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Leseprobe 2 DOI: 10.14623/con.2015.3.292-301
Paulo Fernando Carneiro de Andrade
Die Option für die Armen und das Lehramt
Katholische Soziallehre vom Zweiten Vatikanischen Konzil bis Aparecida
I. Die historische Radiobotschaft von Papst Johannes XXIII. und der weltweite Kontext der Sechzigerjahre

Am 11. September 1962, einen Monat vor Beginn des Zweiten Vatikanischen Konzils, wandte sich Johannes XXIII. mit einer historischen Radiobotschaft an die Menschen, mit der er die Welt und die Kirche überraschte. Darin stellte er fest: »Im Hinblick auf die unterentwickelten Länder stellt sich die Kirche so dar, wie sie ist und sein will: als die Kirche für alle und in besonderer Weise als die Kirche der Armen.« Mit diesen Worten des Pontifex hielt das Thema »Kirche der Armen« Einzug.

Heute wissen wir, dass die Radiobotschaft weitgehend dem Gesamtplan für das Konzil entsprach, wie er auf die Bitte des Papstes selbst von Kardinal Suenens, dem belgischen Primas, als Alternative zu den Schemata der Kurie ausgearbeitet worden war. Suenens entsprach dabei dem Wunsch des Papstes und gab dem Konzil vor allem eine pastorale Ausrichtung, wobei er das Schema über die Kirche in zwei Teilen entfaltete: Ein Teil handelte von der Kirche »ad intra« (er sollte in die dogmatische Konstitution Lumen Gentium münden), und der andere von der Kirche »ad extra«. Dieser zweite Teil schlägt vor, dass das Konzil seine Aufmerksamkeit auf vier Hauptprobleme richten sollte, unter anderem auf das notwendige Verhältnis der Kirche zur Wirtschaft. Hierzu stellt Suenens fest: »Im Hinblick auf die unterentwickelten Länder ist es nötig, dass sich die Kirche als die Kirche aller und vor allem der Armen darstellt.« (Suenens 1985: 17)

Armut und Hunger waren in neuer Weise in den Jahren unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg zum Thema geworden. Bereits im Jahr 1945 wurde im Rahmen der UNO die FAO (Food and Agriculture Organization) mit dem Ziel gegründet, vor allem in den armen Ländern die Ernährungssicherheit zu fördern. Wenn zuvor Armut und Hunger ein verbreitetes Problem gewesen waren, das in mehr oder weniger großem Ausmaß überall anzutreffen war, so stellte es sich nun als ein schwerwiegendes Problem in einigen Ländern der Welt dar, sodass diese Regionen gegenüber den westlichen, kapitalistischen oder den östlichen, kommunistischen Ländern nun eine unterentwickelte »Dritte Welt« bildeten – ein Begriff, den der französische Geograf Alfred Sauvy im Jahr 1952 geprägt hatte.

Zu dieser Zeit stellte die Dritte Welt nicht nur ein Problem dar, sondern sie entwickelte sich zu einem neuen Subjekt und Akteur auf internationaler Ebene. Der beschleunigte Prozess der Entkolonialisierung, den Asien, der Maghreb und Afrika südlich der Sahara durchliefen, brachte neue Länder hervor, die in ihrer Mehrheit von Unterentwicklung geprägt waren, aber auch Orte neuer, autochthoner Projekte wurden. Die Konferenz von Bandung im Jahr 1955, bei der 29 Länder Asiens, des Mittleren Ostens und Afrikas vertreten waren, stellt den Beginn einer Zusammenarbeit der Länder der Dritten Welt und den weltweit anerkannten Führungsanspruch neuer politischer Persönlichkeiten aus der Dritten Welt wie Nasser aus Ägypten, Sukarno aus Indonesien oder Chu En-Lai aus China dar. Zu ihnen gesellten sich unter anderen Kwame Nkrumah (Ghana), Ahmed Sékou Touré (Guinea), Patrice Lumumba (damals Belgisch-Kongo) und Haile Selassie (Äthiopien). Bei der Versammlung in Belgrad im Jahr 1961 wuchs die Zahl der Teilnehmerländer, die nun auch Lateinamerika mit einschlossen. Folgende Grundsätze wurden bei dieser Versammlung beschlossen: systematische Opposition gegen den Imperialismus und den Kolonialismus, volle Teilhabe an wirtschaftlichen und politischen Themen auf internationaler Ebene, Aufbau einer Welt auf der Grundlage von Gerechtigkeit und Frieden und keine Anlehnung an einen der beiden Machtblöcke des Kalten Krieges.

