zur StartseiteZugang für Abonnenten
Startseite » Archiv » Ausgabe 1/2016 » Leseprobe 2
Titelcover der archivierte Ausgabe 1/2016 - klicken Sie für eine größere Ansicht

Der Aufbau der Zeitschrift


finden Sie hier


Concilium stellt sich vor

Geschichte und Selbstverständnis


Präsidium, Herausgeber/innen und Wissenschaftliches Komitee


sind hier einzusehen.


Unsere Autoren


finden Sie hier.


werden hier gelistet.

<<< zur vorherigen Ausgabe zur nächsten Ausgabe >>>
Leseprobe 2 DOI: 10.14623/con.2016.1.90-98
Johan Verstraeten
Ganz ins gesellschaftliche Gefüge eintreten
Papst Franziskus und die Zukunft des katholischen sozialen Urteilens
I. Von der Lehrmeinung zur Urteilskraft über die Veränderung der Welt

Papst Franziskus schreibt: »Ein authentischer Glaube – der niemals bequem und individualistisch ist – schließt immer den tiefen Wunsch ein, die Welt zu verändern« (Evangelii Gaudium – EG – 183). Für die Verpflichtung zur Veränderung verwendet er explizit das Wort Befreiung: »Jeder Christ und jede Gemeinschaft ist berufen, Werkzeug Gottes für die Befreiung und die Förderung der Armen zu sein« (EG 187). Mit diesem Aufruf zur Befreiung erteilt er zugleich auch dem technokratischen Paradigma eine Absage, wonach es Umweltschäden seien, unter denen die Armen am meisten zu leiden hätten (Laudato Si’ – LS – 111). Die katholische Soziallehre und auch die Wissenschaft könnten nicht mehr länger im Bereich »bloße[r] allgemeine[r] Hinweise bleiben, die niemanden unmittelbar angehen« (EG 182).

Um angemessene Antworten auf die Herausforderungen unserer Zeit zu finden, müssten das soziale Urteilen und die Gesellschaftstheorie auf dem Prinzip beruhen, dass »die Wirklichkeit wichtiger [ist] als die Idee« (EG 231–233). Konzepte und Theorien seien wichtig, aber nur insofern, als sie »dazu da [sind], den Kontakt mit der Wirklichkeit, die man erklären will, zu fördern, und nicht, um uns von ihr zu entfernen« (EG 194). Die Menschen litten häufig unter Fehlentscheidungen, weil

»viele Akademiker, Meinungsmacher, Medien- und Machtzentren weit von ihnen entfernt angesiedelt sind, in abgeschlossenen Stadtbereichen, ohne in direkten Kontakt mit ihren Problemen zu kommen. […] Dieser Mangel an physischem Kontakt und an Begegnung […] trägt dazu bei, das Gewissen zu ›kauterisieren‹ und einen Teil der Realität in tendenziösen Analysen zu ignorieren« (LS 49).

Dies gelte ebenso für Kirchenführer und Theologen, die an der katholischen Soziallehre mitwirken: Ohne direkten Kontakt sei es ihnen ebensowenig möglich, »die Klage der Armen […] zu hören wie die Klage der Erde« (LS 49). Das ist vermutlich der Grund, warum Franziskus betont, dass das Urteilen über die Gesellschaft keine Aufgabe ist, die dem Papst vorbehalten sei, und auch nicht einer Elite, die für die Menschen spricht. Für Papst Franziskus setzt der Realismus des katholischen sozialen Denkens mit der Voraussetzung ein, dass die Gläubigen nicht nur Objekte, sondern ebenso Subjekte des Urteilens sind. Das soziale Denken sei die Aufgabe des »ganzen Volkes Gottes« (EG 111–134), und es erfordere ein Gespräch auf verschiedenen Ebenen: als ökumenischer und interreligiöser Dialog und nicht zuletzt auch als offener Dialog mit den Wissenschaften (EG 4). Das Ziel sei dabei nicht, Glaubenssätze zu entwerfen, sondern darüber nachzudenken, wie die Welt zu verändern sei.

