zur StartseiteZugang für Abonnenten
Startseite » Archiv » Ausgabe 2/2015 » Leseprobe 1
Titelcover der archivierte Ausgabe 2/2015 - klicken Sie für eine größere Ansicht

Der Aufbau der Zeitschrift


finden Sie hier


Concilium stellt sich vor

Geschichte und Selbstverständnis


Präsidium, Herausgeber/innen und Wissenschaftliches Komitee


sind hier einzusehen.


Unsere Autoren


finden Sie hier.


werden hier gelistet.

<<< zur vorherigen Ausgabe zur nächsten Ausgabe >>>
Leseprobe 1 DOI: 10.14623/con.2015.2.191-200
Frère Maxime
Nach Taizé kommen, als ob man nach Hause käme
Die Erfahrungen der Gemeinschaft von Taizé mit jungen Erwachsenen
In Taizé selbst leben etwa sechzig Brüder. Die anderen leben in kleinen Gemeinschaften auf der ganzen Welt mitten unter den Armen. Unsere Gemeinschaft in Taizé umfasst Christen verschiedener Kirchen aus unterschiedlichen Ländern, die sich mit ihrem ganzen Leben der Nachfolge Christi in Ehelosigkeit, Einfachheit und Gemeinschaft des Teilens materieller und geistlicher Güter verschreiben. Zusammen nehmen wir jede Woche Jugendliche auf, die mit ihrer Pfarrgemeinde, ihrer Schulklasse oder ihrer Jugendorganisation kommen, aber auch junge Erwachsene, die allein, mit Freunden oder ebenfalls mit einer kirchlichen Gruppe anreisen.

In diesem kleinen Beitrag möchte ich die Freude teilen, die wir empfinden, wenn wir diese jungen Menschen aufnehmen, die manchmal sehr zahlreich – bis zu mehreren Tausend pro Woche – zu uns kommen, um, wie ich meine, in unserer Gemeinschaftserfahrung die Gründe für dieses Glück finden zu können. In einem zweiten Abschnitt werde ich die folgende Frage zu beantworten versuchen: Welche Aspekte der Kirche neu zu durchdenken fordern uns diese jungen Leute auf?

I.

Der erste Grund unserer Freude liegt darin, diese jungen Leute wachsen zu sehen. Im Gebet werden sie weise wie die Alten, aufmerksam und konzentriert. Bei anderen Gelegenheiten im Lauf des Tages – sie sind ja etwa um die zwanzig Jahre alt – lachen sie, singen sie und spielen manchmal wie die Kinder. Doch in der Kirche scheinen sie bereits die Reife derer erlangt zu haben, deren Leben bereits weiter fortgeschritten ist. Hier drängt sich uns eine Schlussfolgerung auf: Sie sind eher Erwachsene als jung, auch wenn der äußere Schein trügen mag. In ihrer Weisheit verfügen sie über so etwas wie einen sechsten Sinn, um die Schönheit, das Wahre und die Worte, die von Gott stammen, zu empfinden. Wenn der Geist in ihnen wirkt, dann, um sie zu einem Leben der Liebe und Verantwortung anzuspornen. So empfindet man sie als fröhlich und ernsthaft zugleich. Stolz, mitten unter den Alten selbst zu wachsen … Dieser Stolz scheint mir ein wichtiges Element der Pädagogik zu sein, die auf sie anzuwenden ist.

Und wenn die Kinder und die Jugendlichen nicht erwachsener wären, als wir denken? Wohl gemerkt, sie versuchen oft, uns einen anderen Eindruck zu vermitteln oder uns zu Spielen der Verlockung und Macht hinzureißen. Doch begeben wir uns nicht auf dieses Glatteis. Und wenn die Pädagogik darin bestünde, soweit es für sie akzeptabel ist, Nicht-Erwachsene die Dinge tun zu lassen, die einem Erwachsenen zukommen?