In dieser Zeit trat man sowohl für den Panafrikanismus als auch den Panarabismus sowie für die Erfahrung des arabischen Sozialismus ein. Zwischen 1950 und 1960 wurde der arabische Sozialismus in seinen verschiedenen Spielarten von Ägypten, Syrien, Algerien, Irak, Libyen und dem Südjemen praktisch umgesetzt. In Lateinamerika erschloss die kubanische Revolution einen neuen Weg der antiimperialistischen Kämpfe und des Erstarkens von Bewegungen, die von den Dependenztheorien inspiriert waren. Letztere behaupteten, dass ein Entwicklungsprozess der Region nur dann erreicht werden könne, wenn seine Grundlage der Bruch mit den Abhängigkeitsbeziehungen gegenüber den Ländern der Ersten Welt sei, die die alte koloniale Vormachtstellung fortsetzten (vgl. Benumeya 1967: 37–54; Reis de Almeida 2007; zu Lateinamerika: Faletto 1998).

Angesichts dieser neuen Situation stellte sich die Frage der Evangelisierung der Armen und der Präsenz der Kirche in diesen Regionen mit verschärfter Dringlichkeit. Seit Ende des 19. Jahrhunderts war der Kirche bereits die Entfremdung bewusst, die sich zwischen ihr und der Welt der Arbeiter und der Armen in Europa vollzogen hatte (vgl. Ricardi 1992: 151–170). Nun verschärfte sich die Frage mit der fortschreitenden Säkularisierung sowie mit dem Erstarken der kommunistischen Parteien in Italien und Frankreich und der mit ihnen verbundenen gewerkschaftlichen Strukturen. Die Kirche wandte sich der Dritten Welt zu (vgl. Bühlmann 1974): Würde sie auch die armen Völker verlieren, die als neue Subjekte in einer Welt beschleunigter Veränderung auf den Plan traten?

II. Die Bewegung Kirche der Armen, Kardinal Lercaro und das Zweite Vatikanische Konzil

In diesem Kontext gründete sich im belgischen Kolleg bereits im Oktober 1962 eine informelle Gruppe, die später »Gruppe der Kirche der Armen« genannt werden sollte. Der melkitische Erzbischof Georges Hakim von Akka-Nazaret (Galiläa) hatte P. Gauthier (einen französischen Priester, der Professor und Leiter des Seminars von Dijon gewesen war und der seit der zweiten Hälfte der Fünfzigerjahre in Nazaret wohnte, wo er als Arbeiterpriester tätig war und die Ordensgemeinschaft der »Gefährtinnen und Gefährten Jesu, des Zimmermanns« gründete) dazu motiviert, einen ersten Textentwurf zur Frage zu verfassen. Der Text wurde vor der Eröffnung des Konzils an die Konzilsväter verteilt. Auf Einladung C.-M. Himmers, des Bischofs von Tournai (Belgien), traf sich eine Gruppe von zwölf Bischöfen, die sich mit dem Inhalt des Textes identifizierten, am 26. Oktober 1962 unter dem Vorsitz von Kardinal Gerlier aus Lyon (Frankreich). Unter ihnen waren zwei Lateinamerikaner, die eine deutlich führende Rolle übernahmen: Hélder Câmara (Brasilien) und Manuel Larraín (Chile). Bei der zweiten Versammlung unter dem Vorsitz des melkitischen Patriarchen von Jerusalem, Maximus IV., fanden sich fünfzig Bischöfe ein, diesmal mehr Bischöfe aus Lateinamerika und aus den afrikanischen Mittelmeerländern. Kardinal Lercaro aus Bologna war eingeladen worden, sich der Gruppe anzuschließen. Er ließ sich von seinem theologischen Berater, Dossetti, vertreten.

Die Gruppe »Kirche der Armen« vereinte Bischöfe aus verschiedenen Regionen einschließlich Europas und repräsentierte auf diese Weise unterschiedliche Sichtweisen auf die Fragestellung. Einige verstanden die Kirche der Armen eher als eine pastorale Fragestellung in dem Sinne, wie auch eine neue Arbeiterpastoral notwendig wäre, während andere, wie etwa die Lateinamerikaner, eine stärker von der Situation der Dritten Welt geprägte Sichtweise hatten und betonten, dass die Armut das Ergebnis der Ungerechtigkeit sei. Sie beharrten auf der Notwendigkeit, dass die Kirche die Armen im Prozess ihrer Befreiungskämpfe begleiten müsse. Es kam auch eine Spannung zwischen einer eher auf die Pastoral verkürzte, einer eher emotionalen Herangehensweise und einem dogmatischen und politischen Ansatz auf (vgl. Lorefice 2011: 136–137).