In Papst Franziskus’ Augen hat die Welt die Gestalt einer komplexen Interaktion, in der Gottes Zukunft entsteht. In seiner Sicht sind weder die Kirche (»das Volk Gottes«) noch die Wissenschaften neutrale Außenstehende oder distanzierte Beobachter. Ihr Nachdenken und Handeln spielen eine wichtige Rolle im Prozess der Menschwerdung, für den sie mitverantwortlich sind.

II. Die radikale Option für die Armen

Die Verantwortung für die Arbeit an einer neuen Welt wird durch die Option für eine »Kirche, die arm und für die Armen« ist, radikalisiert. Mit dieser Option verknüpft Papst Franziskus das katholische soziale Denken und seine Praxis wiederum mit der radikal-prophetischen Agenda, die während des II. Vaticanums entstanden ist, und zwar vor allem im Katakomben-Pakt (16. November 1965). Bei diesem Pakt versprach sich eine bedeutende Gruppe kritischer Bischöfe ein »Leben in Armut« und verpflichtete sich dazu, eine »dienende und arme Kirche« zu schaffen. Die Option für die Armen ist kein abstraktes Prinzip, sondern eine »fundamentale ethische Notwendigkeit« zur »wirksamen Umsetzung« des Gemeinwohls (LS 158). Damit geht auch die aktive Beteiligung der Armen an den Entscheidungen einher, die ihr Leben betreffen. Sie sind weder die Objekte von Entscheidungen, die von Experten gefällt werden, noch »passive Objekte im Interesse des spirituellen Wohls der Geldgeber, die über mehr Macht verfügen«. Sie sind die Subjekte ihres eigenen Schicksals und Akteure, von denen wir viel lernen müssen. In seiner Ansprache an die Volksbewegungen in Santa Cruz (Bolivia, 9. Juli 2015) macht Franziskus seinen Standpunkt unmissverständlich deutlich: »Sie, die Unbedeutendsten, die Ausgebeuteten, die Armen und Ausgeschlossenen […], die Zukunft der Menschheit [liegt] großenteils in Ihren Händen […], in Ihren Fähigkeiten, sich zusammenzuschließen und kreative Alternativen zu fördern […] Lassen Sie sich nicht einschüchtern! Sie sind die Aussäer von Veränderung «.

In seiner strukturellen Analyse der Armut (EG 188) lautet Franziskus’ wichtigste Diagnose, dass »die Ungleichverteilung der Einkünfte […] die Wurzel der sozialen Übel« ist (EG 203). Dies entspricht den Forschungsergebnissen von kritischen Ökonomen wie etwa Thomas Piketty, der gezeigt hat, dass die Ungleichheit trotz wirtschaftlichen Wachstums zugenommen hat, oder Richard Wilkinson und Kate Pickett, denen zufolge Ungleichheit dazu führt, dass Gesellschaften immer ungleicher werden, zerbrechen und sich sozial zersetzen. Faktisch untergräbt extreme Ungleichheit die Fertigkeiten der Menschen, ihre Leistungsfähigkeit und ihr Glück, und sie führt zu größeren gesundheitlichen und gesellschaftlichen Problemen wie auch zum Zusammenbruch des sozialen Lebens. Franziskus’ Diagnose kommt damit Dorlings These nahe, dass zerstörerische Ungleichheit nicht nur eine »physische« Realität ist, sondern auch die Folge subjektiver Überzeugungen und Annahmen, die als falsche Begründungen herhalten, wie etwa Elitedenken, Vorurteile oder der Gedanke, dass Gier gut sei und Hoffnungslosigkeit unvermeidlich. [...]


Lesen Sie den kompletten Artikel in der Print- oder Onlineausgabe.

Zurück zur Startseite

Unsere Abos
Sie haben die Wahl ...

weitere Infos zu unseren Abonnements


Newsletter


Unser Newsletter informiert Sie über die Inhalte der neuesten Ausgabe.


Jahresverzeichnis 2019


Aktuelles Jahresverzeichnis


Jahresverzeichnis 2019
als PDF PDF.



Unsere neue Dienstleistung für Verlage, die Ihr Abogeschäft in gute Hände geben wollen.


aboservice

mehr
Informationen


Concilium
Telefon: +49 (0) 711 44 06-140 · Fax: +49 (0) 711 44 06-138
Senefelderstraße 12 · D-73760 Ostfildern
Kontakt | Sitemap | AGB | Widerruf | Datenschutz | Impressum