zur StartseiteZugang für Abonnenten
Startseite » Archiv » Ausgabe 5/2017 » Leseprobe 1
Titelcover der archivierte Ausgabe 5/2017 - klicken Sie für eine größere Ansicht

Der Aufbau der Zeitschrift


finden Sie hier


Concilium stellt sich vor

Geschichte und Selbstverständnis


Präsidium, Herausgeber/innen und Wissenschaftliches Komitee


sind hier einzusehen.


Unsere Autoren


finden Sie hier.


werden hier gelistet.

<<< zur vorherigen Ausgabe zur nächsten Ausgabe >>>
Leseprobe 1 DOI: 10.14623/con.2017.5.522-529
Cecilia Inés Avanatti de Palumbo
Literatur – eine wichtige hermeneutische Vermittlung für die Theologie
Obwohl die Beziehungen zwischen Glaube und Literatur in dem Maße stärker wurden, als das Christentum die Bibel zu seiner ersten Quelle machte, und obwohl die Theologie danach in unterschiedlicher Intensität und aus unterschiedlichen Motiven das breite Spektrum der verschiedenen dichterischen Genera für sich in Anspruch nahm, bildete sich ein entsprechendes ausdrückliches epistemologisches interdisziplinäres Bewusstsein erst in jüngerer Zeit in der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts aus. Nach längerer Vorbereitung durch Theologen, die in der Literatur einer belebenden Sprache begegneten, stellte das Zweite Vatikanische Konzil den Beginn einer neuen Etappe dar, die es ermöglichte, die Voraussetzungen für den Dialog zwischen Theologie und Literatur in kritischem Geist zu schaffen. Der bedeutendste Text des Lehramtes, auf den alle späteren Entwicklungen zurückverweisen, ist Artikel 62 der Pastoralkonstitution Gaudium et spes, dessen zentralen Abschnitt ich hier noch einmal in Erinnerung rufe:

Auf ihre Weise sind auch Literatur und Kunst für das Leben der Kirche von großer Bedeutung. Denn sie bemühen sich um das Verständnis des eigentümlichen Wesens des Menschen, seiner Probleme und seiner Erfahrungen bei dem Versuch, sich selbst und die Welt zu erkennen und zu vollenden; sie gehen darauf aus, die Situation des Menschen in Geschichte und Universum zu erhellen, sein Elend und seine Freude, seine Not und seine Kraft zu schildern und ein besseres Los des Menschen vorausahnen zu lassen. So dienen sie der Erhebung des Menschen in seinem Leben in vielfältigen Formen je nach Zeit und Land, das sie darstellen. (Gaudium et spes, 62)

Die Bedeutung der Literatur ergibt sich aus ihrer Ästhetik selbst, da sie ja »in« ihrer Gestalt und nicht einfach mittels ihrer Gestalt oder gar im Überstieg dieser Gestalt das Wesen durchscheinen lässt, das aufgrund der Leuchtkraft sichtbar wird, die von ihrem Grund her erstrahlt. Vom flüchtigen Kennzeichen der Zeitlichkeit geprägt, entfaltet sich die Literatur innerhalb der Geschichte, doch ihre Sprache symbolischer Herkunft weist über Zeit und Tod hinaus. Deshalb entwirft sich die aktive Erinnerung, die entdeckt, bewahrt und neu schafft, mittels der Wahrnehmung der literarischen Form auf die Zukunft hin, um eine bessere Welt zu imaginieren. Diese paradoxe Spannung zwischen dem Endlichen und dem Unendlichen besiegelt ihr konstitutives Missverhältnis zwischen dem, was sie verheißt, und dem, was sie tatsächlich geben kann.