Das in gewissem Sinne von der Gruppe unabhängige Vorgehen Kardinal Lercaros war von entscheidender Bedeutung. Am 6. Dezember 1962 trug er während der 35. Generalversammlung eine ausführliche Intervention unter der Überschrift »Kirche und Armut« vor, die eine starke Wirkung erzielte. Dann nahm er das Thema wieder auf und vertiefte es in einem Vortrag, den er am 12. April 1964 in Beirut hielt. Seine Position kann folgendermaßen zusammengefasst werden:

  • Die Frage der Armen stellt ein Geheimnis dar, das im Geheimnis der Menschwerdung selbst grundgelegt ist. Der Prozess der Kenose bedeutet auch, dass das Wort das menschliche Fleisch (sárx) nicht in irgendeiner Form angenommen habe, sondern als das Fleisch des Armen, und dies mache sehr wohl einen Unterschied aus (Lercaro 2014: 129).
  • Den Armen kommt ein besonderer Ort innerhalb der Heilsökonomie zu, was aus den Seligpreisungen und der Rede Jesu in der Synagoge von Nazaret im Anschluss an die messianischen Verheißungen des Propheten Jesaja klar hervorgehe (Lercaro 2014: 147).
  • »Feststeht, dass es stets die Gleichförmigkeit mit dem armen, gekreuzigten, verfolgten Christus ist, die Heil bringt.« (Lercaro 2014: 146).
  • »Zur ekklesiologischen Tragweite dieser beiden Merkmale Jesu als des Messias der Armen und als des armen Messias: Die Kirche als Wahrerin der messianischen Sendung Jesu, die Kirche, durch die sich das Geheimnis der Kenose des Wortes fortsetzt, kann auf keinen Fall nicht vor allem und in besonderer Weise in einer nun klaren Bedeutung die Kirche der Armen sein, und zwar in zweierlei Gestalt: als Kirche vor allem der Armen, die zu den Armen gesandt ist und den Auftrag hat, für deren Heil zu wirken, und andererseits als arme Kirche.« (Lercaro 2014: 149).
  • Aus diesem Grund kann die Frage der Kirche der Armen nicht bloß ein Thema unter anderen für das Konzil sein, sondern sie müsste das allgemeine und alles umfassende Thema des ganzen Konzils sein (Lercaro 2014: 111).

Trotz der intensiven Arbeit der Gruppe »Kirche der Armen« und Kardinal Lercaros hat sich das Konzil – wiewohl es sich wenigstens 63-mal auf die Armen und die Armut bezieht (Lorefice 2011: 260) – die Perspektive der Armut in der Kirche ausdrücklich lediglich in einem bedeutenden Abschnitt der Konstitution Lumen Gentium zu eigen gemacht. In diesem Abschnitt wird die innere Beziehung zwischen Kirche und Armut behauptet und festgestellt, dass deren Wurzel in der Christologie selbst liege:

»Wie aber Christus das Werk der Erlösung in Armut und Verfolgung vollbrachte, so ist auch die Kirche berufen, den gleichen Weg einzuschlagen, um die Heilsfrucht den Menschen mitzuteilen. Christus Jesus hat, ›obwohl er doch in Gottesgestalt war, […] sich selbst entäußert und Knechtsgestalt angenommen‹ (Phil 2,6); um unseretwillen ›ist er arm geworden, obgleich er doch reich war‹ (2 Kor 8,9). So ist die Kirche, auch wenn sie zur Erfüllung ihrer Sendung menschlicher Mittel bedarf, nicht gegründet, um irdische Herrlichkeit zu suchen, sondern um Demut und Selbstverleugnung auch durch ihr Beispiel auszubreiten. Christus wurde vom Vater gesandt, ›den Armen frohe Botschaft zu bringen, zu heilen, die bedrückten Herzens sind‹ (Lk 4,18), ›zu suchen und zu retten, was verloren war‹ (Lk 19,10).« (LG 8,3)

Eine Annäherung an die Perspektive der Kirche der Armen kann auch in dem Kapitel der Pastoralkonstitution Gaudium et Spes gefunden werden, das dem wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Leben gewidmet ist (GS 63–72). Das Konzil war jedoch immer noch ein europäisches Konzil.

