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Zu diesem Heft DOI: 10.14623/con.2016.3.273-275
Luiz Carlos Susin / Solange Lefebvre / Daniel Franklin Pilario / Diego Irarrázaval
Gott und das Leiden
Über das Leiden nachzudenken heißt vor allem, mit den Leidenden solidarisch zu werden und über Heilung und Gerechtigkeit nachzudenken. Doch das Leiden wirft Fragen auf, die den Schmerz und die Dringlichkeit, sich darum zu kümmern, vergrößern. Paul Ricoeur befragte die Denker nach den großen Kriegen und Genoziden des 20. Jahrhunderts und kam zu dem Schluss: Das Leiden wurde zur größten und fast einzigen großen Herausforderung für die Theologie und Philosophie der Gegenwart.

Auf der einen Seite gibt es eine enorme Vielfalt unterschiedlicher Formen menschlichen Leids: biologisches, psychologisches und soziales Leid; auf der anderen Seite haben diese unterschiedlichen Formen des Leids eine Vielfalt von – zuweilen sogar gegensätzlichen – Reaktionen zur Folge, von frommer Ergebung bis zum Hass, von der Lähmung der Enttäuschung bis zum engagierten Handeln. Doch vor allem der exzessive Charakter des Leidens wirft Fragen auf, die über die Philosophie und Ethik hinausführen und eine religiöse Dimension bekommen. In der Tat ist es, wie Emmanuel Levinas und Philippe Nemo (Philippe Nemo, Job e l’exces du mal. Postface d’Emmanuel Levinas, Paris 2001.) zeigen, sein »Exzess«, der auf das Maßlose der »A-nomie«, der »Un-angemessenheit«, der Ungerechtigkeit verweist. Und es stellt Gott infrage. Die Theologie kann es nicht vermeiden, über das Leiden nachzudenken, auch wenn dies von der Natur der Sache her für den, der ernsthaft nachdenkt, schmerzlich ist.

CONCILIUM kommt aufgrund seines Auftrags immer wieder darauf zurück, über das Leid nachzudenken. Bereits in anderen Heften der Zeitschrift gibt es unterschiedliche Annäherungen an dieses Thema auf verschiedenen Wegen: Ijob und das Schweigen Gottes (11/1983); Die Stimme der Opfer (6/1990); Martyrium in neuem Licht (1/2003); Struktureller Verrat: Sexueller Missbrauch in der Kirche (3/2004); Ijobs Gott (4/2003); Das Böse und die Möglichkeiten des Menschlichen (1/2009); Die Kirche der Armen und die Globalisierung (3/2015). Das stets unabgeschlossene Bemühen, über das Leiden nachzudenken, erfordert interdisziplinäres Arbeiten, Aufmerksamkeit und Sorgfalt bei der Denkarbeit. Die Autoren, die zu diesem Heft einen Beitrag geleistet haben, indem sie sich dem Thema »Leiden« von verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen her annähern, weisen allesamt diese Haltung der Aufmerksamkeit und Demut angesichts des Mysteriums des Leids auf. Deshalb sind wir als Herausgeber jedem einzelnen Autor und jeder einzelnen Autorin zutiefst dankbar dafür, dass sie diese riesige und heikle Herausforderung wieder einmal angenommen haben.

Ein Aspekt, der bei der Behandlung der entscheidenden Wirklichkeit des Leidens ins Auge springt, ist die semantische Frage. Die Leser und Leserinnen werden bei den Autoren der verschiedenen Beiträge bedeutende legitime Unterschiede im Sprachgebrauch feststellen können, der sich in sich stimmig in den jeweiligen Beitrag einfügt, aber nicht zwangsläufig mit der Terminologie anderer Beiträge übereinstimmt. Die Unterscheidung zwischen oder die radikale Bezogenheit von Leiden, Schmerz und Übel aufeinander oder die Unterscheidung hinsichtlich der Intensität oder Dimension des Leidens zeigt, dass unsere Autorinnen und Autoren – und in diesem Fall einhellig – zugeben: Mit unserer Rationalität, unseren Projekten und Bemühungen werden wir des Leidens nicht Herr, so wie wir auch den Tod nicht beherrschen, und nur in Achtsamkeit und in radikalem Vertrauen können wir uns dem Leiden – dem unsrigen und dem der anderen – nähern. Seine Manipulation ist zuweilen subtil. Sie wird ebenso analysiert wie die verschiedenen Deutungsversuche, die uns die Narrative, die Wissenschaften, die Vernunft liefern und die zu unterschiedlichen und natürlich unzureichenden Klärungen gelangen. Letzten Endes haben wir es mit einem dunklen Mysterium zu tun, angesichts dessen man nicht gleich mit Antworten aufwarten, sondern ein geduldiges Voranschreiten anstreben sollte.

