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Leseprobe 2 DOI: 10.14623/con.2016.3.333-341
Maria Clara Lucchetti Bingemer
Das Leiden Gottes in einigen zeitgenössischen Theologien
»Wenn dieser Gott, für den ihr in eurer Verblendung tötet, uns nach seinem Bild geschaffen hat, dann war jede Kugel im Körper meiner Frau eine Wunde in seinem Herzen.«
Antoine Leiris, ein französischer Journalist, dessen Frau beim terroristischen Angriff auf den Konzertsaal Bataclan in Paris am 13. November 2015 starb

Der Journalist Antoine Leiris war glücklich mit Hélène verheiratet und hat einen kleinen Sohn. Hélène besuchte am Abend des 13. November die Musikaufführung im Bataclan. Sie kam nicht zurück, und ihr Mann fand ihren Leichnam drei Tage und Nächte danach in der Aufbahrungshalle vor. Antoine schrieb einen schönen Text und verbreitete ihn in den sozialen Netzwerken unter der Überschrift: »Brief an meine Frau und ihre Mörder«, dem auch der oben als einleitendes Motto zitierte Satz entnommen ist.

Ich habe diesen Text deshalb ausgewählt, weil sich Antoine mitten in seinem Schmerz auf Gott bezieht und ohne es zu wissen eine theologische Reflexion anstellt. Er sagt, dass der Schmerz, den der Mord an einer jungen Frau, Ehefrau und Mutter, verursacht, der Schmerz Gottes selber ist, da diese Unschuldige nach seinem Bild und Gleichnis geschaffen wurde.

Dieser Beitrag will über die Frage des Leidens Gottes nachdenken, das unlösbar mit dem Leiden der Welt und der Menschheit verbunden ist. Unsere Reflexion geht von dieser konkreten Geschichte aus, strebt jedoch eine größere Reichweite an. Und deshalb untersuche ich einige zeitgenössische europäische und lateinamerikanische Theologien.

Die christliche Theologie hat sich immer schon mit dem Leid beschäftigt. Ich möchte das einmal mehr tun, in der Hoffnung, dass die Perspektive, die ich dabei entwickle, dazu beiträgt, die Reflexion zu vertiefen. Meine Hypothese geht von der Identifikation Gottes mit allen Opfern von Ungerechtigkeit und Gewalt aus. Ich glaube, dass die Theologie des Gottes der jüdisch-christlichen Offenbarung von der Vertiefung dieser Perspektive profitieren kann.

Ich will deshalb hier die Überlegungen einiger zeitgenössischer Theologen darstellen. Ich werde in erster Linie die Theologie des deutschen reformierten Theologen Jürgen Moltmann untersuchen, der dieses Thema ins Zentrum seines theologischen Werks gerückt hat. Dann verweise ich auf das Denken des katholischen Theologen Johann Baptist Metz, der dieselbe Frage ausgehend von der Kategorie »Erinnerung« aufgreift. Schließlich wende ich mich der lateinamerikanischen Theologie zu, konkret dem Werk des Theologen Jon Sobrino. Ich hoffe, dass ich dann einige Denkwege aufzeigen kann, die einen Beitrag zur Reflexion über diese wichtige theologische Frage heute leisten können.

Gott – Komplize oder Opfer des Bösen?

Die Theologie Jürgen Moltmanns entspringt den schrecklichen Erfahrungen der Shoah und des Zweiten Weltkriegs. Dem Denken, aus dem bei ihm eine theologische Berufung wird, liegt dieses Leid voraus. Das Problem Gottes steigt bei ihm aus dem Tiefsten seines Wesens in dem Maße empor, als er sich fragt, warum er selbst am Leben ist, und zugleich, wo Gott ist. Ausgehend von dieser tiefen existenziellen Frage wird der deutsche Theologe dann einen Teil seines Werkes ausarbeiten und seine Theologie vom gekreuzigten Gott entwickeln.

Moltmann zufolge kann die christliche Theologie die Leidensgeschichte der Welt nur als Passion Gottes auslegen. Denn: »Wie kann christliche Theologie nicht von Gott sprechen angesichts des Gottesschreis Jesu am Kreuz?« Nur wenn man bedenkt, was sich zwischen dem Gekreuzigten und »seinem« Gott ereignet, kann man davon herleiten, was dieser Gott für die Bedrängten und Verzweifelten dieser Erde bedeutet. Angesichts des ungerechten Leids der unschuldigen Opfer stellt sich die Frage: Wo ist Gott? Ist er fern und leidensunfähig in seinem Himmel oder leidet er inmitten der Leidenden dieser Welt?

Ausgehend von Moltmanns Frage also ist das Kreuz entweder das Ende jeder Theologie oder der Beginn einer spezifisch christlichen Theologie. Die christliche Gottrede wird am Kreuz Christi zu einer trinitarischen Rede und distanziert sich damit von jeglichem Monismus, Polytheismus und Pantheismus. Der zentrale Ort des Gekreuzigten ist das spezifisch Christliche in der Weltgeschichte, so wie die Trinitätslehre das spezifisch Christliche der Lehre über Gott ist. Und beides ist zuinnerst miteinander verknüpft.

Jesus erleidet den Tod in Gottverlassenheit. Doch der Vater erleidet den Tod des Sohnes im Schmerz seiner Liebe, die an das Innerste der Vaterschaft heranreicht, das heißt an seine tiefste Identität. Da der Tod des Sohnes etwas anderes ist als das Leiden des Vaters, begreift Moltmann das Ostermysterium als ein innertrinitarisches Geschehen und lässt bereits in diesem ersten Augenblick den generischen Gottesbegriff hinter sich, um sich voll in die trinitarische Identität Gottes und in das Mysterium seines Schmerzes zu vertiefen.

Im Zentrum von Moltmanns Theologie steht die Aussage, dass Gott vom menschlichen Leid nicht ausgenommen ist und ihm nicht fernsteht. Einer solitären Theologie setzt er eine solidarische Theologie entgegen. Angesichts des Schreis des unschuldigen Opfers, das leidet, gilt: Entweder umfängt Gott dieses Leid von innen her oder er kann von der Menschheit inmitten ihres Schmerzes nicht verehrt und angerufen werden. [...]


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