Der zweite Grund unserer Freude rührt aus ihrer Fähigkeit her, mit uns, den Brüdern der Gemeinschaft, zusammen die Aufgabe zu übernehmen, Gäste aufzunehmen. Sie nehmen sich des gesamten Alltagslebens an: der Küche, des Saubermachens, des Empfangs, der Wiedereingliederung einiger in die Irre gegangener, der Leitung des Familienprogramms … Die Autorität, die sie denen gegenüber ausüben, die kaum jünger sind als sie selbst, ja sogar zuweilen älter als sie, ist erstaunlich. Sie stammt nicht von ihnen selbst her, sondern hat ihre Grundlage im Dienst und der Unentgeltlichkeit der Aufgabe. Hier spürt man die Kirche, jene Kirche, die Trägerin der Worte des ewigen Lebens ist. Niemand würde einem anderen gehorchen, wenn er darin nicht einen Gewinn für seine Seele fände. In Taizé gehorcht man dem, was das Gemeinwohl zu sein scheint, das durch die Dimension des Dienstes, der Diakonie, verwirklicht wird. Dies ist die Freude der Kirche.

Der dritte Grund zur Freude ist, dass man von zahlreichen Menschen den Satz hört: »Ich fühle mich hier zu Hause.« Wenn man das von diesen jungen Leuten hört, dann ist es, als ob unsere in einem kleinen Dorf im südlichen Burgund beheimatete Kommunität ein Zweitwohnsitz, anderthalb Stunden mit dem Schnellzug von Paris entfernt, wäre. Manche Leute übrigens, die geografisch am nächsten wohnen, kommen übers Wochenende zu uns, als ob sie sich von der Arbeitswoche erholen wollten. Diejenigen, die weiter weg wohnen, kommen für eine ganze Woche: Deutsche, Niederländer, Portugiesen, Schweden, Polen, Ukrainer … die Leute aus den Ländern, die am stärksten in Taizé vertreten sind, legen einen ziemlich weiten Weg zurück, um zu dem kleinen Ort mit 160 Einwohnern zu gelangen. Junge Leute aus anderen Kontinenten sind für zwei oder drei Monate hier: Sie wurden von ihren Kirchengemeinden, ihren Jugendorganisationen oder ihrem Bischof hierher geschickt, um eine Zeit der Glaubensvertiefung und des Dienstes zu durchleben. Warum können sich so unterschiedliche Menschen hier so sehr zu Hause fühlen? Ihre Ankunft bringt eine seltsame Mischung zum Ausdruck zwischen einer Sehnsucht nach Mobilität einerseits, die von den neuen Technologien (und sicher von einem übermäßigen Gebrauch des Smartphones) genährt wird, und dem Verlangen nach Dauerhaftigkeit und Stabilität andererseits. Aber warum legt man so viele Kilometer zurück, um Mönche zu sehen, die immer dort sind und stets dieselben Lieder singen und um an einem Programm teilzunehmen, das sich aufgrund seiner Einfachheit kaum verändert? Man spürt in ihnen diese schöpferische Spannung zwischen zwei Sehnsüchten: unterwegs zu sein und zu bleiben. Es ist, als ob sie mobil sind, um besser bleiben zu können. Es ist vielleicht kein Zufall, wenn in unserer Gesellschaft, in der die materielle Sicherheit zunimmt, das Pilgern als Ausdruck des Glaubens eine besonders lebhafte Modeerscheinung wird. Wie kann man seine wahre Bleibe finden? Wie kann ich zu jenem inneren Raum vordringen, wo Gott mir meinen Platz zuweist, wenn ich mich nicht auf den Weg mache? Keine Flucht, kein Irrweg, sondern die Worte des ewigen Lebens mitten in der Vergänglichkeit der Dinge. Es stimmt: Man muss sich darauf verstehen weiterzugehen, um das zu finden, was nicht vergeht.

