zur StartseiteZugang für Abonnenten
Startseite » Archiv » Ausgabe 3/2016 » Leseprobe 3
Titelcover der archivierte Ausgabe 3/2016 - klicken Sie für eine größere Ansicht

Der Aufbau der Zeitschrift


finden Sie hier


Concilium stellt sich vor

Geschichte und Selbstverständnis


Präsidium, Herausgeber/innen und Wissenschaftliches Komitee


sind hier einzusehen.


Unsere Autoren


finden Sie hier.


werden hier gelistet.

<<< zur vorherigen Ausgabe zur nächsten Ausgabe >>>
Leseprobe 3 DOI: 10.14623/con.2016.3.363-372
Jean-Guy Nadeau
Gott, wo bist du?
Denen, die an Herz und Seele leiden, Achtung erweisen und Sorge für sie tragen
Die pastorale Sorge für Männer und Frauen, die leiden, kann auf verschiedene Weisen angegangen werden. Manche dieser Leiden betreffen den Körper, die Ernährung, die Unterbringung (Mt 25). Andere betreffen das Gefühlsleben und die Beziehungen, insbesondere die Beziehung zu Gott, andere die Gemeinschaft mit Menschen. Ich will mich hier mit den Leiden befassen, welche die Sinnfrage, das Gefühlsleben und die Beziehung zu Gott betreffen. Genauer gesagt: Meine Überlegungen zielen auf die Einsicht in die oftmals düstere und dramatische religiöse Erfahrung der leidenden Menschen und auf ihre Begleitung.

Die Frage nach Gott und die Menschen, die diese Frage stellen, respektieren

Stellen wir uns ein kleines Mädchen oder einen kleinen Jungen vor, dem eine christliche Erziehung zuteil geworden ist, in der dieses Kind lernt, dass Gott der Herr des Universums ist und dass er diejenigen beschützt, die ihn lieben und reinen Herzens zu ihm beten. Was geschieht dann, wenn dieses Kind zu wiederholten Malen sexuell missbraucht wird und danach sich selbst überlassen wird? Da es in den meisten Fällen nur vorgefertigte Antworten weiß, die ihm in einer unzulänglichen religiösen Unterweisung mitgegeben wurden, wird es glauben können – und zwar bis in sein Erwachsenenalter –, dass es dies verdient habe, dass es böse und unrein sei und dass es sein Leiden in aller Ergebenheit ertragen müsse. Wie aber soll es dann noch an die Liebe Gottes glauben können? Wie soll es sich dann mit den Augen Gottes und daher auch mit seinen eigenen Augen als wertvoll ansehen können?

Diese Fragen waren der Ausgangspunkt unserer Untersuchung der religiösen Erfahrung von Frauen und Männern, die im Kindesalter Opfer sexuellen Missbrauchs geworden waren. Am Ende der Interviews haben wir sie gefragt, wie sie Gott beschreiben würden. »Das ist kein guter Vater«, war die spontan geäußerte Antwort von Béatrice, 72 Jahre alt. Und als wir sie fragen, was sie ihm heute gern sagen würde, präzisiert sie: »Warum, wenn er die kleinen Kinder liebt, warum beschützt er sie dann nicht besser? Warum? Es ist doch deine Welt, dein Reich? Warum hast du sie dann nicht beschützt? Und dann, habe ich mir gesagt, ist es nicht wahr, dass er da ist, dass er alles sieht. Vielleicht sieht er es ja. Aber dann kann er nichts machen.«

Die Antwort von Béatrice ist weit entfernt von den netten Antworten, die man in Fernsehsendungen findet! Sie lässt eher an ein Gebet denken, aber an ein heftig anklagendes Gebet, wie es von ihr vorgebracht wird nicht nur aufgrund des Skandals, den Béatrice (von ihrem Vater physisch misshandelt und von ihrem Großvater sexuell missbraucht) selbst erlebt hat, sondern auch aufgrund des Skandals von Fällen sexuellen Missbrauchs durch Angehörige des Klerus, von denen sie einige Minuten vorher gesprochen hatte. Béatrice hatte dann Theologie studiert, und dabei hatte sie sich auch flüchtig mit gewissen komplizierteren theologischen Diskussionen über die Machtlosigkeit Gottes in der von ihm erschaffenen Welt befasst.