Deshalb beginnen und beschließen wir diese Aufsatzsammlung mit einer ganzheitlichen Annäherung an das Leiden mitsamt seinen gesellschaftlichen und spirituellen Dimensionen, angefangen vom aufmerksamen Zuhören und der Anteilnahme an einer Erzählung des Verlustes, des Leids und des Schmerzes bis hin zur Erarbeitung des schwierigen Vergebens und zur Möglichkeit des pastoralen Umgangs mit Erzählungen vom Leiden.

Die Leser und Leserinnen werden auch etwas über die Deutungen der Psychoanalyse, der Soziologie, der klassischen hermeneutischen Narrative finden, die sich dem Phänomen des Leidens annähern und nach Möglichkeiten suchen, es zu verstehen.

Im weiteren Voranschreiten wenden wir uns der Heiligen Schrift zu und entscheiden uns hierfür für das Buch Kohelet und seine erschreckende Einsicht, dass alles Leiden hével sei, eine sinnlose Leere. Wir dürfen hier auch daran erinnern, dass CONCILIUM bereits zwei Themenhefte dem Buch Ijob und den Qualen Ijobs gewidmet hat. Was das Neue Testament betrifft, bietet unser Heft eine sorgfältige exegetische Untersuchung der Haltung des Paulus angesichts seines eigenen Leidens – seines »Stachels im Fleisch«. Er hält diesem Leid nicht in einer masochistischen oder stoischen Haltung stand, sondern in der Gnade Christi, die ihn zur paradoxen Aussage veranlasst: »Wenn ich schwach bin, bin ich stark!« Letztlich ist für den Christen das Kreuz Christi der hermeneutische Ort allen Leidens. Doch diese »Abkürzung« der christlichen Theodizee dispensiert uns nicht nur nicht vom langen Weg des Denkens, sondern vor allem nicht von der pastoralen Begleitung, die dabei hilft, das Leid in Geduld zu bearbeiten.

Trotz der generellen Auffassung, dass jede Theodizee zum Scheitern verurteilt ist, widmen sich einige der philosophischen und natürlich theologischen Beiträge dieses Hefts der Theodizeefrage in kühner und überraschender Weise: Sie fragen nach Gott und dem Leid, die in der Tradition des abendländischen Denkens miteinander konfrontiert werden, nach dem vielfachen Scheitern der Theodizee und den stets neuen Herausforderungen wie auch nach ihren gegenwärtigen Möglichkeiten, nach Solidarität und Freiheit als Ausdrucksformen der Zuflucht Gottes selbst und des radikalen Vertrauens angesichts des Übels.

Die Herausgeber sind sich dessen bewusst, dass sie den Autoren der verschiedenen Beiträge dieses Heftes ein schwieriges Unterfangen zumuteten. Sie hatten nicht nur die Aufgabe der Forscher und Autoren zu bewältigen, sondern ihnen wurde darüber hinaus die mutige Konzentration auf das dunkle Geheimnis des Leids abverlangt, das Vorbote des Todes, der Möglichkeit der Vernichtung, ist. Wir haben die Autorinnen und Autoren genau hierzu eingeladen: im Beschreiten dieses engen Pfades im christlichen Glauben das Licht zu suchen, nämlich die Hoffnung der Auferstehung, die jede Annäherung an und jeden achtsamen Umgang mit den Leidenden rechtfertigt. Die Leser und Leserinnen dieses Heftes werden davon profitieren, dass die Beiträge sich den Paradoxien des Leidens, aber auch den Erfahrungen der Solidarität annähern, in denen Gott selbst verortet wird und die die Würde und die Freude am Leben stärken.

Im Theologischen Forum dieses Heftes beginnen wir das Gedenken an die Reformation vor fünfhundert Jahren mit einem authentischen lutherischen Beitrag. Darüber hinaus erinnern wir an dreihundert Jahre »Aparecida«, ein marianisches Ereignis in Brasilien, das sich unaufhaltsam ausbreitet und das hier von einem Spezialisten gedeutet wird. Und in Zeiten von Laudato Si’ bringen wir schließlich einen Kommentar zur Weltklimakonferenz, der COP 21, die im Dezember 2015 in Paris stattgefunden hat und deren Umsetzung eine riesige, aber nicht unmögliche Herausforderung darstellt.

Aus dem Portugiesischen übersetzt von Dr. Bruno Kern M.A.

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