Ein letzter möglicher Grund zur Freude entstammt der Erfahrung des Mitgefühls. Die jungen Erwachsenen vertrauen denen, die ihr Leben in der Nachfolge Christi hingegeben haben. Sie können ihnen Intimes und Geheimnisse anvertrauen. Zu allen Zeiten haben die Klöster in ihrer Eignung zur Stille die Besucher zum rechten Wort, zum Reden ermutigt. Wenn wir die Zeit im Zwiegespräch verbringen, dann entdecken wir, wie sehr Gott in denen seine Bleibe hat, die zugelassen haben, dass die Großzügigkeit von ihrem Herzen Besitz nimmt. Und Gott weiß, wie sehr die Jugend von einer tief verwurzelten Großzügigkeit zeugt. In der Unterscheidung der Geister festigt sich diese Großzügigkeit dadurch, dass eine gewisse Klarheit und der Realismus hinzukommen, wovon das Evangelium uns einen Geschmack vermittelt. Oftmals kommen die Tränen, trotz der Freude unseres Hügels in Festtagsstimmung. Tränen, die von den schweren Wunden und Schlägen derer zeugen, die Verrat üben und sich aus dem Staub machen. Gott bietet dann auch seine Tränen an. Unsere Sendung als Brüder besteht nun darin, diese Tränen wie in einem Gefäß herbeizuschaffen, um die damit zu waschen, die von Prüfungen des Lebens beschmutzt sind. Gewiss, die Jugendlichen sind weise wie die Alten, doch sie neigen auch stark dazu, sich weh zu tun, um sich zu bestrafen oder weniger schuldig zu fühlen für Dinge, die sie manchmal nicht einmal selbst getan haben. Glücklicherweise lernen viele in dieser bewegenden Stabilität, die ihre regelmäßigen Besuche auf dem Hügel von Taizé darstellen, sich nach und nach aus der Falle, die sie sich selbst gestellt haben, zu lösen. Gott gibt ihnen das Leben, das Wachstum, das Sein. Doch es braucht ein ganzes Leben, um das Leben anzunehmen. In Taizé beten wir morgens, mittags und abends, um ihnen die Zeit zu beschleunigen.

II.

Nachdem wir nun diese wenigen Fakten dargestellt haben, bleibt die Frage: Was macht man mit einer solchen Erfahrung? Kann die Gemeinschaft in der Kirche im Licht der Suche der jungen Erwachsenen neu überdacht werden?

Ein Aspekt, den die monastische Tradition zur übrigen Kirche noch beisteuern kann, ist die Sparsamkeit der Mittel und der Worte.

Zunächst zu den Mitteln: In Taizé sind wir mit sehr unterschiedlichen Praktiken und Graden von Professionalität konfrontiert, da unsere Gesprächspartner aus verschiedenen Kirchen herkommen. In der Tat laufen sich in unserer Gemeinschaft Leute über den Weg, deren pastorale Mittel sich zutiefst voneinander unterscheiden, da sie entweder aus einer Kirche kommen, die ein Konkordat abgeschlossen hat, oder aus einer Kirche, die sich fast ausschließlich über die Gläubigen finanziert. Diese Unterschiede zwischen den Ländern und hinsichtlich der Ressourcen, die man manchmal innerhalb ein und derselben Konfession feststellen kann, werfen Fragen auf. Unsere Art, mit diesem Dilemma zurechtzukommen, ist es, unsere Lebensweise in großer Einfachheit beizubehalten. In Taizé gibt es keine Simultanübersetzung, keine externen Diskussionsteilnehmer, wenig Mobiliar und wenige fixe Installationen. Mit einer gewissen Anzahl von Dingen muss aufgewartet werden, aber man muss dann ihren Ausnahmecharakter wahren. Diese Einfachheit bringt auch einen großen Vorteil mit sich: den der Leichtigkeit.