Die Antwort Tanyas war radikaler: Sie sagte, Gott sei, als dies geschah, »einen Kaffee trinken gegangen«, womit sie das Bild eines eher gleichgültigen als eines machtlosen Gottes zeichnen wollte.

Das Problem ist, dass Béatrice sich wie Tanya und sehr viele andere alleingelassen fühlt, isoliert in den sie bedrängenden Fragen, ja wegen ihrer Fragen sogar angeklagt und verurteilt. Ohne dass sie dies weiß, klingt ihre Frage wie das Echo einer seit Jahrhunderten in der Theologie gestellten Frage, die auch Romano Guardini, der sowohl durch seine Spiritualität als auch durch seine Theologie hohes Ansehen genoss, auf seinem Sterbebett geäußert hat, als er fragte: »Warum, Gott, zum Heil die fürchterlichen Umwege, warum das Leid der Unschuldigen, die Schuld?« Wenn ich hier statt so vieler anderer gerade Guardini zitiere, so deswegen, weil er dann noch sagte, dies sei eine Frage, die ihm kein Buch, auch die Schrift selber nicht, die ihm kein Dogma und kein Lehramt, die ihm keine »Theodizee« und keine Theologie, auch die eigene nicht, habe beantworten können.

Die Gläubigen aber sind überzeugt, diese Frage sei bereits erledigt, und so fühlen sie sich schuldig, weil sie noch Zweifel nähren und Fragen stellen. Die pastorale Begleitung muss daher gegen ihr Gefühl der Isolierung und gegen ihre Schuldgefühle kämpfen. Sie müssen nicht nur wissen, dass ihre Frage berechtigt ist, sondern auch, dass sie schon immer von einer großen Anzahl von Theologen und Seelsorgern gestellt worden ist. Und viele von ihnen haben dieser Frage einen Großteil ihres Lebens und Arbeitens gewidmet. Eine Studentin sagte bei der Auswertung der Ergebnisse eines diesem Thema gewidmeten Kurses: »Ich war gekommen, um hier Antworten zu suchen, und ich habe keine gefunden. Aber ich habe gelernt, dass man mit Fragen leben kann.« Einige sagten, sie hätten es tröstlich gefunden zu entdecken, dass der Zweifel ein Teil des Glaubens ist und dass es kein schuldhafter Fehler ist, sich Fragen zu stellen.

Eine Sache des Herzens

Wir haben von Sinn gesprochen. Es steht aber viel mehr zur Debatte, nämlich die Empfindungen des Herzens und der Seele. Jürgen Moltmann hat dies sehr gut begriffen: »Die Frage nach Gott entsteht zutiefst aus dem Schmerz am Unrecht in der Welt und aus der Verlassenheit im Leiden.« Mehr als am Schweigen Gottes leiden die Menschen daran, von Gott verlassen, ja sogar verraten worden zu sein. Ihrer Erfahrung nach zu urteilen, rettet Gott nicht. Seine Verheißungen haben sich als trügerisch erwiesen. Oder, genauer gesagt: Die in seinem Namen von Erziehern vorgetragenen Verheißungen, die gewiss gut gemeint waren, wecken in den Kindern die Vorstellung, dass Gott sie vor unerwarteten Heimsuchungen schützen könne. Die meisten Gebete sind von dem Begriff des göttlichen Schutzes geprägt, und daraus folgen viele Enttäuschungen religiöser Erwartungen.

Nun aber ist das Gefühl, von Gott verraten zu sein, keine geringfügige Belastung! Dies ist vermutlich das Schlimmste, was einem Gläubigen widerfahren kann. Dies gilt so sehr, dass die gesamte Überlieferung uns der Treue Gottes versichert …, es sei denn, dass wir seine Gleichgültigkeit oder seine Strafe auf irgendeine Weise verdient hätten. Wie es Kinder, die Opfer sexuellen Missbrauchs geworden sind, sich fälschlicherweise vorstellen. Aber welche unsinnigen Vorstellungen haben wir ihnen da übermittelt?

