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Zu diesem Heft DOI: 10.14623/con.2016.2.141-144
Susan A. Ross / Erik P. N. M. Borgman / Sarojini Nadar / Lisa Sowle Cahill
Familien
Am 2. Januar 2016 gaben die lokalen Fernsehsender und Zeitungen in Chicago wie jedes Jahr die Geburt des ersten Babys der Stadt im Neuen Jahr bekannt. In diesem Jahr hatte ein 15-jähriges unverheiratetes Mädchen lateinamerikanischer Abstammung eine Minute nach Mitternacht in einem Vorstadtkrankenhaus eine Tochter zur Welt gebracht. Ihre glücklichen Eltern sagten, wie sehr sie sich freuten und dass sie mithelfen wollten, ihre neue Enkelin großzuziehen. Man zeigte die junge Mutter, wie sie ihr neugeborenes Baby liebevoll anschaute und gleichzeitig bekanntgab, sie wolle die High School beenden, um dann Polizistin zu werden. Es ist unwahrscheinlich, dass diese familiäre Situation vor fünfzig Jahren genauso gefeiert worden wäre wie heute. Denn die Situation der Familien auf der ganzen Welt hat sich in den letzten Jahrzehnten erheblich verändert. Ein »uneheliches« Kind zu haben ist kein Skandal mehr. Gleichgeschlechtliche Paare und ihre Kinder sitzen in vielen Kirchen neben »traditionellen« heterosexuellen Paaren. Familien kämpfen in weltweit komplexen wirtschaftlichen und politischen Situationen um ihr Überleben. Diese Ausgabe von CONCILIUM möchte die Vielfalt der Fragen sichtbar machen, mit denen Familien heute konfrontiert sind.

»Die Familie« wird oftmals mit der »Hauskirche« gleichgesetzt. Zu Christen werden wir innerhalb unserer Familien erzogen. Die katholische Lehre hat stets daran festgehalten, dass die Eltern das Modell für die Beziehung Christi zu seiner Kirche sind und dass die Kinder die Liebe ihrer Eltern verkörpern. Die Erfahrungen innerhalb unserer Familien prägen, ob nun im guten oder schlechten Sinne, das, was wir als Menschen werden. Doch Familien sind zunehmend komplex und sehen sich mit Herausforderungen konfrontiert, auf die es nicht leicht ist, eine Antwort zu bekommen – weder von der Kirche noch von der Gesellschaft.

Die Außerordentliche Synode zur Familie in den Jahren 2014 und 2015 ließ aufhorchen durch ihre neue Offenheit, in der über die Familien diskutiert wurde: Mittels vorher verteilter Fragebögen informierte man sich über die Familien und machte schließlich die Dokumente einer breiten Öffentlichkeit zugänglich. Doch trotz der komplexen Themenvielfalt, mit der es Familien zu tun haben, und trotz der Vielfalt der Kulturen, innerhalb derer Familien ihr Leben bestreiten, drehten sich die Diskussionen der Synode hauptsächlich um Scheidung und Wiederverheiratung, um die Zulassung der wiederverheirateten Katholiken (deren erste Ehe nicht annulliert wurde) zu den Sakramenten, um das Zusammenleben ohne Trauschein und um die gleichgeschlechtliche Ehe. Im Hintergrund dieser Diskussionen standen schwerer wiegende Sorgen um den Verlauf der Synode, die von Papst Franziskus eingeschlagenen Wege und Spaltungen innerhalb der Kirche entlang geografischer Grenzen sowie zwischen den Generationen. Thomas Reese SJ war einer der Beobachter der Synode des Jahres 2015 und stellt hier seine Gedanken zu dem einen Monat dauernden Treffen im Oktober 2015 im Theologischen Forum vor. So wichtig die dort angesprochenen Themen für viele im globalen Norden auch sind: Die Sorgen der Familien weltweit umfassen ein breiteres Spektrum.

Das Thema dieses Heftes – »Familien« – wurde bewusst in den Plural gesetzt. Es gibt nicht das eine Modell für »die« Familie, wie die Beiträge in hohem Maße deutlich machen. Von den erweiterten Familien (Großfamilien) im globalen Süden bis zu den Kernfamilien des globalen Nordens begegnen uns Familien in vielfacher Gestalt und Größe. Wenn es irgendetwas gibt, was diese unterschiedlichen Familien gemeinsam haben, dann dies, dass sie von der sozialen, politischen und wirtschaftlichen Situation der Welt stark in Mitleidenschaft gezogen wurden. Unsere Autoren und Autorinnen bilden eine Vielfalt von Kontexten und Herausforderungen ab. Deshalb ist es schwierig, theologische Fragen aus diesen Kontexten herauszudestillieren, doch es gibt bestimmte Themen, die hier auftauchen.

