicht beginnt mit einer gebräuchlichen Thematik, der Behauptung der kulturellen Überlegenheit:

Wo sind eure Monumente, eure Schlachten, Märtyrer?
Wo ist eure Stammeserinnerung?


Auf diese Frage gibt der Poet eine ungewöhnliche Antwort:

Ihr Herren,
in jener grauen Gruft. Dem Meer. Das Meer
hat sie weggesperrt. Das Meer ist Geschichte.


»The Sea Is History« ist bei Weitem nicht so einfach, wie es erscheint. Denn kann der Hinweis auf kulturelle Monumente, die im Meer eingeschlossen sind, eine befriedigende Antwort für diejenigen sein, die eine Gruppe karibischer Menschen nach dem Beweis ihrer Legitimation fragen? Und in der Tat untersucht der Poet im weiteren Verlauf des Gedichts ein Ereignis nach dem anderen und entdeckt dennoch keine Geschichte.

Die Reise beginnt mit der Schöpfung – und erinnert an das anfängliche Chaos und an das Licht, die uns beide in der biblischen Schöpfungsgeschichte begegnen. Doch ist diese spezielle Schöpfung ein Vorbote der Zerstörung.

Am Anfang war das schwankende Öl,
schwer wie das Chaos;
dann, wie ein Licht am Ende des Tunnels,
die Laterne der Karavelle,
die Genesis war.


Die Geschichte wird auf diese Art fortgeführt und erzählt von Leid und noch mehr Leid.

Dann die vollgestopften Schreie,
die Scheiße, das Gestöhn;
Exodus.
Gebeine mit Korallen verbunden zu Knochen,
Mosaike,
die durch den gesegneten Schatten des Hais verhüllt sind,
und das war die Bundeslade.


Die biblische Sprache beschwört die Erwartung auf Erlösung herauf; das Meer jedoch erzählt eine Geschichte voller Trostlosigkeit. So sehr der Ozean auch nach Geschichte sucht, findet er doch Wahrheiten, die diese nur leugnen können. »Knochen, die von Windmühlen gemahlen werden, zu sandigem Mergel und Maismehl … es waren nur die Klagelieder, es war keine Geschichte.« [...]


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