Die Erfahrung der Leidenden hat Papst Johannes Paul II. gut wiedergegeben, als er in seinem Kommentar zu Psalm 77 vom Schweigen Gottes sprach. Dies sei »der wahre und eigentliche ›Schmerz‹, der den Glauben des Betenden ins Wanken bringt« und selbst den Psalmisten fragen lasse, »warum ihn der Herr abweist, warum er sein Antlitz und sein Handeln geändert hat, ob er die Liebe, die Heilsverheißung und die barmherzige Zärtlichkeit vergessen hat«. Leider aber meinte der Papst, dass der zweite Teil des Psalms diese Fragen ausräume. Seine klassische Antwort bietet ein verstörendes Bild des Gottes, wie die Opfer ihn erleben: Gott bleibe im Hintergrund der Szene unsichtbar, aber er halte die Fäden der Ereignisse auf der Bühne der Welt in den Händen: »Seine mächtige und unsichtbare Hand wird mit uns sein durch die sichtbare Hand der Hirten und der von ihm eingesetzten Führer.« Darin mag etwas Tröstliches liegen, insofern ein sinnvolles Leiden, von dem uns versichert wird, dass es eine Lösung für dieses Problem gebe, da es ja von Gott verursacht sei, leichter zu ertragen ist als ein völlig sinnloses Leiden. Aber etwas an dieser Erklärung ist auch unbefriedigend, ja sogar pervers: Welchen Leiden sollen die Menschen ausgesetzt werden, damit sich schließlich der große Plan Gottes durchsetzt, während wir doch mit Kant daran festhalten, dass der Zweck nicht die Mittel heiligt!

Im Schulunterricht habe ich oft Sheila Redmonds Psalm des Zorns auf einen patriarchalischen Gott verwendet. Dieser Text erhebt eine heftige Anklage gegen einen Gott, der schließlich abgelehnt wird, weil er ungeachtet seiner Verheißungen nicht rettend eingegriffen, sondern Gefallen daran gefunden habe, seine Kinder die Hölle erleben zu lassen. Ich habe diesen Psalm dann jenem anderen Text von den Spuren im Sand gegenübergestellt, der in mehreren sprachlichen Fassungen leicht im Internet zu finden ist. Dieser Text erzählt von einem Wanderer, der dem Versprechen Gottes vertraut hatte, er werde ihn auf dem Weg durch die Wüste immer begleiten. Als er dann im Blick zurück nur eine einzige Fußspur im Sand entdeckt hatte, sei der Grund dafür nicht gewesen, dass Gott ihn verlassen habe, sondern dass er ihn in den Zeiten größter Not auf seinen Schultern getragen habe. Viele Menschen finden Trost in diesem Text. Andere dagegen sehen darin einen Widerspruch zu ihrer Erfahrung, eine Weigerung, ihren Notschrei zu hören, das Aufdrängen einer Antwort, die in gewissen Kreisen als eine Art Dogma verstanden wird. Es gibt in diesem Text eine mystische Weisheit, aber man muss auch noch den Weg respektieren, den man zurücklegen muss, um dorthin zu gelangen. Man muss Platz lassen für das Ausstoßen von Notrufen, ja von Zorn angesichts der Leiden. Und es braucht Zeit, wenn man pastorale Sorge anbieten möchte. Der Text von der Fußspur im Sand hat etwas allzu Glattes, das man beiseite schieben darf, um wieder Platz zu schaffen für die vom Drama mit Gott geweckten Emotionen. Studentinnen und Studenten haben mir gesagt, sie hätten so zurückfinden können zu ihren eigenen Erfahrungen und dann Fortschritte machen können. Diese beiden Texte können sich, wenn sie miteinander verglichen und diskutiert werden, als gute Werkzeuge der pastoralen Sorge erweisen.