Wenn sich die Kirche auf den Weg macht, dann befindet sie sich immer noch im Auszug aus Ägypten, mit dem wenigen Gepäck, das sie vor dem Eintreten der entscheidenden Ereignisse zusammenraffen konnte. Der Engel ist nicht mehr weit, der auf die Giebel unserer Häuser das Zeichen eines Auszugs anbringen wird. Das Meer ist bereits kurz davor, sich zu öffnen – nur für einen Augenblick. Wer nicht bereit ist zum Auszug, wer nicht gegürtet ist und seine Lampe entzündet hat, der wird diesen Auszug verpassen. Und wie viele sind es möglicherweise? Wir wissen es nicht. Wagen wir es anzuerkennen, ohne irgendjemanden zu verurteilen: Am Fuß des Kreuzes, da, wo sich die Identität der Kirche herausbildet, ist nicht die Zeit für Ausflüchte. Entweder ist man da, oder man hat die Gelegenheit verpasst. Fürchten wir die Redeweise der Gleichnisse mit ihrem Beharren auf Wachsamkeit und auf der Dringlichkeit einer unmittelbaren Entscheidung nicht. Man kann nur wiederholen, wie schnell der theologische wie materielle Trost einem im echten Sinne evangeliumsgemäßen pastoralen Einsatz zuwiderläuft. Ein französischer Autor hat zu Beginn des 20. Jahrhunderts sehr richtig gesagt: »Das Wort derer, denen es, wer weiß wie, gelungen ist, es sich auf dem Kreuz bequem zu machen, darf keinerlei Resonanz mehr finden.« (Marcel Moré, der im Jahr 1934 die Zeitschrift Esprit gegründet hat.) Im Gefolge sehr vieler Gläubiger, die es verstanden haben, sich auf den Weg zu machen, ihr Lebensumfeld zu verlassen und es gegen die Mühen der Sendung einzutauschen, ist es an der Zeit, die Mahnung des Apostels Paulus wieder zu lesen:

»Denn ich sage euch, Brüder: Die Zeit ist kurz. Daher soll, wer eine Frau hat, sich in Zukunft so verhalten, als habe er keine, wer weint, als weine er nicht, wer sich freut, als freue er sich nicht, wer kauft, als würde er nicht Eigentümer, wer sich die Welt zunutze macht, als nutze er sie nicht; denn die Gestalt dieser Welt vergeht.« (2 Kor 7,29–31)

Der sparsame Umgang mit den Worten ist ein anderes Erbe der Tradition der Einsamen und Schweigenden. Man spürt, wie die Moderne bei diesem Thema in Hektik verfällt. Angesichts eines Überflusses an Kommunikation und Posen suchen bestimmte Leute, vielleicht mehr als früher, eine einfachere Darstellungsweise. Man hat viel gesprochen, aber wer hat es gehört? So scheinen sich jene ängstlich zu fragen, deren mobile und stets verfügbare Kommunikationsmittel anscheinend nicht das geboten haben, was sie versprochen haben. Die Siebzigerjahre des vorigen Jahrhunderts haben im Westen folgende zwei Fragen der Dekonstruktion gestellt: Wer spricht? Von wo aus spricht man? Ist die Fragestellung im Jahr 2015 nicht in mehrfacher Hinsicht umgekehrt? Gibt es noch jemanden, der mir zuhört?

Auf diese Weise kann man das diffuse Gefühl eines Defizits an Anerkennung verstehen. Durch wen erfahre ich Anerkennung? Für wen zähle ich? Dies sind ewige Fragen und sie kehren auf jeweils besondere Art in jeder Generation wieder. Es ist also normal, dass sie tosend unser Ufer umspülen. Doch die verängstigte Weise, in der sie heute tendenziell zum Ausdruck kommen, scheint ein wenig neu zu sein. Der dahintreibende, umherschweifende Charakter unseres Vagabundenlebens scheint das Forsche der Jahre der Befreiung verloren zu haben. Seither hätte man es auch gern, dass jemand uns folgt (»Twitter«) oder uns betrachtet (»Facebook«), wohin auch immer wir gehen. Die Mobilität ohne Hafen und Halt kann befürchten, nichts zu haben, worauf sie ihr Haupt legen könnte. Man muss sich bewegen, weil sich alle bewegen, man muss auch sprechen, selbst wenn man dabei Gefahr läuft, zu schwatzen und das zu kommentieren, was ohne Worte auskommen müsste.

