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Leseprobe 3 DOI: 10.14623/con.2016.1.131-135
Solange Lefebvre
Jugend und Kirche: Vom Paternalismus zur Koedukation der Generationen
In diesem Jahr des fünfzigjährigen Bestehens der Zeitschrift CONCILIUM liegt es nahe, knappe Überlegungen über die Jugend anzustellen. Ich mache einerseits darauf aufmerksam, wie wichtig es ist, den weniger angepassten Jugendlichen innerhalb der Kirche einen Platz einzuräumen, und andererseits darauf, dass die Jugendzeit eine Übergangsphase ist, die wenig von Riten bestimmt ist. Ziel ist es hierbei, unseren pastoralen Blickwinkel zu verändern.

Die Jugendlichen erfuhren vonseiten der katholischen Kirche immer schon große Aufmerksamkeit. Das gilt zumindest für die Moderne, in der die Jugendlichen zu öffentlichen Persönlichkeiten wurden, die man mobilisieren konnte und die in einer Vielzahl von Ländern über immer mehr Schulbildung verfügten. Die riesigen Investitionen der kirchlichen Gemeinden in den Schulbereich sind ein Zeichen dafür, wie wichtig ihnen dieser ist. Heute leisten die einflussreichen Netzwerke katholischer Schulen für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene einen Beitrag für die Ausbildung von weltweit jährlich Millionen Menschen. Ganz zu schweigen von den Jugendbewegungen, die je nach Zeit, Land und danach, um welche Jugendlichen es sich handelt, einem ständigen Wandel ihrer Ausdrucksgestalt und ihres Stils unterworfen sind.

So wie in der Gesellschaft insgesamt tendierte dieses erzieherische Verhältnis im Lauf der Geschichte eher dazu, vertikal oder von oben nach unten absteigend zu sein. Die Älteren »formen« die Jugendlichen, indem sie ihnen ihr Wissen und ihren Glauben vermitteln. Natürlich werden auch eher vom Dialog geprägte Ansätze, ein eher induktives Vorgehen von unten, ausprobiert. Doch wie steht es um die tatsächlichen bedeutenden Beiträge der Jugendlichen selbst? Unter »Jugendlichen« verstehe ich hier vor allem die jungen Leute in der Adoleszenzphase und die jungen Erwachsenen.

Was die Beziehungen zwischen den Generationen anlangt, so stehen wir seit etlichen Jahren und in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens vor der Her ausforderung, die vertikale Struktur dieses Verhältnisses zu überdenken. In der Arbeitswelt zum Beispiel scheint die Ausbildung der jungen Leute komplexer zu sein, als es auf den ersten Blick aussehen mag. Bereits unter den Jüngsten findet man unterschiedliche Persönlichkeiten und Profile, doch darüber hinaus brauchen einige von ihnen, um sich entwickeln zu können, ein Höchstmaß an Eigenständigkeit.

Es lohnt sich, hier die unterschiedlichen Typen von Auszubildenden darzustellen, wie ich sie zusammen mit meinem Forschungsteam professionell und systematisch herausgearbeitet habe. Bei den acht Auszubildenden, die begleitet und interviewt wurden, konnten wir vier unterschiedliche Profile feststellen: Der Typus, den wir als heteronom bezeichnet haben, beruft sich oft auf eine äußere Autorität, sucht häufig Selbstvergewisserung, während der Experimentierfreudige eine autonomer gestaltete Lehrzeit durchläuft und es kaum schätzt, dass man ihm dauernd über die Schultern schaut. Ein Teamworker liebt das mit anderen abgestimmte Arbeiten und ist geradezu begierig darauf, von allen verfügbaren Ressourcen in seiner Umgebung zu profitieren, aus denen er in erfrischender Weise lernt. Schließlich gibt es den Behüteten, der einem Beispiel nacheifern will und nach Unterstützung durch einen Mentor in seinem Leben strebt. Jeder der vier Typen knüpft eine andere Art von Beziehung zu den erfahrenen Arbeitern, entwickelt ein anderes Verhältnis zu den Traditionen und zum erworbenen Wissen, bedient sich auf andere Weise der verfügbaren Ressourcen in seiner Umgebung.