Ein Gott mit zwei Gesichtern

Die Erfahrungen mit Gott können sehr unterschiedlich sein. Selbst in der Bibel können Gläubige sowohl das Empfinden erleben, von Gott verlassen oder sogar vernichtet zu werden, als auch das Empfinden, von Gott aufrechterhalten zu werden. Der Gott, mit dem die Opfer ihre Erfahrungen machen, erweist sich also als ein Gott mit zwei Gesichtern, je nach dem, ob sie ihn als einen erleben, der an ihrer Seite bleibt, oder als einen, der auf der Seite derjenigen steht, die sie bedrängen:

»Gott ist der Vater im Himmel, der alles tut für seine Kinder, weil er sie liebt. So sagen die Leute. Na gut, aber ich will euch sagen, was ich von ihm denke: Gott hat mich einer Mutter übergeben, die mich nicht wollte […]. Gott hat mich einem Vater übergeben, der mich vergewaltigt und dreißig Jahre lang missbraucht hat. Gott hat mir einen Ehemann gegeben, der mich und meine Kinder unaufhörlich missbraucht hat. Gott hat meinem Töchterchen einen Vater gegeben, der es schon vergewaltigen wollte, als es erst dreieinhalb Jahre alt war […].«

Ein anderes Missbrauchsopfer, das sich an Gott wendet, fügt noch hinzu: »Als ich ein Kind war, sagte mir meine Erziehung, du stündest auf der Seite dessen, der mich missbrauchte. Die bösen Mädchen kämen in die Hölle. Dein Zorn sei mächtig und brennend, und jemanden wie mich werde er gewiss treffen.«11 Gott sei also der Gott der Angreifer, ein mächtiger Gott, dessen Wille sich in der Geschichte mit aller Macht durchsetze, und zwar zugunsten der Stärksten. Und dennoch ist das biblische Zeugnis in seinen grundlegenden Zügen geprägt von der Vorstellung, dass Gott auf Seiten der Opfer und der Leidenden steht. Eine Tatsache, welche sehr viele Menschen noch nicht begriffen haben oder einfach nicht sehen und glauben können.

Francine, die im Alter von sechs Jahren missbraucht wurde, illustriert diese beiden Gesichter Gottes sehr gut. Einerseits ist sie erfüllt von der Vorstellung des Gottes ihrer Mutter, der »so etwas nicht verzeiht« und der sie für die Hölle bestimmt hat. Andererseits wird sie auch getragen vom Bild des Gottes ihrer Großmutter, bei dem sie gegen den Gott ihrer Mutter Berufung einlegt und den sie – wenn auch ihrer Sache nicht ganz sicher – davon zu überzeugen versucht, dass sie »nicht ganz so schlecht ist«.

Die Pastoral muss einen Sicherheit bietenden Raum schaffen, in dem diese beiden Gottesbilder und die damit verbundenen Emotionen, von denen wir vorher gesprochen haben, ausgedrückt und ins Gespräch gebracht werden können, ja miteinander kämpfen können. Die »Übung des leeren Stuhls«, die in der Psychotherapie oft angewandt wird, um die Beziehung zum Vater oder zur Mutter zu bearbeiten, könnte es ermöglichen, sich an »die beiden Götter« zu wenden und sogar Antworten von ihnen zu erhalten. Ich denke, man sollte keine Angst davor haben, in der professionellen Pastoral Gott so ins Spiel zu bringen, wie man es auch im Blick auf die Eltern tut. Ist unsere Vorstellung von Gott nicht im Grunde genommen nach dem Muster von Supereltern konstruiert?

Die Trauer um Gott begleiten

Viele Gläubige erleben die Erfahrung des Todes Gottes. Die Theologie hat in den sechziger Jahren vom kulturellen Tod Gottes gesprochen, aber hier handelt es sich um etwas anderes, nämlich um den Tod Gottes im Herzen und in der Seele des Menschen, der an ihn geglaubt hat und der eigentlich immer so wie bisher an ihn glauben möchte.

In den 45 Jahren, die ich als Theologe gelebt habe, habe ich nur selten, ja eigentlich noch nie gehört, dass Theologen und Seelsorger über dieses Drama gesprochen hätten. Nun ist aber der Verlust Gottes der größte Verlust, den ein gläubiger Mensch erleiden kann. Er kann zu einer spirituellen Depression führen. Dunkle Nacht des Glaubens? Vielleicht. Wie aber soll man wissen, ob man schon in der tiefsten Tiefe angelangt ist oder ob man die Erfahrung der Mystiker schon hinter sich hat? Glücklicherweise »neigt unser Gott dazu aufzuerstehen«, wie mir meine Freundin Karlijn Demasure einmal geschrieben hat. Aber wie soll man das wissen?