Was jedoch auffällt, ist der Einfluss dieser Positionen auf Papst Paul VI., der in einer Rede über den heiligen Vinzenz von Paul am 9. November 1964 sagte: »Ihr wisst, dass heute oft von der Kirche der Armen gesprochen wird [...] recht verstanden, verweist uns das auf die Ursprünge der Kirche im Evangelium selbst, auf den Heilsplan Gottes zur Rettung der Welt, auf das unvergessliche und unbezweifelbare Beispiel Christi, der selbst arm war und seine Frohe Botschaft den Armen verkündet hat [...]«

Während der dritten Sitzungsperiode des Konzils im Jahr 1964 wurden den Konzilsvätern vonseiten der Gruppe »Kirche der Armen« zwei Anträge vorgelegt: In einem ging es um die evange liums gemäße Einfachheit und im anderen um die Evangelisierung der Armen und der Arbeitswelt. Paul VI. antwortete auf den ersten Antrag mit einer starken und bedeutenden Geste: Der Sekretär des Papstes, Pericle Felice, kündigte an, dass der Papst seine Tiara für die Armen weggeben werde. Während der Eucharistiefeier am 13. November 1964 legte der Papst bei der Gabenbereitung die Tiara auf den Sankt-Peters-Altar. Sie wurde von den nordamerikanischen Katholiken, vertreten durch Kardinal Spellman von New York, gekauft, und die erzielte Kaufsumme wurde den Armen Afrikas gewidmet. Am Ende des Konzils erfolgte eine weitere Symbolhandlung: Der Papst überreichte den Bischöfen des Konzils einen einfachen Ring.

In einem letzten Akt fast am Ende des Konzils feierten etwa vierzig Bischöfe der Bewegung »Kirche der Armen« am 16. November 1965 die Eucharistie in der Domitilla-Katakombe und unterzeichneten ein Dokument, das unter dem Namen Katakombenpakt bekannt wurde und danach von etwa fünfhundert weiteren Bischöfen unterschrieben wurde. Das Dokument beschreibt in insgesamt 13 Punkten die Verpflichtung der Unterzeichnenden für eine arme Kirche für die Armen, was den Verzicht auf Titel, die einen hohen gesellschaftlichen Rang und Macht zum Ausdruck bringen (das Dokument macht den Vorschlag, die Bischöfe mögen sich schlicht »Väter« nennen), den Verzicht auf prunkvolle Gewänder sowie auf die Benutzung von Häusern und Autos, die nicht dem Bevölkerungsdurchschnitt entsprechen, beinhaltet. Darüber hinaus soll »für den apostolischpastoralen Dienst an den wirtschaftlich Bedrängten, Benachteiligten oder Unterentwickelten «5 besonders viel Zeit zur Verfügung gestellt werden.

Papst Paul VI. fand sich mit der Tatsache nicht ab, dass die Frage »Arme und Kirche« vom Konzil nicht weiter behandelt wurde, wie João Mota, der Erzbischof von Vitória (Brasilien) und aktives Mitglied der Gruppe »Kirche der Armen« es zum Ausdruck gebracht hatte (vgl. Gauthier 1969: 200). Vor dem Ende des Konzils bat Papst Paul VI. Kardinal Lercaro um ein Schema zur Frage der Armut, da ihm eine künftige Enzyklika vorschwebte. Obwohl Lercaro das Schema am 19. November 1964 vorlegte, wurde die Enzyklika nicht verfasst (Lercaro 2014: 151–163). Stattdessen schrieb Paul VI. die Enzyklika Populorum progressio, in der er das Thema Entwicklung und Armut in der Welt ansprach. Darin bekräftigt der Papst die zentrale Stellung der Armen innerhalb der Sendung Jesu und folglich die Notwendigkeit, dass sich die Sendung der Kirche ausgehend von diesem zentralen Stellenwert entfalte:

»Treu der Weisung und dem Beispiel ihres göttlichen Stifters, der die Verkündigung der Frohbotschaft an die Armen als Zeichen für seine Sendung hingestellt hat (Lk 7,22), hat sich die Kirche immer bemüht, die Völker, denen sie den Glauben an Christus brachte, zur menschlichen Entfaltung zu führen.« (Populorum progressio 12)

Die Begriffe »arm«, »arme Länder« und »Armut« tauchen 25-mal in der Enzyklika auf.

