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Leseprobe 3 DOI: 10.14623/con.2016.4.460-467
Carlos Mendoza-Álvarez
Die Religionsfreiheit angesichts der systemischen Gewalt
Die Religionsfreiheit wird von den Opfern des Systems in Konfrontation mit der Macht eines Zivilisationsmodells eines über die globalisierte Welt ausgebreiteten Denkens mit Monopolanspruch als ein ethischer, politischer und spiritueller Widerstand gelebt. Wenn man diese Hypothese vertritt, dann muss man die Voraussetzungen klären. Meinen Ausgangspunkt bilden die »Epistemologien des Südens«, eine vom europäischen Soziologen Boaventura de Sousa Santos (Portugal) im Dialog mit lateinamerikanischen Autoren wie etwa Silvia Rivera Cusicanqui (Bolivien) und Xóchitl Leyva (Mexiko) entwickelte Theorie.

Der Kontext der globalen Gewalt

Die globale Gewalt unserer Tage steht in direktem Zusammenhang mit der neokolonialen Macht des Marktes und dem extraktivistischen Modell, das sich über die gesamte globalisierte Welt ausgebreitet hat, um dem Götzen der Macht zu huldigen, die weniger als ein Prozent der Weltbevölkerung in Händen haben, welche sich in den letzten Jahrzehnten 50 Prozent des Reichtums des globalen Finanzmarktes angeeignet haben. Diese strukturelle Gewalt wurde systemisch, denn sie ging aus einem besonderen Denken hervor, das Allgemeingültigkeit für sich beansprucht. Sie ist zuinnerst mit einem neoliberalen Modell von Marktwirtschaft verbunden, das durch eine koloniale Ideologie einer monokulturellen Zivilisation gerechtfertigt wird. Sie wird auch von einer staatlichen Politik gestützt, die heute von den Medien im Dienst globaler Unternehmen kontrolliert wird. Sie wird schließlich von Opferpraktiken genährt, die systemische Opfer hervorbringen, wie etwa der postmodernen industriellen Sklaverei, der patriarchalisch-kyriarchalischen Herrschaft über die Frauen und über die sexuellen Minderheiten, die Arbeiter, Migranten und Flüchtlinge und die von diesem der ganzen Welt aufgezwungenen Zivilisationsmodell »Ausgeschlossenen« – oder, wie es in der französischen Übersetzung der Enzyklika Laudato si heißt: Marginalisierten.

Zugleich benutzen die der Globalisierung eigentümlichen religiösen Erzählungen, deren Grundlage die Aufopferung der Opfer ist, eine mimetische Symbolik, das heißt die Beziehung zum Göttlichen vollzieht sich mittels der Rechtfertigung der Opferung Unschuldiger um des Überlebens des Systems willen. Es handelt sich hierbei um die Logik des Sündenbocks, den die Mimesis-Theorie der Gewalt als Archetyp des Begehrens begreift, um den Mechanismus der systemischen Gewalt zu erklären. Die globale Gewalt zeigt sich auf diese Weise in ihrem Verhältnis zur Aufopferung Unschuldiger, die durch institutionelle Kontrollmaßnahmen wirtschaftlicher und politischer Mächte sowie der Macht der Medien auf das nackte Leben reduziert werden. Dies wurde von Michel Foucault bereits vor einigen Jahrzehnten und in jüngerer Zeit von Giorgio Agamben in ihren Analysen der Herausbildung von Herrschaftsmechanismen erläutert. Die Steigerung ins Extreme – deren mimetische Struktur von René Girard herausgearbeitet wurde – zeigt sich so als eine regelrechte Verwandlung der Bio-Macht in Nekro-Macht, der Macht des Lebens in eine Macht des Todes. In diesem Sinne wird die Globalisierung der neoliberalen Marktwirtschaft zu einer bedeutenden Ausdrucksgestalt des Götzendienstes des Marktes. Er steht in Verbindung mit der »Lüge Satans«, die sich Girard zufolge der Gesellschaften bemächtigt und diese dem Wunder des Fortschritts, der Maschine und der Effizienz unterworfen hat.