Zehn Jahre nachdem sie den Psalm des Zornes auf einen patriarchalen Gott geschrieben hatte, hat die Autorin eine Grabrede für einen patriarchalen Gott geschrieben. Hier hat sie Rechenschaft abgelegt über ihre Erfahrung des Todes Gottes mit allem damit verbundenen Schmerz und aller Verunsicherung: »Du hast mich gerettet«, schreibt sie, und dann nimmt sie den Text über die Spuren im Sand auf und fährt fort: »Du hast mich durch die Hölle getragen […]. Aber du bist tot, weil du mich nicht retten konntest […]. Und schließlich habe ich meine Tränen fließen lassen, weil du tot bist und weil du mir gefehlt hast.« Niemand aber hat einen Trauergottesdienst gehalten! Dieses Kind, diese Frau, sie sind allein geblieben mit ihrem Schmerz. Jeder und jede von ihnen lebt ein Drama mit Gott für sich allein, ohne einen Menschen, mit dem sie ihre Tränen, ihre Hoffnungslosigkeit, ihre Erinnerungen, ihre Geschichte, ihre dann doch noch erwachte Hoffnung hätten teilen können. Ich finde, dass hier immer noch der Ort ist, an dem die Pastoral diese Dynamik bearbeiten müsste. Unter der Bedingung, dass sie imstande ist, die tief betrübte Trauer um Gott, die manche Menschen befallen hat, zu respektieren.

Einen Raum des Widerstands und der Solidarität schaffen


Ich habe darauf bestanden, dass die Zweifel und Fragen, der emotionale und spirituelle Schmerz der Menschen, die leiden, respektiert werden. Ich sehe darin eine Form des Widerstands gegen das Böse. Die Fragen und Notschreie, eingeschlossen darin die Zornesausbrüche gegen Gott, selbst Gesten der Selbstverletzung (weil alles übrige unmöglich wäre), können Formen des Widerstands darstellen. Wenigstens für eine kurze Zeit. Der sehr schöne Traktat über die Tränen von Catherine Chalier hat mich auch gelehrt, dass selbst Tränen einen Teil des Widerstands bilden können. Weinen bedeutet auch, etwas ablehnen. Und ich glaube, dass diese Erkenntnis vielen, die nichts mehr haben als die Tränen, guttun könnte. Weil ihnen alles andere gefehlt hat. Weil Gott ihnen gefehlt hat. Oder weil sie dies glauben. Und weil sie sich schuldig fühlen, weil sie so denken.

Es gibt nur wenige Orte in der christlichen Gemeinschaft, an denen diese Dramen gefahrlos ins Licht der Öffentlichkeit kommen können, ohne das Risiko, verurteilt oder zurückgewiesen zu werden. Und dabei haben diejenigen, die leiden und die die Frage nach Gott vortragen, nichts nötiger als die Gemeinschaft, eine Gemeinschaft, in der sie die Erfahrung Gottes machen können, eines Gottes, der Sorge für sie trägt, eine Gemeinschaft, die sich ihre Fragen zu eigen macht und sie vor Gott trägt, ohne sie mit dem Vortragen vorgefertigter Antworten mundtot zu machen. Dies ist einer der Gründe, welche die pastorale Beratung so wichtig machen. Sie ist oft der einzige Raum, in dem diese Dramen in aller Freiheit und Sicherheit ausgefochten werden können. Zorn ist immer riskant. Und vor allem der Zorn gegen Gott, den Allmächtigen!

Für andere ist es riskant, sich Gott zu nähern. Wie zum Beispiel für Louise, die versucht, sich in kleinen Schritten in Rembrandts Bild vom Verlorenen Sohn hineinzudenken, den sein Vater mit offenen Armen bei sich aufnimmt. Riskant ist es für sie, weil sie Angst hat. Oder da ist Lucie, die sich darin übt, ihren Kopf auf Gottes Knie zu legen, ohne fürchten zu müssen, dass da jemand mit einer sexuellen Erwartung darauf reagiert!