III. Die Kirche der Armen und Lateinamerika

Die Frage der Kirche der Armen fiel nach dem Konzil in Lateinamerika auf fruchtbaren Boden. Ab Mitte der Sechzigerjahre entstanden verschiedene Gemeinschaften von Ordensfrauen, die mitten im einfachen Volk lebten. Mit ihnen nahm die Erfahrung der Kirchlichen Basisgemeinden ihren Anfang. Dies sind kleine Gemeinschaften unter dem einfachen Volk, in denen sich die Armen als Kirche organisieren, die Bibel gemeinsam lesen, beten, Beziehungen knüpfen und gemeinsam mit ihren Priestern und Bischöfen den Kampf um gesellschaftliche Veränderungen aufnehmen. Sie bildeten den Ursprung jenes Prozesses, der als eine wahre Ekklesiogenese, als eine Neuentstehung der Kirche, als die Geburt einer Kirche der tief im Katholizismus verwurzelten Armen bezeichnet wurde (Barbé – Retumba 1970).

Im Jahr 1968 fand die Zweite Generalversammlung der lateinamerikanischen Bischöfe in Medellín statt. Sie hatte das Ziel, die Beschlüsse des Konzils auf Lateinamerika zu übertragen. In Medellín vollzog sich nicht nur eine echte Rezeption des Konzils, sondern auch der Idee der armen Kirche und der Kirche der Armen im Sinne des Katakombenpaktes und in der Perspektive der Theologie Lercaros. Das Dokument 14 von Medellín nimmt praktisch den Text des Katakombenpaktes in vollem Umfang auf, und die Frage des Armen taucht nicht nur als ein Thema unter anderen auf, sondern als das strukturierende Prinzip des Lebens der Christen und der Kirche. In diesem Kontext entwickelte sich ausgehend von Medellín die Theologie der Befreiung, nicht im Sinne einer Genitivtheologie, also einer Theologie eines bestimmten Wirklichkeitsbereiches, sondern als umfassender systematischer theologischer Ansatz, der die Frage zum Ausgangspunkt nimmt, was es heißt, auf einem Kontinent von Armen, Ausgebeuteten und Unterdrückten Christ zu sein. Es handelt sich um eine Theologie, die die pastorale Praxis einer Kirche begleiten will, welche selbst arm wird, sich auf die Seite der Armen stellt und sich in den Prozessen der Befreiung von jeglicher Form der Unterdrückung und Ausgrenzung engagiert. Bereits in Medellín wurde die notwendige Solidarität mit den Armen zum Ausdruck gebracht, die »den ärmeren und bedürftigeren und aus irgendwelchem Grunde ausgeschlossenen Sektoren wirklichen Vorrang gibt« (Medellín, 14,9). Wörtlich tauchte der Ausdruck »Option für die Armen« zu Beginn der Siebzigerjahre auf, und er sollte zum grundlegenden Identitätsmerkmal der lateinamerikanischen Kirche werden (Lois 1988: 336).

Die Option für die Armen hat innerhalb der lateinamerikanischen Kirche zwei zentrale Bedeutungen:

1. Die konkrete Solidarität mit den Armen, die zu einem Wechsel des gesellschaftlichen Standorts und zur Übernahme der Perspektive der Armen, ihrer Interessen, ihrer Schmerzen und Ängste, führt und die Verpflichtung der Kirche selbst zu »materieller Armut« mit einschließt (Medellín, 14,5).

2. Bedingungen möglich zu machen und zu schaffen, damit der Arme als Subjekt innerhalb der Kirche zur Geltung kommt, das heißt als ein aktiver Verkünder des Evangeliums an die Adresse der ganzen Kirche, und damit er zum politisch- gesellschaftlichen Subjekt wird, das verantwortlich für die Veränderungen ist, welche notwendig sind, um Gerechtigkeit und eine neue Gesellschaft zu bewirken.

Seit Beginn der Siebzigerjahre sollten auch Widerstand und Opposition wachsen, die sich gegen die Kirche der Armen und die Theologie der Befreiung richteten. Diese Opposition ging von konservativen Teilen der katholischen Kirche aus, welche mit den herrschenden Klassen in Lateinamerika verbunden waren. Im Fall Brasiliens handelte es sich um – wenn auch lautstarke – Minderheiten unter den Bischöfen, die mit der Schützenhilfe Roms und mit der entschlossenen Unterstützung vonseiten der Medien innerhalb der im Land herrschenden Militärdiktatur rechneten. Inmitten zunehmender Spannungen blieb der hegemoniale Teil des Episkopates standhaft in seiner Unterstützung der Kirchlichen Basisgemeinden, der Sozialpastoral und der Theologie der Befreiung.