Der gesellschaftliche Wettbewerb schwächt den Sinn der Worte ab, indem er ihn übertreibt. Indem man oben zu viel zieht, verlieren sie schließlich ihre ursprüngliche Form. Können sie unsere Erfahrung noch bekleiden? Ja, sicher. Man bringt ein Wort nicht dadurch um, dass man es schlecht gebraucht. Dennoch, der Zweifel ist da, oftmals in der Tür versteckt. Man muss »wirklich«, »sehr« oder »allzu sehr« hinzufügen, damit der Gesprächspartner merkt, dass die letzte beschriebene Erfahrung da ist, »wirklich« da ist und einen Unterschied macht.

Das spirituelle Leben hat im Namen seiner langsamen Weisheit die Schmucklosigkeit gelernt, das heißt, es versteht es, die Dinge so zur Sprache zu bringen, wie sie sind. Ohne Effekthascherei oder übertriebene Emotion. Die Dinge kämen von unten, ohne dass man die Wolken melken muss, damit der Regen fällt. Die Brüder, die die Bedingungen dafür geschaffen haben, die jungen Leute, so wie wir sie heute in Taizé kennen, aufzunehmen, sind auf diese Weise die Wette auf die Kürze eingegangen. Nicht zu viel lesen, weder in der Kirche bei den liturgischen Feiern noch bei den Bibelkommentaren, die den Jugendlichen jeden Morgen angeboten werden. »Lies wenig, aber verweile lang dabei«: Diese Ermahnung aus der Regel von Taizé, die von Frère Roger für die Brüder der Kommunität geschrieben wurde, hat wahrscheinlich die Praxis der in Taizé oder in anderen Städten Europas bzw. anderer Kontinente durchgeführten Treffen geprägt. »Du hast Worte ewigen Lebens«, sagt Petrus zu Jesus. Haben wir aus diesem Grunde im Glauben an die Kraft der Worte Lieder erfunden, die auf Wiederholung bauen und oft nur einen Psalmvers zur Grundlage haben? Das Leben blüht auf, sobald es nicht mehr manipuliert wird. Und es kommt sehr oft ohne Kommentare aus.

III.

Der letzte Punkt, über den hier nachgedacht werden soll, betrifft die Zeit, die vergeht, und ihre Beziehung zum Jenseits. Im ersten Teil habe ich gesagt, dass wir dreimal am Tag beten, als ob wir die Zeit »beschleunigen« wollten. Ich möchte gerne mit diesem Gedanken schließen.

Angesichts der hohen Lebenserwartung, einer weniger starken Präsenz physischen Schmerzes und sicherlich auch angesichts einer stärkeren Sicherheit hinsichtlich der Erfüllung der Grundbedürfnisse kann es sich eine bestimmte Anzahl der heutigen Menschen leisten, den Lauf der Zeit wie einen Schaufensterbummel zu genießen. Ein Beispiel ist besonders bezeichnend: In den entwickelten Ländern scheint es nicht mehr den Wunsch zu geben, die Kinder so früh wie möglich zu taufen. Sie fürchten wenig und können sich deshalb den Luxus gönnen, für sich selbst zu entscheiden, ob sie sich, sobald sie über ein eigenes Urteilsvermögen verfügen oder je nach ihrer Reife später auf das Leben als Christ einlassen wollen. In einer anderen Lebensphase kommt es ebenfalls zur Bummelei: Warum sollte man zu früh heiraten und dabei Gefahr laufen, dass man einander nicht kennt? Leben wir doch einfach miteinander und empfangen wir das Sakrament am Ende einer mehr oder weniger langen Probezeit, zu einem Zeitpunkt, an dem wir Gewissheit haben. Es scheint eine ausgemachte Sache zu sein: Die »subjektive« Zeit verläuft langsamer. Die Fälligkeitsdaten strecken sich, sie überlagern sich, laufen Gefahr, völlig zu verschwinden, sodass Paare, die bereits seit fünf Jahren miteinander »gehen«, sich noch immer nicht dazu entschlossen haben, zusammenzuziehen.