Dieser Studie zufolge entwickelt sich die junge Persönlichkeit, welchem Typ sie auch zugeordnet werden muss, mittels eines Netzes der Vermittlung. Dies löst bis zu einem gewissen Grad den – vielen Autoren wichtigen – Begriff des Vorbildes in einer Vielfalt von Personen, die in unterschiedlicher Weise an seiner Ausbildung beteiligt sind, auf. Innerhalb eines bestimmten Milieus knüpft ein Individuum, das sich in Ausbildung befindet, zu mehreren Personen – von den jüngsten angefangen bis hin zu den erfahrensten – Beziehungen und wird auf diese Weise mit den Geheimnissen des Berufs und der Organisation selbst vertraut gemacht. Wir gingen davon aus, dass man innerhalb der unterschiedlichen religiösen Gemeinschaften wohl dieselben Profile antrifft, wobei die einen eher die starken Individuen und die anderen die gemeinsame und disziplinierte Pflichterfüllung schätzen.

Wenn unsere kirchlichen Kreise ausschließlich Jugendliche des heteronomen Typs suchen, die sich innerhalb einer eher vertikalen Dynamik der Vermittlung ganz wohlfühlen, oder wenn sie Jugendliche des Typs der Behüteten wollen, die einen Lehrmeister suchen, dann könnte es passieren, dass sie die Jugendlichen anderen Typs verlieren, das heißt die Jugendlichen, die eigenständiger sind und eine große Klappe haben – was durchaus ein wenig an den jungen Jesus von Nazaret zu seiner Zeit erinnert. Es ist wichtig, mehrere Typen junger führender Persönlichkeiten innerhalb der katholischen Kirche zu fördern, und unter ihnen müssten auch aufmüpfige Jugendliche sein, die die gewohnten Sichtweisen infrage stellen und aufmischen. Doch was fängt man im gelebten Katholizismus mit Jugendlichen an, die ihren Eigensinn haben und dem autonomen Typ angehören?

Gewiss muss man die Übertreibungen in unserer heutigen Gesellschaft und deren Bewertung der Jugend mitsamt ihren neuen Fähigkeiten sehen. Wenn auch gewisse moderne oder hypermoderne Denker das Ende der Traditionen verfügt haben, so halten sich diese doch – wir wissen es heute – auf verschiedenen Ebenen des gesellschaftlichen Lebens hartnäckig und unwandelbar. Im Gegenzug kommt es darauf an, über die Art und Weise nachzudenken, wie unsere Gesellschaft, die die Veränderung und die Kreativität, starke Erziehungsprojekte, wertschätzt, einen neuen Typ junger Führungspersönlichkeiten entstehen lässt. Welche Konsequenzen hat dies für die katholische Kirche?

Großorganisationen wie die katholische Kirche verfügen über wirksame Mittel, um die Beiträge der Christen an der Basis zu filtern. Denken wir nur an die Synoden, die die Laien und die öffentlichen Reden bis ins kleinste Detail auswählen, sodass oftmals nur die bereits bestehenden Ansichten verstärkt werden. Doch müsste man nicht auch Freiräume schaffen, in denen eher unerwartete und kühnere Ansichten ausgetauscht und angenommen werden können?

Die Rituale der Jugendlichen

Etliche pastorale Jugendbewegungen haben das Verlangen von Jugendlichen nach Ritualen und Initiation sehr wohl verstanden. Man denke nur an die Pfadfinder, deren geniales Gespür für Symbole und Initiationsriten oft als Beispiel zitiert wird. Dennoch erleben wenige Jugendliche, deren Übergangszeit von der Kindheit ins Erwachsenenalter ja immer länger dauert, echte Übergangsriten im christlichen und katholischen Bereich. Zahlreiche Studien haben das Problem aufgezeigt, dass sich die christliche Erziehung auf die Kindheit beschränkt, dass die feierlichsten Riten mit Beginn der Adoleszenz vorbei sind, da in einem Großteil der Länder die Firmung genau zu diesem Zeitpunkt stattfindet. Gewiss haben sich etliche Diözesen dazu entschlossen, dieses wichtige Sakrament zu einem späteren Zeitpunkt des Lebens zu spenden, doch die Schwierigkeit bleibt insgesamt bestehen.

Zwischen Firmung und Hochzeit bzw. Eintritt ins Ordensleben gibt es wenige im engeren Sinne christliche oder katholische große Ereignisse, die das Leben der Jugendlichen in unserer Gesellschaft prägen könnten – mit Ausnahme der engagierten jungen Katholiken, die Gruppen finden, die ihrem Glauben eine Stütze geben. Die vielen anderen bedienen sich dennoch eines Arsenals mehr oder weniger ausgestalteter Rituale, um ihrem Leben Sinn zu verleihen. Nehmen wir nur als Beispiel das, was von bestimmten Leuten das »Ritual des ersten Mals« genannt wird: das erste Mal, dass ich mit dem Schlüssel nach Hause komme, wenn die Eltern nicht da sind; das erste Mal, dass ich allein Auto fahre; das erste Mal, dass ich mit einem Scheck bezahle usw. Ganz zu schweigen von den vielen Stadien des Liebeslebens: ein symbolisches Geschenk, das eine ernsthafte Beziehung zum Ausdruck bringen will; eine Entscheidung zugunsten des anderen treffen usw. Die Entwicklung der Sexualität folgt häufig einer Dynamik fortschreitenden Engagements.

