zur StartseiteZugang für Abonnenten
Startseite » Archiv » Ausgabe 5/2017 » Zu diesem Heft
Titelcover der archivierte Ausgabe 5/2017 - klicken Sie für eine größere Ansicht

Der Aufbau der Zeitschrift


finden Sie hier


Concilium stellt sich vor

Geschichte und Selbstverständnis


Präsidium, Herausgeber/innen und Wissenschaftliches Komitee


sind hier einzusehen.


Unsere Autoren


finden Sie hier.


werden hier gelistet.

<<< zur vorherigen Ausgabe zur nächsten Ausgabe >>>
Zu diesem Heft DOI: 10.14623/con.2017.5.509-511
Maria Clara Lucchetti Bingemer / Solange Lefebvre / Erik P. N. M. Borgman / Mile Babić
Theopoetik
Man muss zugeben, dass der »theopoetische« Diskurs im Allgemeinen und insbesondere in Verbindung mit der Auslegung der Schrift sowie der theologischen Reflexion noch eine ziemlich junge Entwicklung darstellt, die an der Schnittstelle zwischen Theologie und literarischen Studien hervorbricht. Darin ist sie der »biblischen Spiritualität« ähnlich, die an der Schnittstelle zwischen exegetischer Forschung und Spiritualität gedeiht, aber ebenso der »theologischen Ästhetik«, die aus der Begegnung der Theologie mit allen Formen der Ästhetik – der Kunst, der Literatur, der Musik, usw. – erwächst.

Es handelt sich um »…einen interaktiven Raum zwischen biblischen literarischen Studien sowie Theologie und Spiritualität und Mystik und ist genau das, was seine Bezeichnung zum Ausdruck bringt, nämlich ›Theopoetik‹ oder Theorie der spirituell verändernden Kraft der biblischen Texte als Texte und der theologischen Tiefendimension der literarischen Texte, die mittels einer gewissen Lesart oder Deutung aktualisiert werden.«1 Vielleicht wäre es präziser zu sagen, dass die Theopoetik die literarische oder textuale Seite der Reflexion über theologische Ästhetik als eine Form der Annäherung an die Spiritualität im weiteren Sinne ist.

Warum die wachsende Bedeutung der Vermittlung der Ästhetik für das Theologietreiben so entscheidend ist, liegt in der Tatsache begründet, dass die großen Erzählungen ihren Niedergang erleben und der politische Diskurs schwach ist. Das Symbolische und das Vor-Rationale stehen der Erfahrung – wobei hier die religiöse Erfahrung mitgemeint ist ‒ näher und treten besser mit ihr in Interaktion als mit dem rationalen und spekulativen Zugang zur Wirklichkeit. Den Denkern zufolge, die heute auf diesem Gebiet forschen, erlangen die menschliche Natur und die Gesellschaft eine stärkere und aufrüttelndere Motivation durch Bilder und Erzählungen bzw. Geschichten anstatt durch Ideen.

Obwohl die Theologie hauptsächlich eine intellektuelle Leistung ist, war die Arbeit der großen Theologen immer von der Vorstellungskraft durchdrungen. Dasselbe lässt sich für den Anfang aller Religionen feststellen. Sie begannen mit Geschichten und Ritualen. Amos Wilder bringt es treffend zum Ausdruck: »Vor der Botschaft muss es die Vision geben, vor der Predigt den Hymnus, vor der Prosa das Gedicht.«2

Der Glaube muss also durch die ästhetische Brille betrachtet werden. Doch darunter ist keine Aktivität reicher, bürgerlicher Menschen zu verstehen, die ansonsten wenig beschäftigt sind. Der Glaube, wie er von den Armen und von den autochthonen Völkern gelebt wird, gebiert eine befreiende theologische Ästhetik aus sich heraus, die über ein großes subversives Potenzial verfügt und empfänglich dafür ist, moderne wie postmoderne Begriffe und Bedeutungen neu zu denken. Zusammen mit der Philosophie und den Sozialwissenschaften sind also die Literatur, die Kunst und alle ästhetischen Ausdrucksformen heute eine notwendige hermeneutische Vermittlung für die Theologie, der zunehmende Bedeutung zukommt.