Schließlich muss die Pastoral sich auch solidarisch verhalten. Solidarität ist hier um so notwendiger, als das Leiden oft bewirkt, dass Menschen isoliert werden und ohne die Solidarität von Mitmenschen leben müssen, ohne in Solidarität aufgenommen oder angehört zu werden, Empathie und Miteinanderteilen zu erfahren oder sich gemeinsam auf die Suche nach neuen Wegen zu machen. Nun aber bezieht sich diese Solidarität auch auf den theologischen Dienst und die Liturgie, welche die Seelsorge begleiten:

»Ein Theologe zu sein bedeutet, Gott zu verteidigen, die Trümmer, die durch zerbrochene Aufmerksamkeit und zerstörte Beziehungen entstanden sind, beiseite zu räumen. Groß ist das Leiden unserer Mitmenschen, und tief ist die Entfremdung zwischen ihnen und Gott. Der Theologe muss hier als Heiler dieser Beziehung wirken, er muss Wunden verbinden, er muss trösten.

Theologe zu sein bedeutet, sich zum Sprecher seiner Mitmenschen zu machen, denn wir sind grenzenlos in unserer Komplexität, in unserem Leiden, in unserer Ekstase. Es bedeutet, auf die Freuden, die Unsicherheiten und die Verzweiflung zu hören. Es bedeutet, Lobpreis, Zorn oder Hilflosigkeit herauszuhören.

Theologe zu sein bedeutet, in Solidarität mit den Mitmenschen vor Gott zu stehen. Es bedeutet, das Herz des Anderen vor Gott zu bringen. Zu segnen und am Segen teilzuhaben, zornig zu sein und Zorn zu teilen, die Verzweiflung des Anderen vor Gott zu tragen. Es bedeutet, für das Volk zu Gott zu sprechen, sich in seinem Namen an Gott zu wenden. Es bedeutet, um ihretwillen zornig auf Gott zu sein, es bedeutet, zusammen mit ihnen Gott zu preisen.«


Unsere Vorstellung von Heil umgestalten, um Hoffnung zu ermöglichen

Um wirklich Sorge tragen zu können für die Leidenden, müssen wir schließlich unsere Vorstellung von dem, was Heil ist, umgestalten. Viele bemängeln dessen übertriebene Spiritualisierung. Dabei geht es beim Heil doch tatsächlich um Befreiung, um den Körper, um die Gesundheit, um Gerechtigkeit. Der Ort, an dem Heil Wirklichkeit wird, liegt nicht in einem Jenseits oder in irgendeiner metaphysischen Welt, sondern im täglichen Leben. »Heute ist diesem Hause Heil widerfahren«, sagt Jesus, als Zachäus versprochen hat, die Hälfte seines Vermögens den Armen zu geben und denen, von denen er zu viel gefordert hatte, das Vierfache zurückzuerstatten. Da ist keine Rede von metaphysischen Gütern! Sondern von Dingen, die mit Händen zu greifen sind! Die Theologie hat die Bedeutung der von Jesus gewirkten Heilungen verkürzt zu bloßen Zeichen oder zu Vorgriffen auf ein zukünftiges Heil und damit den konkreten Wert dieser Heilungen für die Menschen, denen sie zugute kamen, vergessen. Für die christliche Tradition jedoch gehört die Körperlichkeit zur vollen Identität des Menschen. Wenn Jesus Kranke heilt, dann geht es auch um ihre Identität und um ihre Beziehung zu Gott.

In unseren Interviews kommt das Heil beispielsweise zum Ausdruck in dem neuen Bewusstsein, das die häufigste Frucht der Therapie oder der pastoralen Beratung ist, nämlich in dem Bewusstsein, dass die Opfer nicht verantwortlich sind für die Misshandlungen, die sie erlitten haben, dass sie daran nicht schuldig sind. Manche haben von einer Identität als zur Hölle verdammte Sünder zu einer neuen Identität als Gläubige gefunden, mit denen Gott Beziehung aufgenommen hat. Ein Mensch entdeckt, dass seine Sexualität von Gott her kommt. Ein anderer wird Sozialarbeiter. Francine und Lucie bezeugen, dass Gott rettet. Béatrice bricht ihr Schweigen und organisiert eine Gruppe Überlebender. Luc, der sich schon von Jugend an von Gott verworfen geglaubt hatte, sagt heute, er sei von ihm mit einer Sendung betraut worden.

