zur StartseiteZugang für Abonnenten
Startseite » Archiv » Ausgabe 4/2015 » Zu diesem Heft
Titelcover der archivierte Ausgabe 4/2015 - klicken Sie für eine größere Ansicht

Der Aufbau der Zeitschrift


finden Sie hier


Concilium stellt sich vor

Geschichte und Selbstverständnis


Präsidium, Herausgeber/innen und Wissenschaftliches Komitee


sind hier einzusehen.


Unsere Autoren


finden Sie hier.


werden hier gelistet.

<<< zur vorherigen Ausgabe zur nächsten Ausgabe >>>
Zu diesem Heft DOI: 10.14623/con.2015.4.389-393
Thierry-Marie Courau / Regina Ammicht Quinn / Hille Haker / Marie-Theres Wacker
Theologie, Anthropologie und Neurowissenschaften
Die Erkenntnisse der jüngeren Forschung lassen das menschliche Gehirn in einem anderen Licht erscheinen. Offenbar verfügt das Nervensystem, was die Rekonstruktion seiner neuronalen Netze betrifft, über Fähigkeiten, von denen man bis vor kurzem noch nichts geahnt hat. Angesichts der Geschmeidigkeit, mit der es sich verändert und anpasst, zeichnet sich die Möglichkeit ab, mentale Verfassungen und seelische Strukturen zu therapeutischen Zwecken zu modifizieren. Insbesondere über die Fähigkeiten des Bewusstseins, Schmerz zu lindern und Glück, Frieden und Liebe zu erzeugen, werden die unterschiedlichsten Theorien formuliert. In rascher Abfolge stellt die Forschung immer wieder neue Hypothesen auf, die die vorangegangenen, auf deren Grundlage sie überhaupt erst entstehen konnten, ins Wanken bringen. Wo wir im Augenblick stehen, lässt sich kaum sagen.

Binnen weniger Jahrzehnte sind die Neurowissenschaften somit zu einer wichtigen Entwicklungsachse der Forschung nicht nur im Hinblick auf unsere Kenntnis des Gehirns, sondern auch auf die Psychologie, den Umgang mit Emotionen oder das Zusammenleben geworden. Doch was sagt dies über den Menschen aus? Sind die mentalen Verfassungen lediglich ein biologisches Produkt unseres Gehirns und von jeder anderen Wirklichkeit unabhängig? Eines ist sicher: Die Neurowissenschaften der Gegenwart sind dabei, unsere Sicht, unsere Wahrnehmung und unsere Vorstellung vom Menschen und vom Bewusstsein zu verändern. Und das wiederum betrifft auch unsere Wahrnehmung der Beziehung zu Gott, unser Verständnis von und unseren Diskurs über Gott. Wie sollen die Philosophie, die Anthropologie, die Theologie und die Ethik mit diesen Fragen umgehen, und welchen Standpunkt sollen sie in dieser Debatte einnehmen? Sie müssen sich ihre Kritikfähigkeit bewahren und können doch nicht umhin, die Stichhaltigkeit ihrer Aussagen über die Zukunft, den Fortschritt und das Heil der Welt und des Menschen anhand der Resultate und Methoden der wissenschaftlichen Forschung zu überprüfen.

Die Autoren des vorliegenden Hefts über die Neurowissenschaften kommen überwiegend von der Nordhalbkugel unseres Planeten. Dies hängt damit zusammen, dass viele nordamerikanische und europäische Wissenschaftler ein großes Interesse an der Hirnforschung haben und von der Wirtschaft oder der Politik durch entsprechende Geldmittel in diesem Interesse bestärkt werden. Doch wir leben in einer globalisierten Welt. Unsere Reaktion auf diese neuen Arten, das Menschsein zu denken, und auf die daraus erwachsenden anthropologischen Theorien wird weitreichende Folgen für uns alle und für unsere Lebens- und Denkweise haben.

