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Leseprobe 1 DOI: 10.14623/con.2016.3.276-286
Pamela R. McCarroll
Das Wüten und Weinen der Liebe
Leiden und die »heilige Möglichkeit«
Ihre Geschichte

Meist lachten sie, wenn er mit leeren Händen aus dem Laden nach Hause kam, zu dem er Stunden zuvor mit dem Bus aufgebrochen war. »Mir ist einfach nicht mehr eingefallen, was ich kaufen wollte.« Und sie lachten. »Es ist schon wieder passiert«, gestikulierte er in der ihm eigenen melodramatischen Art, und sie lachten erneut.

Heute weiß sie, dass der medizinische Fachbegriff dafür die »Dissoziation« ist. Dies ist ein psychischer Prozess, der meist mit einer posttraumatischen Belastungsreaktion in Verbindung gebracht wird und der zu Defiziten bei der Verknüpfung von Gedanken, Erinnerungen und dem Identitätsgefühl eines Menschen führt. Brandgeruch oder der Geruch von Kot und Urin, diese eine Musik, der Anblick von jemandem, der einem von ihnen ähnlich sah – mehr war nicht nötig, damit er sich vom Boden löste, den Blick senkte, wie betäubt dastand, von sich abgetrennt war. Jetzt erinnert sie sich an jene Passagen der Geschichte, als er davon erzählte, wie er sich, als der Schmerz unter der Folter zu stark wurde, von seinem Körper löste. Auf einer Skala von 1 bis 10 geschah dies, wenn die 10 erreicht war. »Ich denke, dass sein Körper das nicht vergessen konnte, selbst Monate und Jahre später nicht.«

»José Eduardo López war freier Journalist und Menschenrechtsaktivist in Honduras. Er setzte sich für die Überwindung der Armut und für bessere Bildung und Gesundheitsversorgung der Menschen ein und ganz besonders für die Kinder im Land. Im August 1981 wurde er verhaftet und gefoltert. Nachdem er mehrere Todesdrohungen erhalten hatte, floh er 1982 in die USA. Er wurde zur Rückkehr nach Honduras gezwungen, nachdem in Kanada sein Antrag auf die Anerkennung als Flüchtling abgelehnt worden war: ›Sie haben […] nicht stichhaltig begründen können, […] dass Sie Verfolgung zu befürchten haben.‹ 1984 wurde er am Heiligabend von bewaffneten Männern verschleppt. Er tauchte nie wieder auf – er ›verschwand‹. 1993 veröffentlichte die honduranische Menschenrechtskommission den Bericht The Facts Speak for Themselves, in dem bestätigt wird, dass Eduardo von den Sicherheitskräften der honduranischen Regierung verschleppt, gefoltert, hingerichtet und in einem verborgenen Friedhof begraben wurde. Seine sterblichen Überreste sind nie gefunden worden.«

Sie erinnert sich, wie sie ihn – nachdem sie 1981 genug Krach geschlagen hat, damit er entlassen wird – mit dem Auto nach Hause bringt. Er ist still. Man sieht ihm den Schmerz an. Sie bereitet ihm ein Duschbad. Er bittet sie, den Raum zu verlassen: »Du möchtest das nicht sehen.« Doch wie gewöhnlich setzt sie sich durch und bleibt. Überall Blutergüsse. Lilafarbenes, zerfetztes Fleisch. Berührt sie ihn, zuckt er zusammen. »Was haben sie mit dir gemacht!?« Folter. Fäuste. Stiefel. Elektroschocks. Den Kopf in menschliche Exkremente hineingestoßen. Dröhnende Musik, um seine Schreie zu übertönen …

»Ich möchte diesen Ort in die Luft jagen und alle darin!« Sie schreit, in ihr schwillt die Woge des Zorns an. Völlig unvorbereitet ist sie auf seine ruhige, entschlossene Antwort: »Wir können meine Folterer nicht hassen. Sie sind nur das Produkt dieser Gesellschaft. Wir dürfen sie nicht hassen.« Immer noch kommen ihr die Tränen, wenn sie sich an diese Worte erinnert und daran, was sie für ihr Leben bedeuten.

Heiligabend 1984. Sie wollen sich um 10 Uhr treffen, um Geschenke für die drei kleinen Kinder zu kaufen. Als Eduardo um 10.30 Uhr noch nicht da ist, beginnt sie, nach ihm zu suchen. Um die Mittagszeit stellt sich wieder dieses Gefühl ein. »Oh Gott! Oh Gott! Nein!« El desaparecido.

Die Wochen nach Eduardos Verschleppung sind voller Bemühungen, ihn freizubekommen; sie spricht mit Anwälten, wendet sich an die Medien, spricht öffentlich darüber, was geschehen ist. Dann bekommt sie selbst Drohungen. Lose Bolzen am Autoreifen führen zu einem Unfall. Fremde ermahnen sie, den Mund zu halten. Eine geheime Fahrt zu einer Militärbasis, wo sie befragt wird. »Wer sind seine Freunde? Sagen Sie es uns!« Nachts klingelt das Telefon. Der letzte Anruf bringt das Fass zum Überlaufen. »Sie haben eine neunjährige Tochter und wir wissen, was wir mit ihr machen werden.« Sie sammelt ihre Kinder ein und flieht nach Costa Rica. Monate später treffen sie als vom Konsulat anerkannte Flüchtlinge in Kanada ein. Amnesty International erklärt José Eduardo López zum politischen Gefangenen. Sie beginnt, dringliche Appelle und Briefe zu schreiben.

»Jahrelang bin ich davon ausgegangen, dass er uns finden wird«, sagt sie, »dass er einfach unser Haus betritt oder einfach dort auftaucht, wo wir gerade sind. Ich habe mir unser Wiedersehen wieder und wieder ausgemalt; Eduardo kommt nach Hause zu uns, und alles wird anders.«

Sie erinnert sich an bruchstückhafte Gefühle aus dieser Zeit – sie ist wütend auf Gott wegen der Ungerechtigkeit des Lebens; sie macht sich Sorgen, dass all dies die Strafe für irgendetwas ist; sie hat Angst, dass irgendwie alles ihre Schuld ist; sie fühlt sich noch schuldiger, wenn sie denkt, dass Eduardo tot ist; sie empfindet noch mehr Schuld, weil sie das Land verlassen hat; Angst um ihre Kinder; Zorn auf alle Täter; unablässige Fragen: »Warum?« und »Was ist, wenn …?« Und immer und immer wieder muss sie ihre Geschichte erzählen. Und inmitten all dieser Gefühle klingt in ihr Eduardos Aufruf zur Vergebung nach.

Sie erinnert sich an die Kirchengemeinde, die sie und ihre Kinder ohne Vorbehalte aufnimmt. Gemeinsam gründen sie, angetrieben von ihrer Geschichte, eine Organisation für die Eingliederung von Flüchtlingen – mit ihr als Direktorin. Nun wird sie dafür bezahlt, dass sie das tut, was niemand für Eduardo getan hat. Sie erinnert sich auch an den kalten Heiligabend 1987, inmitten einer überfüllten Kirche, als ein Gedenkgottesdienst für Eduardo gehalten wird. »Sein Leben zu feiern hat so gut getan damals«, sagt sie. »Es half mir zu entdecken, dass Gott mit mir geweint hat.« [...]


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