Man wird vielleicht sagen, keiner von diesen Menschen sei ganz geheilt. Und was dann? Wenn jemand Sie vor dem Ertrinken bewahrt, dann bedeutet das doch nicht, dass Sie nun in völliger Gesundheit leben oder dass Ihnen nichts Schreckliches mehr zustoßen kann. Und dennoch sind Sie sehr wohl gerettet worden! Wenn man die Heilung verabsolutieren wollte, dann verlöre man den Bezug zur Wirklichkeit. Dass dies heute besser verstanden wird, ist auch Ivone Gebara zu verdanken, die zwar anerkennt, »dass aus der Perspektive eines ›Jenseits‹ der Geschichte alle Möglichkeiten offen stehen«, aber auch schreibt: »In der Praxis […] gibt es ein in den Grenzen unserer Leiblichkeit, unseres Herzens und unseres täglichen Lebens erfahrenes Heil. […] Als würden wir dadurch herausgefordert, das Grauen des Bösen oder der Nöte, die uns umgeben, zu überwinden. Dieses Heil aber ist kein Zustand, in den wir ein für allemal gelangen könnten.«

Ich denke, dass eine solche Vorstellung von Heil den leidenden Menschen helfen könnte, Spuren des Göttlichen zu entdecken. Dies zu erkennen scheint mir wesentlich, und es ist ein wichtiger Auftrag der Pastoral.

Das Erleben von Heil kann zeitweilig sogar ermöglicht werden durch eine psychische Dissoziation, die einen Menschen für eine bestimmte Zeit vor einer traumatischen Erfahrung beschützt. Ein gutes Beispiel dafür finden wir in der klinischen Praxis von Margaret Arms, die erzählt, wie eine am Boden liegende Frau, die Opfer einer Kollektivvergewaltigung geworden ist, ihre Aufmerksamkeit auf eine neben ihrem Gesicht wachsende kleine blaue Blume richtet und so ein wenig dem Horror, den sie soeben erlitten hat, entkommt. Margaret Arms nutzt später die Erinnerung an diesen Moment, um mit dem Opfer einen Raum zu schaffen und ihm eine Identität bewusst zu machen, die ihm beide ganz allein gehören und die so dem Zugriff ihrer Angreifer entzogen sind. Mehrere unserer Interviews haben diesen Prozess der Dissoziation inszeniert, und Lucie betrachtet diese als »eine Fähigkeit, die Gott mir gegeben hat«. Es mag eine Zeit kommen, in der diese Dissoziation nicht mehr zur Hand ist, die Pastoral aber muss erkennen, wie wertvoll sie für die Opfer gewesen ist, und dann muss sie ihr Empfinden, welche Fähigkeiten ihnen dadurch zugewachsen sind, stärken. Wenn Heil auch immerzu am Werk sein mag, so wird es doch als solches nicht immer wahrnehmbar sein. Und diese scheinbare Abwesenheit von Heil ist für sehr viele entmutigend. »Ostern? Na ja, man kann daran glauben. Aber es gilt doch nur für die anderen, nicht aber für uns«, sagte man in einer Gruppe von Prostituierten. Dies ist das Drama, auf das die Pastoral allzu oft eine Antwort finden muss.

Aus dem Französischen übersetzt von Dr. Ansgar Ahlbrecht

Zurück zur Startseite

Unsere Abos
Sie haben die Wahl ...

weitere Infos zu unseren Abonnements


Newsletter


Unser Newsletter informiert Sie über die Inhalte der neuesten Ausgabe.


Jahresverzeichnis 2019


Aktuelles Jahresverzeichnis


Jahresverzeichnis 2019
als PDF PDF.



Unsere neue Dienstleistung für Verlage, die Ihr Abogeschäft in gute Hände geben wollen.


aboservice

mehr
Informationen


Concilium
Telefon: +49 (0) 711 44 06-140 · Fax: +49 (0) 711 44 06-138
Senefelderstraße 12 · D-73760 Ostfildern
Kontakt | Sitemap | AGB | Widerruf | Datenschutz | Impressum