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Leseprobe 3 DOI: 10.14623/con.2015.5.594-600
Jutta Koslowski
»Mother, I Hear Your Heart Beat …«
Stille als Hören auf Gott und seine Schöpfung
Stille … Während ich an meinem Schreibtisch sitze und darüber nachdenke, was ich zu diesem Thema zu sagen habe, werde ich abgelenkt: Ich höre das leise, aber unaufhörliche Ticken meines Weckers unter dem Bett. Seit Stunden schon befinde ich mich im gleichen Zimmer, und bisher hat mich der Ton nicht gestört – ja, ich habe ihn noch nicht einmal bemerkt. Da habe ich telefoniert, in Büchern geblättert, mit der Tastatur meines Computers geklappert … Erst jetzt, wo ich ganz ruhig geworden bin und gründlich nachdenke, fällt mir dieses Geräusch auf. Nun, da sich meine Aufmerksamkeit darauf gerichtet hat, kann ich erst weiterarbeiten, nachdem ich aufgestanden bin und meinen Wecker tief unter einem Berg von Kissen zum Schweigen gebracht habe. Ich muss lächeln und an das Märchen von der »Prinzessin auf der Erbse« denken, die selbst durch einen riesigen Stapel von Matratzen hindurch noch das »schrecklich Harte« spürte und die ganze Nacht hindurch kein Auge zutun konnte.

Trotz aller Ablenkung bin ich schon mitten beim Thema: Stille ermöglichst es uns zu hören. Zu hören und aufmerksam zu sein auf unsere Umwelt, auf die innere Stimme in uns selbst und auf Gott. In gewisser Weise ist die Unterscheidung zwischen diesen drei Bereichen künstlich und oberflächlich, denn in der Tiefe der mystischen Erfahrung sind diese drei eines. Anders gesagt: Der Mystiker, die Mystikerin vermag in allen Dingen Gott als Urgrund zu finden. Wenn ich der Welt begegne, der Schöpfung, »Mutter Erde«, dann begegne ich damit zugleich Gott als ihrem Schöpfer, dessen Abbild sie ist. Höre ich die innere Stimme meiner tiefsten Sehnsucht, so ist dies letztlich die Stimme Gottes, die leise in mir spricht. Die Stille bewirkt, dass ich mich weniger ablenken lasse von den Sinneseindrücken um mich her – und sie zugleich mit gesteigerter Aufmerksamkeit wahrnehmen kann. Noch intensiver wird diese Erfahrung, wenn ich nicht nur »mit den Ohren faste« sondern zugleich mit den Augen – etwa, wenn ich mich zum Gebet in die Wüste zurückziehe und die radikale Leere aushalte, die mich dort umgibt. Dies kann dazu verhelfen, mich zu konzentrieren – und das bedeutet nichts anderes, als »zur Mitte zu finden«. Was (oder wer) ist »die Mitte« nach religiösem Verständnis? Wiederum: Gott.

So möchte ich in den folgenden Überlegungen Stille als Weg zu Gott beschreiben – ein Weg, der mich zugleich zu mir selbst führt und zur ganzen Schöpfung, deren »Seufzen nach Erlösung« (Röm 8,23) hörbar wird und sich mit meiner eigenen Sehnsucht verbindet. Dabei möchte ich ein wenig von meinen Erfahrungen erzählen, die als ein Beispiel dienen können für die Suche nach neuen Formen von Spiritualität und klösterlichem Leben. Manches davon ist ganz subjektiv – insgesamt jedoch ist die Sehnsucht nach Stille charakteristisch für den zeitgenössischen Menschen und seine moderne Mystik. Auf dem Weg der Stille habe ich viele Gleichgesinnte getroffen, die auf ihre je eigene Art unterwegs waren …