Zwei Fragen muss man bei diesem Gefüge dieses interdisziplinären Dialogs im Auge behalten: Erstens: Die Initiative ging von einer Richtung aus, sie entstand aufseiten der Theologie und wandte sich an die Literatur. Zweitens: Obwohl es verschiedene mögliche Schnittstellen gibt, wurde der Dialog zwischen der Theologie als Wissenschaft und der Literatur als ästhetischer Tatsache etabliert. Dies führt zu einer asymmetrischen Situation, die den Brückenschlag zwischen unterschiedlichen Ebenen und Sprachen erforderlich macht. Genau hier, an der Bruchstelle zwischen dem Allgemeinen und dem Besonderen, zwischen dem spekulativen Denken und der ontologischen Unduldsamkeit der Poesie, muss ich meinen Vorschlag verorten.

Hierzu werde ich mich in knapper Form dem interdisziplinären Status von Theologie und Literatur zuwenden und sowohl Erfolge als auch Grenzen des bereits zurückgelegten Wegs aufzeigen. Dann werde ich in einem zweiten Teil die schöpferische Fantasie als die Stelle aufzeigen, an der beide Sujets aufeinandertreffen, um dann einen Weg der Erneuerung der Denkweise (eher der Denkweise und nicht so sehr der Redeweise) der Theologie vorzuschlagen. Auf diese Weise hoffe ich, der im Titel dieses Beitrags enthaltenen Behauptung gerecht zu werden, dass die Literatur eine hermeneutische Vermittlung für die Theologie darstellt.

I. Was sucht die Theologie in der Literatur? Typologie der Vermittlungen


Versucht man, den Status der Frage des interdisziplinären Dialogs zwischen Theologie und Literatur darzulegen, dann steht man vor einer fast unlösbaren Aufgabe, und zwar nicht nur aufgrund der nicht einzufangenden Bandbreite literarischer Sprachen und Traditionen, die hier mit im Spiel sind, sondern auch aufgrund der innertheologischen Unterschiede zwischen den verschiedenen Ansätzen, einem breiten Fächer, angefangen von der Dogmatik über Spiritualität und Moraltheologie bis hin zur Pastoraltheologie, um nur die wichtigsten Unterdisziplinen zu benennen. Dies ist auch nicht unser Ziel, und ebenso ist es auch nicht unser Ziel, die methodologische Reflexion neu darzustellen, die bereits von anderen Forschungsarbeiten geleistet wurde.

Ich beginne mit der Feststellung, dass die Theologie aus verschiedenen Gründen auf die Literatur zurückgreift, gleich, ob es sich nun um Erzählung, Lyrik oder Drama handelt, um nur einige klassische Genres zu erwähnen. Hier möchte ich sie in Grundtypen einteilen, die den drei Ebenen des Menschseins entsprechen: der theoretischen Dimension, die die Erkenntnis der Wahrheit betrifft, der ethischen Dimension, deren Angelpunkt das Tun des Guten ist, und der ästhetischen Dimension, deren Zentrum die Darstellung und Wahrnehmung der Schönheit ist.

Zunächst wendet sich die Theologie der Literatur aus einem thematischen Interesse zu, von dem geleitet sie den theologischen Widerhall in der dichterischen Bearbeitung allgemeiner religiöser Themen zu entdecken sucht. Dabei geht es um Themen wie etwa den Sinn des Lebens, das Böse, die Freiheit, die Vergebung, die Geschwisterlichkeit oder auch Themen, die mit dem Geheimnis des in Christus geoffenbarten Gottes zu tun haben: die Dreieinigkeit, die Menschwerdung, das Ostergeheimnis, die Kirche, Gesetz und Gnade, die Apokalypse. Desgleichen kann sie von einem ernsthaften Interesse motiviert sein, den Menschen mit seinen Freuden und in seinem Schmerz, mit seinen Leidenschaften und in seinen persönlichen wie gemeinschaftlichen und gesellschaftlichen wie etwa politischen Kämpfen kennenzulernen. Die Literatur erweist sich also als eine unerschöpfliche Quelle von Kenntnissen über die Geschichte des Menschen in der Vielfalt der Kulturen, Zeiten und geografischen Regionen. »Das Geheimnis des Menschen«, das sich der Pastoralkonstitution Gaudium et spes zufolge »nur im Geheimnis des fleischgewordenen Wortes« aufklärt (Gaudium et spes, 22), findet in der Literatur einen Ort, um sich in die Erkenntnis Christi im Menschen und die Erkenntnis des Menschen in Christus zu vertiefen. Dies ist der Typ der thematischen Analogie, der die Ebene der Wahrheit betrifft.