Haben wir also Zeit? Wie kann man dann diese zügellose Beschleunigung und den Kampf gegen die tote Zeit erklären? Mir scheint, als ob sich die Zeit verlangsamt, aber paradoxerweise auch verkürzt habe. Sie ist vielleicht nicht mehr völlig langgliedrig, führt nicht überall zu einem anderen Fälligkeitsdatum des Lebens innerhalb eines stabilisierten Laufs. Es scheint mir eher so zu sein, dass bestimmte Leute, vor allem die jüngsten, sie als eine fortgesetzte Gegenwart denken, die einer Dauer entnommen ist, die kein anderes Maß als das des eigenen Alters und der körperlichen Veränderung kennt. Wagen wir es, einen Gedanken weiterzuentwickeln: Das Zeitalter des Internet, des ständigen Informationsflusses, der vielfachen Anforderungen und Möglichkeiten weist einige Eigenschaften der Ewigkeit auf. Ist es also Zufall, dass sich der Glaube an das Jenseits und an ein Leben nach diesem Leben in den stark ineinander verflochtenen Fransen der westlichen Gesellschaften verfängt? Es mag hier eine Entsprechung geben: Warum soll man an eine Fortsetzung glauben, wenn man bereits in diesem Leben genug zu erleben hat? Das Jenseits hat die Funktion der Vergeltung: Die in diesem Leben vergeblich erhoffte Gerechtigkeit kann im anderen Leben gefunden werden. Doch wenn das Gefühl der Ungerechtigkeit für gewisse Leute nicht mehr vorherrscht, dann kann sich die Ewigkeit hier im Diesseits unter der Sonne dieser weltlichen Existenz räkeln. Sie läuft dabei Gefahr, zur Karikatur ihrer selbst zu werden. Um den Preis, all das erleben zu wollen, was in meiner Reichweite liegt, um den Preis so vieler schlecht ausgeführter Taten, nur halb ausgesprochener Worte, halbherziger Begegnungen. Es ist eine Tatsache: Sogar die Art zu sprechen ist von dieser Beschleunigung ergriffen. Der Redefluss der Jüngsten, ihre Ausdrucksweise selbst ist ein Schwall ohne Atempause, als ob jede Minute zählen würde, damit der Zauber nicht verfliegt.

Die Jungen so schnell wie möglich großzuziehen würde in diesem Kontext also bedeuten, ihnen den Geschmack an den langsamen Dingen, an den Fälligkeitsdaten und an den reifen Projekten zu vermitteln. Das kontemplative Leben ist eine Heiligung der Zeit, und weniger des Raumes. Mir scheint, dass das hebräische Erbe in dieser Tradition voll durchschlägt. Seit der Zerstörung des Tempels wurde die Woche selbst mit ihrem Rhythmus des Lobes und der Ruhe der Raum der göttlichen Gegenwart. Der Sabbat krönt das Schöpfungswerk und erinnert an die Befreiung. Die Ruhe wird zum Dankopfer und das Haus zum geweihten Ort. Durch den geregelten Tagesablauf, durch das Gebet, das die Tage strukturiert und aus der unsere großartige Tradition des Stundengebets hervorging, läuft die Zeit nicht mehr gleichgültig dahin. Es gibt Orientierungspunkte, man kann die Wegstrecke, die man auf dem Weg nach vorn zurücklegt, messen.

Und dennoch vermittelt die Regelmäßigkeit auch eine Art Zirkularität. Als ob man sich ein wenig im Kreis drehen müsste, um voranzukommen. Alles könnte den Anschein erwecken, dass die Ewigkeit wie in der Spätmoderne in einer fortgesetzten, gestaltlosen Gegenwart nachgeäfft wird. Doch die Weisheit der Bibel setzt eine Grenze: Gott ist jenseits des Kreislaufs, der Zeit, des zirkulären Charakters der Dinge. Um ihm einen Raum zuzuweisen, um ihn nicht in »unsere« Zeit hineinzuziehen, müssen – zuweilen willkürliche – Grenzen gesetzt werden, um nicht über sie hinaus zu gelangen: die Grenze des Sabbats als Ruhetag, die Grenze des Feldrandes, den man nicht bebauen durfte, die Grenze der Zeiten, in denen man sich nicht das Haar scheren durfte, die Grenze der koscheren Dinge und der verbotenen Speisen, die Grenze des Jubeljahres, das der Konzentration des Reichtums in den Händen weniger ein Ende setzt und das Land umverteilt. Im biblischen Denken ist die Zeit ebenfalls von einer Grenze, einem Fälligkeitsdatum, bestimmt. Man kann nicht alles tun, man kann nicht alles sein, man kann nicht alles beherrschen. Es gibt ein Jenseits meiner selbst, ein Jenseits des Kreislaufs und der Zeit, ein Jenseits, das auf Gott als den Ganz Anderen verweist.