Die Stille suchen

Meine erste große Erfahrung mit Stille habe ich auf einer Pilgerreise ins Heilige Land gemacht. Nach dem Abitur, mit 19 Jahren, bin ich dorthin aufgebrochen, weil ich auf den Spuren Jesu unterwegs sein wollte. Das habe ich damals ganz wörtlich verstanden: Die Orte, die in der Bibel genannt werden, wollte ich besuchen, und dabei die Wege gehen, die dort beschrieben sind: von Jericho nach Jerusalem, von Nazaret nach Kana, von Jerusalem nach Emmaus … Und natürlich musste ich dabei zu Fuß unterwegs sein, wie es sich für einen richtigen Pilger gehört. Dass es dabei auch um das »Leben mit leichtem Gepäck« geht, das habe ich bald gemerkt – und dass es wichtig sein kann, sich Weggefährten zu suchen, weil es alleine zu gefährlich ist. Ein Höhepunkt dieser Wanderschaft war die Erfahrung der Wüste – in Jordanien und vor allem in Ägypten. Ich kann nachvollziehen, dass sich die Wiege des Mönchtums in der Wüste befindet und dass diese Wüste im Land Ägypten liegt. Unvergesslich meine erste Nacht alleine unter dem überwältigenden Sternenzelt des Sinai: Die Stille war hier tatsächlich so groß, so vollkommen und tief – ich konnte sie hören. Hören konnte ich die Millionen und Abermillionen von Sternen, die an diesem vollkommen schwarzen Himmelszelt strahlten. So wie die Augen vom Blendwerk befreit waren und in der Dunkelheit die Sterne sehen konnten, so waren die Ohren vom Lärm verschont und konnten die Sterne hören. Die uralten Worte Gottes an Abraham wurden mit unvermittelter Wucht vernehmbar: »Er führte ihn hinaus und sprach: Blicke doch auf zum Himmel und zähle die Sterne, wenn die sie zählen kannst!« (Gen 15,5) Die Größe Gottes, die ehrfurchtgebietende Größe der Schöpfung und die offenkundige Kleinheit des Menschen – dies war die Botschaft der Stille. »Die Himmel erzählen die Ehre Gottes, und die Feste verkündigt seiner Hände Werk. Ein Tag sagt’s dem andern, und eine Nacht tut es der andern kund, ohne Sprache und ohne Worte; unhörbar ist ihre Stimme.« (Ps 19,2–4) Schöner als in diesem uralten Psalmwort lässt es sich nicht ausdrücken: In der Stille hören wir Gott.

Ergriffen von dieser Erfahrung wollte ich es den ägyptischen Wüstenvätern gleichtun und mich als Eremitin zurückziehen. Ein ganzes Jahr lang habe ich damit verbracht, mich in Einsamkeit und Schweigen zu üben und dabei zwölf Stunden am Tag die Heilige Schrift zu studieren (denn kein Zweifel: auch dort können wir Gott hören). Von der eremitischen Lebensweise hat es mich dann zur koinobitischen gedrängt, in gewisser Weise der Entwicklung in der Geschichte des Mönchtums folgend. Zurück in Deutschland habe ich in einem Kloster um Aufnahme gebeten und durfte für ein halbes Jahr bei den Franziskanerinnen von Sießen mitleben. Als einzige evangelische Christin gemeinsam mit dreihundert katholischen Ordensschwestern – das war eine besondere ökumenische Herausforderung für mich. Das »Hören aus der Stille« wurde an diesem Ort um neue Erfahrungen bereichert. So habe ich dort die Praxis des »Herzensgebets« kennengelernt, bei welcher ein ganz einfaches Gebetswort immer und immer neu wiederholt wird – bis es sich zunächst mit dem eigenen Atem und schließlich auch mit dem Herzschlag synchronisiert und zuletzt verselbständigt, sodass dieses Gebet gleichsam in der elementaren Sprache des eigenen Körpers zum Ausdruck kommt: »Herr Jesus Christus, erbarme dich unser!« Auf diese Weise verwirklichten Gottsucher durch die Jahrhunderte die Mahnung des Apostels Paulus: »Betet ohne Unterlass!« (1 Thess 5,17) »Erbarme dich unser«: Damit wird die weiche, zärtliche Seite Gottes angesprochen und die ganze Wirklichkeit in diesem Licht wahrgenommen. »Erbarme dich unser«: Mit diesem Wort verbindet sich der Beter, die Beterin mit der gesamten Schöpfung und schließt alle und alles in ihr Gebet mit ein. So macht das Herzensgebet das eigene Herz weit und verbindet uns mit dem Seufzen der ganzen Kreatur um Erbarmen und Erlösung. [...]


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