Es kommt darauf an, aufmerksam zu sein und diese vielgestaltigen rituellen Momente zu erkennen, die sich außerhalb des Rasters der katholischen Sakramente vollziehen. Könnte man sie nicht in katholische Feiern integrieren? Könnte man nicht vermittelnde Riten schaffen? Könnte man sie nicht aufgreifen und diesen entscheidenden Momenten des individuellen und gemeinschaftlichen Lebens am Rand der Religion Anerkennung zuteil werden lassen?

Was die Initiationsriten allgemein betrifft, kann man abschließend auf zwei große Veränderungen im Lauf der letzten Jahrhunderte hinweisen. Einerseits kann man den grundlegenden Gedanken von Mircea Eliade aufgreifen, der meint: »Die meisten Initiationsszenarien haben ihre rituelle Realität verloren […] und sind zu dem geworden, was man […] beispielsweise in den Artus-Romanen findet: ›literarische Motive‹. Das heißt, dass sie nun ihre spirituelle Botschaft auf einer anderen Ebene der menschlichen Erfahrung aussenden, indem sie direkt das Vorstellungsvermögen ansprechen.«

Andererseits erfolgen die Übergänge in den modernen Gesellschaften stufenweise, sie sind variabel und ausdifferenziert und darüber hinaus individualisiert. Sie kennzeichnen die Kontinuität des Lebens ebenso wie die Brüche – ganz im Gegensatz zum Übergangsritus (rite de passage), der die Identifizierung mit der Gemeinschaft verstärkt und den Bruch zwischen den Lebensaltern betont. Die Jugendzeit ist in der Tat länger geworden, die Übergangsphasen verschwimmen, sie sind zahlreicher und fallen zeitlich auseinander. Der Übergang wird nicht mehr durch Übergangsriten strukturiert, sondern vor allem durch vereinheitlichte und administrative Prozesse. Darüber hinaus lassen es die immer individualisierteren Verläufe des Lebens oft nicht zu, die verschiedenen Lebensphasen in einem gemeinschaftlichen und strukturierten Kontext zurückzulegen. Dieser Wandel hat eine Veränderung der Beziehung zwischen den Generationen zur Grundlage, die nun von der Last der Herrschaft der einen Generation über die andere, nachfolgende, befreit ist. Er verweist auf den Niedergang stabiler und organisierter Gemeinschaften.

Was hat das für Folgen für den christlichen Glauben? Positiv ist einerseits festzuhalten, dass dieser seine Grundlage weiterhin in großen Erzählungen hat, die für dieses Vorstellungsvermögen, an das Eliade erinnert, nur inspirierend sein können. Der Glaube muss sich um die hermeneutische Beziehung zwischen beiden kümmern. Andererseits müssen die pastoralen und kirchlichen Kreise akzeptieren, dass die wichtigen Augenblicke des Lebens zum Großteil völlig an ihnen vorbeigehen und dass die jungen Erwachsenen in den allermeisten Fällen nur vorübergehend in den christlichen Gemeinden sind. Die ihrem Alter eigentümliche Dynamik nimmt sie in eine Bewegung des Überschreitens und der Erkundung hinein.

Trotz allem sind die christlichen Übergangsriten von einer großen Zahl der Menschen heute gefragt und geschätzt, und zwar genau deshalb, weil sie nach wie vor dem in unserer Gesellschaft weiterbestehenden Bedürfnis nach gemeinschaftlicheren Riten entsprechen. Es kommt also trotz allem darauf an, über diese Übergangsphase nachzudenken, die sich Jugend nennt und immer länger wird; es kommt darauf an, aufmerksam auf die Genialität der Übergänge zu achten, die sich hier entfaltet.

Denken wir daran, diese erneuernde Kraft, die die Jugend stets sein konnte, zu feiern, weiterzugeben, aber auch aus ihr zu schöpfen – so wie seinerzeit die Pharisäer, die angesichts der Geisteskraft des jungen Jesus von Nazaret in Staunen versetzt wurden.

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