Ich bin verblüfft zu entdecken, mit welchem Glück die jungen Leute sich auf den einengenden Rhythmus von drei Gebeten am Tag einlassen. Ich habe einen jungen Mann, der nach einer Erfahrung als Hausbesetzer im alternativen Milieu nach Taizé kam, gefragt: »Was suchst du hier?« Und er vertraute mir an: »Ich will hier eine Lebensstruktur und Selbstvertrauen wiederfinden.« Und er sagte, wie sehr ihn die Verpflichtung, morgens aufzustehen, am Stundengebet teilzunehmen und ein Gleichgewicht zwischen Arbeit, Gebet und Gemeinschaftsleben zu finden, vorangebracht hätten.

Und wenn die Kirche einen Rhythmus neu erfinden müsste? Haben wir die brennende Sehnsucht, mit der die früheren Generationen die »Heiligung« der Zeit angestrebt haben, allzu sehr aufgegeben? Vielleicht wären wir glücklich, gemeinsame Riten, Übergangszeiten, kaum vernehmbares Glockenläuten wiederzuentdecken, die das Ende des Tages oder das Hereinbrechen der Nacht anzeigen, um ein kurzes Abendgebet zu sprechen. Und was wäre, wenn es die Kirche auf sich nähme, für diejenigen, die »in der Welt« leben, ein realistisches Stundengebet zu schaffen? Wenn sie gemeinsame Rhythmen vorschlagen würde, die jeder und jede sich (mehr oder weniger) einzuhalten bemüht, im Wissen darum, dass zu einer ganz bestimmten Stunde etliche andere gemeinsam beten? In diesem Sinne könnte der Vesper als einem Gebet, das einen viel kontemplativeren Charakter hat als die Messe oder das Abendmahl, eine schöne Zukunft beschieden sein. Spüren wir nicht die Sehnsucht nach einer Pause in diesem gegenwärtigen Wirbel? Das gemeinschaftliche kontemplative Gebet hat eine schöne Zukunft vor sich mitten in den Städten, an den Abenden, beim Verlassen des Büros, an den stets ein wenig trübseligen Sonntagabenden … Die vergehende Zeit zu strukturieren, um den Geschmack an den Fälligkeitsdaten und an einem Jenseits seiner selbst wiederzuentdecken. Wenn unsere kleinen Gemeinschaften von Wächtern diesen missionarischen Schwung mit nicht geringen Kräften erhalten können, dann können wir uns bereits an dem freuen, was wir zustande bringen.


Das Lebensengagement eines Bruders in Taizé

Nach einer Zeit der Vorbereitung verpflichtet sich ein neuer Bruder auf Lebenszeit für die Kommunität. Im Folgenden gebe ich den Wortlaut dieser feierlichen Verpflichtung wieder:

Geliebter Bruder, was begehrst du?

Die Barmherzigkeit Gottes und die Gemeinschaft meiner Brüder.

Bruder, der du auf die Barmherzigkeit Gottes vertraust, denke daran, dass der Herr Jesus Christus deinem schwachen Glauben zu Hilfe kommt, und, indem er sich mit dir engagiert, für dich die Verheißung erfüllt:

»Wahrlich, ich sage euch: Es ist niemand, der Haus, Brüder, Schwestern, Mutter, Vater, Frau oder Kinder oder Äcker verlässt um meinetwillen und um des Evangeliums willen, der nicht hundertfältig empfange: jetzt in dieser Zeit Häuser und Brüder und Schwestern und Mütter und Kinder und Äcker mitten unter Verfolgungen, und in der zukünftigen Welt das ewige Leben.«

Dies ist ein Weg entgegen aller menschlichen Vernunft, aber wie Abraham kannst du nur vorwärtskommen im Glauben und nicht im Schauen, allzeit gewiss, dass, wer sein Leben verliert um Christi willen, es finden wird.