Eine andere Art von Religionsfreiheit

Zugleich gibt es inmitten dieser Zivilisation der Selbstzerstörung des Menschlichen und eines Gemeinsamen Hauses, das auf seinen »Naturzustand« reduziert ist, Menschen und Gemeinschaften im Widerstand, deren Inspiration Praktiken der ökologischen Resilienz sind und die sich auf diese Weise im Bezugsfeld zwischen Ethik, Politik und Spiritualität verorten. Diese Gemeinschaften bieten der globalen Zerstörung die Stirn mithilfe von anderen Praktiken des Bewusstseins, der gegenseitigen Beziehungen und des Spirituellen, das seine Grundlage nicht im Opferkult hat. Im Kontext dieser neuen Ausdrucksweise des Menschlichen und des Sozialen – die an den Rändern der Herrschaftsgeschichte entstanden ist – kann die Religionsfreiheit als Widerstand gegen jede Meta-Erzählung der Totalität gelebt werden. Sie wird letztendlich als Kritik der instrumentellen Vernunft und deren unvermeidlicher Erzählung interpretiert, die von einem eindimensionalen Denken befördert wird. Diese neue Art von Religionsfreiheit zeichnet sich an den Rändern der Gewaltgeschichte ab und verweist auf die Möglichkeit eines neuen Zukunftshorizonts für die Menschheit und den gesamten Planeten. Sie will den liebenden Grund der Wirklichkeit – den die Religionen Gott, oder auch anders, nennen – als die Quelle der ethischen Empörung, der unterschiedlichen Widerstandsformen und der gelebten Spiritualität im Dienst der Opfer und Überlebenden bewahren. Um die Reichweite dieser Erfahrung von Religionsfreiheit inmitten der zerrissenen Menschheitsgeschichte besser zu erfassen, kommt es darauf an, bei jedem Stadium dieses Prozesses der Subjektivierung zu verweilen, die für die Religiosität in einer postmodernen und postsäkularen Gesellschaft typisch ist.

Drei Säulen für eine neue Interpretation

Die Religionsfreiheit kann in der Tat nicht allein von der abendländischen Rationalität her als ein Menschenrecht des Individuums gegenüber den Zwängen des modernen Staates verstanden werden, der die Glaubenspraxis auf den konfessionellen und privaten Bereich beschränkt hat. Im Kontext des gegenwärtigen postkolonialen Denkens ist eine neue Interpretation der Religionsfreiheit ausgehend von einem erneuerten Verständnis von Subjektivität vonnöten, die jeder Ontologie und jeder Erzählung der historischen und politischen Ausgestaltung der konkreten Daseinsverfassung des Menschen übergeordnet ist. Ich schlage hier mindestens drei wichtige Elemente dieser postmodernen Interpretation der Religionsfreiheit vor: die relationale Anthropologie, die Politik der wechselseitigen Anerkennung und den wissenschaftstheoretischen Pluralismus.

Zunächst ist ein ontologisches Verständnis der menschlichen Person relationaler, und nicht etwa substantialistischer und individueller, Art unverzichtbar. Das cartesianische Cogito entstammt einer verkürzten Lesart der Theologie des Augustinus, für den das rationale Denken und das willentliche Begehren untrennbar mit einer transzendenten göttlichen Alterität verbunden waren. Im selben Sinne abstrahiert eine verkürzte Lesart der Werke des Thomas von Aquin von der relationalen Perspektive, von der aus der Aquinate eine theologische Deutung der Dreieinigkeit als subsistierende Beziehung vorgenommen hat.

Die relationale Anthropologie, wie sie dem spätmodernen abendländischen Denken eigentümlich ist, entspringt dem Bewusstsein der Grenzen eines substantialistischen Denkens. Sie geht von der Hypothese einer für die Andersheit des Nächsten und des Göttlichen offenen menschlichen Daseinsverfassung (conditio humana) aus. Man kann hier das Denken von Levinas und Marion anführen, um diesen phänomenologischen Ansatz zu illustrieren. Doch heute begibt sich das postmoderne und postsäkulare abendländische Denken auf das unerforschte Gebiet der Subjektivierung des Leibes, der Verletzungen, der Verwundbarkeit, der Erotik und der Überschreitungen der von den Mächten des Staates, der Gesellschaft und der Religion verfügten Rollen. Insbesondere das Denken der Subjektivität nach Derrida erschließt die Möglichkeit, die Daseinsverfassung des Menschen unter dem Vorzeichen der jeder Subjektivierung eigenen Öffnung zu denken. Eine Politik der wechselseitigen Anerkennung erweist sich hier als Bedingung der Möglichkeit des gemeinsamen Lebens auf lokaler wie auf globaler Ebene. Dies schließt eine Konstruktion der Gegen-Geschichte auf verschiedener Ebene mit ein. Eine jede Form des Widerstandes widersetzt sich den Erzählungen der modernen Vernunft und ihren Anwandlungen von Macht und Kontrolle wie etwa der formalen Demokratie politischer Parteien, den Medien als neuer Form von Manipulation der Massen und der Zensur sowie dem immer stärker um sich greifenden Phänomen der Ersetzung der Demokratie durch Medienherrschaft. [...]


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