Ein roter Faden, der sich durch viele Beiträge zieht (insbesondere durch die von Mary A. D’Angelo, Gemma Tulud Cruz, Agbonkhianmeghe E. Orobator SJ, Ana L. Suárez, Susan Rakoczy IHM und Martha Mapasure sowie von Domenico Simeone) ist die Frage des Geschlechterverhältnisses. Viele Lehrdokumente zur Familie betonen die bleibende Bedeutung der Mutterschaft, die »weibliche Begabung« der Frauen und das Beispiel Marias, der Mutter Jesu. Doch die von den Frauen gelebte Realität hat kaum etwas mit diesem idealisierten Bild mütterlicher Liebe zu tun, wie es in den offiziellen Lehrschreiben der Kirche dargestellt wird. Zudem sollte man hier auch sagen – und wir wiederholen damit das, was viele vatikanische Beobachter bemerkt haben –, dass zwar etwa dreißig Frauen als Beobachterinnen zur Synode von 2015 geladen waren, dass Frauen aber kein Stimmrecht bei den Beschlüssen der Synode hatten. Der einzige Laie mit Stimmrecht war ein Ordensbruder, das heißt eine ehelos lebende männliche Person. Diese schmerzliche Tatsache, dass Frauen innerhalb der Kirche keine Stimme haben, während Papst Franziskus gleichzeitig eine »deutlichere Präsenz der Frauen in der Kirche « einklagt, stellt eine bleibende, schwärende Wunde am Leib Christi dar.

Das komplexe Leben von Frauen und die Tatsache ihrer Unterdrückung auf der Welt liegen klar zutage. Vielleicht ist es auf die besser entwickelten Medien zurückzuführen, dass wir uns der Situation der Frauen stärker bewusst sind als je zuvor. Die Verheiratung von Kindern und Zwangsehen sind immer noch in einigen Teilen der Welt sehr stark an der Tagesordnung, und dass Frauen nicht in der Lage sind, sich bezüglich ihrer Sexualität frei zu entscheiden, ist, wie die Beiträge von Rakoczy/Mapasure und Orobator zeigen, immer noch allzu sehr die Regel. Selbst da, wo Frauen neue wirtschaftliche Chancen bekommen, sind sie, wie der Beitrag von Cruz deutlich macht, immer noch sexuellem Missbrauch ohne hinreichenden Schutz ausgeliefert.

Angesichts dieser Situationen bedarf es einer neuen Theologie des Geschlechterverhältnisses und der Sexualität. Doch es ist nicht nur die Situation, die ein Überdenken dieser zentralen Kategorien erforderlich macht. Der Beitrag von D’Angelo zeigt – und das geht auch aus einer selbst nur oberflächlichen Lektüre der hebräischen Bibel klar hervor –, dass sich das Familienideal der Weihnachtsgrußkarten und der vatikanischen Lehrscheiben nicht einmal in diesen heiligen Schriften wiederfindet, in denen das Durcheinander und die Sündhaftigkeit des menschlichen Lebens mehr als offensichtlich zutage treten. Wie sollen denn die Familien in den Elendsvierteln von Buenos Aires, die Familien von philippinischen Arbeitsmigranten, die nun getrennt von ihren Kindern leben, und afroamerikanische Familien, die dazu noch unter den Folgen des im System selbst verankerten Rassismus leiden, hier Vorbilder für ein vollgültiges christliches Leben finden? Veränderungen der Geschlechterrollen – so merkt Domenico Simeone an – betreffen Frauen und Männer gleichermaßen und legen neue Wege von Beziehungen nahe, die einen positiven Einfluss auf Familien und ihre Gemeinden haben können.