Ziehe von nun an auf den Spuren Christi. Mach dir keine Sorgen um den morgigen Tag. Trachte zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit. Gib dich ganz hin, verschenk dich; und es wird ein gutes, vollgepresstes, gerütteltes und überbordendes Maß in deinen Schoß gegeben werden.

Ob du wachst oder schläfst, bei Tag und bei Nacht, der Same geht auf und wächst, du weißt selbst nicht wie.

Dein inneres Leben soll dir kein trauriges Aussehen geben. Salbe dein Haupt, wasche dein Angesicht, damit allein dein Vater, der in das Verborgene sieht, die Gedanken deines Herzens erkenne.

Erhalte dich in der Einfachheit und in der Freude, der Freude der Barmherzigen, der Freude der brüderlichen Liebe.

Sei wachsam. Musst du einen Bruder zurechtweisen, so geschehe es zwischen dir und ihm allein. Trachte nach menschlicher Gemeinschaft mit deinem Nächsten.

Vertrau dich an. Du sollst wissen, dass ein Bruder den Auftrag hat, dich anzuhören. Versteh ihn, damit er seinen Dienst mit Freude tut.

Der Herr Jesus Christus hat dich in seinem Erbarmen und in seiner Liebe zu dir dazu berufen, in der Kirche ein Zeichen brüderlicher Liebe zu sein. Er will, dass du mit deinen Brüdern das Gleichnis des gemeinsamen Lebens Wirklichkeit werden lässt.

So gib es fortan auf zurückzuschauen, und, fröhlich in unendlicher Dankbarkeit, scheue dich nie, der Morgenröte voranzueilen, um zu loben und zu preisen und zu rühmen Christus, unseren Herrn.

Nimm mich an, Jesus Christus, und ich werde leben und mich freuen, während ich auf dich warte.

Geliebter Bruder, du wirst deine Antwort Christus geben, er ist es, der sich mit seinem Ruf an dich wendet:

Willst du, um der Liebe Christi willen, dich ihm mit deinem ganzen Sein hingeben?

Ich will es.

Willst du von nun an den Ruf Gottes in unserer Gemeinschaft zusammen mit deinen Brüdern erfüllen?

Ich will es.

Willst du mit deinen Brüdern zusammenleben, in materieller und in geistlicher Gütergemeinschaft, in aller Offenheit des Herzens?

Ich will es.

Willst du, damit wir ein Herz und eine Seele sind und damit sich unsere Einheit voll verwirklicht, dir die Entscheidungen der Gemeinschaft zu eigen machen, die durch den Diener der Gemeinschaft zum Ausdruck gebracht werden, und dabei daran denken, dass er nur ein armer Diener des Evangeliums ist?

Ich will es.

Willst du, indem du stets Christus in deinen Brüdern erkennst, über sie wachen in guten wie in schlechten Tagen, im Leid und in Freude?

Ich will es. So bist du nun um Christi und um des Evangeliums willen von nun an Bruder unserer Gemeinschaft. Dieser Ring möge das Zeichen unserer Treue im Herrn sein.

Aus dem Französischen übersetzt von Dr. Bruno Kern M.A.

Zurück zur Startseite

Unsere Abos
Sie haben die Wahl ...

weitere Infos zu unseren Abonnements


Newsletter


Unser Newsletter informiert Sie über die Inhalte der neuesten Ausgabe.


Jahresverzeichnis 2019


Aktuelles Jahresverzeichnis


Jahresverzeichnis 2019
als PDF PDF.



Unsere neue Dienstleistung für Verlage, die Ihr Abogeschäft in gute Hände geben wollen.


aboservice

mehr
Informationen


Concilium
Telefon: +49 (0) 711 44 06-140 · Fax: +49 (0) 711 44 06-138
Senefelderstraße 12 · D-73760 Ostfildern
Kontakt | Sitemap | AGB | Widerruf | Datenschutz | Impressum