Deshalb präsentiert dieses Themenheft von CONCILIUM seinen Leserinnen und Lesern diese neue Hermeneutik aus verschiedenen Blickwinkeln und Perspektiven. Die ersten sechs Beiträge bieten folgendes Panorama: Heather Walton aus Schottland analysiert die Autobiografie als literarische, spirituelle und theologische Gattung; Cecilia Avenatti de Palumbo, die ehemalige Präsidentin der lateinamerikanischen Gesellschaft für Literatur und Theologie, schreibt aus Argentinien über die Literatur als hermeneutische Vermittlung der Theologie. Luce López-Baralt von der Universität Puerto Rico ist eine große Fachfrau für vergleichende Mystik und eine anerkannte Arabistik-Expertin. Sie bringt Mystik und Literatur vermittels der von Leid geprägten Inspiration durch Johannes vom Kreuz miteinander in Verbindung. José Tolentino Mendonça von der katholischen portugiesischen Universität schreibt über die Bibel und deren Deutung als unvollendete Schrift. Innerhalb dieses breiten Spektrums kann natürlich Dantes Theologie nicht fehlen, für die es in der ganzen Welt Fachleute gibt, unter anderem Vittorio Montemaggi aus Notre Dame. Und schließlich ist der junge Wissenschaftler von der religionswissenschaftlichen Fakultät der iberoamerikanischen Universität in Mexiko-Stadt, Luis Gustavo Meléndez Guerrero, zu nennen. Er beschäftigt sich mit den klassischen Themen, um die es immer geht, wenn von Literatur – und von Theologie – die Rede ist: Eros, Poesie und Leib.

Die folgenden Stimmen aus fünf Kontinenten sind vereint in der Reflexion über die Interaktion zwischen Theologie und Literatur in den jeweiligen geografischen Räumen. Carmiña Navia Velasco aus Kolumbien spricht für Lateinamerika. Mayra Rivera vertritt die in den USA lebenden Latinos. Sie ist die Autorin des bedeutenden Buches Poetics of the Flesh. Ihr Beitrag hier ist eine wichtige und originelle Reflexion über die Poesie des Überlebens von Leuten aus der Karibik im Exil. Jean Baptiste Sèbe aus Frankreich stellt in seinem Beitrag das Beste aus der Entwicklung der europäischen Theologie in ihrem bereits alten und gefestigten Dialog mit der Literatur heraus. Huang Po-Ho aus Asien bringt den Lesern und Leserinnen von CONCILIUM die faszinierende Erfahrung der Mandarin-Literatur und deren theologisches Potenzial nahe. Schließlich bekräftigt Stan Chu Ilo aus Afrika die Überzeugung von der Bedeutung der Lektüre der Bibel vom Volk her für die Theologie.
Der zweite Teil des Heftes, das Forum, gibt kleine theologisch-literarische Texte wieder, die dem konkrete Gestalt geben, was die Reflexionen in den ersten beiden Teilen zu sagen versuchten. Es wurden einige religiöse Dichter und Dichterinnen aus Fleisch und Blut ausgewählt, die uns nach einer kleinen Vorstellung ihrer Person ihre inspirierende und erhellende Theopoetik vermitteln. Zu ihnen zählen: der Bischof, Prophet und Dichter Pedro Casaldáliga aus Brasilien, der Trappist aus Solentiname in Nicaragua, Ernesto Cardenal, der Pfarrer und Märtyrer Dietrich Bonhoeffer, der im Gefängnis, seinem letzten Aufenthaltsort im Leben, Gedichte verfasste, der Schriftstellermönch aus den USA, der vom Fernen Osten fasziniert war, Thomas Merton, der französische Naturwissenschaftler und Mystiker Pierre Teilhard de Chardin und die brasilianische Dichterin Adélia Prado. Wir hoffen, dass dieses Heft von CONCILIUM diejenigen stärker ermutigt, die sich in Forschung und Lehre der Theologie dem Abenteuer der Wege der Ästhetik und ganz besonders der Literatur verschreiben. Hier finden sie sicherlich neue Anregungen, die die Reflexion in Zeiten befruchten kann, in denen immer noch die Folgen eines lang anhaltenden Winters der Kirche zu spüren sind.

Anmerkungen
1 Sandra Schneiders, Biblical Spirituality, in: Andrew T. Lincoln (Hg.), The Bible and Spirituality. Exploratory Essay in Reading Scripture Spiritually, Eugene 2013, 128–150, 145.
2 Amos Wilder, Grace Confounding. Poems, Philadelphia 1972, IX.

Aus dem Portugiesischen übersetzt von Dr. Bruno Kern M.A.

Zurück zur Startseite

Unsere Abos
Sie haben die Wahl ...

weitere Infos zu unseren Abonnements


Professor dr. Hildegard Warnink, dean of the Faculty of Canon Law, and professor dr. Felix Wilfred, president of the Board of Directors of Concilium, have the honour to invite you for the presentation of the volume

Canon Law at the
Crossroads Concilium
International Journal of Theology


Canon Law at the Crossroads


Newsletter


Unser Newsletter informiert Sie über die Inhalte der neuesten Ausgabe.


Jahresverzeichnis 2017


Aktuelles Jahresverzeichnis


Jahresverzeichnis 2017
als PDF PDF.



Unsere neue Dienstleistung für Verlage, die Ihr Abogeschäft in gute Hände geben wollen.


aboservice

mehr
Informationen


Concilium
Telefon: +49 (0) 711 44 06-140 · Fax: +49 (0) 711 44 06-138
Senefelderstraße 12 · D-73760 Ostfildern
Kontakt | Sitemap | AGB | Widerruf | Datenschutz | Impressum