Im Jahr 1979 fand die Dritte Generalversammlung der lateinamerikanischen Bischöfe in Puebla statt. Sie fiel bereits in die Amtszeit von Papst Johannes Paul II. Die Vorbereitung der Versammlung war von einer intensiven Diskussion geprägt, und die Eröffnungsansprache des neuen Papstes enthielt viele Vorbehalte gegenüber der Kirche der Armen. Dennoch bekräftigte Puebla die Option für die Armen, fügte jedoch das Adjektiv »vorrangig« hinzu und sagte, sie sei weder ausschließlich noch ausschließend. Eine solche Aussage kann diese Option auf eine bloße besondere Aufmerksamkeit für die Armen verkürzen, die Armen auf diese Weise wiederum zum Gegenstand herabstufen und die Option ihres strukturbildenden Charakters für die ganze Kirche berauben.

IV. Die Option für die Armen von Johannes Paul II. bis Aparecida

Es war Johannes Paul II. vorbehalten, den Begriff »Option für die Armen« in die Soziallehre der Kirche, sowohl in seine Enzykliken Sollicitudo rei socialis (42) als auch in Centesimus annus (11; 57), zu übernehmen. Die Option für die Armen erhielt auf diese Weise ihr Bürgerrecht innerhalb des päpstlichen Lehramts, wenn auch in abgeschwächter Form. Einerseits anerkennt der Papst, dass die Liebe der Kirche zu den Armen »entscheidend« ist und »zu ihrer festen Tradition « gehört, was damals einen großen Fortschritt angesichts der konservativen Positionen bedeutete, welche den Vorrang der Armen bestritten. Doch auf der anderen Seite beraubt er eine solche Option ihres präzisen Sinnes, wenn er den Begriff »arm« so weit fasst, dass er auch kulturelles und religiöses Elend mit umfasst.

Im Jahr 1992 fand die Vierte Generalversammlung der Bischöfe Lateinamerikas und der Karibik in Santo Domingo statt. Der konservative Vormarsch hatte an Stärke gewonnen, und die Vorbereitung der Versammlung vollzog sich unter großen Spannungen. Dennoch wurde die Option für die Armen in mindestens sieben Abschnitten (50, 178–180, 275, 296, 302) neuerlich bekräftigt. Die Kirche der Armen verlor indessen an Kraft, da der vorgeschlagene Pastoralplan die Option und ihren strukturierenden Charakter auflöste.

Im Jahr 2007 fand – bereits unter dem Pontifikat von Papst Benedikt XVI. – die Fünfte Generalversammlung der Bischöfe Lateinamerikas und der Karibik in Aparecida statt. In seiner Eröffnungsansprache bezog sich der Papst auf die Option für die Armen mit folgenden Worten: »In diesem Sinne ist die bevorzugte Option für die Armen im christologischen Glauben an jenen Gott implizit enthalten, der für uns arm geworden ist, um uns durch seine Armut reich zu machen (vgl. 2 Kor 8,9).« Die Armen tauchen in mindestens 86 Paragrafen auf. Man kann sagen, dass die pastorale Zielsetzung der Kirche der Armen teilweise ebenso wieder aufgenommen wurde wie die strukturelle Sichtweise der Wirklichkeit, die mit einer anklagenden Entlarvung der Mechanismen von Unterdrückung und Ausgrenzung und der Anerkennung der verschiedenen Formen der Armut auf dem Kontinent einhergeht.

Wenig später hielt die Frage der Kirche der Armen mit der Wahl des Papstes Franziskus machtvoll Einzug ins höchste Lehramt der Kirche. Franziskus bestätigte die Option für die Armen und unterstrich von Neuem das Thema »arme Kirche für die Armen« in seinem ursprünglichen Sinn, wie er bei Lercaro, im Katakombenpakt, in Medellín und in der darauf folgenden Praxis in Lateinamerika zu finden ist: im Sinne einer strukturbildenden Option für die Kirche, die die Kirche aller und zum Heil der Welt gesandt ist, indem sie das Sakrament des armen Christus, des Messias und des endzeitlichen Richters ist und eben darum keine andere sein kann als die Kirche der Armen.

Aus dem Portugiesischen übersetzt von Dr. Bruno Kern M.A.

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