Die ersten drei Beiträge dieser Ausgabe von CONCILIUM versuchen herauszufinden, welche Beziehungen zwischen den Neurowissenschaften, der spirituellen Erfahrung und der Philosophie möglich sind. Der erste Artikel beschreibt die innere Erfahrung aus neurowissenschaftlicher Sicht und führt uns mitten hinein in die erstaunliche »neuronale Plastizität« des Gehirns. Sein Verfasser ist Matthieu Ricard, buddhistischer Mönch nach tibetischer Tradition, promovierter Zellulargenetiker und der französische Übersetzer des Dalai Lama. Zurzeit lebt er im Kloster Shechen in Katmandu (Nepal). Er ist Mitglied der Forschungsgruppe des vor fast zwanzig Jahren gegründeten Mind and Life Institute, das den Dialog zwischen dem buddhistischen Wissen über den Geist und der Wissenschaft fördert. Die Ergebnisse der in diesem Kontext durchgeführten Laborstudien scheinen darauf hinzuweisen, dass das Gehirn trainiert und physisch verändert werden kann. Entsprechend gesteuert kann es die Gesundheit fördern und negative Emotionen in positive Ressourcen umwandeln. Am Beispiel des buddhistischen Mitgefühls, der Empathie und der altruistischen Liebe verdeutlicht der Autor seine Schlussfolgerung, dass man das Veränderungspotential des Gehirns durch mentales Training nutzen muss, um sich in der rechten Weise in den Dienst der anderen zu stellen.

Will Crichton von der Universität Warwick (England) befasst sich mit der Debatte zwischen dem französischen Philosophen Paul Ricoeur und dem Neurowissenschaftler Jean-Pierre Changeux. Er will die konzeptionellen Beziehungen zwischen der »hermeneutischen Phänomenologie« und der zeitgenössischen »Neurophilosophie« erörtern. Der erste Begriff bezieht sich auf Ricoeurs philosophisches System, das einerseits auf seiner Analyse der Welt so, wie sie mental von den Subjekten erfahren wird, und andererseits auf der Interpretation der empfangenen Informationen und der Texte basiert. Der zweite Begriff bezeichnet philosophische Ansätze, die unter dem Einfluss der jüngeren Entwicklungen in den kognitiven Neurowissenschaften entstanden sind, und wird auch im Zusammenhang mit aufkommenden Theorien verwendet, die die Grenzen unserer Erkenntnisse über die Funktionsweise des Gehirns und des Geistes betreffen. Dieser Beitrag macht Ricoeurs Besorgnis deutlich, sucht aber gleichwohl nach der fruchtbaren Dialektik zwischen Fachbereichen und Wissenschaften. Ricoeur befürchtet, dass die Neurowissenschaften womöglich zu einer Verdinglichung der wesentlichen Fragen des menschlichen Daseins – etwa der Wahl- und Entscheidungsfreiheit – führen, erkennt aber auch an, dass gewisse zentrale Aspekte seines eigenen philosophischen Systems sich durchaus mit den Forschungen der Neurophilosophie vereinbaren lassen könnten.

Der dritte Beitrag stammt von Klaus Müller, Philosophieprofessor an der Universität Münster und Inhaber eines Lehrstuhls für philosophische Grundfragen der Theologie. Er fragt nach den Errungenschaften und den Grenzen der neurowissenschaftlichen Erkenntnisse. Der deutliche Anstieg der neurologischen Erkrankungen in den vergangenen 25 Jahren hat die Entwicklung der neurowissenschaftlichen Forschung vorangetrieben, und dieselbe Vorwärtsbewegung kennzeichnet auch die Forschung im Bereich der künstlichen Intelligenz und die Existenzweisen, die sich mit hoher Geschwindigkeit verändert haben und sich nach neuen, bis vor Kurzem unvorstellbaren Modellen ausrichten. Die Hochleistungsneurologie und ihr Gefolge aus digitalen Spitzentechnologien treten »unter Schalmeienklang« auf wie ein neues Heilsangebot. Was wird unter diesen veränderten Rahmenbedingungen, die ein vollkommenes und glückliches Leben verheißen, aus unseren Begriffen von Person, Subjekt, Bewusstsein und Wille? Zeichnet sich erneut der Anbruch eines totalitären politischen Systems ab? Eines jener Systeme, die von einer Ideologie des Glücks ausgehen und Schrecken über uns bringen – genau wie die, mit denen wir es im 20. Jahrhundert zu tun hatten? [...]


Lesen Sie den kompletten Artikel in der Print- oder Onlineausgabe.

Zurück zur Startseite

Unsere Abos
Sie haben die Wahl ...

weitere Infos zu unseren Abonnements


Newsletter


Unser Newsletter informiert Sie über die Inhalte der neuesten Ausgabe.


Jahresverzeichnis 2019


Aktuelles Jahresverzeichnis


Jahresverzeichnis 2019
als PDF PDF.



Unsere neue Dienstleistung für Verlage, die Ihr Abogeschäft in gute Hände geben wollen.


aboservice

mehr
Informationen


Concilium
Telefon: +49 (0) 711 44 06-140 · Fax: +49 (0) 711 44 06-138
Senefelderstraße 12 · D-73760 Ostfildern
Kontakt | Sitemap | AGB | Widerruf | Datenschutz | Impressum