Zweitens kann die Theologie auf der Suche nach praktischer Orientierung auf die Literatur zurückgreifen. Die Absicht mag hierbei eine moralisierende, katechetische oder einfach didaktische sein: Ihr Zugang hat einen instrumentalen Sinn, das heißt es geht darum, mittels der Bilder und Erzählungen, der Darstellungen und der konkreten Gestalten eine unmittelbarere und wirkungsvollere Aufmerksamkeit der Leser oder Hörerinnen zu erreichen. Mittels der Strahlkraft des Schönen stellt die Literatur das Gute auf attraktive Weise dar, was von der Theologie als eine Möglichkeit gesehen wird, einen echten Wandel im Tun des Menschen zu bewirken. Hier könnten sich die Typen der theologischen Bestrebungen praktischer Natur vereinen, bei denen es um das Gute geht.

Schließlich kann die Theologie von der Form als solcher motiviert sein, das heißt von der bildlichen und metaphorischen Sprache, die den literarischen Diskurs auszeichnet. In dieser Übereinstimmung der Theologie mit der Form hat die ungeschuldete Gabe den Vorrang, und die ungeschuldete Gabe wiegt mehr als die Instrumentalisierung. Das bedeutet ein Sich-Einlassen auf die Daseinsweise der Literatur. Und dennoch ist hiermit die Voraussetzung für die Verwandlung nicht erreicht, da es der theologischen Sprache ja nicht gelingt, sich die literarische Sprache vollständig anzueignen. Die emotionale Begegnung ist sehr intensiv, denn die Wahrnehmung und die ästhetische Begeisterung stellen sich gleichzeitig ein, doch die Literatur als ästhetische Tatsache und ihre Wirkungen verbleiben am Rande der Theologie. Die ernsthafte Sprache der Theologie ist weiterhin die rationale, vielleicht rückt die weisheitliche Redeweise ein wenig stärker ins Zentrum, aber nicht die literarische. Wenn es auch Beispiele von Theologen wie Ephraim dem Syrer, der sein Werk vollständig in Gestalt von Dichtkunst schrieb, gibt, so sind dies dennoch Ausnahmen und keine möglichen Vorbilder. [...]


Lesen Sie den kompletten Artikel in der Print- oder Onlineausgabe.

Zurück zur Startseite

Unsere Abos
Sie haben die Wahl ...

weitere Infos zu unseren Abonnements


Professor dr. Hildegard Warnink, dean of the Faculty of Canon Law, and professor dr. Felix Wilfred, president of the Board of Directors of Concilium, have the honour to invite you for the presentation of the volume

Canon Law at the
Crossroads Concilium
International Journal of Theology


Canon Law at the Crossroads


Newsletter


Unser Newsletter informiert Sie über die Inhalte der neuesten Ausgabe.


Jahresverzeichnis 2017


Aktuelles Jahresverzeichnis


Jahresverzeichnis 2017
als PDF PDF.



Unsere neue Dienstleistung für Verlage, die Ihr Abogeschäft in gute Hände geben wollen.


aboservice

mehr
Informationen


Concilium
Telefon: +49 (0) 711 44 06-140 · Fax: +49 (0) 711 44 06-138
Senefelderstraße 12 · D-73760 Ostfildern
Kontakt | Sitemap | AGB | Widerruf | Datenschutz | Impressum