Das führt uns zum zweiten Thema, das sich aus den Beiträgen ergibt und das ebenfalls mit dem Geschlechterverhältnis und den auf der Synode behandelten Fragen zu tun hat: den Folgen einer hierarchisch verfassten, patriarchalischen Kirche und Gesellschaft für die Familien. Viele der Beiträge in diesem Heft handeln davon, dass kirchliche Strukturen schlecht dafür ausgestattet sind, angemessen auf die Herausforderungen zu reagieren, mit denen es die heutigen Familien zu tun haben. Wenn die Familie tatsächlich die »Hauskirche« ist: Welche Modelle von Beziehung und Leitung werden dann den Familien angeboten, die nach Orientierung in einer komplexen Welt suchen? Verheiratete Frauen in Afrika, die sich mit ehelicher Treue, mit HIV, mit wirtschaftlichen Veränderungen herumschlagen – um nur ein paar der Herausforderungen aufzuzählen –, schauen auf die Kirche und sehen eine durch und durch männliche, zölibatäre Führungsriege, die der Kompliziertheit ihrer Situation keine Beachtung zu schenken scheint, insbesondere was die offizielle Lehre über die Geburtenkontrolle betrifft. Interessanterweise sind es die äußerst armen Frauen in den Elendsvierteln von Buenos Aires, wie sie im Beitrag von Suárez vorgestellt werden, die aufgrund ihrer Zusammenarbeit mit den unter ihnen lebenden Ordensfrauen eine Kirche erfahren, die stärker integrierenden Charakter hat.

Christophe Ringer schreibt über die Themen, die für afro-amerikanische Familien relevant sind, und betont die Bedeutung des »Gemeinwohls« und eines Gemeinschaftssinnes, der heute allzu oft im Leben fehlt, insbesondere im globalen Norden. Ein solches gemeinsames Gespür für Verantwortung kann der Gemeinschaft der Kirche einerseits die Ressourcen erschließen, um Familien in Zeiten der Not Beistand zu leisten, und andererseits den Familien sowie der Kircche als Modell für auf Gegenseitigkeit beruhende Beziehungen dienen. Darlene Weaver bemerkt, dass Familien mit Adoptivkindern der Kirche ein Modell von Gemeinschaft anbieten, die über rein biologische Beziehungen hinausreicht.

Wir sind uns dessen sehr bewusst, dass es viele Themen gibt, die von diesem Heft nicht abgedeckt werden: die Situation der geschiedenen und wiederverheirateten Paare, die in der Gemeinschaft der Kirche bleiben wollen, die Herausforderungen, denen gleichgeschlechtliche Paare und ihre Familien (Eltern, Kinder, Verwandte) gegenüberstehen, das Thema der häuslichen Gewalt und deren verheerende Auswirkungen auf Familien. Wir bemühen uns darum, die Vielfalt der Familien herauszustellen, um der Vorstellung zu begegnen, dass es nur einen Weg geben kann, den Bedürfnissen von Familien gerecht zu werden und die Sensibilität der gesamten Kirche einzufordern, die verschiedenen Familien, aus denen die Weltkirche besteht, zu unterstützen und feiernd zu würdigen.

Das Theologische Forum dieses Heftes enthält drei Beiträge zur gleichgeschlechtlichen Ehe und einen Beitrag über die Komplexität der Geschlechteridentität im Islam. Julie Clague schreibt über die Abstimmung in Irland im Frühjahr 2015. Das positive Votum wurde von der überwiegend katholischen Bevölkerung Irlands wesentlich unterstützt. Jeannine Gramick, eine langjährige Aktivistin im Dienst lesbischer und schwuler Katholiken, schreibt über die Entscheidung des Obersten Gerichtshofes der USA im Juni 2015, die dem Widerstand der Gesetzgebung gegen die gleichgeschlechtliche Ehe den Boden entzog. Und Paulinus Odozor, ein gebürtiger Nigerianer, der an der Universität Notre Dame in den USA lehrt, schreibt über die Bedeutung der Bewegung für die Legalisierung der gleichgeschlechtlichen Ehe. Ludovic-Mohamed Zahed stellt Vorstellungen zur Rolle gleichgeschlechtlicher Beziehungen im Islam infrage und zeigt eine komplexere Geschichte auf. Und wie bereits bemerkt, teilt Thomas Reese SJ, der an der Synode im Jahr 2015 teilnahm, seine Beobachtungen auf dem einen Monat währenden Treffen mit.

Wir sind denen, die dazu beigetragen haben, dieses Themenheft zu gestalten, zu Dank verpflichtet. Ein besonderer Dank gilt Joshua King, Miguel Diaz und Edmondo Lupieri für die Begleitung bei der Erarbeitung des Heftes. Wir danken auch Felix Wilfred, Gianluca Montaldi und Emilie Townes für ihre thematischen Vorschläge.

Aus dem Englischen übersetzt von Dr. Bruno Kern M.A.

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